Wunderkammern der Armut

Dauerausstellung »Die Schwabenkinder« in Wolfegg

Wie macht man eine Ausstellung (fast) ohne Exponate? Das grenzübergreifende Geschichtsprojekt »Die Schwabenkinder« erinnert an die alljährlichen Armutswanderungen aus den Alpentälern ins reiche Oberschwaben. Weil arme Leute kaum etwas Museales hinterlassen, suchten die Historiker nach anderen Spuren, um von deren Schicksal zu erzählen. Herausgekommen ist eine gerade in ihrer Schlichtheit anrührende Inszenierung, die unlängst den renommierten CommClub Award bekam – für »crossmediales Storytelling«.

  • Architekten: VON M
    Tragwerksplanung: Schmid Tragwerksplanung
  • Kritik: Christoph Gunßer
    Fotos: Zooey Braun
Am Anfang der Schau steht ein Paar Stiefel, alt und abgenutzt. Die Reise in die Fremde, das »Schwabengehen«, so die Botschaft, war eine Qual. Die Kinder aus Tirol, Vorarlberg oder Graubünden legten enorme Strecken zurück, die nun im Rahmen des EU-Programms »Interreg« rekonstruiert und als touristische Fernwanderwege ausgeschildert wurden. Was die heutige Erlebnisgesellschaft schätzt, waren damals jedoch Trecks von Elend und Ausbeutung, die zahlreiche Opfer forderten. Kaum acht Jahre alt, wurden jene Bergbauernkinder, die der Hof nicht ernähren konnte, im zeitigen Frühjahr über die verschneiten Bergpässe geschleust, um auf »Kindermärkte« in Friedrichshafen oder Ravensburg zu gelangen. So deckten die Großbauern über Jahrhunderte ihren Bedarf an billigen Knechten und Mägden, die keinerlei Rechte (etwa auf Schulbildung) kannten. Erst 1921 machte Württemberg dieser schon lange als Sklaverei angeprangerten Praxis ein Ende, indem es die Schulpflicht auch für Ausländer gelten ließ. Dass die beteiligten Regionen dieses dunkle Kapitel ihrer Geschichte gemeinsam aufarbeiteten, war überfällig, aber nur mühsam zu konkretisieren: Erst ein Puzzle aus alten Dorfchroniken und letzten Zeitzeugenberichten ließ Umfang und Ausprägung des Schwabengehens deutlich werden. Neben der Wolfegger Dauerausstellung gibt es einige weitere Museen, die sich dem Thema widmen (siehe www.schwabenkinder.eu).
Mit dem iPod ins Elend
Nur wenige Exponate, wie die Stiefel, ein Gemälde eines Marktplatzes oder ein Bündel, das die Kinder mitschleppten, verankern die Wolfegger Schau in der »objektiven« Wirklichkeit. Der Rest sind von den historischen Forschungen unterfütterte, aber letztlich fiktive Schicksale von acht Kindern, die den Besuchern individuell über Audioguides vermittelt werden. Hierfür stehen 50 iPods zur Verfügung, die an den vier Stationen der Ausstellung aktiviert werden. Kinder aus den betreffenden Herkunftsregionen haben die Berichte gesprochen, sodass ein authentischer Eindruck entsteht.
Die vier Stationen widmen sich den Themen Heimat, Weg, Markt und Alltag. Die Architekten »verpackten« sie in vier Boxen auf dem Dachboden der mächtigen mittelalterlichen Zehntscheuer, dem Eingangsgebäude des Bauernhausmuseums. Ihr Inneres ist allein durch frei stehende Stützen gegliedert und eignet sich darum für Veranstaltungen aller Art. So findet hier jährlich ein gutes Dutzend Hochzeitsfeiern statt. Damit die ins OG entrückte Ausstellungsebene abseits der Besucherströme auch gefunden wird, durchbricht eine weitere Box die Decke. Dieser karge Treppenturm lockt die Besucher über ein subtiles Formenspiel. Zu ebener Erde ist ein Multifunktionsmöbel integriert, das einerseits als Empfang und Kasse dient, anderseits auch als Anrichte für die Bewirtschaftung genutzt werden kann. Da es auf Rollen steht, lässt es sich komplett in den Treppenturm hineinschieben, wo sodann auch die dort integrierte Küchenzeile hinter der einheitlichen grauen Fichtenschalung verschwindet.
Raue Schale, blauer Kern
Ist die umgebende Scheune knorrig und krumm, so überrascht der Einbau mit Präzision und Finesse: Die Einbauten sind nicht in Glas und Stahl, wie man das seit Karljosef Schattners Vorbild hinreichend kennt, sondern ebenfalls in Holz ausgeführt (was bei einem Gesamtbudget von einer halben Million auch eine Kostenfrage war). Den Kontrast schaffen Textur und Farbgebung des Holzes sowie eine schmale Fuge zwischen Alt und Neu.
Das Äußere der Boxen ist hellgrau lasiert und scharfkantig. Ihr Inneres leuchtet in Hellblau, der Leitfarbe des hiesigen Schwabenkinderprojekts, das auch an Stellwänden und Medienmaterial verwendet wird. Es stehe für den Himmel, der die Kinder in der Fremde an die Heimat erinnert, heißt es. Jedenfalls zieht das Treppenhaus den Besucher so in seinen Bann – auch wenn die Tünche wenig ätherische Assoziationen an Schwimmbäder durchaus aufkommen lässt. Man durchläuft beim Hinaufsteigen eine Art farbiger Gehirnwäsche und wird en passant auf eine Zeitschiene gesetzt, die das Phänomen Schwabengehen verfolgt. Oben angelangt, lassen sich die Themenstationen gut überblicken. In loser Folge stehen die mal länglichen, mal eher kubischen Boxen auf der Tenne aufgereiht. Vor dem Einstieg und auch am Schluss geht der Blick hinaus ins Freilichtmuseum, wo die überflüssig gewordenen bäuerlichen Bautypen der Gegend hübsch versammelt sind. Auch in einem dieser Gebäude findet sich übrigens die Kammer eines »Schwabenkindes«.
Im Innern der Boxen sind mal Monitore angebracht, mal senden Beamer Bilder von der Decke herab. Der Kindermarkt wird durch die Schattenrisse der Bauern auf weißem Tuch und eine Geräuschkulisse simuliert, den Alltag auf der Wiese beim Vieh (man nannte die Schwabenkinder auch Hütekinder) macht ein künstlicher Himmel atmosphärisch greifbar, auf den wechselnde Licht- und Wettersituationen projiziert werden. In der Heimat-Box verströmen Schindeln, Schwarten und Scheithölzer als einziges Zugeständnis ans Regionale heimelige Stimmung, während ansonsten preiswerte MDF-Platten, lackiert oder beschichtet, den Hintergrund für den eigentlichen Kern der Ausstellung bilden: auf den iPod-Monitoren ablaufende, auf das jeweilige Raumthema abgestimmte Geschichten.
Neue Wege statt Nachahmung
Frei nach dem Motto »Laptop und Lederhosen« wagt die Präsentation also den Spagat zwischen Tradition und neuen Medien. Direktor Stefan Zimmermann will weg vom verstaubten Image des Heimatmuseums und zielt mit den iPods auf ein jüngeres Publikum. Im Wettbewerb sei das Konzept von VON M Architekten das einzige derart abstrakte und medienbasierte gewesen. Wenn draußen in den Bauernhäusern so viel authentisches Anschauungsmaterial vorhanden sei, könne die Sonderausstellung damit nicht konkurrieren und müsse neue Wege gehen. In den wiedererrichteten Höfen des Museums dürfen die Besucher im Rahmen von »Praxismodulen« typische Armeleute-Gerichte kochen oder auf Strohsäcken schlafen. Hier oben bleibt die Vermittlung der ohnehin dünnen Erkenntnislage abgehoben.
Dass durch die individualisierte Medienführung jeder Besucher allein bleibt und kein Austausch mit anderen Besuchern möglich ist, nimmt das Konzept in Kauf – man kennt diesen Autismus ja inzwischen von allen großen Museen der Welt. Von der Technik überforderte Besucher hat der Direktor dann auch noch nicht bemerkt. Auch Vandalismus war bislang kein Thema. Abnutzungserscheinungen sind bereits zu beobachten, erscheinen dem »armen« Gegenstand aber durchaus angemessen, zumal die Lebensdauer einer solchen »Dauer«-Ausstellung im Allgemeinen ohnehin nur auf 5-10 Jahre angelegt ist.
Die Gästebücher für die acht fiktiven Schwabenkinder am Ende der Ausstellung sind mit rührenden Botschaften und Kommentaren schon gut gefüllt – das Konzept scheint demnach anzukommen. Auch die Besucherzahlen im ersten Jahr geben dem Direktor Recht: Von 70 000 im Jahr 2011 stiegen sie auf 94 000 in der vergangenen Saison.
Dies mag aber auch mit der Brisanz des Themas zu tun haben. Das Schwabengehen sei im kollektiven Gedächtnis der Region durchaus noch präsent, meint Direktor Zimmermann. Viele Familien verbinden damit persönliche Schicksale, und auch aus den Partner-Regionen in Österreich und der Schweiz kämen Menschen herüber, um zu sehen, wie die Nachkommen der einstigen Dienstherren mit dem Thema umgehen. Die Gegenüberstellung von archaischem Gegenstand und hochtechnischer Vermittlung eröffnet dafür offenbar einen gangbaren Weg, welcher Identifikation, Einfühlung, Sich-Wundern erleichtert, ohne plump und sentimental daherzukommen. Dies ist kein Themenpark, kein Ort des Gruselns, wo man sich am Elend Anderer weidet. Eher sind die vier Boxen simple »Wunder-Kammern« der Armut.
Ein moralisches Urteil scheut die Schau indes. Gut möglich, dass daran immer noch die Agrarlobby Anteil hat, die in der Region durchaus mächtig ist. Heute kommen die Saisonarbeitskräfte nur von weiter her, aus Osteuropa, sind aber nach wie vor ziemlich rechtlos. Das Museum lädt heute auch Vertreter von Amnesty International, die auf das immer noch akute Problem der Kinderarbeit hinweisen dürfen, zu Führungen ein. Wer nach dem Rundgang durch den blauen Treppenschacht hinabtaucht, bekommt als Abschluss der Zeitschiene mit auf den Weg, dass heute weltweit schätzungsweise 215 Mio. Minderjährige bezahlte Kinderarbeit leisten. •
~Christoph Gunßer
1963 geboren. Architekturstudium in Hannover, Stuttgart und den USA. Büropraxis. 1989-92 Assistenz am Institut für Städtebau, Wohnungswesen und Landesplanung, Universität Hannover. 1992 -97 in der Redaktion der db. Seit 1998 als freier Fachautor tätig.
  • Standort: Vogter Straße 4, 88364 Wolfegg
    Bauherr: Bauernhaus Museum Wolfegg
    Architekten: VON M, Stuttgart; Myriam Kunz, Dennis Mueller, Matthias Siegert
    Mitarbeiter: Grit Ruschinzik (Projektleitung Architektur), Simon Schaller (Projektleitung Medien), Charlotte Eller
    Tragwerksplanung: Schmid Tragwerksplanung, Ravensburg
    Künstlerische Leitung: Herbert Moser, Ravensburg
    Nutzfläche: 595 m²
    Baukosten: 280 000 Euro (inkl. Nebenkosten)
    Bauzeit: Januar bis März 2012; Eröffnung: 23. März 2012
    Auszeichnung: CommAward 2012 »Der Raum« in Gold
  • Beteiligte Firmen:
    ausführende Firma: Holzbau Strobel, Ebenweiler, www.holzbau-strobel.com
    Bretterschalung: Franz Habisreutinger, Weingarten, www.holzbau-strobel.com
    ausführende Firmen Innenflächen: Ganter Interior, Waldkirch, www.holzbau-strobel.com; Schreinerei Skowronski, Bad Waldsee
    Projektionen u. a.: GMK Medientechnik, Filderstadt, www.holzbau-strobel.com

VON M
Matthias Siegert
Ausbildung an der HfT Stuttgart und der KTH Stockholm. Mitarbeit bei Semarang, Indonesien, Auer + Weber, Stuttgart, Hans Klumpp, Aichtal, und Bottega + Erhardt, Stuttgart. Seit 2011 Professur an der Hochschule Pforzheim, Fakultät für Gestaltung. 2004 Gründung Büro VON M.
Myriam Kunz
Ausbildung an der Hochschule für Design und Medien, Hannover, und der Leeds Metropolitan University (GB). Mitarbeit bei Hugo Boss im Shop Construction Department. Seit 2007 Partner im Büro VON M.
Dennis Mueller
Ausbildung an der HfT Stuttgart und ETH Zürich. Mitarbeit bei Hartwig N. Schneider Architekten, Stuttgart. Seit 2008 Partner im Büro VON M. 2009-11 Wissenschaftliche Mitarbeit am Karlsruhe Institute of Technology.