Bürogebäude der Großhandelsfirma »Selimex« in Latsch

Rationaler Barock

Das Gebäude einer südtiroler Großhandelsfirma setzt in der kleinen Gemeinde Latsch im Vinschgau ein markantes Zeichen. Der grüne Würfel, dessen Hülle aus einem gläsernen Raster gebildet wird, steht inmitten eines flachen, viereckigen Bassins.
  • Architekt: Werner Tscholl
    Tragwerksplanung: Wolfgang Oberdörfer
  • Text: Roland Pawlitschko
    Fotos: Alexa Rainer
Wer mit dem Auto aus Meran kommend das Ortsschild der Südtiroler Gemeinde Latsch passiert, stößt unvermittelt auf eine mystisch dunkelgrüne Würfelskulptur. Die erste Assoziation gilt unwillkürlich jenen gigantischen Türmen aus abertausenden von grünen Apfelkisten, die sich hier allerorten auf den Höfen der Obstgenossenschaften stapeln. Dass es sich hierbei um ein Bürogebäude der Großhandelsfirma »Selimex« handelt, ist zunächst kaum zu erkennen. Verräterische Werbeschriftzüge sucht man vergeblich. Eine auskunftsfreudige Briefkasten-Klingelanlage gibt es nicht. Dafür macht die archaische Bestimmtheit des Würfels unmissverständlich klar, dass es um die rationalistische Reduktion auf das Wesentliche geht. Im Gegensatz hierzu zeugen die geheimnisvoll spiegelnde Wasserfläche – auf der das Gebäude zu schweben scheint – und die samtig grüne Noblesse der vorgelagerten Gitterroststruktur aber auch vom irrationalen Individualismus des südtiroler Architekten Werner Tscholl und seines kongenialen Bauherrn, dem Im- und Exportkaufmann und wohlhabenden Kunstmäzen Walter Rizzi. Von Bedeutung ist dabei, dass beide ein sehr gutes freundschaftliches Verhältnis pflegen. Tscholl hat bereits mehrere Bauten für Rizzi geplant, eine grundsätzliche Kongruenz im Denken ist also vorhanden. Fast noch wichtiger aber erscheint Rizzis Bewusstsein für Architektur. So lautet sein anschauliches Motto für das Selimex-Gebäude: »Nur großartige Gebäude können auch großartige Gedanken beherbergen.«
Glas und Holz im Innenraum
Um zum Eingang des Selimex-Gebäudes zu gelangen, muss man zunächst die bereits erwähnte Wasserfläche überqueren (unter der sich ein Sockelgeschoss mit Kühl- und Lagerräumen für Äpfel befindet). Der hierzu angelegte Steg inszeniert diesen Übergang, indem er bewusst an die Landungsbrücke eines Schiffs erinnert. Vom Windfang aus gelangt man in den zentralen Erschließungskern mit Treppe und Aufzug, um den herum sich eine offene Ausstellungsfläche erstreckt, derzeit wird ortsansässigen Künstlern die Möglichkeit zur Ausstellung ihrer Werke gegeben. Die unprätentiöse Innenraumgestaltung, weiße Wände und Decken sowie Eichenholzparkett, bietet hierfür einen würdevollen Hintergrund. Da der Ausstattungsstandard ansonsten aber exakt jenem der darüber liegenden Bürogeschosse entspricht, könnte dieser Bereich bei Bedarf auch als interne Büro-Erweiterungsfläche fungieren.
Aus Kastanienholz maßgeschneiderte Einbaumöbel charakterisieren die vollständig von Werner Tscholl entworfene Büroeinrichtung der Obergeschosse. Analog zur Schlichtheit der Raumoberflächen sprechen auch die Schränke, Tische und Sideboards eine schnörkellos klare Formensprache. Der Innenraum wächst dadurch zu einer wunderbar harmonischen Einheit zusammen. Sämtliche Arbeitsplätze werden konsequent zum Tageslicht orientiert, so dass die Vinschgauer Bergwelt ebenfalls zum selbstverständlichen Teil dieser Einheit wird und wie ein gemaltes Bild in jedem der dreifach verglasten Fenster auftaucht. An dieser Stelle wird zudem deutlich, dass die 1,30 Meter tiefe Fassade keineswegs nur auf einem farblich perfekt auf die Einbaumöbel abgestimmten Formalismus basiert, sondern integraler Bestandteil des Innenraumkonzepts ist. Einerseits dient sie quasi als feststehender Sonnenschutz und sorgt für ein geborgenes Raumgefühl – aufgrund der Tiefe der Gitterroststruktur sind diagonale Ein- und Ausblicke trotz des hohen Verglasungsanteils nicht möglich. Andererseits führt sie zur unmittelbaren Präsenz der Gebäudehülle im Innenraum – insbesondere bei Nacht.
Spektakuläre Hülle
Was die Gebäudehülle aus punktgehaltenen, rückseitig siebbedruckten Glaselementen nämlich geradezu spektakulär macht, sind die 330 gleichmäßig verteilten LED-Spots in ihrem Inneren. Jeweils aus den drei Grundfarben bestehend, können die Spots einzelne Fassadenfelder mit jeder beliebigen Farbe ausleuchten. Erinnern die grünen Glaspaneele bei Tag noch an spiegelnde Edelsteinoberflächen, so erweisen sie sich bei Dunkelheit als transluzent und geben den Blick auf die dahinter liegende Stahl-Tragwerkstruktur frei. Unzählige Reflexionen in der Glasfassade führen schließlich dazu, dass sich der Baukörper förmlich in Licht auflöst. Dass dieses grandiose, weithin sichtbare Lichtkunstwerk auch tatsächlich jeden Abend aufs Neue illuminiert werden kann, dafür sorgt ein extrem niedriger Energieverbrauch von insgesamt nur drei Kilowatt.
Die Gemeinde Latsch war von diesem fulminanten Bauvorhaben von Anfang an begeistert. Auch von der Vorstellung des Architekten, die städtebauliche Signalwirkung des Selimex-Gebäudes auf ein am anderen Ende von Latsch situiertes Barock-Schlösschen – im Volksmund »Rotes Schloss« genannt – zu beziehen: »Die Assoziation zum Roten Schloss ist unübersehbar. Dem Barockbau am westlichen Dorfeingang wird an der östlichen Einfahrt das »Grüne Schloss« gegenübergestellt, als Wasserschloss, als rationaler Barock.«. Treffender als mit diesem Begriff könnte das Selimex-Gebäude tatsächlich kaum beschrieben werden: Einerseits auf zutiefst rationalen, also streng logischen Gesetzen der Geometrie beruhend, andererseits zugleich aber unzweifelhaft geprägt von der für den Barock typischen Vorliebe für Emotionalität, Dynamik und Überraschungseffekte. Eindrucksvoll scheint auf diese Weise nebenbei ein Satz Aldo Rossis aus dem Jahr 1993 zum Umgang mit Archetypen bestätigt: »Wenn ein Architekt behauptet, die Typologie sei eine strenge Angelegenheit und mit der künstlerischen Freiheit nicht zu vereinbaren, dann beweist er damit seine Ignoranz und Dummheit.« Unverzichtbare Voraussetzung für die vollständige baukünstlerische Entfaltung einer so innigen Symbiose aus Rationalität und Irrationalität ist die absolut durchgängige und kontrollierte Gestaltung von Innenraum, Inneneinrichtung und Gebäudehülle. Dessen war sich Walter Rizzi von Anfang an bewusst, was erst im März dieses Jahres mit dem Bauherrenpreis des Architektenverbandes »Ala« und der Architekturzeitung »L’Arca« honoriert wurde. •
  • Bauherr: Selimex GmbH (Walter Rizzi)
    Architekt: Werner Tscholl
    Tragwerksplanung: Bauteam ,Wolfgang Oberdörfer, Latsch
    Elektroplanung: Reinhard Thaler, Bozen
    Heizungsplanung: Thermostudio, Meran
    Baugrund: 2 470 m²
    Überbaute Fläche: 2 393 m²
    Volumen: 8 335 m³
    Planung und Realisierung: 2003 bis 2005
  • Beteiligte Firmen:
    Bauausführung: Bauunternehmen Latsch
    Fassade: Metallbau Glurns GmbH, www.metallbau.it
    Beleuchtung (innen): Anco Leuchten KG des Zangerle Manfred, Eyrs
    Beleuchtung (außen): DigitaLicht AG, www.metallbau.it