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Expo 2020 in Dubai – eine kritische Betrachtung

Expo 2020 in Dubai – eine kritische Betrachtung
Eine Welt ist nicht genug

Mit einem Jahr pandemiebedingter Verspätung hat im Oktober in Dubai die World Expo 2020 nun doch noch eröffnet. 192 Nationen nehmen mit ihren Pavillons daran teil. Der Deutsche Beitrag »Campus Germany« ist, wie die gesamte Großveranstaltung nicht unumstritten.

~Christian Brensing

Ganz in der fulminanten Manier des neuesten James-Bond-Films – kraftvoll, zielorientiert, unwiderstehlich mit einem Quäntchen Charme geschüttelt, nicht gerührt – tritt die Weltausstellung Expo 2020 Dubai auf. Ein 438 ha großes Areal – doppelt so groß wie die World Expo in Mailand 2015 – dient als Bühne für »The World’s Greatest Show« – so der Slogan der Weltausstellung in dem mit Action Movie Star Chris Hemsworth inszenierten Werbespot. Dort verheißt eine bunt animierte Zirkusveranstaltung jede Menge Spaß (https://www.youtube.com/watch?v=o–hZLLCGp0 ).

Beworben wie ein Oktoberfest in der Wüste, sind doch die drei Hauptthemen dieser ersten Weltausstellung in einem arabischen Land wohl gewählt und nicht sinnentleert: Sustainability, Mobility & Opportunity.

Verwunderlich ist nur die Tatsache, dass diese vordergründig nachhaltige Show ausgerechnet in Dubai stattfindet. 2006 erklärte der WWF die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) noch zu dem Land mit dem weltweit größten ökologischen Fußabdruck je Einwohner. Aber auch auf dem Feld der Nachhaltigkeit will Dubai, laut seinem Machthaber Scheich Mohammed bin Rashid Al Maktoum, bis 2050 Weltspitze sein. Demzufolge ist die World Expo eine glänzende Marketingmaßnahme für »the world’s happiest city« auf dem Weg zur »greenest city on earth«. In diesem Sinne stellt auch die Expo 2020 rekordverdächtige Superlative auf, wie die, die seit Jahrzehnten von den VAE in alle Welt posaunt werden.

Phalanx von internationalen Architekturgrößen

Eine Phalanx von internationalen Architekturgrößen sorgte von Anfang der Planungen an für das entsprechende Knistern in den Expo-2020-Träumen: HOK aus London zeichnet für den Masterplan des als dreiblättriges Kleeblatt ausgelegten Expogeländes verantwortlich, Foster+Partners integrierten in ihren Mobility-Pavillon den weltweit größten, für 160 Menschen ausgelegten Personenlift, Grimshaw plante nicht minder bescheiden den Sustainability-Pavillon und AGi Architects setzten mit dem Design des »Opportunity«-Pavillons buchstäblich noch eins oben drauf. Die gastgebende Nation VAE lässt sich von einem im Flug stilisierten weißen Falken aus der Feder Santiago Calatravas metaphorisch wie baulich repräsentieren.

Im Zentrum der Expo 2020 jedoch liegt die ca. 70 m hohe und im Durchmesser 150 m umfassende Kuppel (Adrian Smith + Gordon Gill Architecture) der Al Wasl Plaza (zu Deutsch: Verbindung). Dort wo einmal Wüste war, unweit des Tiefwasserhafens Dschabal Ali und des bislang eingemotteten Al Maktoum International Airports, liegt das Expo-Gelände. Es soll, sobald am 31. März 2022 die Expo 2020 ihre Tore schließt, zu einem neuen Stadtteil Dubais, dem »District 2020« für 90 000 Einwohner, aus- und umgebaut werden. Gemäß des »legacy plans« planen die Veranstalter auch etliche der Themenpavillons und manch andere Bauwerke einer zukünftigen Nutzung zuzuführen.

Kaltluftsee aus Baden-Württemberg

192 Nationen sind mit ihren Bauwerken auf der Expo 2020 vertreten. Darunter sogar zwei (!) aus Deutschland. Erstmalig hat das Land Baden-Württemberg als einzige Region der Welt einen eigenen Pavillon auf einer Weltausstellung. Das »Baden-Württemberg House« versteht sich in der Eigendefinition »als Bühne für die im Land ansässigen mittelständischen Unternehmen, Konzerne, Bildungs- und Forschungseinrichtungen, die auf vielen Gebieten zur Weltspitze gehören.« Dergleichen Verlautbarungen klingen schon fast wie original »Dubai-speak«. Flaniert man jedoch durch den »Opportunity District«, fällt einem z. B. neben dem quietschbunt-gequirlten Russland-Pavillon (SPEECH Tchoban) oder Großbritanniens skulpturaler Holzlaminatkonstruktion von der britischen Künstlerin und Set-Designerin Es Devlin die aus heimischem baden-württembergischem Holz geformte Fassade nicht mehr ganz so unmittelbar ins Auge.

Rekordverdächtiger am BW House ist eher der von Transsolar im Gebäudeinneren gezauberte stille Kaltluftsee, der den hitzegeplagten Expo-Besuchern wie ein wohltuendes Elixier Kühlung verspricht. Ursprünglich wurde der Pavillon als Düne von den Stuttgarter Architekten VON M konzipiert. Davon blieb leider wenig übrig bis auf die Idee, dass sich Kaltluft in Senken – ob in Schwarzwaldtälern oder der Arabischen Wüste – sammelt. Somit ist im EG des Pavillons eine Senke, sprich Auditorium, wo nach dem Konzept von Matthias Schuler der Kaltluftsee entsteht. Technisch gelingt das Zauberwerk mithilfe von 504 auf dem Secondhand-Markt für nur 20 Euro pro Stück erworbenen Photovoltaikmodulen und einem Wärmetauscher auf dem Dach. Einfach gesagt, es wird die Kühle der Nacht gespeichert, um an den bis zu 40 °C heißen Tagen die Besucher im Kaltluftsee »baden« zu lassen. Dafür findet eine Temperaturabsenkung von bis zu 10 °C statt, was Besucher als extrem angenehm empfinden. Die Farbgebung dieser durchaus poetisch-atmosphärischen Umsetzung von thermischer Behaglichkeit ist mit wenigen blauen Klecksen in einem rot-grün-gelb camouflagierten EG eher weniger gut gelungen.

Deutscher Pavillon als »Event-Maschine«

Die teilweise Gegensätzlichkeit von Anspruch, Umsetzung und Wirklichkeit im Baden-Württemberg House lässt sich auch im zweiten deutschen Bauwerk auf der Expo 2020 erkennen oder zumindest erahnen. »Campus Germany«, so der Name des Deutschen Pavillons, wurde vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie sowie der Koelnmesse organisiert. Die Arbeitsgemeinschaft der beiden Unternehmen facts and fiction GmbH (Köln) und NÜSSLI Adunic AG (Hüttwilen, Schweiz) besorgten das inhaltliche Konzept bzw. die bauliche Ausführung. Beide Firmen sind Vollprofis in der Bereitstellung deutscher Expo-Pavillons, siehe z. B. Mailand und Shanghai.

Die jeweils zugeladenen Architekten und Nicht-ARGE-Partner haben es demnach etwas schwerer, ihre Entwürfe und Vorstellungen einzubringen. Kein Wunder, dass bei dieser Konstellation Tobias Wallisser vom diesjährigen Pavillonarchitekten LAVA (Laboratory for Visionary Architecture, Stuttgart, Berlin) schon bei der Definition der Begrifflichkeit Pavillon seine Vorbehalte einbringt: »Bei der Verwendung des Worts Pavillon assoziiert die Mehrheit eine luftig-leichte Konstruktion. Dagegen ist der Deutsche Pavillon auf der Expo 2020 Dubai eine Event-Maschine, sprichwörtlich ein Campus mit Auditorium, Laboratorien, Mensa und Büros.«

Betrachtet man den 4 800 m² BGF großen Deutschen Pavillon, der auf einem der prominentesten Expo-Grundstücke in direkter Sichtverbindung zur Al Wasl Plaza und dem VAE-Pavillon liegt, lässt sich buchstäblich von außen das inhaltliche Programm ablesen. Die drei Boxen, inszeniert als Laboratorien zu den drei Hauptthemen Energie, Biodiversität und Zukunft der Stadt, stoßen als Ausstellungseinheiten aus der silbrig-grauen Leichtbaufassade hervor. Optisch wie funktional ist die Stahlkonstruktion (Tragwerk spb schlaich bergermann und partner, Stuttgart) des Deutschen Pavillons mit einem Sandwich vergleichbar. Zwischen der über 20 m hohen Dachkonstruktion mit ihrem doppelt gekrümmten Vektorfeld aus weißen, zeichenhaften jedoch nicht lastabtragenden Stahlstäben und dem Sockel liegen die von einem großzügigen Atrium durchzogenen vielfach gestaffelten Ausstellungsgeschosse.

LAVA-Projektarchitekt Christian Tschersich, der den Deutschen Pavillon vor Ort mit NÜSSLI Adunic realisierte, erläutert den inneren programmatischen wie räumlichen Ablauf: »Zwar werden die Besucher linear durchs Haus geführt, jedoch existieren immer Querblicke und -verbindungen in die offenen Zonen bzw. aus dem Pavillon hinaus. Damit ist ein Gebäude entstanden, das fast wie ein Kaleidoskop wirkt, an jeder Ecke immer etwas anderes. Ebenso fungiert der Pavillon als eine räumliche Sequenz, ein Parkour und eine Enfilade für die Besucher, die etwa 45 Minuten darin verweilen. Dieser Zeitraum wird durch die Raumfolge von offenen und geschlossenen Bereichen immer wieder gegensätzlich getaktet.«

Skulpturen und Kommerzmaschinen

»Connecting Minds. Creating the Future« ist das Motto der Weltausstellung. Das sowohl inhaltliche als auch architektonische Konzept des Campus Germany entspricht dem mehr als manch anderer Nationenpavillon. Beispielsweise setzt Österreich (querkraft architekten zt gmbh, Wien) mit seinen konisch geschichteten Stahlbetonelementen und den im Innenraum lehmverputzten schrägen Innenwänden konsequent auf den skulpturalen Effekt. Mehr Ur-Höhle als Pavillon, und so können demnach an den gekrümmten und nach innen geneigten Wänden keinerlei Exponate ausgestellt werden, der Pavillon bleibt daher weitestgehend leer. Allerdings wird ein konkreter Bezug zu lokalen klima-aktiven Bauformen, z. B. den Windtürmen, aufgenommen, was die Besucher in einen atmosphärischen Zustand zwischen Materialität und Klima versetzt.

Vergleichbar assoziativ, allerdings mit einem linguistischen Schlenker, schafft es Es Devlin diejenigen, die den Britischen Pavillon durchschreiten, in Partikel, die ein riesiges Sprachorgan von innen betreten, zu verwandeln. Auch hier geht die Botschaft direkt von der Großform aus, eindeutig mehr Skulptur als Architektur. Angesichts dieser künstlerischen Unmittelbarkeit ist der Französische-Pavillon (clément blanchet architecture und etienne tricaud AREP) – trotz imposanter Außenwirkung – eine reine Kommerzmaschine. Kulinarisch und kommerziell fühlt man sich hier gut aufgehoben, die inhaltlichen Aspirationen der Expo verfliegen dabei umso schneller.

Architektonische Hoffnungen ade?

Eine Welt ist nicht genug – Dubai, die Weltstadt der Likes und Influencer. Was braucht sie mehr als millionenfach geteilten und vorurteilsfreien Zuspruch ebenso wie stabile wirtschaftliche und politische Verhältnisse? Bei all diesen medialen und realen Verlockungen einer immer schöneren, besseren Welt bedarf es da noch der inhaltlichen Vermittlung von grundlegenden Fragen und Antworten – etwas, worauf es der Deutsche Pavillon anlegt? Die Antwort auf diese Frage kann sich fast jeder Besucher dieser Mega-Show selbst geben.

Bleibt für die kommenden Weltausstellungen zu fragen, ob Deutschland – und auch seine damit verbundenen architektonischen Hoffnungen, plus all jene, die noch in den Dimensionen des Barcelona-Pavillons von 1929 fantasieren – nicht zunehmend im großen medialen Mahlwerk der Erwartungen zerrieben wird? Eines ist zumindest jetzt schon sicher, die angestrebten 25 Mio. Besucher werden größtenteils wegen des Fun-Faktors nach Dubai strömen.

Der Autor ist freiberuflich als Berater für Architekten, Ingenieure und die Bauindustrie tätig.

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