Monumentale Markierung

»Posener Tor« – Interaktives Zentrum der Geschichte der Dominsel in Posen (Poznań)

Die Ausstellung im Innern des Besucherzentrums erzählt von der Gründungsgeschichte des katholischen Polen. Das Gebäude selbst inszeniert vorwiegend den Blick auf das Hauptausstellungsstück, den Dom auf der gegenüberliegenden Flussseite. Mit seiner ambitioniert ausgeführten, extrem reduzierten Formensprache bildet es einen wohl gesetzten Kontrapunkt zu den historischen Bauten verschiedener Epochen rundherum.

Architekten: Ad Artis
Tragwerksplanung: ICON Grupa Projektowa

Kritik: Wolfgang Kil
Fotos: Wojciech Kryński, Mariusz Lis, Maciej Lulko, Piotr Krajewski
Die Posener Altstadt wird an ihrem östlichen Rand vom Flüsschen Warthe umflossen, das mit einigen Nebenarmen in früherer Zeit ein ideales Vorgelände für ausgedehnte Festungsanlagen abgab. Aber auch der Dom, die Hauptkirche des Erzbistums Posen und bedeutendes Baudenkmal der Stadt, befindet sich hier auf einer schmalen Insel, dem Ostrów Tumski. Seit dem 19. Jahrhundert wird die Dominsel von den Backsteinmauern der preußischen Zitadelle umfasst, der auf dem unlängst noch wilden östlichen Ufer nun seit Kurzem ein rätselhaftes Bauwerk gegenübersteht: Ein abstrakt kantiger Quader aus hellem Sichtbeton, 30 m im Quadrat und 15 m hoch, die wasser- wie die landseitige Rückfront vollkommen fensterlos, nach Süden ein scharf eingeschnittenes Lichtband (für den dahinter liegenden Seminarraum), die Nordfassade à la mode mit Schießscharten-Fenstern unregelmäßig gesprenkelt. Weit aus jeder Symmetrie gerückt, »stört« eine gläserne Fuge den ansonsten vollkommen ebenmäßigen Block, der sich mit verwegener Geste weit über die Deichkante hinauslehnt, der Insel entgegen, mit der er dann tatsächlich durch einen filigranen verglasten Steg verbunden ist. Unter dem waghalsigen Überhang laden breite Treppen und ein mit Granitplatten befestigter Vorplatz zu allerhand Open-Air-Aktivitäten ein. Die mit großem Geschick komponierte Verschränkung von erratischem Baukörper und milder Uferlandschaft lässt den unvorbereiteten Besucher erst einmal an ein skulpturales Großkunstwerk mit Land-Art-Ambitionen denken.
In der Tat sind Anliegen und Funktion des Bauwerks nur anhand dieser geradezu monumentalen Markierung des Orts zu erklären. Da der Posener Dom als Ursprungsort der Christianisierung Polens gilt, beschloss die Stadtverwaltung, dessen wechselvolle Geschichte seit Gründung des ersten polnischen Bistums im Jahr 968 zu erzählen, damit sich Besuchern vor Betreten des Inselareals dessen tiefe Bedeutung für die gesamte Nation, wie für den polnischen Katholizismus im Besonderen, auch gebührend erschließt. Zu dem Zweck wurde ein »Interaktives Museum zur Geschichte der Dominsel (ICHOT – Interaktywne Centrum Historii Ostrowa Tumskiego) gegründet und 2009 ein Architekturwettbewerb ausgeschrieben, den das bis dahin noch nicht allzu namhafte Krakauer Büro Ad Artis gewann.

Gelenkter Blick
Der Siegerentwurf entwickelte für die schwierige, weil präzedenzlose Aufgabe eine überraschend einleuchtende Gestalt: Da das neue Bauwerk ausschließlich dazu dient, die Aufmerksamkeit auf ein anderes, den historischen Dom, zu lenken, verdankt sich die markante Gebäudeform einem einzigen Thema – jener gläsernen Fuge, die den Quader in schiefem Winkel durchschneidet, und zwar exakt als Verlängerung der Mittelachse des Doms. In gewisser Weise fungiert das ICHOT als ein riesiges optisches Instrument, das man durchschreitet, um aus der Tiefe einer engen Schlucht (aus seidenglatt poliertem Sichtbeton) stets nur einen einzigen Ausblick zu finden – die markanten Türme des Doms. Selbst im Verlauf des Ausstellungsparcours werden die Besucher mehrmals über gläserne Brücken zwischen beiden Gebäudeteilen hin und her geführt, damit der Anlass der gebotenen Historienerzählung – das ehrwürdige Gotteshaus – nie aus dem Bewusstsein schwindet.
Um nach der kulturgeschichtlichen Unterweisung das wirkliche Baudenkmal zu erreichen, soll man anschließend dem schmalen Fußgängersteg folgen. Der langt in preußisch rechtem Winkel geradewegs hinüber zum anderen Ufer. Die spärlichen Überreste der »Domschleuse« dort gehörten einst zur zweitgrößten Zitadelle Europas, für die aufwendig restaurierten Backsteingewölbe hat sich jedoch keine adäquate Nutzungsidee finden lassen. Touristische Serviceräume sind hier wichtig und wurden mit hohem Designstandard installiert; die etwas beliebig betriebene Bildergalerie drumherum wirkt noch eher als Provisorium.
Der Besucherweg im neuen Gebäude ist strikt vorgegeben: Aus dem Foyerbereich mit Kasse, Technikausgabe, Andenkenshop und kleiner Cafélounge wird man über schmale Stahltreppen in die beiden oberen Etagen gelenkt. Dort bekommt man mit Filmen, Diaprojektionen und anderen »interaktiv« anzusteuernden Formaten die Geschichte des Orts in chronologischen Etappen präsentiert. Die Ausstellungsebenen sind absolute Black Boxes, doch in den z. T. natürlich belichteten Nebenfunktionsräumen fasziniert die enorme Sorgfalt bei den Details und der handwerklichen Ausführung. Die ausschließlich auf »rohe« Materialien wie Beton, Stahl und schwere Holzdielen setzende Architektur gewinnt dadurch eine sehr zeitgemäße, aber auch leicht elitäre Eleganz.
Für Betrachter von außen schwerer zu erkennen sind die extravaganten konstruktiven Lösungen, die die expressive Gebäudeskulptur erst ermöglichten: Als Gegengewicht für den 12 m auskragenden Geschossüberstand, der obendrein noch dem Fußgängersteg als Auflager dient, wurde landseitig eine ebenso weit ausladende Tiefgarage an den Hauptbaukörper statisch »angehängt«. Auch sind ja die sanften Ufer der Warthe in Wirklichkeit Deiche, die die Stadt vor Hochwasser schützen sollen; wer auf solchem Deich baut, muss seine Tiefgeschosse mit entsprechendem Aufwand gegen immer wieder drohenden Andrang schwerer Fluten sichern.
Vom Schlösserstreit zum Computerspiel
In Poznań, das allein in den letzten 300 Jahren mehrmals die staatliche Zugehörigkeit wechselte, scheint der Bedarf an historischer Selbstvergewisserung besonders groß. Offenbar reichte es nicht, dass die Stadtregierung, gegen allen Spott der landesweiten Öffentlichkeit, eine nachempfundene Replik des im 18. Jahrhundert zerstörten polnischen Königschlosses errichten ließ, nur damit diese romantische Ritterburg das gleichrangige deutsche Erbe in der Stadt – Franz Schwechtens neoromanisches Kaiserschloss für Wilhelm II. (1905–13) – an Wucht und Höhe im Stadtbild überragt. Der Aufwand, mit dem jetzt die Posener Dominsel als Ort nationaler Bedeutsamkeit in Szene gesetzt wird, überschreitet alle Usancen touristischen Stadtmarketings. Das didaktische Programm, das den Besuchern in professionell geführten Gruppen oder individuell per Audioequipment (auch in diversen Fremdsprachen) vermittelt wird, wahrt bei seiner beseelten Suche nach den Wurzeln stolzen Polentums nicht immer die nötige Distanz zum Folklorekitsch. Das liegt wohl nahe, wenn ein museales Institut ohne ein einziges Realexponat zu reiner Ideologieproduktion berufen ist – ein Umstand, für den dann gern die perfekten Handwerker von Tempora verpflichtet werden. Die belgischen Displaydesigner kamen im museumsfreudigen Polen schon öfter zum Zuge. Mit ihren elektronisch entfesselten Illusionsspektakeln sehen sie ihre Hauptzielgruppe wohl hauptsächlich in der Generation Computerspiel. Der Autor dieser Zeilen jedenfalls hat beim hektischen Hantieren an seiner kleinen Audio-Steuereinheit irgendwann entnervt aufgegeben.
Als Trost gegen solche inhaltlichen Enttäuschungen wäre zu empfehlen, die »Porta Posnania« nicht Richtung Insel, sondern durch den ostwärtigen Eingang zu verlassen: Dort lässt sich das Aufblühen von Śródka erkunden. Die Bewohner und Gewerbetreibenden dieses kleinen, arg vernachlässigten Vorstadtviertels scheinen die eigentlichen Nutznießer der ICHOT-Gründung zu sein. Rings um krumme Gassen wurden Fassaden renoviert, bei Sonnenschein stellen Cafés und Kunstläden Stühle und Menütafeln nach draußen. Von solch ziemlich eindeutigen Signalen fühlen sich dann auch Kulturreisende ohne Smartphone-Training wieder willkommen geheißen.

db 7-8/2016Sehen Sie auch:
16 beachtenswerte Kulturbauten in Polen »

aus db-Ausgabe 7-8/2016 »Polen«

Standort: Gdańska 2, PL-61-123 Poznań
Bauherr: Stadt Posen
Architekten: Ad Artis Architects, Emerla Wojda Spółka Jawna, Krakau
Mitarbeiter: Arkadiusz Emerla, Maciej Wojda, Piotr Jagiełłowicz, Wojciech Kasinowicz
Tragwerksplanung, Haustechnik: ICON Grupa Projektowa, Krakau
Ausstellungsdesign: Tempora, Forest (B)
Grundstücksfläche: 29 552 m², bebaute Fläche: 1 115 m²
BGF: 6 217 m², Nutzfläche: 5 070 m²
BRI: 27 843 m³
Baukosten: 54 Mio. PLN (etwa 12,3 Mio. Euro)
Bauzeit: Oktober 2010 bis September 2013

Beteiligte Firmen:

Aluminium-Fassadensystem: Aluprof, Bielsko-Biała, www.aluprof.eu
Alu-Fassade Fußgängerbrücke: HUECK, Lüdenscheid, www.hueck.com
Architekturbeton: Lafarge, Paris, www.lafarge.com
Aufzüge: KONE, Espoo, www.kone.com
Leuchten Neubau: Viabizzuno, Bentivoglio, www.viabizzuno.com
Leuchten Altbau: ERCO, Lüdenscheid, www.erco.com
Kühldeckenelement: Halton, Reit im Winkl, www.halton.com
Abgehängte Decken, Büroböden: Armstrong, Münster, www.armstrong.de
Parkett: Directfloor, Posen, www.directfloor.pl; Scheucher Holzindustrie, Mettersdorf, www.scheucherparkett.at
Sanitärausstattung: Franke Aquarotter, Ludwigsfelde, www.franke.com; HEWI, Bad Arolsen, www.hewi.de; Keramag, Ratingen, www.keramag.de
WC-Kabinen: Kemmlit, Dusslingen, www.kemmlit.de
Möbel: Martela, Helsinki, www.martela.com; Mikomax Smart Office, Łódź, www.mikomaxsmartoffice.pl


Unserem Kritiker Wolfgang Kil blieb zwar das pädagogische Anliegen des Bauwerks einigermaßen fremd, von dessen ästhetischen Qualitäten ließ er sich jedoch ohne Einschränkung begeistern.

Der Autor:
1948 geboren, Architekturstudium. Seit über dreißig Jahren Tätigkeit als Redakteur, Architekturkritiker und freier Publizist in Berlin.


Ad Artis

Arkadiusz Emerla
Maciej Wojda
Seit 2006 gemeinsames Büro. Zahlreiche Wettbewerbsgewinne, darunter für das Weltkriegsmuseum in Danzig, das Mausoleum für die Opfer des Kommunismus in Warschau und den Hauptplatz in Chorzów.