db-Studentenwettbewerb für Architekturkritik: ein 1. Preis

Tonhalle Maag, Zürich

Der »Hipster« unter den Konzerthäusern
Jurybegründung:
Flüssig lesbar schildert der Text in genauer und differenzierter Sprache die gut recherchierte Vorgeschichte des Projekts, um das gebaute Ergebnis dann umfassend und detailliert zu analysieren und meinungsstark zu kritisieren. Dabei bleiben auch gesellschaftliche Fragestellungen nicht außer Acht.

Architekten: Spillmann Echsle Architekten, Zürich
Kritik: Catherine Sark (ETH Zürich)

Seit September 2017 ertönen die klassischen Klänge des Tonhalle-Orchesters nicht mehr im prunkvoll geschmückten Konzertsaal in gediegener Lage am Zürichsee, sondern in einer schlichten Holzbox im ehemaligen Industriegebiet. Ein gewagtes Experiment mit überraschenden Ergebnissen.

Bis die Umbauarbeiten der Tonhalle und des Kongresshauses am General-Guisan-Quai abgeschlossen sind (Wiedereröffnung geplant für September 2021), wird das älteste Symphonieorchester der Schweiz (1868 gegründet) in der Interimsspielstätte im Maag-Areal residieren. Auf dem ehemaligen Gelände der Werksanlagen an der Hardbrücke hat sich indes ebenfalls einiges getan: Dort, wo einst Getriebe, Pumpen und Zahnräder in lauten Hallen von emsigen Händen hergestellt wurden, erzählen heute nur noch die Gebäudehüllen von der florierenden Industrie des vergangenen Jahrhunderts. Die damals ansässigen Fabriken entschieden sich, sofern sie nicht dicht gemacht haben, ihre in die Jahre gekommenen Produktionssitze in Zürich West zu verlassen und den Betrieb in Neubauten an anderen Standorten wieder aufzunehmen. So auch die Maag AG, die sich seit Anfang der 90er Jahre in Winterthur befindet. Die nicht mehr benötigten Räumlichkeiten wurden zunehmend an verschiedene Unternehmen vermietet und mit der Jahrtausendwende kam auch ein städtebauliches Konzept für die weitere Entwicklung des Areals, das seither Schritt für Schritt umgesetzt wird. Heute wird nicht nur auf dem ehemaligen Maag-Areal, sondern in zahlreichen Industriequartieren im Kreis 5 gearbeitet, studiert und gewohnt.

In bunter Gesellschaft

Bahnhof, Gleisfelder und Schnellstraßenauffahrt, dazwischen Szenelokale, Start-ups und Familienwohnungen. Schaut man sich das Quartier um die Tonhalle Maag genauer an, so scheint es von einer Leichtigkeit geprägt, die Widersprüchliches vereint. Hier trifft eine junge, kreative Szene, beseelt vom Geist des Temporären ebenso selbstverständlich auf solide Strukturen, wie der hippe Container-Turm von »Freitag« auf das höchste High-Tech-Gebäude der Stadt, den Prime Tower. In selber Manier tritt auch die provisorische Spielstätte in der Zahnradstraße in Erscheinung, welche von den Architekten Spillmann Echsle in gerade einmal sechs Monaten realisiert wurde. Diese scheinen im Umgang mit temporären Bauten ein sicheres Händchen zu beweisen, zeigen sie sich doch ebenfalls für den genannten Flagship-Store des LKW-Planen-Taschenherstellers verantwortlich.

Die ersten baulichen Vorkehrungen erfolgten bereits 2015 im Zuge der akustischen und energetischen Gesamtsanierung der Maag-Hallen J und K sowie die stützenfreie Vorinvestition der Tonhalle. Das Dach wurde im Hinblick auf den Einbau der Interimsspielstätte bereits um einen Meter angehoben, die Baustruktur von den benachbarten Hallen entkoppelt sowie Schächte für die neu geforderten Lüftungs- und Entrauchungsanlage baulich vorbereitet. Dadurch wurden optimale Voraussetzungen für die neue Nutzung geschaffen. Das Provisorium auf dem Maag-Areal umfasst mit dem Konzertsaal auch die Härterei samt Nebenflächen als Zugang und Foyer. Die Zone zwischen der Härterei und der Eventhall im EG dient als zusätzlicher Puffer- und Verteilerraum für den Zuschauerfluss. Das Gebäude selbst wird fast unspektakulär an der Schmalseite über eine große schwarze Stahltür betreten, welche sich aufgrund der weißen Beschriftung sowie der angebrachten Öffnungszeiten gerade noch vom Lieferanteneingang unterscheidet. Im Innern wird diese Dezenz fortgeführt. Es galt, möglichst wenig von der Substanz abzuschlagen und doch eine Vielzahl von Maßnahmen zu setzen, um aus einer rohen Fabrikhalle einen geeigneten Veranstaltungsort zu machen – nach allen Regeln des Brandschutzes und der architektonischen Sorgfaltspflicht. Vorhandenes wurde behalten, jedoch in veredelter Form in die neue Funktion integriert. Der Industrieboden ist original geblieben, die teilweise gekitteten Scheiben mit den filigranen Stahlfassungen ebenfalls. Auch Rohre und Leitungen sind nach wie vor sichtbar und der Industrieschmutzhöhe wurde ein schimmernder kupferfarbener Anstrich verpasst. Garderobe und Bar aus der Zeit der Zwischennutzung als Diskothek wurden mit einer vertikalen Holzbekleidung verziert. Selbst der Spiegel im Foyer, ein Relikt schräg über der ehemaligen Tanzfläche, wurde belassen. Im Anschluss an die Empfangshalle führt ein Leitsystem die Besucher und Musiker gleichermaßen zum Herzstück des Hauses – den Konzertsaal, dessen rohe Konstruktionsweise aus Holz und Stahl sich bereits an der Außenseite zeigt.

Im Bauch des Klangkörpers

Entgegen des weit verbreiteten Weinberg-Prinzips berühmter Theater oder Konzerthäuser, wie beispielsweise in der Elbphilharmonie in Hamburg, präsentiert sich die Spielstätte des Tonhalle-Orchesters als klassischer Rechtecksaal aus schlichtem und kostengünstigem Fichtenholz. Alle Wandplatten wurden in Sichtqualität versetzt zueinander auf eine vorgängig eingebaute Stahlkonstruktion montiert. Dank der einfachen Schichtaufbauten und dem hohen Vorfertigungsgrad der einzelnen Elemente konnte der sehr sportliche Zeitrahmen für die Errichtung der Halle eingehalten werden. Zudem unterstützt das weiche Holz die Akustik im Saal. Ein etwa drei Meter großer Randbereich entlang der Saalwände bildet mit einer offenen Akustikleistenschalung Randabsorber und Installationszone. Auf den beiden Kurzseiten sind zwei Ränge angeordnet, mit darunterliegenden Lageräumen sowie die Hinterbühne. Hier setzt sich das Tragwerksraster der Längsseiten fort.

Über zwei Holztreppen gelangt man zu den seitlichen Rängen. Vorgefertigte Hohlkastenelemente bilden hier das Deckentragwerk, das über die auskragenden Stahlschwerter eingefahren ist und diese so verdeckt. Der Saal verfügt über 1224 Sitzplätze. Davon befinden sich etwa zwei Drittel im Parkett und 440 oben auf den Rängen. Der Raum wirkt mit seinen Brettschichtholzwänden und dem Eichenparkett zwar sehr minimalistisch, aber nicht kühl, roh aber nicht billig. Im Gegenteil: Das Fichtenholz verleiht ihm eine angenehme Atmosphäre ohne überflüssigen Schnickschnack. Einzig die samtbezogene, in Silberschimmer getauchte Bestuhlung lässt kurz nostalgische Erinnerungen an Prunk und Glanz des derzeit umgebauten Konzerthauses am Zürichsee aufkommen.

Wer bereits einmal ein Konzert in der Stammspielstätte des Tonhalle-Orchesters besucht hat, weiß um deren hervorragende Akustik. Dies liegt vor allem an den Dimensionen des Saals sowie dem guten Proportionsverhältnis zwischen Auditorium und Podium. Zusätzlich sorgen die vielen unterschiedlichen Baumaterialien wie Ziegel, Naturstein, Putz, Holz, Stuckatur und anderes üppiges Dekor für einen diffusen Klang. Das heißt, die Töne mischen sich gerne und ›langweilen‹ sich nicht. Für die Interimsspielstätte galt es daher, einen annährend so lebendigen Raumklang zu erreichen, wie in der Tonhalle am See. Deswegen wurden hierfür keine Kosten und Mühen gescheut und für die Akustik kein geringerer als Karlheinz Müller, einer der renommiertesten Konzerthaus-Akustiker weltweit beauftragt. Durch die fein abgewinkelt angeordneten wand- und raumseitig konvex gewölbten Deckenpaneele wurden die rechten Winkel im Saal gebrochen, damit sich der Schall optimal ausbreiten kann. Die gestülpte Anordnung der Brettschichtholzplatten verleihen dem Saal nicht nur eine spezielle Optik, sondern auch einen hervorragenden Raumklang. Dazu tragen auch die 48 konkaven Deckenreflektoren bei, die zwischen den Stahlrippenträgern der neuen Dachkonstruktion angebracht sind. Diese Deckenpaneele sind im Grunde nichts anderes als das Dekor in der Stammspielstätte und haben akustisch eine ähnliche Wirkung wie beispielsweise die barocken Rundungen von Engelchen und Putten. Bei leisen Konzerten oder bedämpften Akustikverhältnissen kann die etwas geringere Nachhallzeit durch ein elektronisches Raumakustik-System verlängert werden, welches den Klang aufnimmt und mit etwas mehr Hall an den Innenraum zurücksendet. All diese Maßnahmen lassen den Saal selbst zu einem einzigen Klangkörper werden.

Gebäude mit Zukunft?

Drei Dinge stehen fest. Erstens: Eine hochwertige Interimsspielstätte während des Umbaus der Stammspielstätte war nötig. Denn ohne diese wäre das Orchester vermutlich kaum in dieser qualitätvollen Zusammensetzung bestehen geblieben. Zweitens: Der temporäre Standort der pragmatischen Holzkiste in Zürich West ist genau richtig. Die altehrwürdige Tonhalle kann mit ihrer neobarocken Architektur in gediegener Lage und dem ebenso gediegenem Publikum durchaus Schwellenängste erzeugen. Das Provisorium im Maag-Areal schafft es auf ganz unkonventionelle Art, bidirektional die bürgerliche Kultur in den pulsierenden Kreis 5 zu bewegen sowie eine neue, junge Zielgruppe erfolgreich anzusprechen. Die seit der Eröffnung fast jeden Abend restlos ausverkauften Konzerte sprechen für sich. Drittens: Das 10 Millionen CHF teure Substitut wird aufgrund des Immobiliendrucks früher oder später abgerissen. Eigentümerin des Maag-Areals ist momentan die Swiss Prime AG, welche wohl eher nicht am Erhalt der Spielstätte interessiert ist. Die einzige Möglichkeit, das Konzerthaus zu behalten, wäre, wenn die Stadt Zürich die Immobilie erwerben könnte. Noch ist ungewiss, was mit der Interimsspielstätte passieren wird. Vielleicht wird der Tonhalle Maag ein ähnliches Schicksal zuteil wie dem Freitag Tower: Dieser wurde 2006 ebenfalls als Provisorium für ein paar Jahre gedacht, und steht heute immer noch standhaft an der Hardbrücke und ist wohl nicht mehr wegzudenken.


  • Standort: Zahnradstraße 22, CH-8005 Zürich

Bauherr: Tonhalle-Gesellschaft, Zürich
Architekten: Spillmann Echsle Architekten, Zürich
Holzbauingenieur: Pirmin Jung Ingenieure, Rain
Holzausführung: STRABAG
Bauleitung: exent, Hüttwilen
Akustikplanung: BBM Akustik Technologie, Mühlheim an der Ruhr
Lichtplanung: Caduff & Stocker Lichtplanung, Urdorf
BGF: 5 500 m²; Konzertsaal: 975 m², Bühne: 185 m²
Sitzplätze: EG: 784, OG: 440
Baukosten: 9,5 Mio. CHF
Bauzeit: 2017 (6 Monate)


Die Kritikerin Catherine Sark empfindet die Standortwahl der Tonhalle Maag im Kreis 5 als einen gelungenen Schachzug, allerdings wirkt die Interimsspielstätte im Gegensatz zum alten Konzerthaus von Fellner und Helmer auf sie so pragmatisch wie ein Ingenieursbau.