Schadstoffe und Schadstoffbegrenzungen in Innenräumen

Definitionssache

Wohngesundheitliche Standards für Innenräume sind für Auftraggeber und -nehmer im Bauwesen häufig noch Neuland. Seit Langem entsteht zwar ein immer engmaschigeres Netz aus Empfehlungen, Zertifizierungsvorgaben und Gerichtsurteilen bzgl. der zulässigen Höhe von Schadstoffen, doch gesetzliche Grenzwerte fehlen weiterhin. Wie also schreibt man Bauleistungen richtig aus, um am Ende ein »gesundes« Gebäude zu erhalten? Wie definiert man Haftungsaspekte? Ein Leitfaden hilft nun immerhin bei der Ausschreibung öffentlicher Bau- und Planungsleistungen.

Text: Peter Bachmann, Fotos: Nikolaus Herrmann, Achim Zweygarth u. a.

Die Wohngesundheit, oder fachlich korrekter die Innenraumhygiene, ist für die Mehrheit der am Bau beteiligten Akteure ein weitgehend unbekanntes Terrain. Häufig werden gesundheitliche mit ökologischen Kriterien verwechselt oder vermischt. Vor diesem Hintergrund sind Architekten in Bauverwaltungen und Juristen in Rechtsabteilungen von Kommunen und Ländern zunehmend mit den Aspekten von Schadstoffen in Innenräumen konfrontiert. Die Unsicherheit liegt darin begründet, dass es in Deutschland leider (im Gegensatz zur Außenluft und für gewerbliche Arbeitsplätze) keine gesetzlichen oder ordnungsrechtlichen Vorgaben für die Qualität der Innenraumluft gibt. Dies ist umso erstaunlicher, wenn man bedenkt, dass wir uns zu durchschnittlich 90 % unserer Zeit in geschlossenen Räumen aufhalten. Dabei ist Luft unser wichtigstes Lebensmittel, unsere Lungen pumpen täglich rund 17 kg davon durch unseren Körper. Gesunde Menschen haben jedoch andere Anforderungen an ihr Gebäude als z. B. Allergiker, Schüler andere als Bewohner eines Altenheims. Ein wissenschaftlich definierter, mit üblichen Messmethoden überprüfbarer Zustand der Innenraumluft wäre also – neben weiteren Kriterien wie Behaglichkeit oder Lichtverhältnissen – einer der zentralen Parameter für gesunde Innenräume.
Immerhin sprechen staatliche Behörden wie das Umweltbundesamt und Organisationen wie die Weltgesundheitsorganisation WHO Empfehlungen aus, die in Verbindung mit entsprechenden richterlichen Entscheidungen durchaus Wirkung entfalten. Allerdings werden sie meist erst dann berücksichtigt, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist, sprich das erstellte Gebäude wegen starker Belastung durch Schadstoffe oder Gerüche nur stark eingeschränkt oder gar nicht benutzbar ist.
Auch alle wichtigen Zertifizierungssysteme beinhalten Kriterien zur Innenraumluftqualität. Mit dem Bewertungssystem Nachhaltiges Bauen (BNB) empfiehlt etwa das Bundesbauministerium konkrete Werte im Bereich der Innenraumhygiene, die auf der Ebene der Länder und Kommunen inzwischen Beachtung und Nachahmung finden. Bei der Zertifizierung nach DGNB, LEED und BREAAM sowie beim Siegel Nachhaltige Wohnungswirtschaft sind ebenfalls entsprechende Grenzwerte zur Erlangung der Auszeichnung aufgeführt.
Vielfältige Schadstoffe
Quelle für Belastungen der Innenraumluft sind oft Schadstoffe, die aus den verwendeten Bauprodukten und deren Hilfsprodukten ausdünsten können. Ihre Liste ist lang. Beim Neubau sind zwar nach heutigem Kenntnisstand die ganz großen Probleme mit Schwermetallen, Lindan und PCP (Pentachlorphenol) aus Holzschutzmitteln, Asbest, PAK (polycyclische aromatische Kohlenwasserstoffe) und Co. weitgehend ausgestanden. Bei der Sanierung des Gebäudebestands sind dagegen diese Hinterlassenschaften vergangener Jahrzehnte umso präsenter und müssen bei der Planung von Umbaumaßnahmen stets berücksichtigt, untersucht und bewertet werden.
Durch die in der EnEV verordneten Vorgaben zur Gebäudedichtheit rücken zudem sowohl im Neubau als auch bei der Sanierung neue Schadstoffe in den Fokus. Wurden z. B. flüchtige organische Stoffe (VOC, volatile organic compounds), Kohlendioxid und Formaldehyd früher von selbst durch Undichtigkeiten in der Gebäudehülle »weggelüftet«, verbleiben sie heute verstärkt im Innern. Ziel muss es deshalb sein, den Eintrag von Schadstoffen durch neu eingebaute Baustoffe so weit wie möglich zu minimieren. Auch das von uns Menschen produzierte CO2 verdient gerade in Kindertagesstätten und Schulgebäuden erhöhte Aufmerksamkeit, denn die Konzentrationsfähigkeit lässt schon bei vergleichsweise niedrigem CO2-Gehalt rasch nach.
Neben den Leitwerten des Umweltbundesamts für TVOC (totale volatile organic compounds) von 1 000 μg /m3 Raumluft (Abb. 2) und der von der Weltgesundheitsorganisation definierten Obergrenze für Formaldehyd von 60 μg /m3 existiert noch eine Vielzahl weiterer Empfehlungswerte für die unterschiedlichsten Stoffe. Die Ad-hoc-Kommission für Innenraumhygiene beim Umweltbundesamt (IRK) hat für die wichtigsten Stoffe entsprechende Empfehlungen erarbeitet [1].
Darüber hinaus werden Bauverantwortliche immer wieder auch mit »Exoten« konfrontiert. So etwa mit Naphtalin, einem Kohlenwasserstoff, der im Bodenbelag einer Schule in Hemer festgestellt wurde und von dem akute oder chronische Gesundheitsgefahren ausgehen. Oder mit Chlorpropan, ursprünglich ein Narkosemittel, das aus einer Estrichdämmung eines Kindergartens in Nürnberg ausgaste und zuletzt auch bei einer Erweiterung einer Stuttgarter Kindertagesstätte gemessen wurde [2]. Informationen zur gesundheitlichen Relevanz von Chlorpropan zu beschaffen war im ersten Fall damals trotz großer Anstrengungen nicht möglich. Mit entsprechend hohen Kosten verbunden, wurde daher der Estrich samt Dämmung entfernt und anschließend durch einen Aufbau mit anderen Materialien ersetzt. Mittlerweile existiert auch für Chlorpropan ein »Vorsorgewert« der Ad-hoc-Kommission für Innenraumhygiene am Umweltbundesamt.
Folgekosten vermeiden
»Es ist davon auszugehen, dass in Deutschland jede Woche mindestens ein öffentliches Gebäude direkt nach Neubau oder Sanierung geschlossen wird oder zu schließen wäre«, erläuterte auch der Professor Dirk Müller von der RWTH Aachen bei einer Fachveranstaltung des Umweltbundesamts zu Problemen der Innenraumhygiene. Zahlreiche weitere, dokumentierte Schadensfälle belegen diese These: So etwa eine neu gebaute Schulsporthalle in Regensburg, die wegen massiver Gesundheitsgefährdung der Schüler geschlossen wurde. Hier waren Formaldehydemissionen aus den (bauaufsichtlich zugelassenen) Prallwänden eine Ursache für teilweise massive Gesundheitsprobleme bei Schülern, von denen einige vom Notarzt versorgt werden mussten. Oder eine sanierte Schule in Detmold, bei der aus dem Bodenaufbau starke, gesundheitsgefährdende Emissionen traten und der daraufhin teuer wieder entfernt werden musste. Sicherlich ist die Situation bei privaten oder gewerblich errichteten Gebäuden nicht anders. Öffentliche Gebäude stehen allerdings unter erhöhter Beobachtung. Allen Schadensfällen durch Schadstoffe gemein sind die erheblichen Folge- und Sanierungskosten.
Um Risiken von vornherein auszuschließen, steht die konsequente Verwendung geprüft emissionsarmer Bauprodukte an erster Stelle. Dies gilt vorrangig für Bauteile und Gebäudebereiche, die für die Qualität der Innenraumluft relevant sind. Solche Baustoffe sind verfügbar und keineswegs Spezialanfertigungen, sondern teilweise marktführende Produkte [3], deren gesundheitliche Eigenschaften durch Prüfprotokolle externer Stellen (Abb. 5) bestätigt werden. Folglich sind bei entsprechender Planung auch keine bis sehr geringe zusätzliche Kosten für ein Gebäude zu erwarten, das überprüfbar hohen gesundheitlichen Standards entsprechen soll. Allerdings muss beim Einbau emissionsarmer Produkte beachtet werden, dass es zu Wechselwirkungen kommen kann, z. B. bei Fußbodenaufbauten auf bestehenden Materialien oder im Zusammenspiel einzelner Produkte miteinander. Auch kann etwa eine Holzwerkstoffplatte formaldehydfrei verleimt sein, aber trotzdem eine gewisse Menge des Stoffs enthalten. Der Trend geht deshalb folgerichtig zu geprüften Bausystemen für komplette Bauteile, z. B. ein Schrägdachaufbau samt Dachfenster, Dämmung, Abdichtung und Innenbeschichtung oder einen kompletten Fußbodenaufbau. Weitere sinnvolle Bausteine eines wohngesundheitlichen Qualitätsmanagements sind die Schulung von Planern und Handwerkern, die Kontrolle durch einen geschulten Bauleiter sowie eine Überprüfung der Raumluftqualität nach Baufertigstellung durch einen unabhängigen Sachverständigen. ›
Sicher gesund ausschreiben
Gefahr erkannt, Gefahr gebannt? Keineswegs, denn gerade bei der Vergabe öffentlicher Bauleistungen ist die neutrale, sprich »diskrimierungsfreie« Formulierung der Ausschreibung ein komplexes Thema. Um v. a. öffentlichen Auftraggebern die Möglichkeit zu geben, ihre Bauprojekte nach wissenschaftlich definierten, wohngesundheitlichen Kriterien rechtssicher auszuschreiben, wurde nun gemeinsam mit Juristen, Baurechtsexperten und Architekten ein Leitfaden zur Ausschreibung der Architekten- und Bauleistung erarbeitet [4]. Das mit Formulierungsvorschlägen versehene Werk enthält auch vergaberechtliche Grundüberlegungen mit Verweisen auf das europäische und deutsche Vergaberecht. Innenraumhygienische Bedingungen in Gebäuden können demnach entsprechend § 97 Abs. 4 Satz 2 des Gesetzes gegen Wettbewerbsbeschränkungen (GWB) sowohl als sozial, umweltbezogen und innovativ angesehen werden, sodass die Vergabe unter innenraumhygienischen Aspekten grundsätzlich mit europäischem und nationalem Vergaberecht in Einklang steht.
Der Leitfaden definiert einerseits die Grundanforderungen an die inhaltliche Ausgestaltung der Ausschreibung, gibt aber auch praktische Tipps, etwa für die Berücksichtigung innenraumhygienischer Planungsleistungen im Rahmen der HOAI oder für die sichere Verwendung von bei der Vergabe von Umweltzeichen verwendeten Kriterien in der Ausschreibung. Konkrete Formulierungsvorschläge für die Definition des Planungserfolgs und die Leistungspflichten des Planers im Zuge der Bauphase bieten für Rechtsabteilungen, Architekten und Investoren eine klar definierte Verhandlungsgrundlage. So lassen sich Überwachungspflichten genauso definieren wie Vorgaben zur Berücksichtigung von Ablüftzeiten im Bauablauf. Dabei werden nicht nur einzelne Baustoffe betrachtet, sondern stets das Gebäude als Ganzes. Nicht zuletzt enthält der Leitfaden beispielhafte Hinweise zur Auswahl eines geeigneten Bauunternehmens oder zum Verhalten der beteiligten Handwerker auf der Baustelle.
Durch eine eindeutig definierte und vergaberechtlich einwandfreie Ausschreibung ist also die frühzeitige und damit kostenneutrale Berücksichtigung innenraumhygienischer Belange möglich – auch bei öffentlichen Vergaben. •
Weitere Informationen:
[2] www.stuttgarter-zeitung.de vom 9. August 2013, »Narkotikum in der Luft: Kita bleibt zu«
[3] Folgende Hersteller liefern emissionsgeprüfte Bauprodukte und sind Partner im Sentinel Haus Netzwerk (Auswahl): Baumit, Bad Hindelang, www.baumit.com (Putze und Farben) DESSO, PA Waalwijk, www.baumit.com (Teppichfliesen und -böden) Deutsche Poroton, Berlin, www.baumit.com (Ziegel) Fermacell, Duisburg , www.baumit.com (Trockenbausysteme) – s. auch S. 88 JELDWEN, Oettingen, www.baumit.com (Innentüren) Kneer-Südfenster, Westerheim/Schnelldorf, www.baumit.com (Fenster) MISAPOR, Landquart, www.baumit.com (Schaumglasschotter) Multigips, VG-ORTH, Stadtoldendorf, www.baumit.com (Gips-Wandbauplatten) nora systems, Weinheim, www.baumit.com (Kautschukböden) PAVATEX, Leutkirch, www.baumit.com (Holzfaser-Dämmstoffe) Resopal, Groß-Umstadt, www.baumit.com (Schichtstoffplatten) Roto Dach- und Solartechnologie, Bad Mergentheim, www.baumit.com (Dachfenster) Tremco illbruck, Köln, www.baumit.com (Fugenabdichtungssysteme) Wienerberger, Wien, www.baumit.com (Ziegel)
[4] Der Leitfaden »Schadstoffreduzierte und gesundheitsgeprüfte Innenraumlufthygiene und öffentliche Vergabe. Leitfaden zur Ausschreibung der Architekten- und Bauleistungen« ist in Verbindung mit einem einführenden Seminar beim Sentinel Haus Institut erhältlich. Kontakt: Marc Schuh, Tel. 0761 59048176, schuh@sentinel-haus.eu.

Technik aktuell (S . 80)
Peter Bachmann
1970 geboren. Ausbildung in der Baustoff- und Umwelttechnik sowie im Bereich Marketing. Gründung des Sentinel Haus Instituts in Freiburg, Leitung als geschäftsführender Gesellschafter.