Fondation Louis Vuitton in Paris

Unter gläsernen Segeln

Mit ihren zwölf gigantischen Glasschalen sorgt die Fondation Louis Vuitton für ein architektonisches Spektakel, für das – einmal mehr – das Büro Gehry Partners verantwortlich zeichnet. Die Segel bestehen aus 3 600 zweifach gekrümmten Glaselementen.

Text: Hartmut Möller

Verpflichtet der reichste Mann Frankreichs einen der bekanntesten Architekten unserer Zeit, dann wird nicht gekleckert, zumal der Architekt Frank O. Gehry heißt. Und: Dem Projekt geht eine persönliche Geschichte voraus. 2001, so heißt es, besuchte Bernard Arnault, Vorstandsvorsitzender des Luxusgüterkonzerns LVMH und Liebhaber zeitgenössischer Kunst, die Guggenheim-Dependance im baskischen Bilbao. Was wohl so inspirierend war, dass in Arnault die Idee zum Bau eines eigenen Museums heranwuchs. Dem Treffen zwischen Mäzen und Frank O. Gehry folgte 2006 mit der Projektpräsentation die Gründung der Stiftung Louis Vuitton. Der Architekt hatte einen monumentalen Entwurf ersonnen, der sich nach eigenen Worten an eine Jacht unter prallen Segeln anlehnt. Zudem sollte das am nördlichen Rand des Pariser Bois de Boulogne gelegene Gebäude an die Leichtigkeit der Glaskonstruktionen und Gartenarchitekturen des späten 19. Jahrhunderts erinnern. Als Inspirationsquelle dienten das Grand Palais ebenso wie das Palais d’Hiver sowie das Palmarium des benachbarten, einstigen Zoogeländes Jardin d’Acclimatation.
Erst analog, dann digital
Wie die äußere Figur mit ihren zwölf gigantischen Glasschalen erahnen lässt, war die Erstellung des Gebäudes nicht nur reichlich komplex, sondern auch ein reifender Prozess. Entsprechend der für Gehry typischen Verfahrensweise wurden zunächst etliche Studienmodelle erarbeitet und eine der letzten Versionen schließlich digitalisiert. Die dreidimensionalen Daten wurden dann an die von Gehry Technologies entwickelte BIM-Software »Digital Project« übertragen, die auf dem CAD-System »Catia« des Luftfahrtunternehmens Dassault basiert. Die Software erlaubt sowohl die Generierung als auch die Bearbeitung komplizierter geometrischer Formen – und ermöglicht allen Mitwirkenden, Informationen in Echtzeit zu teilen. So konnten per Datenexport statische Berechnungen und der Brandschutz mittels Simulationen überprüft werden. Für Dateneingabe, Auswertung und Koordination waren allein 100 Spezialisten zuständig – eine interaktive Herkulesaufgabe.
Betonvolumina unter Glas
Die Vor-Ort-Orchestrierung und Sicherstellung lokaler Vorschriften erfolgte durch das in Paris ansässige Büro Studios Architecture. Weil das Baurecht in Relation zur benachbarten Bebauung nur ein bestimmtes Volumen und eine maximale Höhe zulässt, ist ein beträchtlicher Teil des Museums in die Erde eingegraben.
Das Raumprogramm umfasst eine mächtige Eingangshalle, elf Ausstellungsgalerien, ein Auditorium für 350 Zuhörer, Café, Shop, WC, Technik-, Konferenz-, Büro-, Lager- und Archivräume. Untergebracht sind diese Flächen in den sogenannten Eisbergen, zueinander versetzte, gekrümmte Volumen aus Stahl- bzw. Stahlbetondecken und Stahlfachwerken. Eingekleidet sind deren 9 000 m² messenden Fassaden mit 19 000 unterschiedlich geschwungenen Platten aus weißem, hochfestem und faserverstärktem Beton. Ein spezielles Vakuum-Formverfahren gestattete die Herstellung der nur 25 mm dicken Abdeckungen. Kippende Wände und schräge Winkel suggerieren Dynamik, sodass bereits die gestapelten Blöcke die Handschrift des Architekten tragen. Innen liegen unterschiedliche Deckenniveaus vor – mit Raumhöhen zwischen 6,5 und 9 m in den Präsentationssälen bis hin zum Turm mit 17 m. Großzügige Terrassen gewähren den Blick auf die Stadtsilhouette; sie sollen nach dem Kunstgenuss die vom Architekten gewünschte Ruhepause in eingeschlossener Natur ermöglichen. Für angenehme klimatische Verhältnisse im Pariser Sommer sorgt das Wasserbecken, in das das Haus eingebettet ist.
Die drei Ebenen der Tragstruktur
Der Philosophie des Bauherrn folgend darf die Gestaltung durchaus als imposant-extravagant beschrieben werden. Das markante Äußere wird durch die bauchigen, einander überlappende und in sich verkantete Segel bestimmt. Diese »Verrières« überwölben den Museumsbau und blähen sich scheinbar bei voller Fahrt im Winde. Fast wirkt es, als würden die Vordächer den inneren Kern umschwirren; tatsächlich bleiben sie auf Distanz. Eine primäre Tragstruktur aus 177 Stahl- und Holzleimbindern spreizt sich fingergleich von der soliden Unterkonstruktion der »Eisberge« ab. Für einiges Kopfzerbrechen dürften die Fassadendurchdringungen der »Stative« und »Masten« hinsichtlich Abdichtung und Dämmung gesorgt haben. An ihnen befestigt ist die gleichfalls in Stahl und ›
› Holz gehaltene – teilweise gebogene – sekundäre Tragstruktur. Komplettiert wird das Gerüst auf dritter Ebene durch ein Netz aus Edelstahlpfosten und -riegeln, an denen die Glaspaneele mittels Halterungen montiert sind. Die 800 m³ Brettschichtholz aus europäischer Lärche lieferte übrigens ein Unternehmen südlich von Aschaffenburg. 222 ein- und zweifach gekrümmte BSH-Träger, für die extra eine Presse gebaut wurde, schlängeln sich mit einer Länge von bis zu 28 m um den »Schiffsrumpf«. Sie bestehen aus verleimten Einzelstäbchen, ihre Oberflächen sind geschliffen und mehrfach lasiert. Rund 68 000 Bolzen und Schrauben in Duplex-Stahl halten das Geflecht mit Verbindungsbauteilen gleichen Materials und einem Gewicht von 270 t zusammen. Insgesamt sollen gar 15 000 t Stahl verbaut worden sein – der Eiffelturm bringt es nur auf rund 10 000 t.
3 600 individuelle Glaspaneele
Es ist naheliegend, dass zur Realisierung der bis zu 20 m auskragenden Segel mit einer Gesamtoberfläche von 13 500 m² die Zerlegbarkeit in Module zwingend notwendig war. Das Ausmaß der einzelnen Schalen variiert zwischen 500 und 3 000 m², sie sind als abwickelbare Flächen aus insgesamt 3 600 einzelnen Paneelen puzzleartig zusammengesetzt. Die überwiegend in zwei Richtungen gekrümmten Gläser, deren Größe im Schnitt 1,50 x 3 m beträgt, sind sowohl aufgrund ihrer Position, als auch der zu erwartenden Lasten (Druck- und Sogkräfte durch Schnee und Wind) einzeln angefertigte Unikate. Da diese an den Rändern millimetergenau aufeinander abgestimmt werden mussten, kam nach Erprobung diverser Biegetechniken ein eigens modifizierter Ofen zum Einsatz. Er ermöglicht die Rotation der Platten, sodass deren Biegung nicht an die Ausrichtung ihrer Ränder gebunden ist. Je Paneel reicht der Zylinderradius von 0 bis 3 m, die Krümmung von -90° in Boden- bis +90° in Himmelsrichtung. Glas- und Tragstruktur wurden im engen Einklang aufeinander abgestimmt, die Halterungen mussten bei hohen statischen Ansprüchen eine gewisse Flexibilität zur Aufnahme konstruktiver Abweichung wahren. Die Logistik zur Identifizierung, Markierung, Lieferung und Installation der Paneele verlangte einen präzisen Ablauf- und Montageplan.
Transluzente Wolke
Nach zahlreichen Studien zur Statik, Sicherheit, Fern- und Nahwirkung der Überkopfverglasung entschied man sich für zweischichtig laminierte Glaspaneele aus extra-weißen Scheiben mit verringertem Eisenanteil und Stärken von 6 bzw. 8 mm. Zwischen den beiden Platten befindet sich eine reflektierende Folie sowie eine Folie mit engem, weißem Punktraster. Der Lichtdurchlässigkeitsgrad beträgt somit lediglich 50 %. Je nach Sonnenstand changiert die Transparenz der Scheiben, was lebendige Impressionen erzeugt – und wahlweise Assoziationen an die Luftkissen der Münchener Allianz Arena weckt oder an die morgendlich aufsteigende Wasserdampfwolken in Parks erinnert. Eine dritte Zwischenlage garantiert die Widerstandsfähigkeit der Verbundsicherheitsgläser ohne dabei ihre Last zu erhöhen.
Vom Schein und Sein
Zweifellos handelt es sich bei der Großplastik um eine Meisterleistung, die von allen Beteiligten das höchste Maß ihres Könnens verlangte. Trotz des innovativen Charakters bleibt jedoch die aufwendigen Konstruktion fragwürdig, da ihre Funktion ausschließlich dem visuellen Blickfang, bestenfalls der Terrassenüberdachung dient. Die bauphysikalischen Argumente der Verschattung und Regenwassergewinnung erscheinen weit hergeholt. Zwar wird das gespeicherte und gefilterte Nass zur Gebäude- und Glasreinigung sowie zur Bewässerung der Grünanlagen verwendet, doch auch wenn die opulenten Flächen naturgemäß ein Übermaß an Niederschlag sammeln, wäre ein Preis-/Leistungsvergleich wohl mehr als ernüchternd. Ungeachtet dessen konnte der Energiebedarf des Ausstellungspalasts durch die Wassernutzung und Geothermie nach eigenem Bekunden um 25 % reduziert werden und ein HQE-Gütesiegel (Haute Qualité Environmentale) einheimsen, das dem Zertifikat LEED Gold entspricht. Als Pilotprojekt soll es für die HQE-Richtlinien obendrein neue Standards gesetzt haben. Über Kosten des Prunkbaus herrscht vornehmliches Stillschweigen, eine Summe von mehr als 110 Mio. Euro wird aber allenthalben angenommen. Nach Aussage diverser ausführenden Firmen war neben dem Prestige ein finanzieller Gewinn dabei nicht zu erzielen. Immerhin hat der mit dem Pritzker-Preis geadelte Gehry seinem Auftraggeber einmal mehr das gewünschtes Rauschen im Blätterwald beschert – und damit einen werbewirksamen Auftritt samt erwartetem Ansturm von 800 000 Besuchern pro Jahr. •
  • Standort: 8 Avenue du Mahatma Gandhi, F-75116 Paris Bauherr: Fondation Louis Vuitton, Paris; www.fondationlouisvuitton.fr Architekten: Gehry Partners, Los Angeles Ausführende Architekten: Studios Architecture, Paris Projektkoordiation: Quadrature Ingenierie, Chambourcy Nutzfläche gesamt: 11700 m², öffentlich zugänglich 7000 m², davon Nutzfläche Galerien 3850 m² Planungs- und Bauzeit: 2002 bis 2014
  • Beteiligte Firmen: Generalunternehmer: Vinci Construction France, Paris Glasfassade (Segel) und Gebäudefassade: RFR Group, Paris mit T/E/S/S atelier d’ingénierie, Paris Primärstruktur (Eisberge): SETEC Bâtiment, Paris Tragstruktur (Segel): Eiffage Métal, Paris Glaspaneele: Sunglass, Padova Holzbau BSH-Binder: Hess Timber, Kleinheubach Statische u. dynamische Studien (Segel): Bureau Greisch, Liège

  • Technik aktuell (S. 70)
    Hartmut Möller, s. db 4/2014, S. 100