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Appearance – Disappearance

Übergang aus der Zwei- in die Dreidimensionalität – eine Studie
Appearance – Disappearance

Diplomarbeit von Carolin Hinne, Diploma Unit 5, Architectural Association, London 2003 (Engere Wahl RIBA-Silbermedaille)

Tutoren: George Liaropoulos-Legendre, Lluis Viu Rebes
Eine Postkarte mit einer Momentaufnahme aus Bill Violas Video und Klanginstallation »Tiny Deaths« zeigt eine tiefschwarze
Fläche, aus der eine weiße Frauenfigur schwach hervortritt. Die Umrisse dieser Figur sind verschwommen und lösen sich im dunklen Hintergrund auf. Es ist ein Moment der Unbestimmtheit, der Schwebe, ein
Moment »dazwischen« festgehalten. Taucht die Figur aus dem Hintergrund auf oder ist sie dabei, in ihm zu verschwinden?
Bill Violas Momentaufnahme wurde zum Ausgangspunkt dieser Arbeit, die durch einen Prozess Architektur gestaltet, die zwischen dem eigentlichen Gegenstand und den Zeichen wächst, die ihn auf dem Papier einfangen. Architektonische Objekte entstehen aus den Linien, die sie beschreiben, während die Linien selbst immer weiter zurücktreten und schließlich verschwinden. Dieser Augenblick der Entstehung fängt eine Reihe von unbestimmten Momenten ein: zwischen Zeichnung und Modell, Schnittmuster und Kleidungsstück, Prozessdiagramm und räumlichem Gegenstand, endlich zwischen Grundriss und Gebäude.
Der Schritt von der zwei- zur dreidimensionalen Fläche wurde zunächst am Maßstab des Körpers, dann im Raum und schließlich anhand eines urbanen Fragments untersucht. Hierbei wurde sowohl auf eine lange Zeichentradition der darstellenden Geometrie als auch auf die zeitgenössischen Möglichkeiten von nummerischem Modellieren und Herstellen zurückgegriffen.
Der erste Teil dieser Arbeit überbrückt die Kluft zwischen dem Schnittmuster des Schneiders und dem Kleidungsstück, also zwischen dem formgebenden Prozess und dem produzierten Objekt. Die Körpermaße wurden zweidimensional im Schnittmuster gezeichnet, wobei der Körper sich bald wie von selbst aus der Fläche des Papiers heraus entwickelte. Es entstand ein anziehbares Objekt, das zweidimensionale Zeichnung genauso wie dreidimensionales Kleidungsstück ist. Der »dazwischen« liegende Moment behält die Charakteristika der zweidimensionalen Zeichnung bei, denn es gibt eine Vorder- und eine Rückseite. Gleichzeitig deutet sich aber auch schon das räumliche Verhältnis des dreidimensionalen Gegenstandes an: Innen und Außen.
Um eine raumgroße Installation zu definieren, wurden nummerisch bestimmte Flächen eingesetzt.
Polynomische Gleichungen und geometrische Einschränkungen erzeugten vereinzelte Fäden, die in einer geschlossenen Fläche zusammenlaufen. Im Studienmodell zeigt sich sowohl die nummerische Formel im Verlauf jedes einzelnen Fadens als auch die volle Fläche, die sie gemeinsam kreieren.
Im letzten Versuch, Raum zu schaffen, wurde die im Maßstab des Körpers entwickelte Methode wieder aufgegriffen und an Edwin Lutyens Sozialwohnungsbauten in der Page Street in London aus den 20er Jahren angewendet. Grundriss, Schnitt und Ansicht wurden in eine Faltsequenz eingebunden, die traditionelle Mechanismen aus der darstellenden Geometrie mit Performance-ähnlichen Abläufen kombiniert. Die Implikationen von einseitiger, zweiseitiger, symmetrischer und serieller Anordnung bestimmten die Faltsequenz. Gleichzeitig ermöglichten sie, den programmatischen Anforderungen des Projektes entsprechend, im Faltprozess zusätzliches Material an das Schnittmuster hinzuzufügen.
Genau dieses Moment zwischen Zeichnung und Modell ist Gegenstand des Projektes. Das bestehende Gebäude verändert sich, es »verschwindet« durch den Prozess des Faltens, und aus gerade diesem Prozess heraus beginnen die neuen Räume zu entstehen.
C. H.
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