»Bellevue di Monaco«

Wohn- und Kulturzentrum für Geflüchtete in München

Viel Kampfesmut, Zähigkeit und Fleiß hat es gebraucht, bis im Juni vergangenen Jahres das »Bellevue di Monaco« eingeweiht werden konnte: ein Wohn- und Kulturzentrum für Geflüchtete im Zentrum Münchens, untergebracht in drei Bestandsbauten, deren bereits geplanter Abriss durch ein Bündnis engagierter Bürger gestoppt wurde.

Architekten: *hirner & riehl architekten und stadtplaner
Tragwerksplanung: LEICHT

Kritik: Klaus Meyer
Fotos: Regina Recht

Das Beste kommt zum Schluss. Es ist der Bolzplatz, der auf dem Flachdach des Kopfgebäudes an der Müllerstraße entstehen soll. Mit ihm wird das Projekt »Bellevue di Monaco« seinen krönenden Abschluss finden. Wann die Hausbewohner und ihre Nachbarn über den Dächern der Münchner Innenstadt Fußball spielen können, lässt sich allerdings noch nicht genau sagen. Aber die Genehmigung ist erteilt, und die Planungen sind im Gange. Matthias Marschner, Partner im Büro *hirner & riehl architekten, spricht von einer filigranen Holzkonstruktion, die man dem Gebäude aufzusetzen gedenkt. »Es wird der bautechnisch anspruchsvollste Teil des Projekts sein«, sagt er. Der Architekt weiß, wovon er spricht. Er hat für das Bellevue di Monaco nicht nur Pläne gezeichnet, sondern auch Wände eingerissen, Bäder verfliest, Fenster abgedichtet, Heizkörper geschrubbt. Marschner gehört zu den Aktivisten, die das Wohn- und Kulturzentrum für Geflüchtete, das unweit von Viktualienmarkt und Gärtnerplatz im schönen, teuren Glockenbachviertel liegt, erkämpft und aufgebaut haben. Er war von Beginn an dabei.

Anfangs ging es noch nicht um die Flüchtlingsunterbringung, sondern eher um kritische Fragen zur Stadtentwicklung. Sollten alle innerstädtischen Restflächen mit Neubauten überzogen werden? Lassen sich heruntergekommene Bestandsgebäude im Stadtzentrum revitalisieren? Und muss der Bestand immer dem herrschenden Zeitgeist entsprechend modernisiert werden? Im Herbst 2012 standen diese Fragen im Zentrum eines heftigen Streits, der München weit über die Fachwelt hinaus beschäftigte. Den Anlass gaben Neubaupläne der Stadt: Ein Ensemble von drei Altbauten sollte einem Komplex von Sozialwohnungen weichen. Vom Abriss bedroht waren ein grün verputztes, sechsgeschossiges Wohnhaus aus den 50er Jahren, ein direkt daran anschließendes viergeschossiges Stadthaus aus dem 19. Jahrhundert sowie das dazugehörige Werkstattgebäude im Hinterhof. Verschwinden sollte auch der Bolzplatz an der Flanke des grünen Quaders – doch den Verlust dieses kleinen Spiel- und Freiraums wollten die Anwohner nicht hinnehmen. Mit medienwirksamen Protesten – und gemeinsam mit Bastian Schweinsteiger – stritten sie für ihre Interessen und setzten sich am Ende durch: Der Bolzplatz konnte bleiben. Die Neubaupläne waren damit jedoch noch nicht vom Tisch. Im Gegenteil. Der Stadtrat stufte die Bestandsgebäude nun endgültig als sanierungsunfähig ein und beschloss den Abriss.

Suffizienz statt Effizienz

»Tatsächlich waren die Häuser in einem traurigen Zustand«, sagt Marschner. Man hatte sie verwahrlosen lassen und entmietet. Die maroden Balkonbrüstungen des 50er-Jahre-Baus, einst schmucke Gliederungselemente der Fassade, verbreiteten einen düsteren Bretterbudencharme. »Nach gültigen Maßstäben war hier tatsächlich nichts mehr zu machen«, so der Architekt. »Schon die Kosten für Brandschutz und thermische Sanierung hätten sich kaum rechtfertigen lassen. Hinzu kamen die nicht mehr zeitgemäßen Grundrisse. So etwas passt heutzutage in kein Förderschema mehr.« Führt in solchen Fällen kein Weg am Neubau vorbei? Marschner ist skeptisch, gerade auch im Hinblick auf die eigene Zunft. »Wir produzieren viel zu oft einfach nur Sondermüll«, sagt er. »Deshalb müssen wir beim Bestand anders denken.«

Ausbessern statt erneuern, bewahren statt abreißen, Suffizienz statt Effizienz: Das war die Maxime der Protestbewegung, die sich nach dem Abrissbeschluss von 2013 formierte, um den stiefmütterlichen Umgang der Stadt mit ihren verrottenden Liegenschaften anzuprangern. Mit von der Partie waren Kabarettisten und umtriebige Unternehmer wie der Impresario Till Hofmann, die mit witzigen Aktionen für Aufsehen sorgten. Furore machte die fiktive Immobilienfirma »Goldgrund«, mit der die Aktivisten unter dem satirischen Motto »Die Zukunft Münchens – Wir müssen spekulieren« gegen die Degradierung der Stadt zur Handelsware ins Feld zogen. Man renovierte klammheimlich eine Wohnung, filmte sich dabei und veröffentlichte das Video auf Youtube. Der Clip zeigt Pinsel schwingende Gorillas, die sich am Ende als prominente Münchner Bürger entpuppen. Die Gorilla-Aktion machte Schlagzeilen und gab letztlich den Ausschlag für das Einlenken des Stadtrats, der den Abrissbeschluss im Januar 2015 zurücknahm. Blieb die Frage, was mit den Gebäuden anfangen. Die Antwort ergab sich im Zuge der Flüchtlingskrise vom Spätsommer wie von selbst: Stadt und Aktionsbündnis kamen überein, dass die Häuser jugendlichen Geflüchteten als Unterkunft dienen sollten. Im Winter schließlich gründete das Bündnis die Sozialgenossenschaft »Bellevue di Monaco«, erwarb das Erbbaurecht und lud sieben Architekturbüros zum Wettbewerb für Sanierung und Umbau der Gebäude ein. Den Zuschlag bekamen *hirner & riehl. »Wir wollten den Umbau unter Einbeziehung der Geflüchteten realisieren und dazu unsere guten Kontakte zu den lokalen Handwerksbetrieben nutzen.« Die Vorstellung ging dahin, interessierte Jugendliche in Arbeitspraktika so vorzuqualifizieren, dass sie danach eine reguläre Ausbildung beginnen konnten. Die Umsetzung der noblen Idee erforderte letztlich viel Engagement und Geduld von allen Beteiligten. »Viele Jugendliche sind abgesprungen, doch andere haben ihre Chance genutzt und tatsächlich eine Lehre absolviert«, sagt Marschner, der das Programm insgesamt als gelungen bewertet.

Was den Bau selbst angeht, so lautete die Devise: So viel erhalten, wie irgendwie geht. Dazu zwang allein schon das schmale Budget von nur rund 2,7 Mio. Euro. Die Fenster wurden aufgearbeitet, die Terrazzoböden ausgebessert und anstatt die Bäder komplett neu zu verfliesen, wurden Fliesen nur dort ergänzt, wo es nötig war. Statt die maroden Balkonbrüstungen ganz zu entfernen, versah man die bestehenden Stahluntergestelle mit neuen Aluminiumblenden. Statt die Fassade neu zu verputzen, reinigte man sie nur. An einigen Stellen erzwang das vorgesehene Raum- und Nutzungsprogramm größere Eingriffe. In den Wohngeschossen des grünen Kopfbaus etwa wurden jeweils zwei Wohneinheiten zu einer zusammengefasst, und die Zufahrt zur ehemaligen Tiefgarage, die heute als Werkstatt dient, wurde mittels einer hölzernen Stufenkonstruktion in eine Arena verwandelt.

Fast noch mehr Arbeit machte die Sanierung der alten Giebelhäuser. Erst nachdem sicher war, dass die rund 140 Jahre alten Balkendecken in Ordnung waren, fiel der Startschuss für die Modernisierung. Zu den aufwendigsten Maßnahmen gehörte die Installation der Heizungsanlage und die Renovierung des Treppenhauses. Die Hinterhofwerkstatt, ursprünglich Firmensitz eines Textilbetriebs, wurde zum Veranstaltungs- und Verwaltungszentrum mit zwei Sälen und etlichen Büros umgebaut.

Spätestens seit der offiziellen Eröffnung im Juni 2018 ist das »Bellevue di Monaco« ein Kristallisationspunkt und Kraftzentrum der linksliberalen Kulturszene Münchens. Im Eckhaus Müllerstraße 2 leben junge Geflüchtete in betreuten Wohngemeinschaften, im Wohnhaus Müllerstraße 4 sechs Flüchtlingsfamilien. Im Hinterhaus in den Kulturräumen finden Seminare, Konzerte, Lesungen, Sprachkurse und Podiumsdiskussionen statt. Als Tor zur Stadt dient das für alle Bürger offene Infocafé. Ausgestattet ist es mit Stühlen und Tischen, deren Produktion sich einem sozialen Möbelprojekt verdankt, das Matthias Marschner und der Designer Michael Geldmacher gemeinsam mit Geflüchteten und Designstudenten der Hochschule München verwirklicht haben. Die Stahlrohrmöbel fügen sich perfekt in die vom Geist der 50er Jahre geprägte Architektur ein. Alles wirkt schlank, leicht, unkompliziert, unprätentiös und optimistisch. Der Unterschied zu den von Angst vor Einbruch, Einblick, Feuer, Wärme- und Steuerungsverlust geprägten Bauwerken von heute springt ins Auge. Die Bewahrung dieser anschaulichen Qualitäten ist ein Segen.

Grundriss EG: *hirner & riehl architekten und stadtplaner, München
Grundriss 1. OG: *hirner & riehl architekten und stadtplaner, München
Grundriss 2. OG: *hirner & riehl architekten und stadtplaner, München

  • Standort: Müllerstraße 2-6, 80469 München

Bauherr: Sozialgenossenschaft Bellevue die Monaco, München
Architekten (inkl. HLS-Planung und Außenraumgestaltung): *hirner & riehl architekten und stadtplaner, München
Mitarbeiter: Matthias Marschner (Projektleitung), Clarissa Weidinger,
Sofia Coelho, Isabell Schleicher
Tragwerksplanung: LEICHT Structural engineering and specialist consulting, München
Bauphysik, Brandschutzplanung: LEICHT physics, München
BGF: 2 569,40 m²
BRI: 7 838 m³
Baukosten:1,9 Mio. Euro (ohne Bolzplatz)
Bauzeit: November 2016 bis Mai 2018
Akustik-Holzdecken: Lignotrend, Weilheim-Bannholz, www.lignotrend.com


Unser Kritiker Klaus Meyer (links) zeigte sich beeindruckt vom Engagement des Architekten Matthias Marschner – und vom unkomplizierten Miteinander von Migranten und Einheimischen, das im Café des »Bellevue di Monaco« seinen schönsten Ausdruck findet.


*hirner & riehl architekten und stadtplaner

Matthias Marschner

1992-96 Architekturstudium an der FH München. 1996-2000 Mitarbeit in zwei New Yorker Architekturbüros, 2002-03 in einem Büro in Barcelona.
2001-02 Mitarbeit bei hirner & riehl, seit 2004 erneut, seit 2016 als Büropartner.