Die Beleuchtung des Mercedes-Benz Museums

~Iska Schönfeld

Besondere Nutzungen verlangen nach besonderen Gebäuden. Museen sind hierfür immer wieder gute Beispiele. Wenn die Exponate und die Architektur für den Betrachter zu einem einzigartigen visuellen Erlebnis verschmelzen sollen, bedarf es einer Beleuchtungsplanung, die die Gratwanderung zwischen Inszenierung und funktionaler Zurückhaltung perfekt beherrscht.

Licht und Wegeführung Beeindruckend gelingt die Licht-Raum-Symbiose gleich nach Betreten des Gebäudes. Ruhendes Zentrum der spiralförmig in- und übereinander greifenden Innenstruktur ist das Atrium. Die von diesem schmalen und hohen Raum ausge-hende Sogwirkung greift die Beleuchtung stilsicher auf und zieht den Besucher mit engbündelndem Licht regelrecht in die mystische Helligkeit der Dachbegrenzung hinauf. Realisiert wird das Lichtbündel aus zwölf tiefstrahlenden Downlights mit leistungsstarken Halogen-Metalldampflampen, die als Kreis in die Deckenstruktur integriert sind. Zusätzlich fällt durch die Metallrasterdecke und die Membranbespannung der drei äußeren Dachflächen am Tag gefiltertes, natürliches Licht herein (Bilder 24, 25). Bei Nacht wird dieser Effekt durch nicht einsehbare, in die Konstruktion integrierte freistrahlende Leuchtstofflampen künstlich fortgeführt.
Das Ausstellungskonzept ermöglicht von Beginn an mit seiner Wegeführung durch das Gebäude einen Umkehreffekt: Start der Ausstellung ist für alle Besucher das oberste Stockwerk auf Ebene 8. Hinauf kommt man mit einem der drei Schnellaufzüge, die im Vergleich zur Dimension der Wände des Atriums wie kleine kapselförmige Shuttles an diesen auf und ab fahren (Bild 11). Hier setzt dann auch die Konterkarierung des fast schon sakral anmutenden Atriumraumes durch Licht an und bringt die Dynamik des modernen Medienzeitalters mit ein: In die Dächer der Aufzugkabinen sind Projektoren integriert, die während der Fahrt die Wandflächen des Atriums mit wechselnden Motiven bespielen. Zusätzlich befinden sich an der Unterseite der Shuttles Scheinwerfer, deren Lichtkegel am Atriumboden sich mit wachsendem Abstand zum selbigen aufweiten. Je mehr Besucher, desto mehr Dynamik entwickelt dieses Szenarium.
Oben angekommen, eröffnen sich dem Besucher zwei sich kreuzende Rundgänge durch die Ausstellung. Durch die so genannten Mythos- und Sammlungsräume, die sich jeweils rund um das Atrium abwechseln (Bilder 2, 3), und den architektonisch-gestalterischen Coup der Doppelhelix ist der Gebäudeaufbau im Inneren schwer zu erfassen, der Besucher verliert auf der dynamischen Talwanderung durch das Gebäude die Orientierung. Die Beleuchtung will und kann dies zwar nicht grundsätzlich ändern, doch sie trägt durch unterschiedliche Lichtstimmungen wesentlich zur Standortbestimmung innerhalb des Ausstellungskonzepts bei.
Mythosräume Diese dunkel gehaltenen, mehrheitlich zweigeschossigen Räume ohne Tageslicht inszenieren bewusst theatralisch den chronologischen Gang durch die 120-jährige Geschichte der Marke Mercedes-Benz (Bild 19). Auf einer langen Abwärtsrampe umkreist der Besucher zunächst die tiefer gelegene Ausstellungsfläche und gewinnt den ersten Raumeindruck von oben. Der Lichtschwerpunkt dieser Räume liegt deutlich auf dem zentral arrangierten Ausstellungsgut. Sowohl die Beleuchtung der Rampen durch bodennahe Vouten als auch die Anstrahlung der Raumbegrenzungsflächen mittels Deckenstrahler nehmen sich weitestgehend zurück – auch zugunsten der in die Außenwände integrierten hinterleuchteten Schaubilder. Die Beleuchtung der Mythosräume folgt einem Zwei-Ebenen-Prinzip. Die erste, die dienende Leuchtenebene, setzt durch in die dunkle Rasterdecke integrierte technische Strahler die ausgestellten Fahrzeuge in Szene, jedes Auto mit mehreren Strahlern für die Grundausleuchtung und Brillanz setzenden Akzentpunkten.
Zusätzlich, um den historischen Kontext auch mit Licht visuell zu unterstreichen, hat jeder dieser Räume eine zweite, dekorativ-sichtbare Leuchtenebene erhalten. Von einer etwas kitschigen Swarovski-Kristallwolke mit bunt blinkenden LEDs (Bild 20) über Art Deco Neonstrukturen als Huldigung an die 1920er Jahre bis zu einem die Weltkugel symbolisierenden Ring aus Bildschirmen mit Filmsequenzen inszeniert sich hier Beleuchtung selbst als Ausstellungsstück. Dabei fällt der erste Mythosraum gestalterisch durch die eingeschossige Raumhöhe und die schaukastenartige Präsentation der Ausstellungsstücke aus der Reihe und wirkt daher aus Sicht eines Lichtplaners eher durchschnittlich. Dies nimmt den restlichen Räumen entlang der Route jedoch auf keinen Fall die lichttechnische Dynamik der Gestaltung.
Sammlungsräume Ganz anders präsentieren sich dagegen die eingeschossigen, dank ihrer Glasfassade nach außen offenen Collectionsräume mit einer thematisch geordneten Sammlung von Mercedes-Benz-Originalen. Mit einer lockeren Aufstellung der Fahrzeuge laden sie zu einer Temporeduktion beim Gang durch die Ausstellung ein. Die Beleuchtung reduziert sich hier auf Halogen-Strahlerpärchen, die hinter ovalen Glasabdeckungen futuristisch-trendiger Designkörper in der Decke verborgen sind (Bilder 16 –17). Die dichte Anordnung dieser konvexen Kreise und ihr dreh- und schwenkbares Innenleben erlauben es, die Beleuchtung weitgehend flexibel auf die Ausstellungsgegenstände auszurichten. Den hellen Raumoberflächen und der teilmattierten Glasabdeckung ist es zu verdanken, dass störende Lichtpunkte auf den Linien der Fahrzeugkarosserien etwas abgemildert werden. Trotz einer durchgeführten umfangreichen Tageslichtanalyse werden die Collectionsräume jedoch dem Anspruch an eine angemessene Tageslichtautonomie nicht gerecht: selbst mit der großzügig bemessenen Verglasung kommen diese Ausstellungsbereiche nicht ohne den Einsatz von Kunstlicht aus. Dafür entschädigen sie mit einem beeindruckenden Ausblick über Stuttgart und sorgen bei Nacht für die Außenwirkung des Gebäudes durch Licht.
Außenbeleuchtung In den Abendstunden verzichtet das Gebäude auf eine außen liegende Anstrahlung und nutzt die intern vorhandenen Leuchten für die Nachtansicht und die externe Einsicht durch die Glasfassaden: Die fassadennahen Leuchtenreihen in den Collectionsräumen bleiben dafür angeschaltet und lassen das Gebäude von innen heraus dezent erstrahlen. Vor dem Eingang markieren im Freibereich blau abstrahlende Bodeneinbauleuchten die für den Schwerlastverkehr befahrbare Rampe und weisen gleichzeitig auch den Besuchern den Weg zur Ausstellung. Der weiteren Orientierungs- und Wegebeleuchtung dienen auf dem Vorplatzes filigran wirkende Mastleuchten.
Insgesamt merkt der geübte Betrachter dem Gebäude an, dass sich hier mehrere Parteien der Lichtplanung angenommen haben. Diese offenbar nicht ganz freiwillige Gestaltungsvielfalt erweist sich letztlich jedoch als funktional und bereichernd für das Gesamtkonzept aus Architektursprache und Ausstellungsdesign. So findet die Beleuchtung im Mercedes-Benz Museum eine geeignete Balance aus Inszenierung und Zurückhaltung.
Literatur:
– Mehr zu den Tageslichtplanungen und -simulationen sowie zur Lichtsteuerung als Teil des Gebäudemanagements in: Ulrike Brandi Licht, Tageslicht Kunstlicht, Detail Praxis, Institut für internationale Architektur-Dokumentation, München 2005, S. 57 ff
– Weitere Infos und zahlreiche Abbildungen in: UN Studio, Mercedes-Benz Museum, Design Evolution, Wechselraum (Hrsg.), avedition, Ludwigsburg, 2006