Neubau der Jugendherberge in Saas-Fee (CH)

Zwischen Einfachheit und Luxus

Das neue »wellnessHostel4000« paart zusammen mit dem Badebereich »Aqua Allalin« auf gekonnte Weise das Schöne mit dem Notwendigen – eine Win-win-Strategie für alle Beteiligten, zumal dadurch das örtliche Bad erhalten bleiben konnte. Mit vier Holzgeschossen auf massivem Sockel und Minergie-Eco2-Standard setzt der Neubau Maßstäbe im Beherbergungsbereich.

  • Architekten: Steinmann & Schmid Architekten Tragwerksplanung: alp Bauingenieure
  • Kritik: Tina Cieslik Fotos: Ruedi Walti
Als im April 1924 nach deutschem Vorbild die »Zürcherische Genossenschaft zur Errichtung von Jugendherbergen« gegründet wurde, lag den Gründern v. a. das Wandern am Herzen. Einfache Unterkünfte sollten die Natur für junge Städter erlebbar machen.
Rund 90 Jahre später folgte der Paradigmenwechsel: Die zunehmend defizitären Regionalverbände fusionierten zum Verein »Schweizer Jugendherbergen SJH«, mit dem »Leitbild 2005« setzte man auf qualitätvolle Architektur und Nachhaltigkeit – »vom Verwalter zum Gastgeber, von der Wolldecke zum nordischen Schlafen und vom Massenschlag zu 2er-, 4er- und 6er-Zimmer[n]«, wie auf der Website zu lesen steht. Seitdem wurden die bestehenden Häuser sukzessive modernisiert und zu teilweise preisgekrönten, günstigen Hostels umgebaut, neue Standorte kamen hinzu.
Innovatives Miteinander
2009 schlossen sich Einwohner- und Burgergemeinde Saas-Fee im Kanton Wallis und die Schweizerische Stiftung für Sozialtourismus, der die Hälfte der 52 Schweizer Jugendherbergen gehört, zu einer öffentlich-privaten Partnerschaft zusammen. Das Ziel: Anstelle des 1983 erbauten Freizeitzentrums sollte ein Hostel im günstigen Preissegment entstehen, dabei aber das Bad für die Bürger erhalten bleiben. Im November 2012 nahm das Stimmvolk die Vorlage zum Projektierungskredit von 6,8 Mio. CHF für die Sanierung des Bads mit einer knappen Mehrheit von 53 % an. Für den Bau der Jugendherberge wurden 10,1 Mio. CHF veranschlagt. Mitte April 2013 begann das nach einem Studienauftrag mit der Planung betraute Basler Architekturbüro Steinmann & Schmid mit dem Bau. ›
› Die im September 2014 eröffnete Jugendherberge in Saas-Fee ist in mehrfacher Hinsicht ein Sonderfall. Zum einen verlagert sich der Tourismus in der Schweiz in die Städte. Es ist daher nicht selbstverständlich, in den Bergregionen neue Unterkünfte zu eröffnen – das autofreie Saas-Fee liegt auf einem Plateau auf 1 800 m ü. M., es zählt nur etwa 1 700 Einwohner.
Zum anderen positioniert sich der Betrieb nicht einfach als Jugendherberge, sondern als »erstes Wellnesshostel« der Schweiz. Die originelle Idee gründet darauf, dass das bestehende Hallenbad der Gemeinde modernisiert, um einen Wellnessbereich erweitert und in das Betriebskonzept der Jugendherberge integriert werden konnte. Und überdies verfolgt der Bau konstruktiv einen neuartigen Ansatz, als schweizweit erster fünfstöckiger Beherbergungsbetrieb in Holzbauweise.
Gute Lage optimal genutzt
Der Standort der Jugendherberge, neben dem Busbahnhof, nur wenige Minuten von der Talstation der Bergbahnen entfernt, war durch das Hallenbad vorgegeben. Die Lage ist ideal, befindet sich der Bau doch an einer der beiden Nord-Süd-Verbindungen durch das Dorf. Hart an der Kante der 300 m tiefen Schlucht der Feevispa gelegen, reiht er sich einerseits neben die bestehenden Großbauten von Parkhaus und Busbahnhof, nimmt aber durch seine Position als nördlicher Brückenkopf der Panoramabrücke eine dominante Stellung ein.
Die Architekten projektierten ein 35 m langes, 13 m breites und 17 m hohes fünfgeschossiges Gebäude, das über das UG direkten Zugang zum bestehenden Hallenbad bietet. An dessen Ostseite fügten sie einen Wellnessbereich in den Fels. Ein öffentlicher Platz führt zum Eingang des Hostels. Ostseitig nimmt dieser die Außensitzplätze von Bistro und Restaurant auf, gegenüber bietet er einen Blick ins Hallenbad und – spektakulärer – die Aussicht auf die 13 Viertausender der Mischabelkette. Die verspiegelten Fenstergläser vervollständigen den Blick zu einer Art 360 °-Panorama. Formal orientiert sich der polygonale Bau an den charakteristischen Saaser Speichern: Auf steinernem EG sitzen die hölzernen OGs. Bekleidet mit horizontal geschichteten, silbergrau vorverwitterten Fichtenhölzern fügt sich das Hostel trotz seiner raumgreifenden Kubatur und der hellen Fassade recht gut zwischen den Chalets ein. Von der gegenüberliegenden Talseite aus ergibt sich allerdings ein anderes Bild: Von hier aus wirkt die Gesamtanlage aus Hostel, Hallenbad (weiß verputzt) und Wellnessbereich (steingrau verputzt) sehr uneinheitlich.
Luxus und Einfachheit gezielt gesetzt
Das EG beherbergt Rezeption, Bistro, Restaurant, gastronomische Infrastruktur und einen Seminarraum. Der Zugang zum Bad erfolgt auch für externe Gäste durch die Jugendherberge, was Gebäude und Vorplatz eine spürbare öffentliche Funktion verleiht. Diese Bereiche sind zurückhaltend, aber hochwertig gestaltet: Böden in Gussasphalt, schwarze Akustikdecken, weiß verputzte Wände, dunkle Holzeinbaumöbel. ›
› Darüber liegen die vier Holzgeschosse mit insgesamt 51 Zimmern – aufgeteilt auf Doppel-, Vierer- und Sechserzimmer mit insgesamt 168 Betten. Die Hälfte der Räume ist rollstuhlgängig.
Die Innenausstattung der Zimmer ist schlicht, aber liebevoll. Die expressive Farbgebung mit auberginefarbenen Einbauschränken und Bädern in Knallgrün setzt ein starkes Zeichen gegenüber den seriösen öffentlichen Zonen. Die farblich passende Tapete vom Basler Büro Matrix, die »Eclisse«-Nachttischleuchten (Vico Magistretti, 1966) und die charakteristische Bettwäsche der Schweizer Jugendherbergen (Nava Sutter, 2004) komplettieren die einfache, aber geglückte Gestaltung. Weniger gelungen sind die gebastelt wirkenden Stehleuchten aus Folie, die in ähnlicher Ausprägung auch das Bistro im EG zieren (Felice Dittli, Luzern).
Von hier führt eine wunderbar inszenierte Wendeltreppe ins UG, und damit in das eigentliche Herzstück des Betriebs. Auf rund 1 900 m2 präsentiert sich die dunkel gehaltene Bade- und Wellnesswelt »Aqua Allalin« mit 25-m-Becken, Wasserrutsche und Fitnessraum. Überaus großzügig, fast schon weitläufig, sind die weiteren Anlagen – finnische Sauna, »Bio-Soft-Sauna«, Kräuter-Dampfbad, Whirlpool, Nabelstein, Erlebnisduschen – im Berg untergebracht. Panoramafenster und ein Balkon zelebrieren die Aussicht auf die Schlucht der Feevispa und das Gletschermassiv mit dem namensgebenden 4 027 m hohen Allalinhorn.
Ausnahme und Konvention
Realisieren ließ sich das mit dem Nachhaltigkeitsstandard Minergie-Eco zertifizierte Gebäude nur mittels Ausnahmegenehmigung: Zur Bauzeit war die Kombination aus massivem EG mit drei Regelgeschossen und einem DG in Holzbauweise aus Brandschutzgründen nicht bewilligungsfähig. Die Konstruktion in Holz bot sich aber zum einen aus klimatischen Überlegungen an – durch Vorfertigung und rasche Montage ließ sich das kurze Zeitfenster zwischen den Skisaisons optimal nutzen. Der andere Aspekt war das Gewicht: Da der Neubau teilweise auf dem bestehenden Schwimmbad zu stehen kam, war Holz die leichteste Variante. Mit der Berechnung des Brandrisikos und einem objektbezogenen Brandschutzkonzept mit technischen Brandschutzanlagen überzeugten die Planer das Kantonale Amt für Feuerwesen. Dazu gehört auch die Wahl von robusten Holzbauteilen – 160-200 mm dicke, gipsfaserbekleidete Brettsperrholzwände für die brandabschnittsbildenden Innenwände sowie massive Holz-Beton-Verbunddecken. Letztere wirken sich zudem günstig auf die Schallwerte aus.
Der Betrieb läuft gut. Die Jugendherberge ist mit 55 % überdurchschnittlich gut ausgelastet, der Fortbestand des Bads bleibt vorerst gesichert. Für Architektur und Konzept hat das Hostel bereits mehrere Preise gewonnen.
Das gute Preis-Leistungs-Verhältnis, die Nähe zu den Bergbahnen und das Sommerskigebiet auf dem Gletscher dürfte auch für jugendliche Sportler äußerst attraktiv sein – sie sind zahlenmäßig allerdings ein wenig ins Hintertreffen geraten: Über ein Drittel der Mitglieder des SJH sind über 44 Jahre alt, bei den Gästen in Saas-Fee dürfte der Wert noch höher liegen. •
  • Standort: Panoramastraße 1, CH-3906 Saas-Fee Bauherr: Schweizerische Stiftung für Sozialtourismus, Zürich; Burgergemeinde Saas-Fee, Saas-Fee Architekten: Steinmann & Schmid Architekten, Basel Mitarbeiter: Herbert Schmid, Peter Steinmann, Daniel Hoefer (Projektleiter), Laura Diaz Hernandez, Pascal Bögli, Margit Schimandl Tragwerksplanung: alp Andenmatten Lauber & Partner, Visp Bauleitung: amoba baumanagement, Visp Holzbauingenieur, Brandschutz: Makiol & Wiederkehr, Beinwil am See H/L-Planung: Zurfluh Lottenbach, Luzern Sanitäringenieur, Sprinklerplanung: Thomas Duss, Sempach Station BGF: 5 654 m² BRI: 19 656 m³ Baukosten: 18,1 Mio. CHF (ca. 17,5 Mio. Euro inkl. Aqua Allalin) Bauzeit: April 2013 bis September 2014
  • Beteiligte Firmen: Baumeisterarbeiten: Burgener Vitus, Saas Fee Montagebau Holz: Implenia Schweiz, Rümlang, www.implenia.com Dämmung: (Schaumglas) MISAPOR Holding, Landquart, www.misapor.ch; Flumroc, Flums, www.flumroc.ch; swisspor, Steinhausen, www.swisspor.com Aufzüge: Schindler Aufzüge, Sion, www.schindler.ch
1 Wandaufbau: 3D-Holzschalung, überfälzt in verschiedenen Breiten und Höhen , Dimensionen: 34 x 130 mm / 27 x 105 mm / 19 x 54 mm Lattung, Hinterlüftung, 30 mm Fassadenbahn Gipsfaserplatte, 15 mm Ständer, mit Steinwolle ausgedämmt, 240 mm Gipsfaserplatte, 15 mm Dampfbremse Lattung, mit Steinwolle ausgedämmt, 20 mm Gipsfaserplatte, 15 mm Vliestapete mit Anstrich, 5 mm 2 Mörtelbett 3 horizontale Brandschutzabschottung, Schalungsbrett mit min. 20 mm Vorsprung vor Außenkante Fassade 4 Dämmung aus Mineralwolle 5 Wandaufbau: mineralischer Putz, Kellenwurf, 10-20 mm wärmedämmendes Mauerwerk, 365 mm Stahlbeton, 200 mm Lattung, mit Mineraldämmung ausgedämmt, 40 mm zwei Gipskartonplatten, 25 mm Vliestapete mit Anstrich 6 Flachstahlwinkel, verzinkt 7 XPS-Dämmung 8 Pfosten-Riegel-Konstruktion aus Aluminium mit Stufenverglasung 9 Quadratrohr aus Stahl, sichtbar, in Fensterfarbe gestrichen, 160 x 160 mm 11 mineralischer Putz, Kellenwurf 12 Abdichtung 13 Bodenaufbau Terrasse: Asphalt Stahlbeton mit Gefälle, 50-150 mm Abdichtung zweilagig Dampfbremse, 10 mm Stahlbeton, 280 mm 14 Bodenaufbau 1. OG: geschliffener Anhydritestrich, 70 mm Trennlage Trittschalldämmung aus Steinwolle, 40 mm Stahlbetondecke 400 mm 15 Bodenaufbau EG: geschliffener Anhydrit mit Bodenheizung, 65 mm Trennlage EPS-Dämmung, 50 mm
Trittschalldämmung, 20 mm
Feuchtigkeitssperre Stahlbetondecke, 370 mm Schaumglas, 40 mm

Saas-Fee (CH) (S. 28)

Steinmann & Schmid Architekten
Peter Steinmann
1961 in Luzern (CH) geboren. Studium an der HTL Muttenz, 1991 Diplom. Seit 1992 Büro mit Herbert Schmid. Lehraufträge an der HFG Basel und der HGK Zürich I. 2000-02 Studienbereichsleitung an der HGKZ. 2004-11 Vorstandsmitglied des SIA Basel.
Herbert Schmid
1960 in Brig (CH) geboren. Studium an der ETH Zürich, 1987 Diplom. 1989 Nachdiplomstudium Energie an der HTL Muttenz. 1989-92 Mitarbeit bei Ackermann Architekten Basel, seit 1992 Büro mit Peter Steinmann. 2009 Diplomexperte an der FH Freiburg.
Tina Cieslik
1976 geboren. Innenarchitekturstudium in Trier und Viña del Mar (Chile). Master in Architekturgeschichte und -theorie in Zürich. 2004-07 Wiss. Mitarbeit an der Berner FH, 2007-08 Mitarbeit im Designbüro monofaktor. Seit 2008 in der Redaktion von TEC21.