… In die Jahre gekommen

Parc de la Villette in Paris

Der »wichtigste landschaftsplanerische Wettbewerb des 20. Jahrhunderts« erregte vor 30 Jahren großes Aufsehen. François Mitterand, erster sozialistischer Präsident Frankreichs, war seit einem Jahr im Amt und wollte mit seinen Grands Projets den kulturellen Führungsanspruch des Landes bekräftigen. Für den neuen Volkspark im Nordosten der Kapitale kürte er daher das höchst abstrakte »dekonstruktivistische« Konzept eines kaum bekannten Architekten. Der »Park des 21. Jahrhunderts« – bewährt er sich auch in der Zeit, für die er geschaffen wurde?

  • Architekt: Bernard Tschumi
  • Kritik: Christoph Gunßer
    Fotos: Marie-Sophie Leturcq, Sophie Chivet, Arnaud Baumann, Christoph Gunßer
Die Enttäuschung unter den Landschaftsarchitekten war groß, als von den 470 Einsendungen ausgerechnet zwei Architekten in die Endauswahl kamen: Rem Koolhaas und Bernard Tschumi, beide Jahrgang 1944 und gleichermaßen stark vom New Yorker Dekonstruktivismus geprägt, hatten das 35 ha große Gelände des ehemaligen Schlachthofs nur sehr schematisch überplant. Tschumis Entwurf, der letztlich zum Zuge kam, glich mehr einem Gemälde von Malewitsch als einem Freiraumkonzept. Ein autonomer, ganz auf sich selbst bezogener »Text«, wie es Dekon-Vordenker Jacques Derrida gefordert hatte. Doch würde das auf der drittgrößten Grünfläche der immer noch am dichtesten besiedelten Stadt Europas funktionieren? Um es vorwegzunehmen: Es funktioniert erstaunlich gut.
Der erste »urbane Park«
Seit dem 19. Jahrhundert verband sich mit dem Park die romantische Vorstellung, dass hier eine Gegenwelt zur Zivilisation geschaffen würde, die Stadt also bestmöglich auszublenden sei. Der Parc de la Villette indes ist ein architektonischer, »urbaner Park« oder »das größte nichtkontinuierliche Gebäude der Welt«, wie es sein Erfinder nennt, da er den Begriff Park für überlebt hält. Tschumis abstraktes System aus Punkten (26 dezentralen Pavillons oder »Folies« im 120 m-Raster), Linien für die Wege und Flächen für die vorwiegend als Wiesen gestalteten Gärten war, anders als viele »grüne« Parks, von Anfang an fertig und erlebbar. ›
› Dieses Konzept passt offenbar vorzüglich zum individualisierten Freizeitverständnis unserer Tage: Dezentral, unhierarchisch und offen, bietet die artifizielle Parkstruktur Platz für unterschiedliche Events für Groß und Klein, für Jogger, Radler, Sonnenanbeter. Ganz im Sinne des seit 2001 regierenden linken Pariser Bürgermeisters Delanoë, der eine grüne Verkehrspolitik forciert, ließen sich der Park mit der Stadt vernetzen. So gibt es am und im Park inzwischen drei Mietrad-Stationen, und das Wegesystem wurde in die neuen Rad-Routen der Stadt integriert.
Folies als unverwechselbare Landmarken
Weit mehr als die riesige Cité des Sciences et de l‘ Industrie, das auf der Bau- ruine eines Schlachthofgebäudes errichtete Wissenschaftsmuseum am Nordrand des Areals, prägen die 26 knallroten Kleinarchitekturen der Folies die Wahrnehmung des Parks. Mag der etwas willkürliche Gesamtplan mit kreisrunder und dreieckiger »Prärie« und schrägen wie ondulierenden »szenografischen« Wegen nur aus der Luft erlebbar sein (welcher halbwegs interessante Park erschließt sich dem Flaneur schon unmittelbar?) – die Würfel-Variationen nach Art einer Erstsemester-Übung im Entwerfen sorgen für Ortsbezug und Übersicht. Im aparten Kontrast zu den erhalten gebliebenen, strengen Altbauten des Schlachthofs bilden die spielerischen, bespielbaren Objekte das funktionierende Gerüst der Anlage. Auch die mit lackierten Metallplatten bekleideten Betonskelettbauten kokettieren mit dem russischen Konstruktivismus, nicht nur, weil ein Volksparkkonzept ideologisch »links« zu sein hat. Die teils recht grobschlächtige Symbolik und Detaillierung stört dabei wenig – Tschumi, inzwischen ein erfolgreicher Architekt mit Referenzen rund um den Globus, ist bis heute ein Mann der Konzepte. Die mangelnde Delikatesse der Bauten macht sie umso mehr zu abstrakten Erkennungszeichen, wie die skurrile Sinuskurven-Bedachung der Nord-Süd-Galerie und die recht groben Brücken über den Canal de l’Ourcq. ›
› Ein Vierteljahrhundert Benutzung lässt manche Folie etwas mitgenommen aussehen. Die Info-Folie am Südeingang wird zurzeit grundsaniert. Mit einer Ausnahme am Kanal, wo ein Fortbildungszentrum eingezogen ist, füllen sich selbst die abschließbaren Häuschen (leider) nur saisonal mit Leben. Die Parkverwaltung vergibt hierfür Konzessionen, sieht aber keinen Anlass, die Nutzung zu intensivieren.
Gefahren der Nachverdichtung
Bereits in den 90er Jahren kamen am Südrand des Parks Portzamparcs wuchtige Komplexe des Musikkonservatoriums und der Cité de la Musique hinzu. Im Anschluss daran wird momentan Jean Nouvels massige, wie ein Stapel spitzer Felsplatten anmutende Philharmonie errichtet. Den Nordrand zur Vorstadt arrondierten Hotel- und Wohnbauten, den westlichen Saum bilden inzwischen Bürozeilen. Zu groß ist scheinbar die Versuchung, den teuren Parkboden noch »urbaner« zu gestalten.
Doch schirmen diese Zubauten das Areal teils auch gegen den Lärm des im Norden und Osten vorbeiführenden Boulevard Péripherique ab. Kleinere Ergänzungen wirken eher unpassend: Seit auch in Frankreich die Mülltrennung Pflicht ist, stehen etliche Ständer mit wehenden gelben Säcken im Park herum – eine nervige Konkurrenz zur originalen Möblierung von Philippe Starck.
Bereits Ende der 90er Jahre fügte Oscar Tusquets an der Nord-Süd-Galerie des Parks den Pavillon Paul Delouvrier hinzu (benannt nach dem verstorbenen Leiter des Parks), dessen Grabmal-Ästhetik hier völlig deplatziert wirkt. Daneben schließt gleich der sogenannte Garten der Winde und Dünen an: Als einer der elf in Tschumis Prärien nachträglich hinzugefügten Themengärten folgt auch er einem eigenen Design, das an Minigolfplätze denken lässt. Weit überzeugender wirkt da der abgesenkte Bambusgarten, 1997 von Alexandre Chemetoff gestaltet und heute eine Oase der Besinnung im ansonsten so »aktiven« Park.
Das abstrakte Gestaltungsgerüst der Folies ist stark genug, diese Inseln anderer Ordnung zu integrieren. Sie ergänzen den weitläufigen Park um eine bis dahin fehlende Mikro-Ebene. Auch Urbanisten plädieren heute für solche klaren, offenen Ordnungsstrukturen, die sich erst nach und nach mit Leben füllen. Tschumi dürfte sie aus der Analyse Manhattans gewonnen haben, wo er seit den 70er Jahren vorwiegend lebt. Dass die ebenfalls in New York ansässige, dem urbanen »Placemaking« verpflichtete Organisation Project for Public Space (www.pps.org) den Parc de la Villette 2004 als den drittschlechtesten Park der Welt einstufte, weil er eine »inhumane, langweilige Landschaft« sei, ist aus dieser Sicht nicht mehr verständlich. Tatsächlich haben Einheimische wie Touristen längst von dieser künstlichen Landschaft Besitz ergriffen – v. a. im Sommer brummt der Park vor Aktivitäten, Menschen jeder Altersgruppe tummeln sich hier und bekommen nebenbei über die Folies einen spielerischen Zugang zur Architektur. Und würde einmal nicht mehr so rigide gemäht und gejätet wie heute, kämen gewiss auch die zu kurz gekommenen Blumen- und Landschaftsgärtner rasch wieder auf ihre Kosten. •
Standort: 211, avenue Jean Jaurès, F-75019 Paris

… in die Jahre gekommen (S. 44)
Christoph Gunßer
s. Bilbao