... in die Jahre gekommen

Stadtbibliothek Trier

Die Besonderheit der Stadt Trier liegt in der einzigartigen Ansammlung bauhistorischer Zeugnisse ihrer über 2000-jährigen Geschichte. Jede Epoche hat dabei Zeichen hinterlassen. Als wichtiger und alleiniger Vertreter einer modernen Architekturauffassung nach dem Krieg führte der Gebäudekomplex der Stadtbibliothek Trier diese Tradition in die Gegenwart hinein.

Alfons Leitl zählt zu den wichtigsten Protagonisten des Neuen Bauens in Deutschland. Schon in den dreißiger Jahren kommentierte er in der »Bauwelt« Arbeiten moderner Architekten, die im Konflikt mit der nationalsozialistischen Bauauffassung standen. In der Praxis fand er nach 1950 vor allem ein umfangreiches Betätigungsfeld im Kirchenbau. Parallel dazu blieb er publizistisch tätig. Mit Franz Meunier und dem Verleger Lambert Schneider gründete er 1946 »Baukunst und Werkform«, die er acht Jahre lang, bis zur Übernahme durch Ulrich Conrads, herausgab. Seither gilt er neben Hans Eckstein als einer der wichtigsten Architekturpublizisten der Nachkriegszeit. Mit Hans Schwippert organisierte er 1949 für den Werkbund die Ausstellung »Neues Wohnen. Deutsche Architektur seit 1945«.
In seiner Zeitschrift bewirkten gezielte Beiträge eine intellektuelle Diskussion über Inhalte und mögliche Entwicklungen der modernen Architektur. Unterschiedliche Auffassungen vom Wiederaufbau der Städte ließen in jenen Jahren Grundsatzdebatten entstehen, in denen sich extreme Positionen scharf abgegrenzt gegenüberstanden. Dies zeigen der Düsseldorfer Architekturstreit oder Rudolf Schwarz’ Kritik an der Moderne mit den sich anschließenden oft leidenschaftlich geführten Streitgesprächen. Darüber hinaus informierte »Baukunst und Werkform« über Entwicklungen im Ausland. Ausgehend von England entstand Ende der vierziger Jahre im Kreis um Peter und Alison Smithson eine reformerische Bewegung der funktionalistischen Architektur, die sich in der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre mit der Begriffsbezeichnung des Internationalen Brutalismus ausbreitete.
Das Erscheinungsbild des Bibliotheksbaus entspricht den Gestaltungsprinzipien dieser Architekturauffassung. Das städtebauliche Prinzip der Verschmelzung von Funktionen, die unterschiedlichen Einheiten dienen, wurde als Gestaltungsprinzip auf die einzelne Bauaufgabe übertragen. Dabei entstehen räumlich und plastisch reich gegliederte Anlagen, für die der Begriff »cluster« geprägt wurde. Autonome und als solche ästhetisch betonte Funktionselemente werden zu einem Ganzen zusammengefügt, wobei für genau definierte Teilfunktionen spezifische Gebäudeformen gefunden werden. In diesem Kontext steht die Stadtbibliothek Trier beispielhaft für eine fortschrittliche Nachkriegsarchitektur in Deutschland.
Der Standort »An der Weberbach« grenzt an den Palastgarten, der Kulturbauten von der Spätantike, des Mittelalters und der Neuzeit verbindet. In diesem Umfeld behauptet sich der Bibliotheksbau, der heute, neben Handschriften und Buchmalereien, etwa 400 000 Bände verwaltet.
Der Gebäudekomplex besteht insgesamt aus drei unterschiedlichen Baukörpern. An den lang gestreckten, fünfgeschossigen Hauptbau ist, von der Straßenseite her, ein um zwei Innenhöfe gruppierter, eingeschossiger Vorbau angebaut, der die Erschließung des Gebäudes beinhaltet. Zum Park hin ist der Lesesaal in die Grünfläche vorgeschoben. Er ist über einen Gang mit dem Hauptbau verbunden. Baubeginn der Bibliothek war im Sommer 1956. Die Bauzeit betrug vier Jahre. Zunächst entstand der Hauptbau, der zweite Bauabschnitt umfasste den Vorbau, mit Lager- und Ausstellungsräumen (Umbau 1984 zu Vortrags- und Seminarraum) und der amerikanischen Freihandbücherei (Umbau 1984 zu Schatzkammer und Ausstellungsräumen). Zuletzt entstand 1960 der Lesesaal.
Der Hauptbau beinhaltet den Katalogsaal, Verwaltungsräume und in den Obergeschossen die Magazine. Als wirtschaftlich ergab sich die stützenfreie Überspannung der vorhandenen Regale mit einer Weite von 8,50 m.
Beim Tragwerk handelt es sich um einen Pfeilerbau aus unbewehrtem Stampfbeton von 50 x 50 cm. Die zur Bewehrung eines Stahlbeton-Skelettbaus notwendigen Stähle waren zu jener Zeit sehr knapp und damit zu teuer. Die Pfeiler stehen im Abstand von 2,60 m bei einer Geschosshöhe von 2,70 m. Sie sind in Serie hergestellt und innenseitig durch Bimsplatten gedämmt. Hohlkörperdecken sind an den Auflagern mit breiten Stahlbetonauflagern versehen und für eine Nutzlast von 5 KN/m² ausgelegt. Die Aussteifung erfolgt über zwei Innenkerne. Einflüglige 2 x 2 m große Fenster gewähren die Belüftung und Belichtung der Magazine. Ein Gitterwerk aus industriell vorgefertigten, 30 cm tiefen Betonelementen vor den Fenstern verhindert die direkte Lichteinwirkung auf die Buchbestände. Das Maßwerk aus Kreuzen und Rundöffnungen nimmt dabei den Sonnenwinkel während des großen Teiles der Ost-West-Bestrahlung innerhalb der Laibungen auf. Die Gestaltung der Längsseiten des Hauptbaus mit diesen industriellen Produkten verleiht dem Gebäude sein markantes Erscheinungsbild. Durch ihre Geometrie entsteht eine funktionale Ornamentik, die in ›
› Leitls Sinne ist, »… damit nicht das Moderne im Konformismus jegliche Differenzierung verliert und zur hohlen Form herabsinkt.«
Eine äußerst sparsame Bauausführung bewirkt seit den achtziger Jahren sukzessive Instandhaltungen. Mit der Generalsanierung des unter Denkmalschutz stehenden Gebäudes, die 2004 einen ersten Abschluss fand, wurden seit 1998 in den Bereichen Lüftungstechnik, Wärme- und Feuchtigkeitsschutz bestehende Mängel behoben. Die Fensterelemente in den Magazinen wurden innenseitig durch gedämmte Paneele ersetzt und ein Kaltdach ausgeführt. Allein die gewählte Form der Ausbildung eines Schmetterlingsdachs, das mehr den Charakter einer Aufstockung hat, wirkt sich nachteilig auf die Proportion des Hauptbaus in Bezug auf die niedrigeren Anbauten aus. Darüber hinaus findet die organische Dachform keine Beziehung zur orthogonalen Grundstruktur des Bestands. Noch wesentlicher ist, dass durch die Verwendung dieses Stilmittels, einer in den 50er Jahren weitverbreiteten, auf formale Merkmale reduzierten, belanglosen Modernität, es zu einer direkten Umkehr des ursprünglichen Entwurfs des Architekten kommt, der sich gerade gegen alle spektakulären, vordergründigen Gestaltungsabsichten zur Wehr setzte. Das Ergebnis, unterstützt durch die neue, auffällige Farbgebung des Lesesaals, führt zu einer Veränderung des ehemals harmonischen Ganzen und führt irreversibel zum Verlust der Authentizität des Bauwerks. Schade, hier wäre durch die Beachtung des baugeschichtlichen Hintergrunds gleichermaßen die notwendige Sanierung und Modernisierung als auch die Bewahrung eines für die jüngere Baugeschichte wichtigen Zeugnisses deutscher Nachkriegsarchitektur möglich gewesen. •