Was ist und wo steht die slowenische Architektur?

Slowenien und seine Architektur heute

Slowenien, eines der kleinsten Länder Europas, steht nicht im Mittelpunkt täglicher Nachrichten. In den letzten Jahren ist das Interesse an dem Land zwischen Meer und Hochgebirge aber ein wenig gestiegen, erstens, weil Slowenien mittlerweile Mitglied der EU ist, und zweitens, weil es bereits vor 17 Jahren vom Vielvölkerstaat Jugoslawien unabhängig wurde. Da die osteuropäischen Länder fälschlicherweise oft als »hinter dem eisernen Vorhang«, im »finsteren Osten« liegend abgetan wurden, ist das Wissen der westlichen Miteuropäer über unsere kulturelle Landschaft ziemlich unzureichend, was sie immer wieder überrascht, wenn sie auf die Realität treffen.

~Aus dem Englischen von Dagmar Ruhnau

Text: Tadej Glažar
Bis zum Ersten Weltkrieg teilten die Slowenen rund 400 Jahre lang eine gemeinsame Geschichte mit den Kroaten und anderen Nationen im österreich-ungarischen Kaiserreich. Dadurch konnte in Slowenien eine abwechslungsreiche Architektur entstehen, zu der zahlreiche ausländische Architekten – nicht nur aus den Ländern Österreich-Ungarns, sondern auch aus der Schweiz, Deutschland und Italien – beitrugen, indem sie in den größeren Städten wichtige Gebäude errichteten. Mitunter waren auch Berühmtheiten darunter, wie zum Beispiel Joseph Maria Olbrich, der sich an einem Wettbewerb für das Regionalparlament beteiligte, den er unglücklicherweise verlor; hingegen gewann Camillo Sitte den Wettbewerb für einen neuen Masterplan für Ljubljana – allerdings wurde dieser von Max Fabiani verwirklicht, der als erster Stadtplaner einen Doktortitel trug. Max Fabiani, der mütterlicherseits slowenische Wurzeln hatte, realisierte viele wichtige Gebäude in Ljubljana und war nach dem Ersten Weltkrieg für umfangreiche Renovierungsarbeiten in zerstörten Städten und Dörfern nahe der Frontlinie zwischen Österreich-Ungarn und Italien verantwortlich.
Slowenische Architekten studierten in Wien oder Prag, da es in Slowenien keine Universitäten gab. Der bekannteste darunter ist Jože (Josip) Plečnik. Er verantwortete einige wegweisende Gebäude in Wien, wie die erste Beton-Kirche im Kaiserreich, das Zacherl-Haus beim Stephansdom oder den berühmten Umbau der Prager Burg zum Regierungssitz für Tomas Masaryk, den Präsidenten der ersten tschechoslowakischen Republik. Nach dem Ersten Weltkrieg, als Slowenien Teil des Königreichs Jugoslawien war, wurde Plečnik einer der wichtigsten Professoren an der neu gegründeten Universität von Ljubljana und entwarf wesentliche Gebäude für die Stadt sowie das Netz öffentlicher Plätze. Viele seiner Studenten gingen ins Ausland, um praktische Erfahrungen zu sammeln, darunter sieben junge Architekten, die das Atelier von Le Corbusier in Paris wählten. Dieser schätzte Plečniks Studenten als großartige Mitarbeiter. Einer der erfolgreichsten war Edo Ravnikar, der in seinen Arbeiten sowohl Plečniks Sinn für Traditionen als auch Le Corbusiers moderne Ideen reflektierte. Er realisierte in der Wiederaufbauphase nach dem Zweiten Weltkrieg zahlreiche große Gebäude und städtebauliche Entwürfe, als Slowenien zusammen mit fünf weiteren Republiken zur Föderativen Volksrepublik Jugoslawien und später zur Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien wurde. Seine architektonische Haltung während der fünfziger bis siebziger Jahre kann als kritischer Regionalismus bezeichnet werden, mit dem er auch außerhalb Jugoslawiens erfolgreich war. So gewann er zusammen mit den jungen Architekten Stanko Kristl und Savin Sever im städtebaulichen Wettbewerb für die finnische Insel Ruissalo den dritten Preis, im städtebaulichen Wettbewerb für die Insel Tronchetto in Venedig sogar den ersten. Zu dieser Zeit kamen häufig Architekten aus dem Westen nach Ljubljana, um eine moderne Architektur zu begutachten, die fortschrittlicher und poetischer war als jene in ihren eigenen Ländern.
Viele von Ravnikars Studenten reisten durch Skandinavien und arbeiteten auch dort. Da Slowenien eins der am weitesten entwickelten Länder in Jugoslawien war, arbeiteten viele Architekturbüros an anspruchsvollen Projekten wie Flughäfen, Krankenhäusern, Universitäten und Hotels in ganz Osteuropa, Russland, Afrika und im Mittleren Osten. Das repräsentativste mag ein Auftrag für ein großes Rehabilitationszentrum in Kuwait von Stanko Kristl gewesen sein. Seine außerordentlich umfangreiche und international anerkannte Erfahrung im Krankenhausbau, seine moderne Architekturhaltung und besondere Sensibilität gegenüber islamischer Kultur führten dazu, dass arabische Bauherren ihn als nicht-muslimischen Architekten mit dem Entwurf einer Moschee beauftragten, die Teil des Zentrums werden sollte.
Aus dem Zerfall von Jugoslawien im Jahr 1991 und einer Wirtschaftskrise ging Slowenien als eins der erfolgreichsten Ländern des sogenannten »Ostblocks« hervor. Die architektonische Entwicklung durchlief sämtliche Tiefpunkte kapitalistischer Gesellschaftsentwicklung wie sie der »Westen« schon lange kannte. Doch auch unter diesen Bedingungen entstanden einige außergewöhnlich innovative Projekte, etwa das international beachtete Einkaufszentrum Baumaxx in Maribor von den renommierten kroatischen Architekten Helena und Hrvoje Njirić. Diese Projekte vereinen erfolgreich die gegenwärtig notwendige pragmatische Herangehensweise auf der einen Seite mit dem Respekt, den lokale Gegebenheiten einfordern, auf der anderen Seite. Sie stehen für eine lange und fruchtbare Zusammenarbeit zwischen Architekten beider Nationen, die auch in der kroato-slowenischen Architekturzeitschrift »Oris« widerhallt. Slowenische Architekten aller Generationen bauen nach einer 15-jährigen Übergangsphase qualitätvolle Architektur, die auf vielen Ausstellungen im Ausland gezeigt wird. Viele slowenische Architekten besuchen außerdem Aufbaustudiengänge an renommierten europäischen und nordamerikanischen Hochschulen und nehmen an Wettbewerben in aller Welt teil. Der Anteil ausländischer Architekten, die in Slowenien bauen, steigt. So entwerfen zum Beispiel Neutelings Riedijk architecten aus den Niederlanden gegenwärtig ein großes Konzert- und Opernhaus in der Innenstadt von Ljubljana. Im Gegenzug erfahren slowenische Architekturbüros Anerkennung außerhalb des Landes, wie etwa das vom Slowenen Matija Bevk und dem Montenegrino-Holländer Vaso Perović geführte Büro Bevk Perović aus Ljubljana. 2006 wurden sie Juniormitglieder der Berliner Akademie der Künste und erhielten im vergangenen Jahr die »emerging architect special mention« beim Mies van der Rohe Award. Das kürzlich veröffentlichte Buch »New architecture in Slovenia« von Matevž Čelik (Springer-Verlag, Wien) wurde zum Bestseller unter den Architekturbüchern. Was kann man sich mehr für einen jungen Staat mit gerade einmal zwei Millionen Einwohnern wünschen? •
Der Autor ist Architekt und Redakteur der Zeitschrift »Oris« in Ljubljana.