Licht in den Untergrund

Historisches Archiv des Baskenlands in Bilbao (E)

  • Architekten: IDOM-ACXT
    Tragwerksplanung: IDOM
  • Kritik: Hubertus Adam
    Fotos: Aitor Ortiz
Historisches Archiv des Baskenlands in Bilbao (E)
Mit einer gläsernen Schaufassade macht das Archivgebäude im Straßenraum auf sich aufmerksam. Dahinter liegen die lichtdurchfluteten öffentlichen Bereiche. Darunter allerdings erstreckt sich das Reich der Archivalien, das durch eine geschickte Lichtregie hell und freundlich wirkt, obwohl es bis tief unter die Erde reicht. Gleichmäßige Temperaturen, der Schutz vor Immissionen und mangelnde Flächen in der dicht bebauten Stadt wogen den hohen Aufwand einer weiträumigen, vierstöckigen Unterkellerung auf.
Der Bilbao-Effekt hat es bis ins Wörterbuch geschafft. Doch dass es nur eines einzigen spektakulären und global vermarktbaren Gebäudes bedarf, um eine Stadt neu zu erfinden und auf der internationalen Landkarte besuchenswerter Reisedestinationen zu verankern, ist ein Irrglaube. Gewiss, Frank O. Gehrys 1997 eingeweihtes Guggenheim Museum ist zur Ikone von Bilbao geworden, aber die Revitalisierung der baskischen Metropole war und ist ein breit angelegtes Vorhaben, für welches ein neu aufgebautes leistungsfähiges Metronetz – viele der Stationen wurden von Norman Foster entworfen – eine der Voraussetzungen darstellte. Und auch in den vergangenen Jahren wurde eine Reihe wichtiger Neubauten fertiggestellt, die sich v. a. auf den Bereich der im ausgehenden 19. Jahrhundert am linken Hochufer des Nervión entstandenen Stadterweiterung (Span.: Ensanche) konzentrieren. So hat Philippe Starck das Lagergebäude Alhóndiga entkernt und zu einem Kultur- und Freizeitzentrum umgestaltet. Eine Reihe weiterer Bauten gruppiert sich um die Euskadi Plaza an der Schnittstelle zwischen Neustadt und der neuen Uferbebauung: ein Wohnblock von Rob Krier, der Torre Iberdrola von Cesar Pelli, das Einkaufszentrum Zubiarte von Robert A. M. Stern sowie zwei Universitätsgebäude von Alvaro Siza und Rafael Moneo. Nach Gehry und Foster, Calatrava und Isozaki setzt Bilbao also weiter auf die Zugkraft großer etablierter Architektennamen.
Weniger international bekannt, wenn auch nicht weniger erfolgreich ist das Planungsbüro ACXT. Hervorgegangen aus einem Ingenieurunternehmen, beschäftigt ACXT heute an mehreren spanischen sowie einigen internationalen Standorten insgesamt 2 500 Mitarbeiter (wovon etwa 500 Architekten sind). Die leitenden Architekten können innerhalb der Struktur relativ eigenständig agieren; sie entscheiden selbst, an welchen Wettbewerben sie teilnehmen, können aber bei der Umsetzung und Ausführung auf das Know-how der ›
› in verschiedenen baubezogenen Bereichen spezialisierten Mitarbeiter von ACXT zurückgreifen. So entstehen selbst innerhalb eines Großunternehmens Bauten, die nicht unter dem Rubrum Corporate Architecture zu subsumieren sind.
Das Versteckte sichtbar machen
Ein Beispiel hierfür ist der Neubau des Historischen Archivs des Baskenlands, das von dem 1974 in Getxo geborenen Architekten Gonzalo Carro López für ACXT entworfen und nach dem Wettbewerbssieg bis 2013 fertiggestellt wurde. Das Gebäude besetzt eine prominente Parzelle im östlichen Teil des Ensanche an der Calle de María Díaz de Haro, nur wenige Schritte von der in West-Ost-Richtung verlaufenden Hauptachse des Gebiets entfernt. Bisher waren die Bestände des Archivs über mehrere Außenlager verstreut; dass sie nun in einem repräsentativen Neubau im Stadtzentrum untergebracht sind, hat allerdings nicht nur funktionale, sondern auch politische Gründe. Das kulturelle Gedächtnis ist für die autonome Region Baskenland von identitätsstiftender Bedeutung, und so wünschte sich die Regierung mehr Sichtbarkeit, mehr Zugänglichkeit und mehr Öffentlichkeit des Archivs. Der zentrale Standort, an dem vorher ebenfalls ein Verwaltungsgebäude der Regierung stand, forderte jedoch auch seinen Tribut: Die Parzelle ist in die Blockstruktur des Ensembles eingebunden und misst zur Straße hin 20 m, während sie sich über 70 m in das Blockinnere erstreckt. Bei der Neubebauung galt es, die Höhe der Nachbarbebauung zu respektieren und auf eine Bebauung des Hofs zu verzichten.
Fügt sich das Gebäude auch in die Bebauungsstruktur ein, so suchten die Architekten doch, seine Sonderrolle als öffentliches Gebäude zu artikulieren. Das EG ist zurückgesetzt, sodass sich eine schmale gedeckte Vorzone ergibt, und zum Hof und zur Straße hin vollflächig verglast. Auffallendstes Merkmal des Bauwerks aber ist die Vorhangfassade aus zickzackförmig angeordneten grünlichen Glasplatten. Deren Rhythmus wechselt von Geschoss zu Geschoss; aufgedruckte Schriftzüge aus Archivdokumenten verweisen auf die Funktion des Gebäudes. Zwingend im Kontext ist die Andersartigkeit der Fassade nicht: Alles wirkt etwas forciert, zumal die visuelle Öffnung, also die Möglichkeit des Einblicks sich nur dann einstellt, wenn Kunstlicht die Räume erhellt. ›
› Die eigentliche Stärke des Gebäudes liegt in seinem Innern, genauer gesagt: in dessen räumlicher Organisation. Aufgrund der Beschränkung des oberirdischen Volumens wurde der Großteil des Raumvolumens unterirdisch angeordnet. Die Magazine, die mit Rollregalen für insgesamt 20 km Akten versehen sind, befinden sich in drei UGs, welche die gesamte Parzelle ausfüllen. Ein breiter Lichtschacht im Hof lässt Tageslicht bis in die Tiefe dringen. Er bildet den Angelpunkt der Erschließung, denn von den Gängen, die ihn umgeben, werden die einzelnen Magazinräume erschlossen. Diese sind naturgemäß fensterlos konzipiert, doch alle Erschließungszonen beeindrucken durch eine Helligkeit, die man unter der Erde eigentlich kaum erwartet. Weiße Wände, Tageslicht auch im Untergrund: Es war die Intention der Architekten, der Klaustrophobie von Kellersituationen entgegenzuwirken. Auch das gleißend weiße Treppenhaus, das alle Ebenen erschließt, besitzt ein Lichtauge. Natürliches und künstliches Licht mischen sich, sodass Keller- und oberirdische Geschosse beim Hinauf- oder Hinuntersteigen nicht voneinander zu differenzieren sind.
Selbst die im 4. UG befindliche, über einen Autolift zu erreichende Tiefgarage wird durch einen separaten Lichtschacht am östlichen Ende der Parzelle erhellt. Weil Teile dieses 20 m unter Straßenniveau liegenden Geschosses für die Technikzentrale genutzt werden, besitzt die Einstellhalle grandiose Dimensionen. Aufgrund gesetzlicher Vorschriften war die Bauherrschaft gezwungen, eine bestimmte Anzahl von Stellplätzen zu schaffen. Da das unterste Geschoss bei einem Hochwasser des Nervión von einem Wassereinbruch betroffen sein könnte, beschloss man, hier die Fahrzeuge unterzubringen und nicht das wertvolle Archivgut. Der bauliche und finanzielle Aufwand für eine kleine Anzahl von Parkplätzen, die überdies derzeit gar nicht benötigt werden, ist allerdings enorm. Aber hier hat man wirklich das Gefühl, tief in der Erde zu sein: Seitlich sind die rohen Betonwände der Baugrube sichtbar, auf denen Schleifmaschinen große kreisförmige Strukturen hinterlassen haben.
Das verglaste, einladende EG dient als Empfangsbereich und kann – wie auch das optisch durch eine Öffnung in der Decke damit verbundene 1. OG – für Ausstellungen genutzt werden. Ein Treppenlauf quer im Raum führt hinunter in das 1. UG mit einem zum Lichtschacht hin orientierten Auditorium. Der Blick fällt auf die gegenüberliegende, von Fensteröffnungen rhythmisierte Wand des Lichthofs, hinter der ab und an Mitarbeiter des Archivs vorbeigehen.
Der Lesesaal, in dem die Benutzer die bestellten Archivalien einsehen können, befindet sich im 2. OG. In den Ebenen darüber sind weitere Büroräumlichkeiten angeordnet, die derzeit allerdings nur z. T. vom Archiv genutzt werden. In Zukunft sollen hier andere staatliche Verwaltungsstellen einziehen. ›
› Helligkeit und Freundlichkeit bestimmen das Innere des Gebäudes. Vom Bild eines muffigen und staubigen Archivs wollten sich die Architekten verabschieden, und so prägt die Wandfarbe Weiß, an verschiedenen Stellen ergänzt durch einige kräftige farbige Akzente, die Räumlichkeiten. Dazu treten Sichtbeton, Glas und Metall in einer klaren, puristischen Formensprache. Die Materialisierung ist überzeugend, schlicht und doch präsent, ohne ins Preziöse zu kippen. Ein besonderer Clou ist die Gestaltung des Innenhofs, der von den bis ins 1. OG aufragenden, schwarz gestrichenen Betonwänden der Baugrube umgeben wird. Schräg gestellte weiße Metalllamellen flankieren die Wände, auf der südlich anschließenden Brandwand wurde eine große weiße Projektionsfläche angebracht. Inmitten der dicht bebauten Innenstadt von Bilbao ist ein Ort für sommerliche Filmprojektionen entstanden. •
1 Büros 2 Foyer, Ausstellung 3 Autolift 4 Magazin 5 Tiefgarage

Bilbao (E) (S. 30)

IDOM-ACXT
Javier Pérez Uribarri
1968 in Algorta (E) geboren. 1986-92 Architekturstudium an der Universität Navarra, 05 Promotion an der Universität von Deusto. Seit 1993 Mitarbeit bei IDOM-ACXT, seit 2003 als Partner, seit 2012 zuständig für Projekte in Mexiko, Kolumbien und Panama. 2007-011 Gastprofessur an der Universität von Kantabrien.
Nicolas Espinosa Barrientos
1975 in Medellin (Kolumbien) geboren. Dort Architekturstudium an der Bolivian Pontifical University. Seit 2005 in Spanien als Architekt zugelassen. 2011 ArchDaily Building of the Year Award.
Hubertus Adam
1965 in Hannover geboren. Studium der Kunstgeschichte, Archäologie und Philosophie in Heidelberg. 1996-98 Redakteur der Bauwelt, seit 1998 Redakteur der archithese. Freier Architekturkritiker v. a. für die NZZ. Seit August 2010 Künstlerischer Leiter des S AM in Basel.