1974-75

… in die Jahre gekommen: Multihalle in Mannheim

Eine bis zu 60 m freispannende, zweifach gekrümmte Holzgitterkonstruktion zu durchdenken, anhand von Modellen ihre endgültige Form zu finden, sie zu berechnen – ohne auf bewährte Methoden zurückgreifen zu können – und schließlich zu bauen, das war 1975 eine architektonische Sensation und beeindruckt noch heute in konstruktiver Kühnheit und räumlicher Poesie. Die Multihalle bildet seit nunmehr vier Jahrzehnten das Herzstück des Mannheimer Herzogenriedparks, obwohl sie ursprünglich nur als temporäres Bauwerk geplant, gebaut und genehmigt worden war.

  • Architekt: Carlfried Mutschler, Joachim Langner
    Tragwerksplanung: Frei Otto, Ove Arup
  • Kritik: Ursula Baus
    Fotos: Stadtpark Mannheim, Archiv Frei Otto, Ursula Baus, Robert Häusser u. a.
Die bis heute weltweit größte freitragende Holzgitterschalenkonstruktion über amorphem Grundriss ist das Ergebnis eines 1970 ausgelobten Wettbewerbs im Rahmen einer Bundesgartenschau, den die Mannheimer Architekten Carlfried Mutschler mit Joachim Langner für sich entscheiden konnten. Ihr Entwurf sah eine Art »überdachten Marktplatz« vor, auf dem Veranstaltungen unterschiedlicher Art und Größenordnung leger und offen Platz finden sollten. Im Zusammenspiel mit der hügelig modellierten Parklandschaft erinnerten sich die Architekten in der weiteren Planung an die Gitterschalen-Ideen Frei Ottos, der gerade mit den Münchner Olympia-Planungen befasst war. Und rasch kam die Zusammenarbeit mit dem damals schon bekannten Leiter des Stuttgarter Instituts für leichte Flächentragwerke zustande. Den Rang der originären Leistung muss man sich rückblickend vergegenwärtigen. Zwar hatte das Team um Frei Otto schon Erfahrungen mit zwei kleineren Vorgängerbauten dieser Art in Montreal gesammelt und dann mit Japanern auch an Details der Formfindungsmodelle – Ringe und Häkchen im Präzisionsmodellbau – geforscht, aber der Modellbau war grundlegendes Erkenntnismittel: Was heute in Computer-Simulationen gewiss zuverlässig funktioniert, wurde damals in anschaulichen, materiell spür- und messbaren Versuchsanordnungen erkundet. Wie man um die Modelle herumstand und -ging, schaute, überlegte und miteinander sprach – das war ein anderes Arbeiten als heute. Ohne zu werten, darf man es als abenteuerlicher bezeichnen.
Das Hängemodell der Mannheimer Halle, das im Atelier in Warmbronn auf der Grundlage dieser Forschungen gebaut worden war, erlaubte, aus nur zwei Kettenelementen ein beliebig großes Netz mit winkelverschieblichen Maschen zu entwickeln. Das finale, von Hand »geknüpfte« Modell wurde seinerzeit an der Universität Stuttgart von Klaus Linkwitz und Hans Dieter Preuß vermessen. [1] Ihre Messungen lieferten die Daten für den Großcomputer, mit dem dann mathematische Kontrollen und Formoptimierungen errechnet wurden. In der Umkehrung des Hängemodells, in dem alle Elemente zugbeansprucht sind, ergibt sich für die Holzgitterschale, dass alle Stäbe druckbeansprucht sind – ausschlaggebend für die Standsicherheit ist bei reinen Zug- oder Druckbeanspruchungen eine präzise ermittelte und dann weitgehend stabil gehaltene Geometrie. Holzlatten aus astfreier Hemlocktanne wurden in gleichem Abstand in zwei Richtungen mit Bolzen verbunden. Stahlseile stabilisieren diese »Maschen« des Holzlattennetzes. Die Konstruktionsidee hat sich durchweg als langfristig tauglich erwiesen. Als es ans Bauen ging, wurde zusätzlich Ove Arup aus London hinzugezogen.
Der Entstehungsprozess der Halle, die Vorüberlegungen und das Zusammenwirken aller Beteiligten in der Ausführung sind hervorragend in Nummer 13 der IL-Bände dokumentiert, die heute Kultcharakter haben: Das Zusammenspiel von Forschen und Bauen zeugte von einem Fortschrittsdenken, das vom Glauben an eine bessere Welt getragen war und durch die deutsch-englischen Dokumentationen weltweit zugänglich gemacht werden sollte [2].
Das Fortleben des Temporären
Nur ein kleiner Bereich der ganzen Konstruktion wird als geschlossene, allerdings nicht beheizte »Halle« genutzt. Sie wurde ursprünglich für reduzierte Lasten – insbesondere Schneelasten – genehmigt, musste dafür aber im Schneelastfall doch beheizt werden. In weiten Abschnitten überspannt die Konstruktion andere, völlig freie Bereiche, die jederzeit zugänglich sind. Mit Rampen und Treppen sind hier überdachte Gehwege erschlossen, die Innen und Außen verschmelzen lassen, die mäandernd in der dritten Dimension mit dem Gartenschaugelände harmonieren. Es ist ein heißer Tag des Sommers 2015, an dem ich das Schatten spendende »Wunder von Mannheim« besuche. Die Mannheimer schätzen Park und Halle – gleichwohl: Wenn der Erhalt des großartigen Bauwerks zu teuer zu Buche schlägt: Was wird dann? Darüber entscheidet der Gemeinderat im Herbst.
Der Bestand
Der temporär konzipierte und inzwischen vierzigjährige Bau schwächelt. Die erste, befristete Baugenehmigung von 1975 wurde 1977 und anschließend mehrfach, zuletzt 1992 verlängert. Seit 1998 steht die Halle unter Denkmalschutz. 1999 ließen sich allerdings deutliche Verformungen feststellen – und wie schon angedeutet: Die stabile Geometrie ist für den Konstruktionstypus ein maßgebliches Kriterium für die Standsicherheit. Sind die Freibereiche noch alle zugänglich, bleibt die Halle bis auf Weiteres geschlossen. Deutlich erkennbar sind inzwischen Gegenwölbungen, das heißt, die druckbeanspruchte Konstruktion ist Biegebeanspruchungen ausgesetzt. Zudem weist die 1981 ausgetauschte Dachhaut – Polyestergewebe mit PVC-Schicht – mittlerweile Falten auf. Sie ist also statisch belastet, was nicht sein darf. Es kommen einige Ursachen dieser Änderungen zusammen. So gab es bei der Multihalle Setzungen von bis zu 70 cm. Betonwände bekamen Risse. Die insgesamt weiche Konstruktion macht zwar vieles mit – veränderte Spannungen in den Stahlseilenließen sich beispielsweise durch Spreizungen auffangen. Das Holz nahm v. a. dort Schaden, wo sich Kondenswasser sammeln konnte – also in den Randbereichen. An Stellen, an denen der Handlungsbedarf unbestreitbar ins Auge fällt, ist die Gitterschalenkonstruktion inzwischen abgestützt worden.
Was akut ist
Die Ingenieure Fast + Epp sind gegenwärtig damit befasst, ein Sanierungskonzept gemäß aktueller europäischer Normung für weitere 50 Jahre zu erarbeiten. Lastfälle werden im Windkanal getestet. Nach der Sanierung soll die Halle auch im Winter nicht mehr geheizt werden müssen. Für den Standsicherheitsnachweis gehen die Ingenieure von der gegenwärtigen Geometrie aus. Sie erläutern: »Im Rahmen der Vorbereitung der Sanierung der Multihalle wurde das Dachtragwerk einschließlich der Lage aller Knoten mittels Laser vermessen. Die Vermessung bildet die Grundlage für ein genaues 3D-Rechenmodell der Multihalle mit Feniten Elementen. Auf Basis dieses Modells werden Instandsetzungsvarianten entwickelt, welche die neuen Anforderungen an die Halle in statischer Hinsicht erfüllen. Da die Veranstaltungshalle bisher für reduzierte Lasten ausgelegt war, muss diese am meisten verstärkt werden. Für die Dachränder werden Verstärkungsmaßnahmen entwickelt. Hierbei wird untersucht, inwieweit eine Dachentwässerung integriert werden kann. Zur Beurteilung der Materialeigenschaften und Knotensteifigkeiten wurde eine Materialprüfanstalt hinzugezogen.« [3] Beton- und Stahlbetonsanierung übernimmt ein spezialisiertes Unternehmen.
Was das alles kostet, ist schwer zu sagen und muss in baubegleitender Kostenermittlung im Auge behalten bleiben. Denn was im Einzelnen zu tun ist, wird im Grunde erst erkennbar, wenn jeder Bolzen, jede Schraube, jede Latte, jedes Seil begutachtet ist. Es gilt, das »Wunder von Mannheim« zu retten – die Stadt ist gut beraten, es als solches in eine weltweite Öffentlichkeit zu tragen. Bislang taucht es unter Mannheim online bei »Sehenswürdigkeiten« nicht einmal auf. •
Standort: Herzogenriedpark, Max-Joseph-Straße 64, 68167 Mannheim
[1] Das Modell befindet sich in der Modellsammlung des DAM (Fassung 16. Juli 2015)
[2] Institut für leichte Flächentragwerke (IL): IL 13 Multihalle Mannheim. Stuttgart 1978, ISBN 3782820134
[3] Informationen an die Autorin am 28. Juli 2015

Ursula Baus
Studium der Philosophie, Kunstgeschichte und Klassischen Archäologie in Saarbrücken. Architekturstudium in Stuttgart und Paris. Promotion. 1989-2004 Redakteurin der db deutsche bauzeitung, seit 2004 frei04-publizistik mit Christian Holl und Claudia Siegele. 2004-10 Lehraufträge in Biberach und Stuttgart. 2007-12 im Beirat der Bundesstiftung Baukultur, seit 2010 im wissenschaftlichen Kuratorium der IBA Basel 2020. Seit 2017 Mitherausgeberin des eMagazin www.marlowes.de.