Ein Gespräch mit Martin Reimer von 4A Architekten über die Akustik in Schwimmbädern und Sporthallen

Akustische Befriedung

Wird der Umgebungslärm ohrenbetäubend, dann macht Sport weder Aktiven noch Zuschauern Spaß – und erweist sich auch als gesundheitlich kontraproduktiv. Lärmhöllen aber sind therapierbar – auch bei den vielen Bestandsbauten, die momentan zur Generalsanierung anstehen.

Interview: Armin Scharf; Fotos: Armin Scharf; Uwe Ditz; David Matthiesen

Herr Reimer, mit welchen akustischen Anforderungen oder auch Erwartungen werden Sie bei Freizeit- und Sportstätten konfrontiert?
Das sind durchweg sehr hohe Anforderungen, denn gerade in einem Schwimmbad oder in einer Sporthalle dominieren schallharte Oberflächen. Fliesen, Sportböden und Glasfassaden – all dies sind keine akustisch positiven Flächen. Daher muss man möglichst viele Bereiche suchen, die man akustisch ertüchtigen kann. Stellen Sie sich die parallele schulische Nutzung einer Dreifeldhalle vor, z. B. mit Ballsport – der Lärmpegel ist enorm. Und dann versuchen die Lehrer verständliche Anweisungen oder Erklärungen zu geben, das ist eine Herausforderung. In Schwimmhallen wiederum finden wir eine Grundakustik, die stark von der Technik und dem Rauschen des Wassers bestimmt und von den Nutzern überlagert wird. In der Summe sind das also keineswegs simple Situationen.
Welche Normen kommen dabei zum Tragen?
Es gibt für die Raumakustik natürlich Vorschriften, die DIN 4109 und die DIN 18041 betreffen die Raumakustik generell, die DIN 18032 gilt speziell für den Sportunterricht in Sporthallen. Das wesentliche Kriterium ist die Nachhallzeit, von der die Sprachverständlichkeit abhängt. Je länger die Nachhallzeit, umso problematischer die Verständigung im Raum. Das ist übrigens auch ein Thema für Fremdsprachler oder Personen mit Migrationshintergrund, die bei mangelnder Akustik schlichtweg gar nichts mehr verstehen.
Der Nachhall hängt wiederum von der Nutzung ab – eine Sporthalle und ein Kirchenraum unterscheiden sich da wesentlich. Das erschwert die akustische Planung bei Mehrzwecknutzung, wenn eine Sporthalle auch als Veranstaltungshalle für Vorträge oder Musikevents genutzt werden soll. Da muss man dann Kompromisse finden.
Die Akustiknormen sind nicht nur auf die Nutzer hin ausgerichtet, sie dienen auch der Unversehrtheit dort arbeitender Menschen, beispielsweise Sportlehrer oder Schwimmmeister.
Lassen sich diese Anforderungen immer erfüllen?
Wenn man das planerisch rechtzeitig integriert, ist fast alles machbar. Denke ich nicht spätestens in der Entwurfsphase darüber nach, sondern möglicherweise erst kurz vor der Ausführung, dann ist es zu spät. Dazu gehört auch, sich einen Bauphysiker ins Boot zu holen und mit ihm über die Raumgeometrie, über Oberflächen und Materialien zu sprechen.
Über welche planerischen Optionen verfügen Sie?
Die wichtigste Fläche für die schallakustische Aktivierung stellt nach wie vor die Decke dar. Da in Bädern und Sporthallen außer Beleuchtung, Belüftung und Heizung dort wenig passiert, sind die großen Deckenflächen vergleichsweise einfach nutzbar. Oft stellt sich bei der Beratung mit dem Bauphysiker aber heraus, dass die Decke allein keine ausreichenden Resultate bringt. Dann beziehen wir zusätzlich Wandflächen mit ein, die den horizontalen Schall absorbieren.
Führen Sie zuvor explizit Akustiksimulationen durch?
Bei großen Neubauten gehört das dazu. Spätestens wenn Audio-Anlagen für Durchsagen vorgesehen sind, lassen wir die Maßnahmen durchrechnen. Bei Sanierungen nutzen wir diese Option eher weniger, da wir es oft mit einfachen Raumgeometrien zu tun haben.
Nutzen Sie bei Neubauten die Geometrie im Sinne der Akustik?
Durchaus. Die Raumkonstellation beeinflusst die Akustik stark. Ein Raum mit senkrechten Flächenanordnungen verhält sich anders als eine Geometrie mit Schrägen. In unseren Entwürfen finden Sie daher immer wieder verkippte Glasfassaden oder schräg einlaufende Baukörper, mit denen wir die horizontale Schallausbreitung bremsen. Das setzen wir aber erst nach der Abstimmung mit dem Bauphysiker um.
Und selbstverständlich planen wir Grundrisse so, dass im Schwimmbad laute Zonen wie der Kinderbereich nicht mit dem Ruheraum kollidiert. Allein das hilft bei der akustischen Raumbefriedung.
Wie kommen Sie damit klar, dass akustisch wirksame Oberflächen mechanisch eher sensibel sind?
Dieses Dilemma taucht dann auf, wenn Wandbereiche einzubeziehen sind. In Sporthallen haben wir die Beanspruchung durch Ballwürfe, daher benötigen wir dort Systeme für Wände und Decken, die sowohl ballwurfsicher als auch akustisch wirksam sind. In Schwimmbädern mit ihrer hohen Feuchtebelastung durch Spritz- und Reinigungswasser ziehen wir die akustischen Materialien nicht bis auf Bodenniveau herab, wohl wissend, damit Kompromisse einzugehen. Die unterscheiden sich allerdings von Projekt zu Projekt.
Bei der Sanierung des Hallenbads in Balingen haben wir die Decke aktiviert und die Holzfaserplatten auch auf die Wände gesetzt, weil die Decke ›
› alleine nicht ausgereicht hätte. Optisch haben wir so Decken- und Wandbereiche zusammengeführt. Eine erkennbare Fuge samt Ablagebrett bildet dann die Trennung zum wasserbelastbaren Bodenbelag. Die farbig vorbeschichteten Holzfaserplatten nutzen wir momentan recht häufig, weil sie gestalterisches Potenzial haben und zudem auch recht wirtschaftlich sind.
Wie begegnen Sie der permanenten Feuchtebelastung in Schwimmbädern?
Alle Konstruktionen, v. a. die Unterkonstruktionen samt Schrauben müssen entsprechend korrosionssicher und speziell zugelassen sein. Schließlich wirkt die Feuchte 365 Tage im Jahr – und das über Zeiträume von 20 bis 30 Jahren. Mit Holz wiederum haben wir dank der Klimakonstanz keine Probleme, daher nutzen wir gerne Holzdecken, beispielsweise aus gelochten Seekiefer-Platten. Schwarzes Vlies kaschiert die darüberliegenden, eingeschweißten Mineralfaserplatten. Die Aufbauhöhe beträgt meist nur rund 10 cm.
Wie sieht derzeit die Relation zwischen Sanierung und Neubau aus?
Die ist nahezu ausgeglichen. Sanierungen betreffen durchweg Hallen aus den 60er und 70er Jahren, also die Zeit des Hallenbad- und Sporthallen-Baubooms. Der sogenannte Goldene Plan des Sportbunds initiierte damals sehr viele neue Sportstätten. Die stehen nun reihenweise zur Generalsanierung an. Dabei geht es nicht nur um die Erneuerung der Haustechnik, sondern auch um die Akustik, die in der Regel von vornherein im Aufgabenheft drinsteht.
Lässt sich der Aufwand für akustische Maßnahmen quantifizieren?
Deren Anteil am Gesamtprojekt ist sehr unterschiedlich und lässt sich nicht generell beziffern. Bei einer Stadthalle mit Sprechveranstaltungen sind die Kosten auf jeden Fall höher als in Sport- oder Schwimmhallen. Insgesamt könnten die verfügbaren Mittel meist größer sein, um sowohl technisch als auch gestalterisch optimale Lösungen zu entwickeln.
Wäre das ein Wunsch?
Ja, tatsächlich wünsche ich mir mitunter mehr Investitionsmasse. Immer wieder setzen hier Kürzungsversuche an, obwohl gerade die Akustik für Akzeptanz sorgt. Bei Sanierungen wird der Qualitätssprung besonders deutlich, entsprechend positiv fallen die Rückmeldungen seitens der Nutzer aus. Daher halten wir die Sensibilität für das Thema bei den Bauherren hoch. Inzwischen ist den meisten klar, dass der Verzicht auf die akustische Optimierung nichts spart und räumen dem Thema einen entsprechenden Stellenwert ein – gestalterisch wie auch vom Budget her. •
Herr Reimer, vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Armin Scharf am 8. April in Stuttgart.