Park am Gleisdreieck (Westpark) in Berlin

Urbane Wiesen

Im Mai 2013 öffnete der Westteil des »Parks am Gleisdreieck« als Ergänzung des bereits im September 2011 eingeweihten Ostparks. Urbane Lebendigkeit und ruhiges Grün gehen hier eine gelungene Liaison ein, der jedoch zu häufig die Verbindung zur Umgebung fehlt.

  • Landschaftsarchitekten: Atelier LOIDL
  • Kritik: Carsten Sauerbrei Fotos: Julien Lanoo
Ortstermin Berlin, Schöneberger Ufer, Februar 2014. Am Nordeingang zum Westpark tost der Verkehr auf der viel befahrenen Uferstraße am Landwehrkanal. Richtung Norden geht der Blick zum dort anschließenden Tilla-Durieux-Park und den Hochhäusern am Potsdamer Platz. Nach Süden weitet sich die Sicht auf die 9 ha große Fläche des Westparks, der damit nur gut halb so groß ist wie sein östliches Pendant (s. db 03/2012, S. 24). Beide Parkteile wurden vom Berliner Atelier LOIDL gestaltet, Sieger des 2005 durchgeführten landschaftsplanerischen Wettbewerbs rund um den U-Bahnhof Gleisdreieck. Auf dem einstigen Bahngelände entwickelte sich nach dem Zweiten Weltkrieg und der Einstellung des Bahnverkehrs eine urbane Wildnis aus Überresten der Eisenbahnnutzung und Spontanvegetation. Bereits in den 90er Jahren wurde der im letzten Jahr fertiggestellte Westteil großflächig durch den Bau unterirdischer Bahntunnel und durch die Nutzung als Logistikfläche für die Baustelle des Potsdamer-Platzes überformt.
Asphalt und Wildstauden
»Der urbanste Teil der Gesamtplanung« sei hier entstanden, so Felix Schwarz vom Atelier LOIDL bei der Parkbesichtigung. Dazu trägt der heute ebenerdige Zugang bei, entstanden durch das Abtragen des einstigen, 4 m über Straßenniveau liegenden Plateaus aus den 90er Jahren. Aber auch die westliche Randbebauung sowie die andauernde Präsenz des Bahnverkehrs mit den oberirdisch verlaufenden, zwei U-Bahnlinien und den ein- und ausfahrenden Zügen am Tunnelmund der Fernbahn bringen städtische Lebendigkeit in den Park hinein.
Viel Urbanität, wenig Park ist dann auch der allererste Eindruck am nördlichen Eingang. Eine große Fläche aus schwarzem, geschliffenem Walzasphalt lädt weniger zum Verweilen als zum schnellen Durchqueren ein. Eine Sparzwängen zum Opfer gefallene »XXL-Bank sollte hier ursprünglich auch Ruhe ermöglichen – neben der Förderung von Bewegung, die zweite Intention der Parkgestaltung.
Wohltuend grüner und auch ruhiger wird es anschließend am Beginn der leicht ansteigenden inneren Rasenfläche, der »Grünen Pause« – so das Motto der Gesamtplanung. Hier wird das gemeinsame Grundkonzept beider Parkteile gut sichtbar: das Zusammenspiel eines äußeren Rahmens aus Baumhainen und Strauchpflanzungen als Übergang zur Stadt und der inneren Weite, bestehend aus intensiv genutztem Sport- und Spielrasen sowie extensiv gepflegten Salbeiwiesen. Diesem Bild folgend fasst entlang der Ostseite ein ›
› dichter Hain aus Eichen, Kiefern und Birken den Freiraum. Im westlichen Randbereich dagegen, rückt die Stadt mit z. T. sechsgeschossiger Bebauung bis auf wenige Meter an den Park heran. Gleich einem Vorgarten findet sich dort ein Streifen mit lockerem Baumbestand sowie Blüh- und Wildstauden.
Gestörte Verbindungen
Urbanität soll auch die Materialität der Parkwege vermitteln. An der Ostseite entlang verläuft das Hauptwegeband in Nord-Süd-Richtung mit insgesamt 6,50 m Breite. Es ist in einen 4,50 m breiten, dunkelgrauen Streifen für die schnelle Querung gegliedert – abschnittsweise aus Walzasphalt oder Betonwerkstein – sowie einem 2 m breiten Ortbetonstreifen für langsamere Besucher. Die beabsichtigte Trennung der Geschwindigkeiten funktioniert in der Praxis jedoch bisher nicht, wie einige Stürze von Radfahrern an der abgerundeten Kante des ca. 3 cm hohen Versatzes zwischen den beiden Wegeflächen zeigen. Deshalb wird die in Berlin Schlagzeilen produzierende »Stolperfalle« nunmehr abgedeckt und durch ein trennendes Holzgeländer ergänzt. Die Gestaltung des flachen Wegebands in Grautönen ohne Höhendifferenzierung, mit einem kaum zu erkennenden Besenstrich auf den Betonoberflächen, erscheint, verglichen mit dem Ostpark, wenig attraktiv. Dort verwendeten die Planer kräftige Rottöne, der Besenstrich ist sorgfältiger ausgeführt und am Rande der Wiesen werden die Parkwege zu Sitzstufen. Im Westteil hätten – anders als im Ostpark – die historischen Anknüpfungspunkte in Form von Ziegelmauern gefehlt und mit den Grautönen sollte ein neutraler Rahmen für die heterogene Randbebauung entstehen, so die Erklärung der Planer. Zudem hätten Zeitdruck und schlechtes Wetter die Arbeiten an den Betonflächen behindert.
Schwerer als die nüchterne Anmutung der Wegbeläge wiegt jedoch das Fehlen von Anschlüssen an die umgebenden östlichen Stadtteile und zum Ostpark. Während am westlichen Parkrand genügend barrierefreie Eingänge vorgesehen werden konnten, existiert an der Ostseite lediglich ein Zugang. Da der zudem über ein zukünftiges Baufeld verläuft, blieb er bisher unmarkiert und ungestaltet. Versäumt wurde der Einbezug der jetzt fehlenden Verbindungen bereits im Vorfeld der Planungen von der Berliner Verwaltung bei den Verhandlungen mit den Grundstückseigentümern. Auch die einzige Verknüpfung mit dem Ostpark leidet unter diesen Versäumnissen der Stadt. In der Parkmitte, gleich hinter dem nördlichen U-Bahn-Viadukt schlängelt sich hierzu ein nur 4 m schmaler Asphaltstreifen in engen Kurven eingeklemmt zwischen Baufeldern und Bahngleisen entlang. ›
Neuinszenierung
Attraktiv gestaltet und sehr gut in das Bestehende eingebunden zeigen sich die sogenannten Aktionsfelder – Flächen für Sport und Spiel. Den größten Teil, für die intensivere sportliche Betätigung, haben die Planer zentral in der Parkmitte, rund um das nördliche U-Bahn-Viadukt platziert. Auf grünen Gummi- bzw. Asphaltflächen wird vor dem Hintergrund der verklinkerten Viaduktpfeiler rege geskatet, Streetball gespielt oder auf Trampolinen und Klettergerüsten geturnt. Allerdings ließe sich über die Farbwahl trefflich streiten. Bei den ausgewählten, blassen Grüntönen vermissen einige Besucher sicherlich einen belebenden Kontrast zu den angrenzenden Rasenflächen. Andere finden vielleicht gerade daran Gefallen, weil so, wie von den Landschaftsarchitekten beabsichtigt, die große innere Wiesenfläche scheinbar ununterbrochen durchläuft.
Gelungen, mit einer sinnlichen Formensprache in die Gestaltung einbezogen, präsentiert sich anschließend auch der schwierige Bereich des Tunnelmunds der Fernbahn. Die in Richtung Süden ansteigende Fläche fassen Cortenstahlwände und inszenieren sie dadurch als Hochplateau mit zusätzlichem Ausguck. Mit einer großen, hölzernen Abtreppung an der Westseite und einer Holz-Stahltreppe gegenüber ist gleichzeitig eine attraktive Abkürzung für Fußgänger entstanden. Die Abtreppung, eine große Sitzstufenanlage aus Lärchenholz, und die davor liegende Sandfläche bilden eine Art Abendsonnendeck mit Stadtstrand und Ausblick über die weite Lichtung der »Schöneberger Wiese« – sicherlich einer der schönsten neuen Orte im Park.
Westlich, jenseits der Spiel- und Liegewiesen schließen sich seit Langem bestehende, in die Parkplanung einbezogene, Kleingärten an. Diese sollten zunächst dringend benötigten Sportplätzen weichen. Als Gegenleistung für den Erhalt ihrer Kolonie verpflichteten sich die Kleingärtner, ihr Areal für die Parkbesucher zu öffnen. Heute führen Spazierwege über das Gelände, und in der Mitte der Anlage ist ein intimer, gepflasterter »Marktplatz« als reizvolle Mischung aus bewussten Entscheidungen der Planer und informeller Gestaltung der Kleingärtner entstanden.
Schade nur, dass der südliche Teil der Kolonie ungestaltet blieb und wenige Meter hinter dem südlichen U-Bahn-Viadukt der Park insgesamt in Sackgassen endet, obwohl Übersichtskarten und Ankündigungen des Berliner Senats bisher anderes versprachen. So bleibt, bei allen neu entstandenen attraktiven Teilräumen, der Westpark bis auf Weiteres ein Fragment, dem v. a. eine bessere Anbindung an die angrenzenden Quartiere gut getan hätte. •
  • Standort: Yorckstraße, 10963 Berlin Bauherr: Land Berlin, vertreten durch die Grün Berlin Stiftung Landschaftsarchitekten: Atelier LOIDL, Berlin; Leonard Grosch, Bernd Joosten, Lorenz Kehl Mitarbeiter: Felix Schwarz, Andreas Lipp Bauleitung: Breimann Bruun Simons, Landscape Engineering, Berlin Wassermanagement: Müller Kalchreuth, Planungsgesellschaft für Wasserwirtschaft, Berlin Tragwerksplanung: ifb frohloff staffa kühl ecker, Berlin Energie-, Lichtplanung: Ingenieurbüro I. Acker, Berlin Nutzfläche gesamt: 36 ha, davon 19 ha Westpark Bauzeit Westpark: Oktober 2011 bis Mai 2013 Gesamtbaukosten: ca. 12 Mio. Euro, davon 4,5 Mio. Euro Westpark
  • Beteiligte Firmen: Betonwege und -bänke: GBL • GÖDDE-BETON, Wadersloh, www.goedde-beton.de Asphaltbeläge: Otto Kittel, Berlin, www.otto-kittel.de Sportplatzbeläge: Polytan (für Otto Kittel), Burgheim, www. polytan.de Holzbänke: Santa & Cole, Barcelona, www.santacole.com Außenleuchten: Selux, Berlin, www.selux.com Ballfangzäune: Schubert Zäune, Storkow, www.schubert-zaun.de Spielgeräte: kellner.spiel, Tabarz, www.kellner-spiel.de; FHS Holztechnik, Arnsberg-Niedereimer, www.fhs-holztechnik.de Basketballkörbe: smb, Hoppegarten, www.smb-seilspielgeraete.de Abfallbehälter: Union-FreiraumMobiliar, Kiel, www.union-freiraum.de Kiefern, Eichen, Weiden, Ölweiden: H. Lorberg Baumschulerzeugnisse, Ketzin, www.lorberg.com
1 Eingangsplatz 2 Multifunktionale Spielfläche 3 »Abendsonnendeck« 4 Spiel- und Liegewiesen 5 Übergang zum Ostpark 6 Beachvolleyball-Felder 7 Kleingärten 8 Spielplätze

Berlin (S. 32)
Atelier LOIDL Landschaftsarchitekten
Leonard Grosch
1973 in München geboren. Ausbildung zum Staudengärtner in München. Studium der Landschaftsarchitektur in Dresden, Kopenhagen und Berlin. Seit 2003 Mitarbeit im Atelier Loidl, seit 2006 als Partner.
Bernd Joosten
1966 in Viersen geboren. Lehre als Landschaftsgärtner in Deutschland und den Niederlanden, 1994 Meister. Studium der Landschaftsarchitektur in Berlin. Seit 1996 Mitarbeit im Atelier Loidl, seit 2005 als Partner.
Lorenz Kehl
1964 in Heide geboren. Ausbildung zum Landschaftsgärtner in Tellingstedt. Studium der Landschaftsarchitektur in Berlin. Seit 1993 Mitarbeit im Atelier Loidl, seit 2005 als Partner.
Carsten Sauerbrei
1974 in Berlin geboren. 1995-2000 Studium der Stadtplanung/Architektur in Berlin, Dresden, Cottbus. 2000-06 Studium der Architektur an der FH Potsdam. 2011 Master Architekturvermittlung an der BTU Cottbus. Seit 2002 Architekturführungen in Berlin und Potsdam, seit 2009 freier Architekturjournalist.