Gesicht bewahrt

Wohnhaus in Stuttgart

Bis zu 25 % der Kosten, die bei der Modernisierung von Altbauten anfallen, erstattet die Stadt Stuttgart sanierungswilligen Eigentümern. Der Zuschuss wird jedoch nur gewährt, wenn bestimmte Auflagen eines umfangreichen Maßnahmenkatalogs – der auch nicht vor dem Verpacken historischer Klinkerfassaden Halt macht, – erfüllt werden. Es sei denn, der Architekt hat eine bessere Idee und die Behörden sind kooperativ: »Straßenbildprägende Fassade« hieß die Zauberformel, die ein Gebäude in Heslach, im Sanierungsgebiet »Stuttgart 22«, vor der Thermohaut rettete und eine behutsame, angemessene Sanierung ermöglichte.

  • Architekten: VON M
    Tragwerksplanung: IB Seiler
  • Kritik: Iris Darstein-Ebner
    Fotos: Dennis Mueller
Auf den ersten Blick sieht das Haus Nr. 175 in der Böblinger Straße wie ein sehr gut erhaltenes Gründerzeitgebäude aus. Im Vergleich zu seinem Nachbarn wirkt es gepflegt. Nur die neuen Fenster fallen auf. Dass das viergeschossige Gebäude aus dem Jahr 1897 jedoch eine energetische und umfängliche Sanierung hinter sich hat, vermutet kaum jemand. Der Betrachter steht keiner tot modernisierten, seelenlosen Fassade gegenüber, vielmehr einer sehr lebendigen, aus hellen und dunkleren Steinen zusammengesetzten Wandoberfläche.
Sehr behutsam wurde hier vorgegangen, die Fassade ohne chemische Zusätze gereinigt, beschädigte Klinkersteine durch artgleiche, alte Steine ersetzt, Risse im Mauerwerk mit Restaurierungsmörtel überarbeitet. Der neu modellierte Sandsteinsockel zeigt den Unterschied zum unsanierten Nachbarn mit seiner bröckelnden Basis noch am deutlichsten. Auch die schadhaften Sandsteingesimse wurden neu erstellt und ausgetauscht. Alle ersetzten Teile sind dabei so gearbeitet, dass sie sich wieder diskret ins Gesamtbild einreihen und nicht grob von den erhalten gebliebenen alten Elementen abheben – auch nicht von den Fenstergewänden, die trotz Schäden bleiben durften.
Wenn der Architekt Dennis Mueller, Partner im Büro VON M, Bekannten das sanierte Haus zeigt, macht er sich schon auf eine Frage gefasst: »Und was habt ihr da jetzt gemacht? Man sieht ja gar nichts!« Diese Aussage versteht er, zu Recht, als Kompliment. Was nötig war, wurde getan, doch nicht alles, was hätte unternommen werden können, ist auch ausgeführt worden. Mueller propagiert den behutsamen Umgang mit alter Bausubstanz, wie er ihn auch bei anderen Projekten seines Büros immer wieder pflegt. Bauliche Eingriffe dienen der Sache, nicht dem ungebremsten Gestaltungswillen der Planer. »Loslassen«, sagt er, sei wichtig bei einem Bauvorhaben wie diesem. Dies sei zwar nicht immer einfach, aber notwendig, denn es gelte, das Vorhandene zu optimieren und es nicht sogar zu zerstören.
Sinnvolle Alternativen
Beim Gründerzeithaus B 175 war schnell klar, dass – neben unverzichtbaren, energetischen Maßnahmen – der Schwerpunkt einer sinn- und stilvollen Sanierung auf dem Erhalt der Fassade liegen musste. Eine außenliegende Dämmung kam nicht in Frage, auch wenn diese ein Baustein des von der Stadt vorgegebenen Maßnahmenkatalogs für die finanzielle Förderung darstellt. Wie aber konnten dennoch die städtischen Zuschüsse in Höhe von 25 % der Baukosten in Anspruch genommen werden? In vielen langen, konstruktiven Verhandlungen mit der Baubehörde wurde der kulturgeschichtliche Wert der »straßenbildprägenden Fassade« des Hauses herauskristallisiert – mit der Konsequenz, dass das historische Aussehen des Hauses nun sogar zwingend erhalten werden musste. So gelang es, die gesamte Fassade vor dem Verpacken zu bewahren. Nicht einmal eine innenliegende Dämmung wurde den Planern auferlegt, dafür aber andere förderungswürdige Maßnahmen fixiert, etwa der Einbau denkmalgerechter Elemente wie beispielsweise Denkmalschutzfenster (mit zeitgemäßem u-Wert). Ohne den Vollwärmeschutz konnte zwar kein Gesamtnachweisverfahren nach EnEV erfolgen, die zurzeit geltenden Energieeinsparwerte wurden aber über Einzelmaßnahmen erreicht und durch entsprechende Bauteilnachweise belegt. Der Primärenergiebedarf ließ sich um 45 % von vorher 308 auf heute 171 kWh/m2a senken. Originalfenster wie die im Treppenhaus konnten restauriert und mit dahinter liegenden neuen zu isolierenden Kastenfenstern ergänzt werden, eine gut gedämmte Tür ersetzt nun das alte Hausportal. Außerdem wurde die Kellerdecke mit mineralischen Dämmplatten bekleidet und die Decke über dem Mansardgeschoss mit einer gedämmten Aufdoppelung gegen das Kaltdach abgeschirmt. Hinzu kam der Einbau von Steinwolle zwischen Außenwand und innenliegender Holzkassette in den Brüstungsbereichen sowie eine innenliegende Dämmschicht und Dampfbremse vor den Sandstein-Zwischenpfeilern der Doppelfenster.
Am Dach wurde nichts verändert, lediglich die Schieferplatten bekamen eine vorsichtige Reinigung. Heizungs-, Lüftungs-, Sanitär- und Elektroinstallationen sind hingegen vollständig neu und tragen wesentlich zur energetischen Optimierung bei. Ein neuer zentraler Wärmeerzeuger mit Brennwerttechnik wurde als Ersatz für die Gasetagenheizungen eingebaut und neue Heizkörper angebracht. Im Zuge noch bevorstehender gestalterischer Baumaßnahmen am Dach sind Solarkollektoren projektiert, die zukünftig die Warmwasserbereitung unterstützen sollen, ein ausreichend großer Solar-Wasserspeicher steht bereits im Keller. Den von den Behörden von Anfang an geforderten zehnprozentigen Einsatz regenerativer Energien stellt zertifiziertes Bio-Gas sicher, mit dem der Gas-Brennwertkessel derzeit betrieben wird.
Insgesamt beliefen sich die Umbaukosten auf rund 300 000 Euro. Für die Einzelmaßnahmen konnte die Bauherrin neben den städtischen Fördermitteln noch einen zinsgünstigen Kredit der KfW in Anspruch nehmen, was die Investitionen unterstützte.
Feinfühliger Umbau
Auch bei den Veränderungen im Gebäudeinnern wurde mit professionellem Verständnis für die Architektur der Entstehungszeit und mit viel Feingefühl gearbeitet. Vor den Umbaumaßnahmen wurde vorsichtig Schicht für Schicht rückgebaut, um möglichst wenig Schaden an der originalen Bausubstanz zu verursachen. Nach dem Rückbau folgte die Dokumentation aller schützenswerter Bauteile und deren Einarbeitung in den Gesamtentwurf. Während die Architekten in den vermieteten Dreizimmerwohnungen im EG und 1. OG keine Grundrissveränderungen vornahmen und nur die Toiletten zu Tageslicht-Duschbädern umgestalteten, ging es den von der Bauherrin bewohnten beiden oberen Etagen deutlicher an die Substanz: 2. OG und Mansardgeschoss wurden zu einer Maisonettewohnung zusammengefasst. Dort hatten in der unteren Ebene frühere Renovierungen wenig Originaldetails übrig gelassen und die Entscheidung für eine offene Grundrissgestaltung mit fließenden Raumübergängen fiel darum leicht. Die tragenden Wände wurden entfernt und die Lasten über neu eingezogene Stahlträger in der Decke abgefangen. Das Sonnenlicht durchflutet die Etage nun ungehindert von Ost nach West. Raumhohe Möbeleinbauten, von den Außenwänden abgerückt, gliedern die 50 m2 große Fläche in Wohnbereich, Küche und Garderobe, in die auch der geländerlose, schmale Treppenaufgang integriert ist. Als eigenständige Bauteile lösen sich die Quader vom Bestand, der durchgehende Boden aus geölten Eichenholzdielen bindet die Räume als Einheit zusammen. Die Außenwände sind als zusammenhängende, umlaufende Fläche erlebbar und mit einem kargen, hellen Gipsputz versehen, um zurückhaltend anderen Details den Vortritt zu lassen. In Verlängerung der homogenen, exakt vom Schreiner eingepassten Küchenzeile wurde die Toilette in einem Schrankkabinett untergebracht. Das strahlende Gelb seines Innenlebens ist ein überraschender Farbakzent in der sonst in warmem Weiß gehaltenen Wohnung.
Das Mansardgeschoss ergänzt das Raumprogramm mit Galerie, Arbeitszimmer und Schlafzimmer um weitere 50 m2. Die vorgefundene Raumeinteilung blieb hier erhalten, die ehemalige Küche wurde zum Badezimmer umgebaut und ihr Terrazzoboden restauriert – ebenso wie die historischen Kassettentüren und Türzargen. Besonders schön ist eine freigelegte historische Deckenbemalung im Arbeitszimmer, die wie ein Fenster den Blick in eine lang vergangene Epoche frei macht. So behutsam wie die alten Bauteile saniert wurden, so bewusst achtete man auch bei den neuen Elementen auf eine zurückhaltende Konzeption. Sie verbinden sich zu einer gelungenen Architekturcollage, die das 19. Jahrhundert und die Jetztzeit nebeneinander gleichberechtigt bestehen lassen.
Auf die Frage, was denn – nun, nachdem das Werk vollendet ist – vielleicht doch noch hätte besser gemacht werden können, antwortet Dennis Mueller kurz: »Nichts«. Klar und ehrlich, wie die Architektur, für die er verantwortlich zeichnet. Ich kann das verstehen: So müssen gelungene Sanierungen aussehen. •
~Iris Darstein-Ebner
1967 geboren. 1994 Architektur-Diplom in Karlsruhe. Mitarbeit in Architekturbüros. 1996–2011 Tätigkeit als Fachzeitschriften- und Fachbuch-Redakteurin u. a. bei AIT, xia intelligente architektur und kraemerverlag Stuttgart. Seit 2011 Text und Gestaltung für Architekturkommunikation in Fachzeitschriften. Fachbücher, Öffentlichkeitsarbeit für Architekten. Lebt in Stuttgart.
Standort: Böblinger Straße 175, 70199 Stuttgart
Bauherr: Carolin Schoettle
Architekten: VON M, Stuttgart; Myriam Kunz, Dennis Mueller, Matthias Siegert
Tragwerksplanung: IB Seiler, Stuttgart
BGF: 484 m² (Nutzfläche: 300 m²)
BRI: keine Angaben
Primärenergiebedarf: 171 kWh/m2a (zuvor 308 kWh/m2a)
Baukosten: 300 000 Euro
Bauzeit: Januar 2011 bis Februar 2012
Beteiligte Firmen:
Denkmalschutzfenster: PaX, Ingelheim, www.pax.de
Retro-Schalter »Serie 1930«: Berker, Schalksmühle, www.berker.com
Feinsteinzeug-Mosaik-Fliese: CINCA, Fiães VFR, www.cinca.pt
Steinwolle-Dämmung: DEUTSCHE ROCKWOOL Mineralwoll GmbH,
Gladbeck, www.rockwool.de
Dämmung Kellerdecke mit Holzwolle »Tektalan«: KNAUF, Simbach am Inn, www.knaufinsulation.de
Gipsputz »Rotband«: Knauf Gips, Iphoven, www.knauf.de
Arbeitsplatte Küche »BLANCO SteelART«: BLANCO, Oberderdingen,
Zimmermann: Nikel, Bühlerzell
Trockenbau/Stukkateur: Ammann, Stuttgart
HLS: Fluhr, Stuttgart
Elektro: Grodke, Stuttgart
Steinmetz: Schönfeld, Stuttgart
Fenster: Kalmbach, Calw
Fliesenleger: Lisowski, Waibingen
Treppenbelag: Günther, Schwäbisch Hall
Maler: Lenz, Stuttgart
Parkettleger: Schwallach Fußbodentechnik, Remseck, www.parkett-schwallach.de
Tischler: Seibold Innenausbau KG, Stuttgart, www.seibold-stuttgart.de
db-Ortstermin
Am 8. Dezember laden wir Sie ein, gemeinsam mit dem Architekten die Dachgeschosswohnung in Stuttgart zu besichtigen. Anmeldungen unter: www.db-bauzeitung.de/ortstermin

VON M
Matthias Siegert
Ausbildung an der HfT Stuttgart und der KTH Stockholm. Mitarbeit bei Semarang, Indonesien, Auer + Weber, Stuttgart, Hans Klumpp, Aichtal, und Bottega + Erhardt, Stuttgart. Seit 2011 Professur an der Hochschule Pforzheim, Fakultät für Gestaltung. 2004 Gründung Büro VON M.
Myriam Kunz
Ausbildung an der Hochschule für Design und Medien Hannover und der Leeds Metropolitan University (GB). Mitarbeit bei Hugo Boss im Shop Construction Department. Seit 2007 Partner im Büro VON M.
Dennis Mueller
Ausbildung an der HfT Stuttgart und ETH Zürich. Mitarbeit bei Hartwig N. Schneider Architekten, Stuttgart. Seit 2008 Partner im Büro VON M. 2009-11 Wissenschaftliche Mitarbeit am Karlsruhe Institute of Technology.