Pfarrzentrum St. Franziskus, Regensburg-Burgweinting

Zwischen Himmel und Erde

Wie aus einer formbaren Masse herausgeschnitten wirkt der Innenraum der neuen Kirche in der aufstrebenden Vorortgemeinde Burgweinting. Seine Schlichtheit und Helligkeit scheint die Versammlung der Gläubigen allem Irdischen zu entheben. Nichts von dieser Anmutung dringt nach außen. Eine eigenschaftslose Hülle aus weiß geschlemmten Ziegeln hütet das geheimnisvolle Innere. As if cut out from a malleable mass is the effect of the interior of the new church in the thriving suburban community of Burgweinting. Its simplicity and brightness seems to lift all earthliness from the congregation of the faithful. None of this is perceptible from the outside. A featureless exterior of white washed brickwork shields the mystery within.

Text: Cornelia Krause

Fotos: Stefan Müller-Naumann, Christian Richters Wenn sich eine katholische Gemeinde in Bayern für einen Kirchenneubau entschließt, dann geht es nicht um kurze Bauzeiten, Subunternehmer und europaweite Auschreibungen, sondern wie in Burgweinting, um das Wachsen ihres Gotteshauses. Da kann es auch schon mal vorkommen, dass zwischendurch das Geld knapp wird und sich dadurch die Bauzeit um ein bis zwei Jahre verzögert. Was auf den ersten Blick nach Unprofessionalität aussieht, verkörpert in Wahrheit Baukultur feinster Art, die Architekten heute kaum noch zu spüren bekommen. Einen in persona greifbaren Bauherrn zu haben, ist schon ein Privileg, wenn dieser Bauherr auch noch im Auslobungstext des Wettbewerbs ausdrücklich einen Diskussionsbeitrag des 21. Jahrhunderts fordert, ist das fast schon der »Himmel auf Erden«.
Für jeden Architekten bedeutet der Auftrag für den Bau einer Kirche eine besondere Herausforderung im Umgang mit Raum. Hier geht es nicht allein um die Erfüllung eines funktionierenden Raumprogramms, sondern in erster Linie darum, einen Raum zu schaffen, der Emotionen weckt. Das ist den Architekten des Pfarrzentrums
St. Franziskus auf ganz besondere Weise gelungen. Das fensterlose, ovale Kirchenschiff »umarmt « den Gläubigen, ohne dass er erkennt warum. Keine Stütze, kein Gewölbe oder Gebälk gibt dem Auge Halt. Der Blick wandert unweigerlich nach oben, wo er sich gänzlich zu verlieren scheint. Über Sheds eingefangenes Tageslicht – von einer über die gesamte Decke gespannten Membran mild gefiltert – fixiert den Betrachter. Dieser Raum zwingt zum Verweilen, um das Unerklärliche zu ergründen. Bewegung wird spürbar entlang der geschwungenen Wände. Sie sind Schicht für Schicht mit roten Ziegelsteinen gemauert, negieren aber ihre Materialität durch den weiß geschlemmten Anstrich. Der Raum bekommt Massivität durch eine zweite Hülle, die sich nach außen durch einen eigenschaftslosen Rechteckbau darstellt. Der Zwischenbereich nimmt die für eine Kirche notwendigen Funktionen auf, die in konchenartig eingeschnittenen Öffnungen für den Betrachter sichtbar bleiben.
Ulrich Königs hat das Bauen bei Peter Kulka gelernt, in seiner Architekturauffassung aber wurde er stark von der Lehre an der AA (Architectural Association) in London geprägt, die die klassische Architekturausbildung an deutschen Hochschulen auf den Kopf stellt. Aufgaben werden nicht, wie üblich, frontal angegangen, sondern es werden Lösungen gesucht, deren Ergebnisse für den Außenstehenden nicht nachvollziehbar sind. Dieses, sich dem deterministischen Weltbild annähernde Gedankengut will die Dinge nicht durch Rationalität begreifbar machen – es unterstellt, dass
das Gefühl begreift. Gerade das»um die Ecke denken« gab Ulrich Königs die Freiheit, einen von Konstruktionen »unbelasteten« Raum zu schaffen.
Das klingt im ersten Moment unglaubwürdig. Selbstverständlich ist dieser Bau, wie jedes andere Haus auch, fest gegründet und solide gebaut, nur bleibt dieser alltägliche und selbstverständliche Vorgang im Verborgenen. So werden die sich trichterförmig öffnenden Wandabschnitte nicht – wie zu erwarten wäre – treppenartig gemauert, sondern durch den Kunstgriff, die Fugen zu neigen (im vorderen Bereich dicker) zu einer in sich ebenen Wand verarbeitet, wobei die raue Oberfläche des Ziegels und der weiße Anstrich Unregelmäßigkeiten geschickt ausgleichen. Für die Eckdetails der Einschnitte mussten die Steine mehrfach geschnitten werden, um
den Eindruck »wie aus einem Guss« nicht zu entzaubern.
Spätestens hier taucht die Frage auf, warum die Architekten nicht gleich eine Betonschale gewählt haben. Die Frage ist schnell beantwortet: Eine so hoch komplexe Raumgeometrie bedarf einer ebenso aufwändigen Schalung mit entsprechend sorgfältiger Verarbeitung des Betons. Das wäre zum einen nicht günstiger geworden, zum anderen wäre die Anwendung dieses Materials den Architekten zu direkt. Das bewusste Negieren der Materialgerechtigkeit gehört ebenso zu ihrer Entwurfsphilosophie wie das Umleiten des Tageslichts. Die außen in der Fassade sichtbaren Fensteröffnungen erfüllen nur bedingt ihren eigentlichen Zweck. Das auf diese Weise im Zwischenraum eingefangene Licht erhellt das Kirchenschiff, ohne dass der Besucher die Lichtquelle ausmachen kann.
Bei aller Kompexität ist dieses Bauwerk nicht mit der Architektur von Daniel Libeskind oder Frank O. Gehry zu vergleichen, die ihre Expressivität deutlich nach außen tragen. Auch wenn Königs Architekten sich nicht dem Credo »form follows function« unterwerfen, bleibt ihre Architektur in hohem Maße subtil. Um sein Geheimnis
so lange wie möglich zu hüten, hat der eindrucksvolle Innenraum auch eine so eigenschaftslose Hülle bekommen.
Was vor gut einhundert Jahren noch nicht denkbar war, als Architekt im Kirchenbau nach innovativen Lösungen zu suchen, wird heute – und das besonders von der katholischen Kirche – geradezu gewünscht. In der Schlichtheit und Helligkeit dieses Kirchenraumes entdeckten die Kirchenväter von Burgweinting eine ganz neue Erfahrung: Die Versammlung der Gläubigen enthebt sich nahezu
allem Irdischen. Auch die vielen neuen Einwohner der rasch wachsenden Gemeinde haben ihr ungewöhnliches Gotteshaus überraschend positiv aufgenommen. kr
Bauherr: Katholische Kirchenstiftung St. Franziskus, Regensburg-Burgweinting Architekten: Königs Architekten, Köln, Ulrich Königs und Ilse Maria Königs Mitarbeiter: Claudia Pannhausen, Thomas Roskothen, Volker Mencke, Ilka Aßmann, Christoph Schlaich, André Rethmeier, Bernd Jäger, Sabine Bruckmann, Christoph Michels, Max Illigner Bauleitung: Ingenieurbüro Hans Siegmüller, Regensburg Tragwerksplanung: Arup GmbH, Düsseldorf (Kirche und Turm) Lichtplanung: A. Hartung, Köln Akustik: Graner + Partner, Bergisch Gladbach Kunst (Altarbereich, farbige Glastüren): Robert M. Weber, Grafing Nutzfläche: 780 m² Bruttorauminhalt: 13427 m³ Kosten: 6,5 Mio. Euro (Pfarrzentrum insgesamt) Bauzeit: Juni 2001 bis April 2004