Neue Mobilitätskonzepte und Möglichkeiten der Außenraumgestaltung

I believe I can fly

Die Diskussionen der vergangenen Wochen haben es gezeigt: Es ist nur eine Frage der Zeit, bis E-Scooter flächendeckend zugelassen sowohl unser Straßenbild als auch unsere Mobilitätskonzepte verändern. Auch weitere Entwicklungen stehen in den Startlöchern oder werden in anderen Großstädten bereits vielversprechend erprobt und genutzt. Passend zu unserem Schwerpunktthema widmen wir uns daher an dieser Stelle dem neuen Verständnis von Mobilität, Logistik und »smarter« Außenraumgestaltung.

Text: Ruth Berktold

Unsere Städte ersticken im CO2, bedingt durch Baustellenstau und zu viel Verkehr. Die Stadtbaudirektoren der Metropolen kämpfen momentan für eine Änderung der Stellplatzsatzungen, d. h. weniger Stellplätze pro Wohnung oder pro m2 Nutzung – bei dem vorgegebenen Wert von einem Stellplatz/Wohnung eine völlig berechtige Forderung. Das würde zum einen mehr Fläche für Straßen oder Radwege schaffen und somit den Verkehr entlasten, zum anderen aber auch mehr bebaubare Fläche für den dringend benötigten Wohnraum bieten. Außerdem würden sich dadurch neue Stadträume für Fußgänger und andere Arten der Fortbewegung ergeben. Nachfolgende Zukunftsideen, aber auch bereits laufende Entwicklungen oder Anwendungen im Ausland zeigen eine Auswahl an Möglichkeiten und Maßnahmen, die hierzulande die »Stadt von morgen« prägen könnten.

»SHARING IS CARING«

Vorausgesetzt, dass unsere Städte bald Gebühren für das Befahren der Innenstadt (City-Maut) verlangen, wie seit vielen Jahren in London, und noch mehr Pendler Fahrgemeinschaften bilden, werden sich immer mehr »Shared-Mobility«-Konzepte durchsetzen. In New York gibt es schon Firmen wie Lyft und Via: Taxis, die man via App bestellt und die man sich bis zu viert teilt. In Minutenschnelle wird so jeder am nächstgelegenen Treffpunkt abgeholt und die Autos nehmen über Algorithmen berechnete, optimal kurze und staulose Wege. In Tel Aviv gibt es dafür schon kleinere Busse. In Deutschland versucht Clevershuttle in verschiedenen Städten sein Glück.

Noch sind diese Elektroautos von einem Fahrer gelenkt, doch man arbeitet inzwischen bei allen »Mobilitätsprovidern«, wie sich die Autohersteller inzwischen bezeichnen, auf Hochtouren an fahrerlosen Alternativen. Deren Geschäft geht zusehends an smarte APPs, Blockchain-Firmen und Entwickler von Künstlicher Intelligenz über. Google und Waymo sind anscheinend momentan am weitesten mit der Entwicklung und dem Einsatz selbstfahrender Autos.

Diese Entwicklungen werden v. a. in den Städten angenommen. Auf dem Land wird man selbstgesteuerte Autos sicher noch lange benötigen, um einkaufen zu gehen, zur Arbeit oder zur Schule zu fahren. Hier bleibt zu hoffen, dass immerhin »Einkaufspanzer« durch kleinere E-Autos ausgetauscht werden und sich die Anzahl an Eltern-Taxis verringert.

Noch weiter im Bereich abgasfreier Beförderung geht die in San Francisco ansässige Firma Uber, die ebenfalls Online-Vermittlungsdienste zur Personenbeförderung anbietet. Sie scheint 2-3 Jahre vor der Einführung von Taxidrohnen zu sein, die einen von Ort zu Ort fliegen sollen. Aber auch Audi und Airbus, Google und Boing – alle sind im Wettlauf mit der Zeit, um in diesem Bereich Marktführer zu werden – eine Entwicklung, die parallel in den USA und in Europa bzw. Deutschland verläuft.

Drohnen, Müllroboter, smart Banks

Wenn man sich die Straßen breiter und begrünter vorstellt, dann will man sich auch den Lieferverkehr, v. a. die vielen Paketdienste von Amazon, Zalando etc. wegdenken, und auch die Müllabfuhr. Während UBER neben der Entwicklung von Taxi-Drohnen auch über Paket- und Essenslieferdrohnen nachdenkt, arbeitet z. B. Renault an einem automatisierten Müllsammelauto »Renault CLAIR«, und in Amsterdam werden mit »ROBOAT« u. a. müllsammelnde Roboterboote entwickelt. Gleichzeitig ist es aber wahrscheinlich, dass unsere Müllabfuhr und -trennung in der Zukunft eher unterirdisch stattfindet und daher dringend in unsere Stadtplanung einfließen muss.

Nicht nur beim Müllsammeln und per Bootsverkehr ist Amsterdam fortschrittlich: Die Stadt will baldmöglichst komplett autofrei werden und unter amsterdamsmartcity.com finden sich viele grandiose Konzepte für die resiliente Stadt der Zukunft. Darunter u. a. smartes Mobiliar für Straßenräume oder städtische Aufenthaltsbereiche. Interaktive Stadtpläne an Bushaltestellen, altersgerechte Sitzbänke mit Aufstehhilfe, pisoelektrische Gehwege, die Energie für Straßenbeleuchtung erzeugen, und jede Menge geräuschloser E-Bikes und E-Roller – die auch schon mal für einen Unfall sorgen können, v. a. wenn gleichzeitig telefoniert wird.

Auch der Transport von Einkäufen und Gepäck wird sich zukünftig wohl wandeln: So hat etwa Greg Lynn, einer der digitalen Architektur-Avantgardisten, 2018 für Piaggio einen selbstfahrenden, den Besitzer verfolgenden Koffer (»Piaggio Gita«) entwickelt und auf den Markt gebracht hat.

Von Stadt zu Stadt

Zur Überbrückung größerer Distanzen gibt es ebenfalls neue Ansätze: Gerade legte das Bauhaus Luftfahrt, ein von Luft- und Raumfahrtunternehmen gegründeter Verein, mit dem »CentAirStation« seinen Entwurf für einen innerstädtischen Flughafen vor. Auf übereinanderliegenden Ebenen könnte er den Flugverkehr mit smarten Flugzeugen (»CityBirds«) regeln. Ob auch Langstreckenflüge von dort abgewickelt werden können, bleibt noch abzuwarten. Aber ob die Fertigstellung des Berliner Flughafens BER noch sinnvoll ist, in Anbetracht solch rasanter Entwicklungen zukünftiger Mobilität, bleibt dahingestellt. 

Wieder ein anderes Mobilitätskonzept wird gerade auf einer ersten Teststrecke zwischen Abu Dhabi und Dubai gebaut: Der Speed-Train »Hyperloop«, den die Architekten von BIG mit entwickeln. Sein futuristisches Design und auch das von BIG entworfene Terminaldesign versprechen einen 30-minütigen »Trip from hell« – es wird auf alle Fälle schnell und ist für Herzschwache nicht zu empfehlen.

Generationenwechsel

In einer gemeinsamen Masterarbeit der TU und der Hochschule für angewandte Wissenschaften in München ergab sich folgende Zukunftsprognose: Die neue, europäische (Teil-)Stadt entwickelt einen Quartiers- und Campuscharakter, der am gleichen Ort vielfältige und differenzierte Nutzungen zulässt. Dazu gehört auch, dass die Bewohner das vielfältige Angebot einer »Walkable City« annehmen. Zentraler Baustein ist das Bereitstellen von Mobilität an verschiedenen, dezentralen »Mobility-Hubs«, die die tägliche Versorgung gewährleisten und auf den Bedarf flexibel reagieren können.

Untersuchungen legen nahe, dass der Trendwechsel in der jüngeren Generation bereits vollzogen ist: Statt ein eigenes Auto zu besitzen, können sich mehr als die Hälfte der 15-35-Jährigen vorstellen, bestehende oder neuartige Sharing-Mobilitätsangebote zu nutzen. Es ist also nur eine Frage der Zeit, bis sich die oben beschriebenen Megatrends zum Thema »new mobility « durchsetzen werden.

Dies kann unmittelbaren Einfluss auf unsere Quartiersplanung nehmen: Wenn wir auf den ruhenden Verkehr in der dafür vorgesehenen Parkgarage verzichten können, wenn wir Straßenzuschnitte neu definieren, weil wir nur noch einen geringen Anteil an oberirdischen Stellplätzen anbieten müssen, und wenn die (überörtliche) Mobilität ort- und zeitnah zur Verfügung gestellt wird, können wir den öffentlichen Raum für uns wieder erfahrbar und begehbar machen.



Ruth Berktold

Architekturstudium an der TU Kaiserslautern und der Universität Stuttgart, 1995 Master an der Columbia University, New York. Mitarbeit u. a. bei Eisele + Fritz, Darmstadt, Behnisch und Partner, Stuttgart, und Asymptote, New York. Seit 1999 Lehrtätigkeit, u. a. in München, Trondheim und New York. Seit 2002 eigenes Büro, YES architecture, in München und New York.