... in die Jahre gekommen

Neue Staatsgalerie Stuttgart – wiederbetrachtet

Im Jubiläumsjahr 2016 haben wir die langjährige und db-typische Rubrik »… in die Jahre gekommen« leicht modifiziert und erweitert, indem wir Gebäude auswählen und betrachten, die bereits zu ihrer Entstehungszeit in der db gewürdigt wurden. Dem neuerlichen Abdruck des damaligen Artikels folgt die Wiederbetrachtung in Wort und Bild. So lässt sich fragen, wie sich der Bau über die Zeit bewährt hat und was ggf. für Sanierungen oder Anpassungen anstanden. Auf diese Art lassen wir Monat für Monat ein Stück db- und Zeitschriftengeschichte Revue passieren.

In der Ausgabe, mit dem Schwerpunktthema »Opulent«, richten wir den Blick auf die Erweiterung der Stuttgarter Staatsgalerie — der sogenannten Neuen Staatsgalerie — die sowohl im März als auch im September 1984 unter jeweils verschiedenen Aspekten in der db veröffentlicht wurde. Während in der Märzausgabe u.a. der Bauherrenvertreter Daten und Fakten des Bauwerks — das neben den Museumsräumlichkeiten auch noch das Kammertheater und einige Räume der Musikhochschule aufnimmt — kurz zusammenfasst, nähert sich der Autor der Septemberausgabe dem Gebäude kritisch und abwägend. Die Wiederbetrachtung und -bewertung der Neuen Staatsgalerie hat unser Redakteur Christian Schönwetter vorgenommen. Wir wünschen Ihnen eine spannende, vergleichende Lektüre! ~mh

 

Architekten: James Stirling, Michael Wilford & Associates
Kritik: Christian Schönwetter
Fotos: Staatsgalerie Stuttgart; Manfred Storck
Selten lässt sich der Erfolg von Architektur so deutlich in Zahlen messen wie bei der Stuttgarter Staatsgalerie. Nach der Eröffnung des Erweiterungsbaus von Stirling und Wilford im Jahr 1984 schoss sie in der »Hitliste« der meistbesuchten Museen Westdeutschlands von Platz 52 auf Platz 2 [1]. So kontrovers sie in der Fachwelt diskutiert worden war, so beliebt war sie beim Publikum. Das zentrale Ziel der Postmoderne, eine Architektur zu schaffen, die auch bei Nicht-Architekten gut ankommt, wurde hier offensichtlich erreicht.
Auch heute noch lässt sich nachvollziehen, was den Reiz dieses Bauwerks ausmacht: Wegen der beinahe unerschöpflichen Fülle von Gestaltungsdetails gibt es bei jedem Besuch etwas Neues zu entdecken. Die Architekten haben eine komplexe Komposition geschaffen, bei der hinter jeder Ecke eine andere Überraschung wartet, sei es im Innern, wo Stützen mal in Pilz-, mal in Bleistiftform daherkommen, sei es an den Fassaden, deren Fenster mal kreisförmig, mal als schlanker Rundbogen oder als üppiger Segmentbogen ausgebildet sind – um nur einen Bruchteil der gestalterischen Vielfalt zu benennen. Die differenzierte Gliederung des Baukörpers erzeugt eine abwechslungsreiche Folge von Außenräumen, die sich vom erhöhten Vorbereich über Rampen, einen runden Skulpturenhof und zwei Dachterrassen das Hanggrundstück hinaufstaffeln. In heutigen Zeiten, in denen Kostendruck und Energiesparvorschriften möglichst kompakte Bauvolumina erzwingen, ließe sich eine solche räumliche Fülle kaum noch verwirklichen.
In einem Aspekt hat die Gesamtanlage im Vergleich zu den 80er Jahren noch an Attraktivität hinzugewonnen: Inzwischen lässt sich die ursprüngliche städtebauliche Idee ablesen. 2002 wurde das benachbarte Haus der Geschichte (ORANGE BLU, ehem. Wilford Schupp Architekten) fertiggestellt; zusammen mit dem Staatsgalerie-Ensemble umschließt es u-förmig einen Platz, der exakt auf das gegenüberliegende alte Opernhaus ausgerichtet ist. Gerade dieser stadträumliche Ansatz unterscheidet Stirlings und Wilfords Entwurf von den Solitären der Nachkriegsarchitektur.
All diese Qualitäten haben dazu beigetragen, dass der Bau 2014 als Schlüsselwerk der Postmoderne unter Denkmalschutz gestellt wurde – wie aber hat er sich in der täglichen Praxis bewährt?
Tauglichkeit bewiesen?
Der Vorwurf des db-Autors von 1984, dass die Architektur die Kunst dominiere, trifft meines Erachtens nicht zu. Denn sobald man Foyer, Rampen und Treppen verlässt, ist es vorbei mit dem überbordenden Gestaltungswillen der Planer und man betritt 15 sehr neutrale Ausstellungssäle. Die Kuratoren hatten in den vergangenen 32 Jahren jedenfalls keine größeren Schwierigkeiten mit diesen Räumen. Lediglich in der Halle für Wechselausstellungen finden sich mit den mächtigen Pilzstützen und der abgetreppten Decke Elemente, die den ein oder anderen Besucher vielleicht von den Exponaten ablenken mögen. Insgesamt hat das Gebäude aber so gut funktioniert, dass keinerlei Umbauten nötig waren. Auf den gestiegenen Raumbedarf für die Sammlung reagierte man 2002 mit einem neuen Flügel, den Katharina und Wilfrid Steib östlich an den Altbau anfügten.
Am Trakt von Stirling und Wilford mussten lediglich ein paar Sanierungsarbeiten durchgeführt werden. So war die Lackierung der zeichenhaften quietschbunten Metallrohre an den Rampen und Dachterrassen stark verblasst und wurde 2001 aufgefrischt. Auch erhielten die durchnässten Dachterrassen eine neue Abdichtung. Die Fassaden aus Muschelkalk und Sandstein hingegen zeigen selbst nach 32 Jahren kaum Verschleißerscheinungen. Wenn irgendwann doch eine Sanierung fällig sein sollte, wird die opulente steinerne Architektur eine besondere Stärke ausspielen können: In den üppig dicken Bauteilen lassen sich moderne Haustechnik und neue Dämmschichten leichter verstecken als etwa in den zartgliedrigen Bauten der 50er Jahre oder in der berühmten Haut- und Knochen-Architektur der Mies’schen Nationalgalerie in Berlin, die derzeit aufwendig modernisiert wird.
Emblematischer Bodenbelag
Besondere Sorgfalt ließ man beim Austausch des giftgrünen Noppenbodens im Foyer walten, der nach rund 30 Jahren stark abgenutzt war. Da er schnell zum Wahrzeichen der Staatsgalerie avanciert war – im Museumsshop werden sogar grüne Mousepads in Noppenbodenoptik verkauft –, legte das Denkmalamt Wert darauf, dass wenigstens an einer Stelle noch ein Stück des Originalbelags erhalten blieb. Es findet sich auf dem Podest der nördlichen Foyertreppe im OG. Die übrigen 1500 m² sind allerdings neu, gesponsert von Bürgern, die Bodenpatenschaften übernehmen konnten. Ein Problem bei der Auswahl eines geeigneten Belags war, dass der Hersteller (nora systems) heute generell einen etwas anderen Noppenquerschnitt produziert. Weil sich früher in der engen Kehle um die Noppen über die Jahre Schmutz abgelagert hatte, sind diese Kehlen bei heutigen Belägen ausgerundet, um dem Schmutz das Anhaften zu erschweren. Dadurch werfen die Noppen allerdings weniger deutliche Schatten und der Belag wirkt flacher. Um den ursprünglichen Eindruck nicht zu verfälschen, sondern wieder eine Reliefwirkung zu erzielen, die dem Original möglichst nahekommt, gab man eine Spezialanfertigung in Auftrag: Bei dem nun verlegten Boden sind die Noppen ein bisschen höher als üblich. Vor Ort ist der Unterschied zum alten Belag tatsächlich kaum zu erkennen.
Schön wäre, wenn die gleiche Sorgfalt, mit der das Denkmal behandelt wird, auch dem öffentlichen Raum rund um die Staatsgalerie zuteil würde. Hier kann man der Stadt Stuttgart und dem Land Baden-Württemberg nur dringend nahelegen, endlich die autobahnähnliche Straße zu bändigen, die vor dem Gebäude entlangführt und jegliche Aufenthaltsqualität im Freien zunichte macht. Eine Verkehrsberuhigung würde Stirlings und Wilfords stadträumlichen Ansatz vollenden, Stuttgarts Zentrum über einen Platz an der Oper mit den Hängen im Osten zu verknüpfen.
    [1] Colquhoun, Alan, Democratic Monument, in: Architectural Review 12/1984, S. 19

Standort: Konrad-Adenauer-Straße 30-32, 70173 Stuttgart

40134256Ein nutzerfreundliches Detail: Die kleine Sitzbank bei den Schließfächern und Garderoben kam unserem Kritiker Christian Schönwetter nach einem ausführlichen Rundgang sehr gelegen.

Christian Schönwetter
Architekturstudium an der Universität Karlsruhe, wiss. Mitarbeit. Volontariat bei der AIT, Redakteur beim design report, Gründer und Chefredakteur der Zeitschrift Metamorphose – Bauen im Bestand. Seit 2013 Redakteur der db-Metamorphose, freier Journalist, Kritiker.