Tierklinik in Hannover

Tierisch komplex

Das neue Klinikum der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover versteht sich als erster, städtebaulicher Baustein eines neuen Campus. Als besondere Herausforderung galt es, die Anforderungen aller Nutzer – Studierende, Mediziner, Patienten, Tierpfleger und Forscher – unter einem Dach zu vereinen und dabei eine anspruchsvolle Architektur zu realisieren. Diese kommt verhältnismäßig unaufgeregt daher, setzt aber in ihrer Funktionalität und mit dem neuesten Stand der Technik im Bereich Tiermedizin europaweit Maßstäbe.

  • Architekten: Heinle, Wischer und Partner Tragwerksplanung: Wetzel & von Seht
  • Kritik: Hartmut Möller Fotos: Nico Herzog, Olaf Mahlstedt
Die Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover (TiHo) wurde 1778 als Königliche Roß-Arzney-Schule gegründet. 1887 zur Hochschule erhoben, gilt sie als älteste eigenständige veterinärmedizinische Lehrstätte Deutschlands und genießt auch international ein hohes Renommee. Bereits 1956 entstand der Wunsch nach einer Verlagerung vom Standort Bischofsholer Damm in den südlich gelegenen Stadtteil Kirchrode, verbunden mit stetigen Ankäufen dortiger Flächen. Platzmangel und veraltete Technik in der bisherigen Unterkunft gaben schließlich den endgültigen Ausschlag für die Planung einer neuen An-lage. Das neue Areal umfasst mittlerweile rund 32 ha. Da die Berliner Architekten Heinle, Wischer und Partner über umfangreiche Erfahrung sowohl mit Bauten für das Gesundheitswesen als auch für die Wissenschaft, Forschung und Lehre verfügen, erfolgte eine Direktbeauftragung des Büros nach VOF-Ver- fahren. Die Verwandtschaft zwischen Human- und Tiermedizin ist dabei gar nicht so abwegig, wie man zunächst vielleicht vermuten würde. Tatsächlich entspricht der Standard des Tierklinikums weitgehend dem eines Kranken- hauses für Menschen. Der 45 Mio. Euro teure Neubau, finanziert je zur Hälfte vom Land Niedersachsen und dem Bund, beherbergt auf fast 20 000 m² drei autarke Einrichtungen: die Klinik für Heimtiere, Reptilien, Zier- und Wild- vögel sowie die Kliniken für Kleintiere und die für Pferde. Neben spezifischen Untersuchungs-, Behandlungs-, Pflege- und Verwaltungsräumen enthalten sie 13 Operationssäle, vier Hörsäle sowie CT- und MRT-Diagnoseeinrichtungen.
DREI KLINIKEN, EIN HAUS
Der 167,5 m lange und 11,5 m hohe Institutsriegel stellt in der idyllischen Umgebung eine markante Zäsur dar. Ein gut 2 m tiefer, vollverglaster Einschnitt im Baukörper verweist auf den Eingang. Westlich des Foyers ›
› gelangt der Besucher in die Klinik für Kleintiere, die 104 Hunde und 42 Katzen aufnehmen kann. Zur Stressreduktion sind im Gegensatz zum Altbau nun sowohl Wartezonen als auch ihr stationärer Aufenthalt räumlich voneinander getrennt: Die Unterbringung der Hunde geschieht wegen der notwendigen Auslaufmöglichkeiten ebenerdig, Katzen werden im 1. OG behandelt. In drei eigens vorgehaltenen Zimmern mit Liegesesseln können deren Besitzer übernachten.
Östlich der Eingangshalle schließt sich die Klinik für Heimtiere, Reptilien, Zier- und Wildvögel an. Offene Volieren im 2. OG geben sie bereits akustisch von ferne zu erkennen. Etliche Decken der Klinik mussten mit einem Gitterrost verhängt werden, da neugierige Papageien sonst wohl den technischen Vorrichtungen wie Lüftungsauslässen, Kabeln usw. den Garaus machen würden.
In der Mitte des Komplexes befinden sich, um allen Kliniknutzern kurze Wegstrecken zu ermöglichen, die gemeinsam genutzten Bereiche wie etwa Radiologie, Nuklearmedizin oder der große Hörsaal. In der nördlich gelegenen Pferdeklinik wurden die ebenerdigen Wege kreuzungsfrei vom Kfz-Verkehr und den Hundewegen gehalten, um auch den Pferden unnötigen Stress zu ersparen. Auf einer Vortrabbahn im Außenbereich kann ihr Lauf kontrolliert werden. Da für diese Analyse des Gangs eine 100 % ebene Fläche notwendig ist, sind die Pflastersteine in diesem Bereich nicht wie auf der übrigen Freifläche mit leichtem Gefälle verlegt, sondern völlig plan – was den Verlegerbetrieb konsequenterweise dazu veranlasste, die (immerhin noch durch ein Vordach geschützte) Fläche aus der Gewährleistung auszuklammern. Bei den Operationssälen ist eine Trennwand mit einem breiten Fenster ausgestattet mit einem breiten Fenster ausgestattet, so dass Studenten und Pferdebesitzer gleichermaßen dem OP-Geschehen folgen können. Besonders beeindruckend ist das deckengeführte Schienensystem, das mittels eines Spezialkrans den durchgängigen Transport der Tiere vom Ablegen über die Operation bis zur Aufwachbox gestattet. Die Erschließungswege der 55 stationären Boxenplätze können bei Bedarf voneinander getrennt werden, um das Risiko einer Übertragung von Krankheitserregern durch das Personal zu vermindern. Ohnehin ist nun, gegenüber der Ursprungsanlage, das Prinzip der sogenannten Schwarz-Weiß-Trennung ein großer Pluspunkt: Es stellt sicher, dass kranke Tiere räumlich von gesunden getrennt sind und so nicht nur Infektionsketten unterbrochen werden, sondern auch die psychische Belastung und Erregung minimiert wird. Völlig gesunde Tiere gibt es in dieser Klinik auch: Hauseigene Beagle müssen u. a. für Blutspenden jederzeit zur Verfügung stehen. Für diese permanent anwesenden Hunde müssen die Ausläufe deutlich höheren Ansprüchen genügen als die der Kurzzeitpatienten, z. B. muss ihnen zumindest auf einer Seite der Blick nach außen gewährt werden.
Schwierige MATERIALWAHL
Es ist naheliegend, dass die Materialwahl bei einem solchen Projekt zu einer recht komplexen Angelegenheit wird. Die verwendeten Baustoffe orientieren sich an den unterschiedlichen Erfordernissen der einzelnen Kliniken. Mechanische Belastbarkeit, Reinigungsfähigkeit zur Sicherstellung des hygienischen Standards und Fragen des Alterungsprozesses standen bei der Erstellung des Material- und Farbwahlkonzepts im Vordergrund.
Straßenseitig gibt sich der Bau über drei Geschosse mit Verblendmauerwerk aus Klinkern sowie Fensterbändern in Pfosten-Riegel-Konstruktion urban. Durch die abfallende Gebäudehöhe entsteht ein fließender Übergang zum dahinter liegenden Landschaftsraum. Im EG setzt sich hier das Klinkermauerwerk als Trittschutz für die Pferde fort, im OG wechselt das Material zwischen einer hinterlüfteten Holz- und einer Metallkassetten-Fassade und löst so die kompakte Baumasse in einzelne Module auf. Die Verwendung von Zedernholz, Eiche und Klinker drängt sich in der ländlich geprägten Region geradezu auf; schade, dass die vermutlich aus Kostengründen verwendete Blechverkleidung ein wenig den Architekturcharme der 80er Jahre versprüht. ›
› Sowohl Institutsriegel als auch anschließende Untersuchungs- und Behandlungsbereiche wurden als Stahlbetonskelett ausgeführt und folgen einem Konstruktionsraster von 1,20 m und einem Stützenraster von 7,20 m. Die Trennwände der Pferdeställe bestehen aufgrund ihrer hohen Belastung aus Betonfertigteilen. Insbesondere die Auswahl der Bodenbeläge hat Jürgen Kreimeyer vom hauseigenen Dezernat für Liegenschaften und Technik als besonders spannend in Erinnerung. »Für jede Tierart bietet sich ein anderer Untergrund als beste Lösung an. Doch die Reinigung der Oberfläche steht dabei leider oft im Widerspruch zur geforderten Haftung.« Und natürlich spielt auch die Eignung für das Personal eine nicht unwesentliche Rolle.
Sowohl die Böden in der Kleintierklinik als auch in der Heimtier-/Vogelklinik wurden in Epoxidharz erstellt und mit Noppenstruktur versehen. Im Bereich der Pferdeuntersuchung sollen genoppte Gummimatten den Aufenthalt für die Pferde angenehm gestalten, die Aufwachboxen wurden komplett mit einem Gummibelag ausgekleidet, geliefert von einer darauf spezialisierten Firma. Denn ein über 500 kg schwerer Koloss verlangt dem Material eine hohe Strapazierfähigkeit ab; andererseits muss es aber auch weich genug sein, damit sich das Pferd in seinem benommenen Zustand nicht verletzt. Zudem gewährleistet der raue Belag dem Tier ein eigenständiges Aufrichten und ist dabei dennoch gut zu säubern.
ANGEMESSENE EMPATHIE
Auf den ersten Blick wirkt das Gebäude wenig eindrucksvoll, aber gerade spektakuläres Gehabe wäre an dieser Stelle vollkommen deplatziert. Heinle, Wischer und Partner zeigen, dass sich Baukunst nicht zwangsläufig durch formale Gesten auszeichnet. Vielmehr besticht das Objekt durch unaufgeregte, aber angemessene Lösungen einer ungewöhnlichen Bauaufgabe. Da für Tierkliniken keine konkreten DIN-Vorschriften existieren, mussten planungsrelevante Erkenntnisse aus der Humanmedizin, aus Tierhaltungsvorschriften und in enger Abstimmung mit den genehmigenden Behörden, Nutzern und Fach- kollegen gewonnen werden. Der fehlende Dialog zum Patienten ›
› wurde durch intensive Zusammenarbeit von Planern, Ärzten und Klinikpersonal kompensiert, um den speziellen Bedürfnissen der einzelnen Spezies gerecht zu werden. Diese besondere Herausforderung haben die Architekten offensichtlich mit Einfühlungsvermögen und Sorgfalt gelöst. •
  • Standort: Bünteweg 9, 30559 Hannover Bauherr: Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover Architekten: Heinle, Wischer und Partner, Berlin Verantwortlicher Partner: Christian Pelzeter Mitarbeiter: Thorsten Brabandt, Tom Buge, Katja Döpke, Silvia Forster-Golm, Petra Hoffmann, Johanna Jörn, Bernhard Knape, Sabine Kuhn, Anja Köllner, Andrea Trachbrodt, Anja Weinreich, Christian Wischalla Tragwerksplanung: Wetzel & von Seht, Berlin Haustechnik: Scholze Ingenieurgesellschaft, Berlin Elektroplanung: Taube + Goerz, Hannover Medizintechnik: Hospitaltechnik Planungsgesellschaft, Krefeld Landschaftsarchitekten: Irene Lohaus, Peter Carl, Hannover Baugrundgutachten: Schnack & Partner, Hannover BGR: 19 481 m² BRI: 81 212m³ Baukosten: 45 Mio. Euro Bauzeit: Mai 2007 bis April 2010
  • Beteiligte Firmen: Böden mit Epoxydharzbeschichtung, Oberfläche mit Noppenstruktur (u. a. in Kleintierklinik, Klinik für Heimtiere, Vögel und Reptilien): »Disboxid 963«, Caparol, Ober-Ramstadt, www.caparol.de Gummimattenbelag u. a. in Untersuchung und Behandlung Pferdeklinik, Boxen Pferdestall: Agro-Norm, Zofingen, www.caparol.de Spezialgummibelag Aufwachboxen: Linatex, Yateley, www.caparol.de Kautschukböden u. a. in Laboren, Röntgenbereich: »noraplan logic«, nora systems, Weinheim, www.caparol.de Wandfliesen in OP-, Untersuchungs- und Behandlungsräumen: »Plural plus 2« /»Chroma II«, Agrob Buchtal, Alfter-Witterschlick, www.caparol.de Pferdestalltüren und -stallfenster: Hau, Neuler, www.caparol.de
db-Ortstermin: Für den Nachmittag des 29. April laden wir Sie ein, gemeinsam mit der Projektarchitektin und einem Bauherrenvertreter die Tierklinik und ihre Bewohner zu besuchen. Anmeldung bis 31. März unter: www.db-ortstermin.de
A Klinik für Kleintiere B Klinik für Heimtiere, Reptilien, Zier- und Wildvögel C Klinik für Pferde D Gemeinsame Bereiche
1 Aufnahme/Foyer 2 OP, Untersuchung, Behandlung, Unterricht 3 Hörsaal 4 Kleintiergehege 5 Therapie- und Diagnostikhalle 6 Wirtschaftshof 7 Reitplatz 8 Vortrabbahn 9 Pferdestallungen 10 Vorfahrt Entladehof 11 Labore 12 Büros 13 Volieren, Terrarien

Hannover (S. 14)

Heinle, Wischer und Partner
Christian Pelzeter
1960 in Freiburg geboren. 1988 Diplom in Architektur an der Technischen Universität Berlin. Seit 1995 Gesellschafter von Heinle, Wischer und Partner GbR.
Hartmut Möller
1975 geboren. Architekturstudium in Oldenburg und Praxissemester bei SITE/James Wines in New York. 2002 Mitorganisation der Ausstellung »Die Moderne als Modell« im Horst-Janssen-Museum, Oldenburg. 2003 Redaktionspraktikum bei der db. Diverse Zeitschriften- und Buchpublikationen. Lebt und arbeitet seit 2005 in Hannover.