Finanzamt in Zwickau

Sensibel, ohne Samthandschuhe

Bei der Umnutzung des Gebäudeensembles der ehemaligen Ingenieurschule in Zwickau zum Sitz des Finanzamts kam nahezu das gesamte Spektrum von Maßnahmen zum Einsatz, das beim Bauen im Bestand möglich ist – vom Teilabriss über Restaurierung und Umbau bis hin zur Erweiterung. Das Zusammenspiel dieser Eingriffe in die Substanz, von dezent bis entschlossen, überzeugt.

  • Architekten: Knoche Architekten mit Neumann Architekten
    Tragwerksplanung: Ingenieurbüro Strobelt
  • Kritik: Arnold Bartetzky
    Fotos: Dietmar Träupmann, Knoche Architekten
Vor der Umnutzung zeigten sich die nördlich des Stadtkerns gelegenen, seit dem Auszug der Westsächsischen Hochschule im Jahr 2004 leer stehenden Bauten, als ein heterogenes Ensemble, in dem Glanz und Elend dicht beieinanderlagen. Das 1902/03 von Paul Dreßler errichtete, in kaiserzeitlicher Pracht schwelgende Hauptgebäude an der Lessingstraße war in weiten Teilen gut erhalten, aber durch plumpe An- und Aufbauten der DDR-Zeit entstellt. Eine sensible Restaurierung verlangte auch der nördlich andockende Ostflügel von 1927, der trotz zaghafter Anklänge an eine moderate Moderne ebenfalls noch in der Tradition des Späthistorismus‘ steht. An ihn schlossen sich zwei recht karge Erweiterungsbauten der 50er Jahre an, die den Ostflügel zusammen mit einem hofseitigen, flachen Anbau nach Norden verlängerten. Auch wenn sie nicht gerade von hohen baukünstlerischen Ambitionen zeugten, waren sie allein schon aus Gründen der Wirtschaftlichkeit und Ressourcenschonung zumindest im Kern erhaltenswert. Hinzu kam einiges an »Architekturmüll«, etwa die über das Gelände verstreuten Baracken.
Ungeachtet dieses z. T. abschreckenden Erscheinungsbilds erkannte die Oberfinanzdirektion Chemnitz in dem Areal einen geeigneten Standort für die Zusammenlegung der früheren Finanzämter Zwickau Stadt und Zwickau Land. Ein Neubau außerhalb der Innenstadt wäre sicher billiger gewesen; für das verlassene Hochschulgelände sprachen aber dessen zentrale Lage und gute Verkehrsanbindung. Eine wichtige Rolle spielte auch der Wunsch nach einer langfristigen Nutzungsperspektive für die von Verfall und früher oder später auch von Abriss bedrohten Bauten. Die Standortwahl ist damit ein Beispiel für baukulturelles Verantwortungsbewusstsein eines öffentlichen Bauherrn.
Den Auftrag für Sanierung, Umbau und Erweiterung des Ensembles erhielt im Ergebnis eines VOF-Verfahrens das Leipziger Büro Knoche Architekten, das sich mit Neumann Architekten aus Plauen zu einer Arbeitsgemeinschaft zusammenschloss. Auf Bauherrenseite wurde das Ende 2010 nach fast fünfjähriger Planungs- und Bauzeit abgeschlossene Großprojekt durch den Staatsbetrieb Sächsisches Immobilien und Baumanagement betreut.
Weiterbauen am Denkmal
Die beiden denkmalgeschützten Altbauten behandelten die Architekten mit großem Respekt und Hingabe an das Detail, aber auch mit Mut zum Weiterbauen. Sie befreiten sie von den verunstaltenden Anbauten, restaurierten, was sich restaurieren ließ, wagten hie und da aber auch, mit Zustimmung der Denkmalpflege, behutsame Eingriffe. Die durch eine Kuppel in der Mittelachse und stark vortretende Eckrisalite akzentuierte, dem Süden zugewandte Schaufassade des palastartigen Hauptgebäudes zeigt sich wieder so hoheitsvoll wie in wilhelminischer Zeit. Um den in der Mitte situierten Haupteingang samt dahinter aufsteigender Prachttreppe nicht durch raumverschlingende Rampen seiner einladenden Gestik zu berauben, verzichteten die Architekten an dieser Stelle auf Behindertengerechtigkeit. Stattdessen schufen sie einen barrierefreien Nebeneingang durch Aufweitung einer bestehenden Türöffnung und Einbau eines Aufzugs auf der Westseite des Gebäudes.
Die alten, morschen Kastenfenster aus Holz wurden durch neue ersetzt, die an der Außenhülle die Kleinteiligkeit und feine Profilierung ihrer Vorgänger wieder aufnehmen, dank moderner und robuster Innenseiten aber auch für Schallschutz, Einbruchssicherheit und Energieersparnis sorgen. Über den zwei Hauptgeschossen wurde das DDR-zeitliche, brachial aufgesetzte Dachgeschoss durch ein neues ersetzt, das sich mit seiner Schieferverkleidung in die historische Dachlandschaft einfügt, zugleich aber, etwa durch das hofseitige Fensterband, als Zutat der Gegenwart zu erkennen gibt.
Eine sterilisierende Überrestaurierung, wie sie so vielen Altbauten ihren Charme austreibt, blieb dem Hauptgebäude ebenso wie dem Ostflügel erspart. Dank bewusster Zurückhaltung bei der Reinigung des Sandsteins behielten v. a. die einen Großteil der Front einnehmenden wuchtigen Bossenquader Patina und Gebrauchsspuren. Ebensoviel Mühe und Umsicht die Architekten bei der Erhaltung von Substanz und Denkmalwirkung des Bestands verwandten, so sehr entschieden sie sich meist gegen rekonstruktives Ergänzen. Wo der Bestand zerstört war, suchten sie ihn nicht nachzuahmen, sondern ersetzten ihn durch unübersehbar zeitgenössische Formen. Ein Beispiel dafür ist die Neugestaltung des durch einen Umbau in der DDR-Zeit lädierten Hofeingangs des Hauptgebäudes, in deren Minimalismus die strenge Handschrift von Knoche Architekten zu erkennen ist. Aber auch ihre Fähigkeit zum Dialog mit dem Bestand: Der neue Rillenputz bietet eine subtile Variation der neben dem Eingang erhaltenen, feinfühlig restaurierten Wellen- und Kellenwurfputze.
Mit derart weitreichender Konservierung wie die beiden Altbauten konnten die nicht denkmalgeschützten Erweiterungsbauten aus der DDR-Zeit nicht rechnen. Doch auch hier bauten die Architekten nicht gegen, sondern mit dem Bestand. Der Kopfbau an der Kolpingstraße und der Verbindungsbau erhielten eine Außendämmung mit mineralischem Putz. Die in Hellgrau und Weiß gehaltenen Fassaden erscheinen nun noch schlichter, die Konturen der kantigen Baukörper noch schärfer als zuvor. An Stelle des abgerissenen hofseitigen Anbaus wurde dem Verbindungsriegel ein viergeschossiger Neubau vorgesetzt. Mit dem äußerst strengen Duktus seiner weißen Putzfassade, die nur durch die leicht unregelmäßige Anordnung der schmalen, hochrechteckigen Fenster belebt wird, steht er im Kontrast zum benachbarten Ostflügel von 1927, zollt diesem aber zugleich Respekt durch Einhaltung der Trauflinie und leichtes Zurücktreten aus der Bauflucht. In der Zusammenschau des gesamten, Alt und Neu kombinierenden Ensembles zeigt sich ein breites Kompetenzspektrum des vorwiegend für öffentliche Auftraggeber arbeitenden Büros Knoche, das in den letzten Jahren sowohl mit einfühlsamen Sanierungen und Umbauten im Bestand als auch mit prägnanten Neubauten hervorgetreten ist.
Einladend, aber auch gewöhnungsbedürftig
Zentraler Anlaufpunkt im Innern des Hauptgebäudes ist die vom Haupt- wie vom behindertengerechten Nebeneingang ebenso schnell erreichbare Informations- und Annahmestelle, in der sich der größte Teil des Publikumsverkehrs abspielt. Um dafür Raum zu schaffen, wurden auf beiden Seiten des hier verlaufenden Korridors die Mauern aufgebrochen. So entstand ein großzügiger Warte- und Beratungsbereich nach Art eines modernen Kundenzentrums, der der ungeliebten Behörde zu einem besseren Image verhelfen dürfte. Gleichzeitig haben die Architekten aber mit Geschick den alten, korridorartigen Raumeindruck gewahrt, indem sie die schlanken Stützen in den Mauerdurchbrüchen so eng stellten, dass sie beim Blick von einem zum anderen Raumende als nahezu geschlossene Fläche erscheinen. Ein Verlust für die Raumwirkung ist dagegen der vorgeschriebene Einbau von Brandschutztüren. Durch Leichtigkeit der Konstruktion und maximale Transparenz betrieben die Architekten hier aber geschickt Schadensbegrenzung.
Zur freundlichen Anmutung der Innenräume tragen die vorwiegend warmtonigen Farben bei, die teils von Originalbefunden abgeleitet sind, teils auf Vorlieben der Architekten beruhen. Strahlen die Wände des Hauptgebäudes in Honiggelb und Orange, so schließt die Farbpalette in den neueren Gebäuden auch Knallgrün und Pink ein. An einigen Stellen des Fußbodens blieb der alte Terrazzoboden erhalten, neu verlegt wurde ein schwarzer Gussasphalt-Terrazzo, der vielleicht nicht ganz so elegant, dafür aber angenehm weich zu begehen ist.
Im Hauptbau erfreuen vielerlei reizvolle, originale Details das Auge. Dazu gehören etwa die Treppen mit mächtigen Steinbalustraden und kunstvoll geschmiedeten, beim Umbau zum Teil ergänzten Geländern, die dem Interieur einen Hauch von Jugendstil verleihen, die Schwingtüren aus Holz mit ihren gekurvten Unterteilungen oder ein sozialistisch-realistisches Steinrelief, das Vertreter der in der Hochschule gelehrten technischen Berufe zeigt. Im ältesten Gebäude befinden sich auch die eigenwilligsten Räume wie die mit einer durchlichteten Tonne gewölbte Kantine in der ehemaligen Aula und das früher nicht begehbare Kuppelinnere, das nun durch eine neue Wendeltreppe zugänglich gemacht wurde. Die zur Entstehungszeit kühne, aber instabile Wölbung beider Räume mit dünnen Stahlbetonschalen wurde mit einer neuartigen Armierung aus Glasfasertextil verstärkt – eine denkmalgerechte Alternative zur entstellenden Stabilisierung mit Aufbeton.
In den jüngeren Gebäuden einschließlich des Neubaus finden sich, von der gelegentlich kühnen Farbgebung abgesehen, keine Extravaganzen. Die Ausstattung der Arbeitsräume ist aber in allen Teilen des Ensembles gleichwertig. Es überwiegen große Büros mit je acht Arbeitsplätzen und separaten Aktenablage- und Rückzugszonen. Schallschutzdecken, schallschluckende, textile Wandbeläge und trittschallgedämmte Fußböden verringern die Lärmbelastung, lichtstreuende Hängelampen, kombiniert mit schlanken Schreibtischleuchten, sorgen für eine angenehme, unaufdringliche Belichtung der Arbeitsplätze. Das »innovative Bürokonzept« der Oberfinanzdirektion »zur Förderung von Kommunikation und Teamarbeit« stößt mit seiner neuen Offenheit nicht nur auf Begeisterung: Die Mitarbeiter sehnen sich mehrheitlich nach den herkömmlichen Zweipersonenbüros zurück. Sollte sich das neue Arbeitsplatzkonzept auch nach Eintreten des Gewöhnungseffekts nicht bewähren, wäre dies mehr als ein Schönheitsfehler. Die Kunden aber sind und bleiben Gewinner des Projekts, das mit seiner Balance zwischen sensiblem Umgang mit Denkmalsubstanz und eigenständigem, aber dialogfähigem Neubau Maßstäbe für das Bauen im Bestand setzt. •
  • Standort: Lessingstraße 15, 08058 Zwickau
    Altbau: Ingenieurschule Zwickau (1902/03-56) von Paul Dreßler
    Bauherr: Freistaat Sachsen, Sächsisches Staatsministerium der Finanzen, vertreten durch Sächsisches Immobilien- und Baumanagement
    Architekten: Knoche Architekten, Leipzig , Christian Knoche, Gaby Kannegießer mit Neumann Architekten, Plauen, Ronny Neumann
    Projektleiter: Christoph Jopp
    Mitarbeiter: Brit Gühne, Mike Hamberger, Stefan Heinke, Roger Neumann, Christian Schlipp
    Tragwerksplanung: Ingenieurbüro Strobelt, Zwickau
    Haustechnik HLS: Brendel Ingenieure, Leipzig; MLT, Leipzig
    Haustechnik ELT: Ditas Technoprojekt, Zwickau
    Freianlagenplanung: Heinisch Landschaftsarchitekten, Gotha
    Schallschutz, Raumakustik: Ingenieurbüro für Bauphysik Dr. Blechschmidt, Zwickau
    Brandschutzkonzept: Ingenieurbüro Dataconstruct, Reichenbach
    Restauratorische Untersuchung Putze: Baudenkmalpflege Bauch, Dresden
    Restauratorische Untersuchung Gebäude: Iris Heide, Plauen
    Holzschutzgutachten: Ingenieurbüro Zippel, Limbach-Oberfrohna
    Stahlbetonuntersuchung: MFPA Leipzig, Leipzig
    BGF: 9 248 m²
    BRI: 41 431 m³
    Baukosten: 18,85 Mio. Euro
    Auswahlverfahren: März 2005
    Bauzeit: September 2006 bis Oktober 2010
  • Beteiligte Firmen: Zinkdächer, vorbewittert: Rheinzink, Datteln, www.rheinzink.de Gründach: Optigrün, Krauchenwies-Göggingen, www.rheinzink.de WDVS und Kratzputz: Schwenk, Ulm, www.rheinzink.de Porenbetonwände und Decken: Xella, Duisburg, www.rheinzink.de Fassadensystem: Wicona, Ulm, www.rheinzink.de Sonnenschutz: Warema, Marktheidenfeld, www.rheinzink.de Geschliffener Gussasphalt: Asphaltbau Schleiz, www.rheinzink.de Teppiche Boden/Wand: Carpet Concept, Bielefeld, www.rheinzink.de Linoleum: DLW Armstrong, Bietigheim-Bissingen, www.rheinzink.de Akustikputze: Scherff, Schwerte, www.rheinzink.de Schichtstoffe: Resopal, Groß-Umstadt, www.rheinzink.de Holztüren / Brandschutztüren Holz-Glas: Schörghuber, Ampfing, www.rheinzink.de Stahltüren: Teckentrup, Verl-Sürenheide, www.rheinzink.de Tür-, Fenstergriffe: FSB, Brakel, www.rheinzink.de Lichtschaltersystem: Busch Jaeger, Lüdenscheid, www.rheinzink.de Pendelleuchten Aula: RZB, Bamberg, www.rheinzink.de Pendelleuchten Flure und Wandleuchten Außenbereich: Bega, Menden, www.rheinzink.de Pendelleuchten mit Prismenraster Büros: XAL, Graz, www.rheinzink.de Wandleuchten: Glashütte Limburg, Limburg, www.rheinzink.de Blendschutzvorhänge: Creation Baumann, Langenthal (CH), www.rheinzink.de

  • Knoche Architekten
    Christian Knoche
    1959 in Düsseldorf geboren. 1979-86 Architekturstudium an der Universität Kaiserslautern. 1987-88 angestellter Architekt in Stuttgart. Seit 1989 eigenes Büro in Stuttgart. 1991-97 Lehrauftrag an der Universität Stuttgart. 1997 Professur an der Westsächsischen Hochschule Zwickau WHZ. Seit 1999 Büropartnerschaft mit Gaby Kannegiesser. Seit 2006 Büro und Wohnsitz in Leipzig.
    Gaby Kannegiesser
    1963 in Tuttlingen geboren. 1984-88 Architekturstudium an der FH Biberach. 1988-94 angestellte Architektin in Stuttgart. 1994-99 freie Mitarbeit im Architekturbüro Knoche, Stuttgart. 1995-99 Lehrauftrag an der Universität Stuttgart. Seit 1999 Büropartnerschaft mit Christian Knoche, seit 2006 in Leipzig.
    Neumann Architekten
    Ronny Neumann
    1967 in Rodewisch/Vogtl. geboren. Facharbeiter als Maurer. 1986-91 Architekturstudium an der TU Dresden. Seit 1991 Architektengruppe Neumann + Partner in Neustadt/Vogtl., ab 1994 Niederlassung in Dresden. 1994-2000 Lehrauftrag an der Staatlichen Studienakademie Glauchau. Seit 1997 Freier Architekt mit Bürositz in Werda/Vogtl. 2004 Architekturpreis des BDA Sachsen in Arge mit Knoche Architekten.
    Arnold Bartetzky
    1965 geboren. Studium der Kunstgeschichte in Freiburg, Tübingen und Krakau. Seit 1995 Mitarbeit am Geisteswissenschaftlichen Zentrum Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas in Leipzig. Lehraufträge an den Universitäten Leipzig und Jena. Freie Mitarbeit für die FAZ. Publikationen zur Architektur und politischen Ikonografie von der Renaissancezeit bis zur Gegenwart.