Universitätsbibliothek in Utrecht

Schwarzbunt

Der ohnehin mit Stararchitektur gespickte Unicampus in Utrecht ist um eine weitere Attraktion reicher. Allerdings nimmt sich die außen wie innen schwarze Bibliothek unter den fröhlichen Poparchitektur-Gebäuden um sie herum sehr ernst aus. Das Innere ist als eine offene Raumlandschaft gestaltet, in die auf verschiedenen Ebenen Depots als Kuben eingehängt sind. Already studded with architectural star buildings, the university campus in Utrecht is now enriched by a further attraction. The library, outside and inside black, admittedly appears very solemn among the lively pop architecture buildings round about. The interior is designed as an open-space landscape within which the depositories are inserted at different levels.

Text: Anneke Bokern

Fotos: Jan Bitter, Allard van der Hoek
Der Utrechter Universitätscampus ist ein echtes Kind der sechziger Jahre. Damals verteilte man als Erweiterung für die Universiteit van Utrecht, die 1936 gegründet worden und nach dem Krieg der engen Altstadt entwachsen war, im Westen der Stadt solitäre Gebäude auf der grünen Wiese. Einsam trieben die großen Institutsbauten auf den Poldern, von einem orthogonalen Straßennetz mehr schlecht als recht zusammengehalten.
Als die amerikanische Campusidee sich in den achtziger Jahren endgültig überlebt hatte, erhielt Rem Kohlhaas‘ Office for Metropolitan Architecture den Auftrag, eine Nachverdichtungsstrategie für den so genannten Uithof zu entwickeln. Statt jedoch einen konventionellen städtebaulichen Rahmenplan auszuarbeiten, legten OMA nur eine Reihe von Spielregeln für die Bebauung fest, die eine Vernetzung der Institutsbauten bewirken sollten. Eine der wichtigsten Richtlinien war, dass fortan die Ecken der Grundstücke bebaut werden mussten, damit die Bauten nicht mehr auf der Wiese »schwammen«. Binnenstraßen und Patios nach dem Vorbild arabischer Kasbahs sollten Licht und Leben in die Gebäude bringen; Laufbrücken sollten sie mit den Nachbarbauten verbinden und zu vier Clustern zusammenschließen.
Dank des Masterplans von OMA sowie Aryan Sikkema, dem Gebäudedirektor der Universität, der der Superdutch-Architektur sehr zugetan ist, hat der Uithof sich seit 1995 zu einem Pilgerort für Architekturtouristen entwickelt. Nacheinander entstanden die Management-Fakultät von Mecanoo, das Educatorium von OMA, das hamburgerförmige Ronald McDonald-Haus von Bosch Architects, das Minnaertgebouw von Neutelings Riedijk mit seiner eigenwillig schwieligen Fassade, ein betonumwickeltes Laborgebäude von UN Studio und die BasketBar von NL Architects.
Unanfechtbar Inmitten dieser bunten, poppigen Bauten aus der Zeit des niederländischen Architekturbooms steht seit kurzem der grau-schwarze Kubus der Universitätsbibliothek von Wiel Arets. Der strenge, dunkle Bau mit Schilfornamenten bildet den Schlusspunkt der Nachverdichtung und wurde im September fertig gestellt. Im Vergleich zur umgebenden Architektur – besonders zur direkt gegenüberliegenden BasketBar, die einen Basketballkäfig auf dem Dach trägt und an einen knallorangefarbenen Skatepool grenzt – erscheint Arets‘ Bibliotheksbau sehr seriös. Er verweigert sich völlig der poppigen Ästhetik seiner Nachbarn. Zwischen all der Zwanglosigkeit wirkt er ein wenig wie jemand, der im Designer-Anzug auf eine Studentenparty geht: Vielleicht etwas außenseiterhaft, aber sehr elegant und erwachsen.
Japanisches Design, vor allem die Entwürfe von Yohji Yamamoto und Comme des Garçons, nennt Wiel Arets denn auch gerne als Inspirationsquellen für seine Architektur. Häufig beinhalten seine Bauten japanisierende Elemente – und bei der Universitätsbibliothek fängt es neben der Schilfornamentik schon mit der Farbwahl an.
Schwarze Gebäude sind eine Seltenheit. »Schwarz ist die unholde Farbe, die Farbe des Bösen, des Schädigenden, des Zorns und der moralischen Minderwerthigkeit«, heißt es schon im »Deutschen Wörterbuch« der Gebrüder Grimm¹. Kein Wunder, dass Schwarz meist nur als kontrastierender Akzent eingesetzt wird. Die Farbe, die eigentlich gar keine ist, repräsentiert hier zu Lande das Negative schlechthin, ist ein Lichtschlucker, Albtraum jedes Architekturfotografen und schmutzt auch noch schnell. In Ostasien hingegen ist ihr Image weniger düster: Dort steht Schwarz für das Erhabene und Festliche.
Mit der Universitätsbibliothek hat Wiel Arets einen ebenso schwarzen wie erhabenen Bau geschaffen. Auf einem 110 mal 36 Meter großen Grundstück errichtete er einen neun Stockwerke hohen Kubus, in dem diverse Fakultätsbibliotheken mit insgesamt 4,2 Millionen Büchern zusammengeführt wurden. Daneben steht ein ebenfalls schwarzes Parkhaus mit 530 Stellplätzen, das durch einen von West 8 gestalteten Garten vom Bibliotheksbau getrennt ist und bei Bedarf mit einem zusätzlichen Depot aufgestockt werden kann.
Von Ferne erscheint die Bibliothek als schlichte Kiste, die ähnlich der Kaaba in Mekka im Zentrum des Geschehens auf dem Unicampus thront. Erst beim Näherkommen wird das Spiel transparenter und blickdichter Fassadenflächen erkennbar. Das Schilfmotiv – ursprünglich ein Foto, das der Künstler Kim Zwarts in Arets‘ Auftrag in Schweden machte – bildet einen weichen Kontrast zur artifiziellen Härte des schwarzen Kubus‘. Es wurde in Siebdrucktechnik positiv auf die Glaselemente gedruckt und mit Hilfe von Gummimatten als negatives Relief in die Oberfläche der anthrazit eingefärbten Betonplatten eingelassen.
Von außen betrachtet ist die Bibliothek im wahrsten Sinne des Wortes eine »black box«, also eine Maschine, deren Funktionsweise nicht ersichtlich ist. Da die Haupterschließungsebene wie bei vielen Gebäuden auf dem Campus im ersten Stock liegt, nutzt auch ein Blick durch die Glasfront im Erdgeschoss nichts. Der Besucher betritt den Bau durch eine unauffällige Tür und findet sich vor einer Treppe wieder. Sie führt in die zentrale Halle im ersten Geschoss, die sich als riesiger, achtgeschossiger Luftraum entpuppt, umgeben von offenen Galerien und den schwarzen, geschlossenen Raumboxen, in denen sich die Depots befinden. Die Lesesäle liegen auf diesen Depot-»Wolken«, wie Arets selber sie nennt, oder sind als Plattformen von ihnen abgehängt. Gefiltertes Tageslicht dringt durch die komplett verglasten Fronten der öffentlichen Bereiche in die Bibliothek ein.
Schwarz spielt auch im Inneren des Gebäudes die Hauptrolle, lediglich unterbrochen vom glänzenden Hellgrau des Epoxidbodens, dem Weiß der Tische und dem leuchtenden Hummerrot der Tresen und Sofas in den Informationsbereichen. Letztere sind dank ihrer Signalfarbe von weitem erkennbar und erleichtern die Orientierung im Gebäude ungemein. Als farbliche Akzente dienen außerdem die bunten Buchrücken der Handbibliothek, vor allem aber die Besucher selber. Vor dem schwarzen Hintergrund entfalten Gesichter, Haare und Kleider eine starke Strahlkraft.
Das Resultat ist eine offene, fließende Bibliothekslandschaft im Stil von Scharouns Staatsbibliothek in Berlin, deren Inneres einen starken Kontrast zur Strenge der äußeren Form bildet. Diese Komplexität innerhalb der Konturen kennzeichnet auch Arets‘ Entwurf. Ähnlich der route architecturale in Rem Kohlhaas‘ Educatorium, das über eine Laufbrücke und ein daran anschließendes Gebäude aus den sechziger Jahren indirekt mit der Bibliothek verbunden ist, präsentiert sie sich als abwechslungsreiche, verwinkelte Landschaft aus Bücherregalen und Lesebereichen, die immer wieder neue Eindrücke und Ausblicke bietet. Wie in den meisten Bibliotheken, ist der Großteil der Bücher nicht sichtbar, sondern in den geschlossenen Magazinen versteckt. Allerdings ist ihre Präsenz in Arets‘ Bibliothek dank der auffälligen Depotboxen ständig spürbar. Im obersten, doppelt hohen Geschoss stößt man schließlich auf einen minimalistischen Dachpatio, in dem einige knorpelige Weinstöcke stehen, und fühlt sich aufs Neue an Japan erinnert.
Auch die Fassadengestaltung der Bibliothek wird erst bei einer Innenbegehung nachvollziehbar. Die schwebenden Depotboxen sind rundum von der schwarzen Reliefhaut umgeben, welche in der Fassadenebene die gläserne Hülle der Bibliothek durchdringt, aber flächenbündig bleibt. So ergibt sich das Patchwork-Muster aus Glas- und Betonfassadenflächen, das für Eingeweihte ein Spiegel der inneren Organisation des Gebäudes ist.
Die Atmosphäre im Bibliotheksinneren wird von den siebbedruckten Glaspaneelen bestimmt, die je nach Wetterlage unterschiedlich wirken. An sonnigen Tagen fungiert das Schilfmuster als Sonnenschutz und ist positiv sichtbar, an dunklen Tagen stellt sich ein Umkehreffekt ein und es zeigt sich als Negativ vor dunklem Himmel. An einigen Stellen sind die Siebdruck-Paneele als zweite Fassade vor transparenten Glasfenstern angebracht. Dort lassen sie sich öffnen und bieten dann ungehinderten Ausblick.
Wenig niederländisch wirkt nicht nur die Farbgebung der Bibliothek, sondern auch das Niveau der Detaillierung. Im Gegensatz zu vielen Gebäuden auf dem Uithof weist die Bibliothek äußerst sorgfältige, maßgeschneiderte Details auf. So wurden Sprinkleranlage, Lüftung und Beleuchtung geschickt in Deckenkanäle integriert, die eine abgehängte Decke überflüssig machten. Für derart funktionale Details war Wiel Arets bisher ebenso wenig bekannt wie für schön alternde Gebäude. Manch andere Bauten des Limburgers bestätigen nur allzu eifrig, dass gute Gestalt und Funktionstüchtigkeit nicht zwangsläufig zusammenfinden. Man darf gespannt sein, wie die Bibliothek sich in Zukunft entwickeln wird.
Mit der Universitätsbibliothek ist die Nachverdichtung des Uithof abgerundet – und zwar nicht nur, weil der Bau endlich die verschiedenen Institutsbibliotheken unter einem Dach vereint, sondern auch, weil der Campus nun mit der BasketBar einen sozialen und mit der Bibliothek einen wissenschaftlichen Mittelpunkt hat. Obendrein hat das inoffizielle architektonische Freiluftmuseum ein Gebäude hinzugewonnen, das die Schlagseite in Richtung Superdutch etwas korrigiert und ein ausgewogeneres Bild von der zeitgenössischen niederländischen Architektur entstehen lässt. A.B.
¹ Jacob und Wilhelm Grimm, Deutsches Wörterbuch, dtv-Verlag, München, 1991
Bauherr: Universität Utrecht Architekt: Wiel Arets Architect & Associates, Amsterdam Mitarbeiter: Harold Aspers, Dominic Papa, René Thijssen, Frederik Vaes, Henrik Vuust Tragwerk: ABT Adviseurs in Bouwtechniek, Arnheim/Delft Freianlagen: West 8, Rotterdam Fassadenmotiv: Atelier Kim Zwarts, Maastricht Nutzfläche: 36250 m² Kapazität: 4,2 Mio Bücher, 300 Arbeitsplätze Fertigstellung: September 2004