Kindertagesstätte in Marburg

»Positive Energie«

Für eine Kindertagesstätte mit Plusenergiehaus-Standard entwickelten opus Architekten ein skulpturales Gebäudevolumen, das die Photovoltaikanlage des Dachs und der Westfassade optimal ausrichtet. Das Gebäude zeigt beispielhaft, dass die Integration von Solarmodulen in die Gebäudehülle auch gestalterisch überzeugen kann.

  • Architekten: opus Architekten Tragwerksplanung: osd – office for structural design
  • Kritik: Arne Winkelmann Fotos: Eibe Sönnecken
Das weitläufige, baumreiche und denkmalgeschützte Gelände einer psychatrischen Klinik in Marburg erfährt seit einigen Jahren eine Neustrukturierung. Im Norden des parkartigen Geländes erwarb die Stadt Marburg von den Klinikbetreibern zusammen mit einer kleinen neugotischen Kapelle das Grundstück für die neue Kita. Die 1876 eingeweihte »Nervenheilanstalt« wurde im damals sehr fortschrittlichen »Pavillonstil« errichtet – einer Krankenhauskonzeption aus Großbritannien, die durch die räumliche Trennung der unterschiedlichen Klinikabteilungen und der Einbettung ins Grüne bessere Therapiebedingungen ermöglichen sollte. Gemäß dem englischen Vorbild weisen auch die Pavillons auf dem Gelände in Marburg unterschiedliche Stilrichtungen auf, ob neogotisch oder im Heimatstil. Der Bestand der Klinik wurde zum einen mit einem Neubau ergänzt, zum anderen wurden Klinikgebäude aus den 60er Jahren abgerissen. Wohnungsbauten sind in Planung. Von all dem ist jedoch am Standort der neuen Kindertagesstätte von opus Architekten nicht viel zu sehen, da das Areal nach 140 Jahren über einen alten und dichten Baumbestand verfügt. In privilegierter Lage, ohne Verkehr und Lärm, entstand die Kita im idyllischen Grün an einem Hang, der nach Westen hin abfällt. Dank des großen Abstands zu den Bäumen ringsum kann das Gebäude seine skulpturale Wirkung voll entfalten.
Geometrisch optimiert
Die Stadt Marburg hatte verschiedene Planer zu einem Gutachterverfahren für die Planung der »+e Kita« eingeladen. Schließlich wurden pus Architekten zusammen mit den Energieberatern ee concept mit der Umsetzung des energietechnischem Vorzeigeprojekts beauftragt. So mag das entstandene ziehharmonikaartige Bauvolumen zwar an Theaterbauten der 60er Jahre oder an die Sheds einer Fabrikhalle erinnern, historische Vorbilder waren jedoch nicht für die prägnante Formgebung bestimmend. Vielmehr war der Leitgedanke für das Gebäude für 50 Kinder unter drei Jahren, den Standard eines Plusenergiehauses zu erfüllen und somit mehr Energie zu produzieren als für seine Nutzung aufzuwenden ist. Die Integration einer PV-Anlage in das Dach stellte den Ausgangspunkt der ambitionierten Planung dar. So wurden sieben streifenförmige PV-Paneele nach Süden hintereinander gestaffelt und im ›
› optimalen Neigungswinkel zur Sommersonne ausgerichtet. Da der zu erwartende Stromertrag dieser Fläche dem anvisierten Niveau noch nicht genügte, wurde die entwickelte Dachgeometrie an der westlichen Fassade vertikal nach unten verlängert. Daraus ergibt sich nun auch im Grundriss des OGs eine Sägezahnfassade, deren nach Norden zeigende Flächen verglast wurden. Die übergreifende Dachstruktur produziert ca. 40 000 kWh Strom im Jahr, und damit genügend um der auch sonst energetisch hocheffizient (u. a. mit einer 360 mm dicken Dämmschicht im Dachaufbau sowie einer Schaumglasschotterschicht unterhalb der Bodenplatte) geplanten Kita zu einer positiven Energiebilanz zu verhelfen. Zudem verschattet der große Dachüberstand die Komplettverglasung der beiden Stockwerke.
Kein Standard
Die Suche nach einem Hersteller von Photovoltaikelementen für die passgenaue Bekleidung der komplexen Gebäudegeometrie gestaltete sich für die Planer jedoch schwierig. In Deutschland fand sich kein Anbieter, der in der Lage oder Willens war, dreieckige PV-Paneele mit hocheffizienten monokristallinen Solarzellen zu fertigen. Eine österreichische Firma schließlich konnte nicht nur den gewünschten Zuschnitt liefern, sondern auch ein weitestgehend monochromes Erscheinungsbild bieten. Dazu wurden auch die sonst silberglänzenden Stromleiter, die die einzelnen Solarzellen verbinden, schwarz bedruckt. Das Resultat ist eine schwarz glänzende, gleichmäßige Oberfläche, die ›
› eben nicht auf den ersten Blick die Solarmodule verrät. Trotz der dunklen Farbe wirkt das Gebäude aber nicht düster, denn die glatten Flächen spiegeln die Bäume des umliegenden Parks und entmaterialisieren es geradezu.
Überdachte Möbel
Die Hanglage wird durch eine im Querschnitt S-förmige Organisation des Gebäudes moderiert: Das obere Stockwerk liegt ebenerdig nach Osten orientiert, das untere Stockwerk nach Westen. Der Haupteingang zeigt sich unspektakulär an der südlichen Stirnseite im EG und ist gut zu finden. Dank der vollständig verglasten Fassaden entsteht im Innern eine angenehme Verbindung zum Außenraum. V. a. im OG scheint es fast, als seien Einbauten und Wände frei unter das schützende Dach gestellt. Auch dank der guten Belichtung entsteht so der Eindruck eines leichten Pavillons, einer luftigen Erholungsarchitektur. Der sehr aufwendig detaillierte Innenausbau gestaltet sich als fließender Übergang zwischen Wänden und begehbarer Möblierung. Sämtliche raumbildenden Elemente bestehen aus Holz sowie Holzverbundelementen, die in unterschiedlichen Grüntönen beschichtet wurden. Auf die Erfahrungswelt der Unter-Dreijährigen eingehend, finden sich allerorten Emporen, Treppchen, Nischen, Schränke, Klappen, Fächer und Verstecke, die den kindlichen Nutzern viele Spielmöglichkeiten einräumen, aber nie die geschmackliche Grenze zum Niedlichen überschreiten. Die insgesamt fünf Kindergruppen sind auf beide Stockwerke verteilt, im EG noch flankiert von einem größeren Bewegungsraum und dem Büro der Kita-Leitung. Jede Gruppe verfügt dabei über eine eigene ebenerdige Verbindung nach draußen.
Die Grüntöne der Innenarchitektur sind auch von außen sichtbar und geben so dem Gebäude seine »zweite« Farbe, die mit dem umliegenden Naturraum korrespondiert. Die Holzlamellen der Deckenuntersichten setzen sich auch vor den Fassaden fort und tragen ebenfalls zur visuellen Verschränkung von Innen und Außen bei. Neben ihrer akustischen Funktion im Innenraum erweisen sie sich auch als hilfreich, um Leuchten, Rauchmelder und andere technische Installationen zu »verstecken«. ›
Exemplarisch
Das äußerst gelungene Beispiel dieser gebäudeintegrierten PV-Anlage in Marburg macht leider schmerzlich bewusst, wie wenige wirklich gute Umsetzungen es seit dem Aufkommen dieser Technologie vor über 40 Jahren gibt. Gemessen an der Geschwindigkeit mit der technische Innovationen, auch Umwelttechnologien, in anderen Disziplinen weiterentwickelt und auf den Markt gebracht werden, zeigt sich das Bauwesen hier immer noch rückständig. Zu oft wird PV-Technologie lediglich »draufgesetzt«, anstatt sie als integralen Entwurfsbestandteil zu behandeln. Die +e Kita in Marburg kann in diesem Zusammenhang als Meilenstein in der Entwicklung bezeichnet werden. •
  • Standort: Cappeler Straße 68, 35039 Marburg Bauherr: Magistrat der Universitätsstadt Marburg, vertreten durch Fachdienst Hochbau, Günter Böth, Oliver Kutsch Projektsteuerung: SEG Marburg, Uta Brämer Architekten: opus Architekten, Darmstadt; Anke Mensing, Andreas Sedler Projektmitarbeit: Kristin Egermann, Uwe Kühn, Jessica Mazur, Tina Ritter Tragwerksplanung: osd – office for structural design, Frankfurt a. M. Energiekonzept: ee concept, Darmstadt HLS-Planung: Plan4Life – Ingenieurbüro TGA, Biebertal Elektroplanung: Schaub & Kühn – Ingenieurbüro Elektrotechnik, Marburg Landschaftsplanung: Köhler Landschaftsarchitekten, Fernwald BGF: ca. 1 100 m² BRI: ca. 4 000 m³ Baukosten (brutto, KG 300, 400 und 500): 2,4 Mio., 650 000 und 200 000 Euro Bauzeit: 2013 bis Dezember 2014
  • Beteiligte Firmen: PR-Fassade mit integr. Nachtauskühlung: Schüco, Bielefeld, www.schueco.com PV-Fassade und PV-Dach: ErtexSolar, Amstetten, www.ertex-solar.at Schaumglasschotter: Misapor, Landquart, www.misapor.ch Dachabdichtungsbahnen: alwitra, Trier, http://alwitra.de Senkrechtmarkisen, außen: Warema, Marktheidenfeld, www.warema.de Blendschutz, innen und Gelenkarmmarkisen, außen : MHZ, Leinfelden-Echterdingen, www.mhz.de Trennwände, Innentüren: neuform, Erdmannhausen, www.neuform-tuer.com Beschläge: FSB, Brakel, www.fsb.de Bodenbelag : Forbo Flooring, Paderborn, www.forbo.com Boden-, Wandbeschichtung: Disbon, Caparol, Ober-Ramstadt, www.disbon.de Innenraumfarbe: Caparol, Ober-Ramstadt, www.caparol.de Leuchten: Barthelme, Nürnberg, www.barthelme.de; RIDI, Jungingen, www.ridi.de; Philips, Hamburg, www.philips.de Möblierung: Brunner, Rheinau-Freistett, www.brunner-group.com Sanitärkeramik: Keramag, Ratingen, www.keramag.de; Voit & Partner, Nahetal-Waldau, www.voit-partner.de; Duravit, Hornberg, www.duravit.de Armaturen: Grohe, Porta Westfalica, www.grohe.de Schalterprogramm: Busch-Jaeger, Lüdenscheid, www.busch-jaeger.de
  • 1 Haupteingang 2 Spielflur 3 Mehrzweckraum 4 Büro 5 Gruppe 6 Technik 7 Personal 8 Hof 9 Küche 10 Lager
  • 1 Abstandshalter/Konsole 2 textile Markise, seilgeführt 3 Blech aus Aluminium, schwarz eloxiert, mit Agraffen, 5 mm 4 Geländer, beschichtet, DB 703; Handlauf aus Rechteckprofil, 50 x 10 mm; Pfosten aus Rundstahlstäben, 16 mm 5 Regenrinne 6 Dachaufbau: Kunststoffabdichtung Elastomerbitumenbahn Schalung, 21 mm Sparren mit Zellulosedämmung ausgedämmt, 360 mm Klimamembran OSB-Platte, 18 mm Unterkonstruktion aus imprägnierter Sperrholzplatte, mit B1-Vlies bespannt, 22 mm Lattung, Kiefer, 35 x 20 mm 7 Pfosten-Riegel-Fassade, Aluminium, mit dreifach Isolierverglasung 8 Bodenaufbau Balkon: wasserdurchlässiges Gummigranulat, 10 mm wasserdurchlässige elastische Schicht, PU-gebundene Gummifasern Dränmatte, 10 mm Abdichtungsbahn Gefälleestrich Abdichtungsbahn Stahlbetondecke, 230 mm Unterkonstruktion aus imprägnierter Sperrholzplatte, mit B1-Vlies bespannt, 22 mm Lattung, Kiefer, 35 x 20 mm 9 Isokorb 10 textile Markise, seilgeführt 11 Regenrinne 12 Holzträger 13 Dachaufbau PV-Elemente: PV-Module, auf Unterkonstruktion geschraubt Kunststoffabdichtung Unterkonstruktion aus Kanthölzern, 80 x 80 mm Elastomerbitumenbahn Schalung, 21 mm Sparren mit Zellulosedämmung ausgedämmt, 360 mm Klimamembran OSB-Platte, 18 mm Luftschicht, 100 mm Unterkonstruktion aus Holzrahmen mit Akustikfilz, 28 x 60 mm B1-Vlies, auf Holzrahmen gespannt Lattung, Kiefer, 35 x 20 mm 14 Bodenaufbau: Linoleum, 5 mm Schnellestrich, 55 mm Systemplatten mit Fußbodenheizung, 25 mm Trittschaldämmung, 30 mm Stahlbetondecke, 280 mm leitungsführende Schicht, 130 mm Unterkonstruktion aus Holzrahmen mit Akustikfilz, 28 x 60 mm B1-Vlies, auf Holzrahmen gespannt Lattung, Kiefer,, 35 x 20 mm 15 Bodenaufbau: Linoleum, 5 mm
Schnellestrich, 55 mm Systemplatten mit Fußbodenheizung, 25 mm
Trittschaldämmung, 30 mm
Stahlbetonbodenplatte, 330 mm
PE-Folie
Schaumglasschotter
Geotextil

Marburg (S. 46)

Opus Architekten
Andreas Sedler
1957 in Bremerhaven geboren. 1978-85 Architekturstudium an der Universität GH Kassel und der Universität Rom. 1985-89 Mitarbeit u. a. bei Haus-Rucker-Co (Ortner und Ortner/Zamp-Kelp) in Düsseldorf/Berlin. Seit 1989 Büro opus (objekt planung und städtebau) mit Anke Mensing in Darmstadt und Amsterdam. 1990-93 Assistenz an der TU Darmstadt.
Anke Mensing
1963 geboren in Amsterdam (NL). 1982-87 Architekturstudium an der Gerrit Rietveld Akademie, Amsterdam. 1986-88 Mitarbeit u. a. bei Haus-Rucker-Co und Peter Wilson in London. Seit 1989 opus mit Andreas Sedler. 1997-99 Vertretungs- und Gastprofessuren an der Kunstakademie Stuttgart und der TU Darmstadt, seit 2000 Professur an der FH Darmstadt.
Arne Winkelmann
1969 in Ludwigshafen geboren. Architekturstudium in Weimar und Krakau, Promotion in Weimar und Berlin. Seit 2000 Tätigkeit als freischaffender Architekturpublizist und Kurator. Lehrtätigkeit in Mannheim und Köln, seit 2006 in der Architekturvermittlung des DAM.