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Diskurs
Die Mauer gehört nicht Berlin

Die allgemeine Heuchelei ist einfach nur peinlich: Seit 2006 steht fest, dass Teile der Mauerreste, die als East-Side-Gallery Weltruhm erlangt haben, abgetragen werden sollen, um

~Nikolaus Bernau

den Zugang zur geplanten neuen Brommy-Brücke zwischen Kreuzberg und Friedrichshain zu öffnen. Außerdem sollen so die neuen Häuser erschlossen werden, die hier geplant sind. Seit Jahren wird gegen diesen Vandalismus von Historikern, Denkmalpflegern und Mauer-Fachleuten protestiert. Doch erst, als sich jetzt per SMS und Twitter zusammengetrommelte, meist sehr junge Leute enthusiastisch zwischen Bagger und Mauerplatten stellten, begann ein Umdenken.
Pathetisch regt sich nun der Kreuzberg-Friedrichshainer Bezirksbürgermeister auf, dass böse Investoren im einstigen Todesstreifen bauen wollen – wer hat denn nur das Projekt genehmigt? Der Investor hingegen stilisiert sich als Opfer des Bezirks, für den er doch nur den Durchbruch hin zur Brommy-Brücke habe machen lassen. Glaubte er ernsthaft, damit die Kreuzberger Anti-Gentrifizierungsrituale beruhigen zu können? Es schäumten im Abgeordnetenhaus erwartbar die daueroppositionellen Grünen, doch auch dauerregierende SPD- Kulturpolitiker. Aber wann hätten sie sich jemals mit der von der SPD dominierten Stadtbauverwaltung zugunsten der Mauerreste angelegt? Und die CDU spricht vom Kulturverfall. Aber auch hier gilt: Wann würde sie sich jemals mit Investoren zugunsten der historischen Zeugnisse des 20. Jahrhunderts anlegen?
Die Pläne liegen seit Jahren vor, die Zeitungen haben immer wieder kritisch berichtet. Doch die Abgeordneten ignorierten all dies. Jetzt bringt sich Klaus Wowereit in Positur und will »vermitteln« – dabei war er es, der die Stadtentwicklungs- und Denkmalpolitik zum Teil der Wirtschaftsförderung machte. Er stellt sie nun in den Dienst der Wohnungsbaupolitik und interessiert sich auch weiterhin nur für gebaute Geschichte, wenn sie nette Säulen hat. Doch auch die Protestierenden stellten sich erst quer, als es um den Bau von »Luxuswohnungen« ging. Dabei kann in dieser städtebaulichen Wüstenei gar nichts gentrifiziert werden. Als hingegen die bunten Clubs, Restaurants und Badestellen sich am und auf dem einstigen Todesstreifen ansiedelten, als für diese bereits einige Mauertafeln herausgebrochen wurden, war kein Wort des Protests zu hören.
Charakteristisch für die Berliner Amnesie-Lust ist, dass alle Berliner Senate sich seit 1990 trotz vieler Aufforderungen kategorisch weigern, eine Welterbe-Eintragung der Mauerreste auch nur in Erwägung zu ziehen. Man fürchtet, damit ein »Negativ-Denkmal« in der Stadt zu haben. Als wenn es dieses Denkmals bedürfte, um Berlin als Stadt der totalitären Regime des 20. Jahrhunderts in Erinnerung zu bringen. Es waren Forscher aus Cottbus und den Niederlanden, die die Reste der Mauer katalogisierten. Der Senat hingegen gab den Mauerstreifen an der Bernauer Straße zur Wiederbebauung frei, mit Wohnungen für die obere Mittelklasse, die sich nun über den öffentlichen Pfad hinter ihren Grundstücken beschwert, der als einziger übrig blieb von den einstigen Grenzanlagen.
Heute ist nur noch an zwei Stellen halbwegs erlebbar, dass die Mauer nicht nett war, kein luftiger, grüner Streifen durch die Stadt, sondern ein Gewaltinstrument der SED: An der Mauergedenkstätte an der Bernauer Straße, die allerdings unter der überkünstelten Gestaltung leidet, erst in der jüngsten Ausbaustufe etwas von der Rauheit der Mauer wiedergewonnen hat, die deren Charakter war … und eben an der East-Side-Gallery. 1,3 km fast ununterbrochener Wand, seien sie nun mal mehr, meist weniger ästhetisch wertvoll bemalt oder nicht, sind ein politisches Denkmal, das für sich spricht. Hier wird physisch klar, was kein Foto zeigen kann: Die Mauer war undurchlässig, undurchsichtig, unzugänglich. Hier ist einmal nicht der berühmte Blick von außen, von Westen aus auf die Mauer zu sehen, sondern der einzige größere Rest, der zeigt, wie diejenigen die Mauer erlebten, die von ihr eingesperrt wurden.
Der Fehler ist also nicht, dass hier ein Luxuswohnbau entstehen soll. Der Fehler ist auch nicht der Abbruch von einigen Mauerplatten. Der Fehler ist, dass hier überhaupt gebaut und abgebrochen werden soll. In dem Moment, da sich über die Betonkrone der Hinterlandmauer ein Haus erhebt, wird unklar, dass hier einmal die Welten getrennt waren. Allenfalls kärgliche Bepflanzung sei hier gestattet, geeignet, um den Sand am Aufstauben zu hindern. Berlin und die Berliner, aber auch die Deutschen insgesamt müssen endlich einsehen, dass Mauerbau und Mauerfall keine lokalhistorischen Ereignisse waren, dass die Stadt nur Erbhüterin ist. Der Schadenersatz für den Investor wäre das Lehrgeld, das im Interesse des Erinnerns der Welt gezahlt werden sollte, nein, muss.
Der Autor ist Kunstwissenschaftler und Architekt. Er lebt als Architekturkritiker in Berlin.
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