1983-1987

Seniorenwohnhäuser in Berlin

Unweit der Berliner Mauer, an der Köpenicker Straße in Kreuzberg entstanden 1987 als IBA-Projekt die Seniorenwohnhäuser von Otto Steidle und Siegwart Geiger. Damals wie heute ist eine großzügige Eingangshalle mit ihren Erschließungsrampen nicht nur barrierefreier Zugang, sondern auch ein Ort der Begegnung und Kommunikation.

  • Architekt: Otto Steidle mit Siegwart Geiger, Peter Böhm, Alexander Lux, Roland Sommerer
  • Text: Carsten Sauerbrei
    Fotos: Verena von Gagern, Thomas Koy
Wer kennt es nicht, das berühmte Musical über Berlin – »Linie 1«. Seine Handlung hat ihren Ausgangspunkt am U-Bahnhof »Schlesisches Tor«, im alternativen Kreuzberg der 80er Jahre. In diesem Umfeld von Leerstand, Mauer und Hausbesetzerszene gewinnt 1982 Otto Steidle ein Einladungsverfahren mit Bürgerbeteiligung mit dem neue Wohnformen im Alter erprobt werden sollten. Heute ist das »Schlesische Tor« Durchgangsbahnhof; die Köpenicker Straße verbindet wieder das Berliner Zentrum mit dem Südosten; und aus dem sozial vernachlässigten Grenzland wurde der Entwicklungsraum »Mediaspree«.
Erschliessungshalle als Begegnungsraum
Dass die Köpenicker Straße keine Sackgasse mehr ist, merkt man sofort. Laut und turbulent tobt das Straßenleben rund um die Seniorenwohnhäuser. Nähert man sich dem Komplex aus Gründerzeitaltbau und ergänzten Lang- sowie Turmhaus von Norden erreicht man zunächst einen intimen Vorplatz, der sich zwischen dem sechsgeschossigen Altbau und dem annähernd parallel verlaufenden, vier- bis fünfgeschossigen Langhaus öffnet. Die Fenster in der Altbaubrandwand geben einen ersten Hinweis auf die ungewöhnliche Erschließungssituation. Eine gemeinsame, gläserne Eingangshalle zwischen den 6 bis 8 m voneinander entfernten »Brandwänden« bietet einen barrierefreien Zugang zu allen Seniorenwohnungen in Alt- und Neubau. Dazu stellten die Planer von steidle + partner ein ganzes System von mäandernden, flach geneigten Rampen in den Innenraum. Diese führen zu den 65 Einzimmer-Apartments im Neubau und den seniorengerecht umgebauten, 13 Zweizimmer-Altbauwohnungen und gleichen darüber hinaus die unterschiedlichen Geschosshöhen der beiden Gebäude aus.
Aber nicht nur das. Die Rampen dienen auch als Kommunikationsadern, an denen entlang sich Orte der zwanglosen Begegnung aufreihen – ein wiederkehrendes Motiv in Otto Steidles Werk. Die Atmosphäre eines »südlichen Kurgartens« wünschte er sich für diesen Begegnungsraum. Und tatsächlich öffnet sich hinter der Eingangsfassade eine lichte, großzügige Halle mit der Anmutung eines tropischen Gewächshauses. Sattes Grün überwuchert die Rampengeländer und dominiert auch den von der Künstlerin Gabriele Heidecker gestalteten Garten im Erdgeschoss. Abgerundet wird die einladende Atmosphäre durch das stete Plätschern eines Brunnens. Dass die Bewohner die Halle tatsächlich als Treffpunkt nutzen, bezeugen die überall zu findenden, liebevoll eingerichteten Sitzecken. Das Entwurfskonzept scheint hervorragend zu funktionieren, trotz aller bauklimatischen Schwächen wegen mangelnder Durchlüftung. Da das manuelle Öffnen und Schließen der Fenster in den Fassaden aufwendig ist und deshalb oft unterbleibt, stauen sich Hitze und Küchenabluft unterm Dach.
Diagonal wohnen, über Eck kommunizieren
Auch die kleinen Vorplätze vor den jeweils zu Vierergruppen zusammengefassten Wohnungen sind individuell gestaltet. Mal sind es Topfpflanzen, mal ein kleiner Hocker oder auch die vor den Wohnungen abgestellten Rollatoren, die die erweiterten Eingangsflure beleben. Um dies zu erreichen, entschied sich das Büro steidle + partner für ungewöhnliche, diagonal orientierte Grundrisse. Diese riefen zunächst die Skepsis potentieller Bewohner hervor. Deswegen wurde noch in der Planungsphase ein Eins-zu-Eins-Modell der zukünftigen Wohnung gebaut und mit älteren Bürgern aus der Nachbarschaft diskutiert. Sie konnten sich davon überzeugen, dass eine Möblierung durchaus möglich ist. Und die Architekten ließen sich zu der Privatsphäre ermöglichenden Schlafkammer anregen.
Leerstand gäbe es praktisch nicht, erläutert ein Vertreter des Eigentümers, der Wohnungsbaugesellschaft GSW. Die Wohnungen seien sehr beliebt. Die Bewohner der »Servicewohnungen« zahlten eine geringfügig höhere Miete gegenüber dem übrigen Bestand. Schönheitsreparaturen übernähme dafür der Vermieter. Bei Bedarf könnten sie den im Haus ansässigen Pflegedienst mit weiteren Leistungen beauftragen. Ein Hausnotruf werde ebenfalls auf Wunsch installiert. Man freue sich, diese Wohnungen für Ältere anbieten zu können.
Das glaubt man ihm sofort, auch wenn die Wohnungen mit einer 35 % über dem Durchschnitt liegenden Miete vergleichsweise teuer sind. Der Wohnraum ist klein, aber nicht beengt. Auch die Küchen bieten zumindest Platz für einen Frühstückstisch. Die seniorengerechten Bäder wirken erstaunlich modern. Die zur Erschließungshalle gelegenen Räume fallen zwar etwas dunkel aus, dafür besitzen aber alle Wohnungen Balkon oder Loggia. Diese sind leider nicht schwellenlos zu erreichen. Anfangs sollte für eine soziale »Durchmischung« ein Teil der Apartments an Studenten vermietet werden. Diese Utopie der Planer, das Sich-Begegnen der verschiedenen Alters- und sozialen Gruppen, ist jedoch nie verwirklicht worden. Weder wird, wie vorgesehen, der versteckt liegende Gemeinschaftsraum im EG entsprechend genutzt, noch gibt es eine Verbindung zu den übrigen »normalen« Wohnungen im Altbau, wie zunächst geplant. Bei der Befragung der potentiellen Bewohner vor Baubeginn hatten sich diese für nur ihnen vorbehaltene Bereiche ausgesprochen.
Freiraum als Verbindung zur Nachbarschaft
Auch mit einem halböffentlichen Freiraum konnte, wie anfangs geplant, die Verbindung zur Nachbarschaft nicht hergestellt werden. Dafür schlossen steidle + partner die Lücke an der Köpenicker Straße nicht komplett und führten einen öffentlichen Weg über das Grundstück. Ein zweiter kleiner, baumbestandener Vorplatz befindet sich dort zwischen Langhaus und dem den südlichen Abschluss bildenden, siebengeschossigen Turmhaus. Im Gegensatz zur Situation an der Eingangshalle ist hier der Übergang von öffentlich zu privat nicht deutlich genug markiert. Auf der einen Seite schließen sich unvermittelt die teilweise verwaisten Mietergärten der EG-Wohnungen an, auf der anderen befindet sich der nahezu komplett zugewachsene Weg und in der Mitte fristen die als Schrebergärten für Mieter und Nachbarn geplanten Grünflächen ein eher trauriges Dasein. Viele Bewohner sind zu gebrechlich für eine Gartenpflege. Schwellen und Treppen behindern darüber hinaus den Zugang. Auch ist der Charakter des Hofraums nicht eindeutig definiert. Einerseits weisen die rückwärtigen, improvisiert wirkenden »Laubenpieperfassaden« aus eingefärbten Holzplatten in mittlerweile ausgeblichenen »Taut«-Farben auf die informelle Nutzung hin. Andererseits wird diese zurückgezogene Atmosphäre durch den ungehindert eindringenden Straßenlärm und den jederzeit zugänglichen, des Nachts grell beleuchteten Weg gestört. Der Hof wird weder von den Bewohnern noch von der Nachbarschaft richtig angenommen.
Die Seniorenwohnhäuser an der Köpenicker Straße sind dennoch ein bis heute in vielen Teilen überzeugendes Beispiel für seniorenfreundliches, kommunikatives Bauen. Damit die im Gebäude angelegten Möglichkeiten der Begegnung voll ausgeschöpft werden, müssten sich jedoch Bewohner und Nachbarschaft stärker füreinander öffnen. Vielleicht ziehen ja zukünftig die in die Jahre gekommenen Protagonisten des alternativen Kreuzberg ein, um die Ideen Otto Steidles mit neuem Leben zu füllen. •
Standort: Köpenicker Straße 191-193, 10997 Berlin