Granitzentrum Bayerischer Wald, Hauzenberg

Massives Urgestein

Im bayerischen Wald, nahe der tschechischen Grenze, wird seit Jahrhunderten Granit abgebaut. Mit dem kürzlich eröffneten Granitmuseum soll dieser regionale Wirtschaftszweig neu belebt werden. Die architektonische Idee lebt von der Integration des Gebäudes in die einzigartige, massive Steinbruchlandschaft. Museumsbau und die thematische Auseinandersetzung mit der Geschichte, dem Abbau und der Verarbeitung des Granits bilden eine überzeugende Einheit.

In the Bavarian Forest, near the Czech border, granite has been quarried for centuries. The recently opened granite museum is to help revive this regional industry. Underlying the architectural idea is the integration of the building in the unique and massive quarry landscape. The museum building and the thematic representation of the history, quarrying and processing of granite form together a convincing unity.

Granit ist der Grund, der Baustoff und die Botschaft. Granit in all seinen Abbaustufen, vom nackten Fels bis zum würfeligen Pflaster, vom rauen Monolith bis zum hochpolierten Stein, bildet die Architektur der »Steinwelten« in Hauzenberg. Das Museum dokumentiert nicht nur die lange Geschichte der Granitbrüche und Steinmetzbetriebe im Bayerischen Wald, es ist zugleich Tagungsstätte, Fortbildungszentrum, Messeplatz und Werbeplattform der Natursteinindustrie. Das feinkörnige Tiefengestein bildet so den Kern der gebauten Fabel. Alles ist hier Bild, Vergleich, Lehre.

Als die Architektenbrüder Brückner 2001 das erste Mal die Straße von Passau hinaufkamen, den alten Schachetbruch am Ortseingang von Hauzenberg inspizierten und zuletzt auf einem Felssporn über dem grünen Steinbruchsee Halt machten, wurde ihnen bewusst, dass jede Form von Ausstellungshalle fehl am Platz wäre. Bloß kein orthogonaler Baukörper, bloß keine Fassaden! Lieber den Bruchkanten folgend eine der kristallinen Struktur der Mineralien verwandte Geometrie entwickeln, die sich der Topografie anpasst und die Maßstäblichkeit des Ortes wahrt. Mit der Idee, das Granitzentrum »wie ein Fels« wirken zu lassen, gewannen die Tirschenreuther den eingeladenen Wettbewerb.
Mit archaischer Wucht erheben sich die massiven, aus bruchrauen Steinquadern geschichteten Mauern über der Halde. Solche Anhäufungen von steinigem Abfall gehören seit jeher zur Peripherie der hiesigen Steinbrüche. Größere Brocken wurden entlang der Straßen zu Mauern geschichtet. So ist auch die westliche Stirnwand des Museums eine geböschte Natursteinmauer, in der quer gestellte Eisenplatten Schüttgassen bzw. Lichtschächte für die tiefer liegenden Fenster bilden. Nach und nach wird die Vegetation den Stein erobern, Flechten und Moose werden das Geröll überziehen. Gräser und Fingerhut werden sprießen, vielleicht auch die ein oder andere Birke Fuß fassen. So hell und bruchfrisch wird das Bauwerk in wenigen Jahren nicht mehr aussehen. Es wird im Laufe der Zeit dem Fels und der Landschaft immer stärker ähneln.
Bereits der Weg zum Museumseingang ist ein Lehrpfad in Sachen Steinverarbeitung. Vorbei an Härtlingen (zu vergleichen mit Findlingen), die oben im Gebirge noch ganze Waldhänge überziehen, führt der Weg am Ufer des Sees entlang. Granitwürfel bedecken den gradlinigen Pfad. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als in Hauzenberg rund 1500 Arbeiter in zweihundert Steinbrüchen schufteten, wurden mit diesen kleinen Steinen die Boulevards und Promenaden in Wien und Budapest befestigt. Als man dazu überging, Straßen zu asphaltieren, erlebte die Steinindustrie im Bayerischen Wald ihre erste große Krise. Hohe Eisenplatten, die das Gelände nach außen abschotten, begleiten den Weg zum Museum, bis die Mauern des Gebäudes die Leitfunktion in Richtung Eingang übernehmen. Zunächst lagern riesige Gesteinsblöcke übereinander, mal senkrecht, mal waagerecht, durchzogen von Bohrgängen, mit denen die Steinhauer den Fels entsprechend seiner Struktur zum »Aufmachen« zwangen. Vor- und Rücksprünge der Rohlinge konturieren das Wandrelief. Gehämmertes Blei in den Fugen erinnert daran, dass früher die Quader auf dem weichen Metall gelagert wurden. Eine solche Mauertechnik hätte freilich den engen Kostenrahmen des Neubaus gesprengt. So fand das Mörtelbett nur einen veredelnden Abschluss mit Bleischnüren, die mit Bohrhämmern nachbearbeitet wurden. Dabei wirkt der Wandaufbau wie eine abstrakte Komposition des irischen Künstlers Sean Scully, der eines seiner opaken, hell-dunklen Streifengemälde »stone light« taufte.
Den Rohblöcken folgen nach einem Gebäuderücksprung die Quader, die nur an der Oberkante kurze Keillöcher aufweisen. Zum Schluss steht der Besucher vor einer Wand aus poliertem Granit, der den hügeligen Ort mit seiner zentralen Granitkirche spiegelt. Schon die geschliffene Kante macht deutlich: Dies ist keine hauchdünne Steintapete, sondern eine massive Platte. Der Granit erhält hier seine Glaubwürdigkeit zurück, die er durch die Hochglanz-Fassaden der Büro- und Geschäftswelt verloren hat. Der unter mächtigen Granitstürzen eingezogene Eingang schließlich erinnert an Jahrtausende alte Kultbauten. In unmittelbarer Nachbarschaft gibt es Bauernhöfe, deren Keller und Ställe aus Granit bestehen. Gelegentlich bilden Granitblöcke, wie im dunklen Eingangsstollen des Museums, auch die Decken. So führt der Weg direkt hinein in den gesprengten, abgekeilten, gespalteten, gesägten und polierten Stein.
Das Granitzentrum ist selbstverständlich auf Fels gegründet. Die Klüfte des Steinbruchs ziehen sich weit ins Gebäudeinnere und werden von graphitbestäubten Betonwänden prolongiert. Die Klippe, auf der die Architekten einst standen, wurde mit Seilsägen zum Plateau verschliffen, auf dem heute die Gäste zum Kaffee Platz nehmen. Die Ausstellungsebene befindet sich unterhalb auf einer hölzernen Seeterrasse, die durch eine breite Glasfront den Blick auf eine Wasserfläche und den Schausteinbruch mit Schmiede, Steinhauerhütten und Hebekranen freigibt. Diese Wasserfront ist der Lichtspender des Hauses, seine kühlende und Frischluft spendende Klimakammer und sein beeindruckendes Diorama. Der Steinbruch draußen ist das größte Exponat und bestimmt jedes Baudetail. Er ist unmittelbar gegenwärtig in der Felskammer, in der Besucher eine rasante Fahrstuhl-Simulation zu den glühenden Ursprüngen des plutonischen Gesteins von vor 300 Millionen Jahren in zwanzig Kilometer Tiefe erleben. Die Felsarena spiegelt sich in der polierten Granitwand, die vom Eingang bis zum Foyer führt. Der Bruch ist präsent in den massiven Mauern, die die Raumkeile von Seminar- und Kinosaal sowie den Sonderausstellungsbereich umgeben. Und er bestimmt alle Materialien: Sechskant-Bohrstäbe bilden das Geländer der Plattform, Eisenträger fügen sich zu Stufen, selbst der Aufzug ist aus Eisen. Patinierte und genagelte Eichendielen scheinen genauso verwittert wie die mächtigen Bäume der Schwenkkrane draußen. Selbst der kunstvoll auf den wenigen Betonflächen gebundene Graphitstaub stammt vom Ort, einem der letzten Graphitbergwerke Europas im fußläufigen Kropfmühl. So ist sogar im feinsten Körnchen der Genius loci gebannt. Unabhängig von der 3-D-Steinfabel ist es Peter und Christian Brückner gelungen, unter Verwendung vieler vorgefertigter Massiv-Elemente aus Abfallprodukten der Granitbrüche, die Kosten für das 1300 m² große Zentrum bei 2,5 Millionen Euro zu halten. Keine Täuschung, keine Verkleidung – einfach Stein pur.
Ira Mazzoni

Bauherr: Stadt Hauzenberg und Landratsamt Passau
Betreiber: Granitzentrum Bayerischer Wald, www.granitforum.de
Architekten: Brückner & Brückner Architekten, Tirschenreuth; Peter Brückner, Christian Brückner
Projektteam: Robert Reith, Rudi Völkl, Wolfgang Herrmann, Stefan Dostler, Norbert Ritzer (Wettbewerb)
Bauleitung: Architekturbüro Ludwig A. Bauer, Hauzenberg
Tragwerksplanung: Ingenieurbüro Kropfmühl, Hauzenberg
Landschaftsarchitekten: Büro für Landschaftsentwicklung, Hohenau; Büro für Landschaftsplanung, Deggendorf
Haustechnik: Ingenieurbüro Winkler & Seidl, Hauzenberg
Wettbewerb: April 2001
Bauzeit: Juli 2003 – April 2005
Umbauter Raum: 6500 m³
Bruttogeschossfläche: 1400 m²
Nutzfläche: 950 m²
Bausumme: 2,3 Mio Euro