Wohnhaus Schwarzpark in Basel

Stadthaus im Park

Mit dem Mehrfamilienhaus Schwarzpark ist dem in Basel ansässigen Architektenpaar ein unprätentiöses Meisterwerk gelungen, das einen substanziellen Beitrag zur Entwicklung des städtischen Wohnungsbaus darstellt. Die Qualität des Hauses, das sowohl in städtebaulicher Hinsicht als auch durch seine Fassadengestaltung überzeugt, liegt vor allem in den Grundrisslösungen. With the house for several families the architect couple, resident in Basle, have achieved an unpretentious masterpiece which constitutes a substantial contribution in the development of urban housing. The quality of the building, which carries conviction both in the civic planning sense as well as in the forming of its façades, lies above all in the design of the interior plans.

Text: Anton Landes

Fotos: Ruedi Walti
Seit Jahren verzeichnet die Stadt Basel eine sinkende Einwohnerzahl. Mit der anhaltenden Abwanderungsbewegung ins Umland, getragen vorwiegend vom Mittelstand, geht ein substantieller Verlust an Steuerkraft einher, der für den Stadtkanton immer mehr zu einem ernsten Problem wird. Wesentliche Ursachen dieser Entwicklung in Basel sind, wie in vielen anderen Städten auch, der verbreitete Wunsch nach einem »Haus im Grünen« und die Aussicht auf Steuerersparnis. Ein seit langem beklagter Mangel an großen, qualitativ hochwertigen Wohnungen – mit drei oder mehr Zimmern – verschärft hier zusätzlich die Situation. Grund genug für den Kanton, den Bau von gehobenem Wohnraum, mit dem wohlhabende
Bevölkerungsgruppen in der Stadt und als Steuerzahler gehalten werden können, nach Möglichkeit zu fördern. In diesem Kontext ist die vor kurzem fertig gestellte Wohnüber- bauung Schwarzpark zu sehen; erklärtermaßen soll die vom Basler Architekturbüro Miller & Maranta entworfene Anlage »die Qualitäten des Wohnens im Grünen mit den Vorteilen eines Mehrfamilienhauses« verbinden.
Der Schwarzpark, auf dessen Südspitze der Neubau steht, gehörte ursprünglich zu einem herrschaftlichen Landsitz. Er markiert die östliche Grenze des Basler Nobelquartiers Gellert und trennt es gleichzeitig vom benachbarten, eher kleinbürgerlich strukturierten Lehenmattquartier. Seit 1991 per Volksentscheid mitsamt seinem alten Baumbestand zur geschützten Grünzone erklärt, kann der Park bis auf zwei Randparzellen nicht bebaut werden. Auf einer davon befindet sich heute eine Senioren-Wohnanlage, für die andere schrieb der Kanton als Grundbesitzer 2000/2001 einen so genannten Gesamtleistungswettbewerb für ein Mehrfamilienhaus mit großen Wohnungen aus. Bei dieser Art von Wettbewerb, der in der Schweiz für umfangreiche Wohnungsbauvorhaben immer öfter zur Anwendung kommt, müssen Architekten mit einem Totalunternehmer zusammenarbeiten, der die Ausführung des Baus zu einem garantierten Fixpreis übernimmt. Das von Miller & Maranta gemeinsam mit dem Ingenieur Jürg Conzett entwickelte Projekt »Astwerk« konnte sich gegen fünf Konkurrenten durchsetzen und bis Ende letzten Jahres realisiert werden.
Der achtgeschossige Neubau mit seinen 31 Wohnungen zwischen dreieinhalb (72 m²) und sechseinhalb Zimmern (142 m²) steht an einer städtebaulich bedeutsamen Stelle. Er bildet gleichsam ein Scharnier zwischen dem noblen Gellert, dem Park und der benachbarten Siedlung mit ihren belanglosen Zeilenbauten und den Hochhausscheiben der 1960er Jahre. Während das Volumen des Gebäudes durch die Grundstücksgröße und das Bauprogramm vorgegeben war, gehört seine konkrete Gestalt zu den bemerkenswerten Leistungen der Architekten. Zwar scheint der lang gestreckte, zweifach abgeknickte Baukörper mit seiner demonstrativen Abkehr von der in den 1990er Jahren angesagten streng kubischen »Schweizerkiste« ganz im Trend der Zeit zu liegen, doch ergab sich seine ausgewogene und zugleich spannungsreiche Form nicht aus solchen, rein formalen Überlegungen. Vielmehr hieß die Zielvorgabe, von sämtlichen Wohnungen des Hauses aus einen Blick in den Park zu ermöglichen. Die dadurch erreichte städtebauliche Abgrenzung gegenüber den nahe gelegenen Hochhausscheiben war ein willkommener Nebeneffekt. Die konsequente räumliche Ausrichtung des Gebäudes auf den Park macht das Haus, wie von den Architekten intendiert, zu einem »Tor zum Gellert«.
Durch zwei gestalterische Maßnahmen gelang es, das trotz der Verformung der Baukörper noch erhebliche Volumen des Gebäudes optisch abzumildern und es in die Parksituation zu integrieren. So entschlossen sich die Architekten, das Erdgeschoss als Hochparterre auszubilden und den so entstehenden Gebäudesockel leicht einzuschnüren. An den beiden westlichen Ecken des Baus tritt der Sockel gar so weit hinter die Fassadenflucht zurück, dass eine erhebliche Auskragung entsteht. Das Haus scheint also förmlich aus dem Boden zu wachsen bzw. über dem Boden zu schweben. Wird dem Bau bereits damit viel von seiner Schwere und Blockhaftigkeit genommen, tut die Gestaltung der selbsttragenden Betonfassade ein Übriges. Besonders auffällig ist zunächst ihre filigrane und doch kräftige Gitterstruktur, die einem unregelmäßigen, vielfach variierten Raster folgt. Inspiriert vom mächtigen Astwerk der benachbarten Parkbäume – eine Assoziation, die durch die ungewöhnliche tiefbraune Lasur des Betons noch verstärkt wird – verleiht sie dem Gebäude ein hohes Maß an Transparenz und lässt es überraschend leicht erscheinen. Die Spiegelung der Bäume in den grossen Fensterflächen fördert zusätzlich die Integration des Baus in den Park. Die leicht schräg nach außen montierten Rafflamellen führen dazu, dass das Gebäude selbst bei komplett heruntergelassenen Storen nie als hermetischer Block wahrgenommen wird.
Die Erschließung des Hauses erfolgt über zwei großzügig dimensionierte, ebenerdige Eingangsbereiche, welche die ganze Tiefe des Gebäudes einnehmen und entsprechend von zwei Seiten her belichtet sind. Über eine sich trichterförmig verengende Treppe gelangt man von hier auf das Niveau des Hochparterres und in die dort beginnenden, innen liegenden Treppenhäuser, die mit der gleichen Lasur wie die Fassade gestrichen wurden. Ihre überraschende Dunkelheit und relative Enge kontrastieren effektvoll mit der hellen Großzügigkeit der Eingangshalle und machen das Bild eines mächtigen Stamms plausibel, das bei der Gestaltung Pate stand. Von einem Oberlicht nur spärlich beleuchtet windet sich die von einem schlichten Bronzegeländer begleitete Treppenanlage um ein asymmetrisch geformtes Auge nach oben. Die eigenwillige Geometrie reflektiert ihre Anordnung in den Knickachsen des Hauses.
Für die zweispännig erschlossenen Wohnungen entwickelten Miller & Maranta, inspiriert von einem großbürgerlichen Mehrfamilienhaus der klassischen Moderne in Basel, eine Grundrisstypologie, deren Kernstück die zentral gelegene, als Halle bezeichnete Flurzone bildet. Um diesen Verkehrs- und Verteilerraum herum sind, getrennt nach Tag- und Nachtbereich, die übrigen Räume der Wohnung gruppiert. An den Kopfseiten des Gebäudes liegen die großen, im Normalgeschoss fünfeinhalb Zimmer umfassenden Wohnungen. Sie verfügen über ein dreiseitig belichtetes Wohnzimmer und eine, jeweils an der Westecke des Gebäudes situierte, Loggia. Die kleineren, im mittleren Teil des Hauses liegenden Wohnungen weisen im Normalgeschoss dreieinhalb Zimmer auf. Sie verfügen ebenfalls über nach Westen ausgerichtete Loggien. Das von zwei Seiten belichtete Wohnzimmer erstreckt sich hier über die gesamte Gebäudetiefe.
Die Qualität der Wohnungen liegt aber nicht allein in ihrer grundrisstechnischen Anlage begründet; ihren Reiz machen vielmehr ganz wesentlich die raumhohen Fenster aus. Sie lassen die Wohnräume zum einen viel großzügiger wirken, als sie in Wirklichkeit sind und zum anderen den Bezug zum Außenraum. Fast unglaublich, mit welcher Intensität der Park, wenn man nur will, in den Wohnungen präsent ist. Im Wohnhaus Schwarzpark lebt man, je nach der Lage der Wohnung im Gebäude, tatsächlich unter den Bäumen, in den Bäumen oder über den Bäumen.
Bauherr: Zentralstelle für staatlichen Liegenschaftsverkehr Basel-Stadt Architekt: Miller & Maranta AG, Basel Mitarbeiter: Peter Baumberger (Projektleitung); Ines Sigrist , Patrick von Planta , Marco Husmann Tragwerksplanung: Conzett Bronzini Gartmann AG, Chur Haustechnik: Gruneko AG, Basel Elektroplanung: Hefti, Hess, Martignoni, Aarau Außenanlagen: Jane Bihr-de Salis, Kallern Nutzfläche: 4959 m² Bruttorauminhalt: 20 222 m³ Kosten: 11,7 Mio sFr Bauzeit: November 2002 bis Oktober 2004