Erweiterung Ordrupgaard Museum in Kopenhagen

Landschaftslinien

Für die Privatsammlung impressionistischer Malerei war das ländliche Anwesen Ordrupgaard vor den Toren der dänischen Hauptstadt stets zu klein. Zaha Hadid brachte die dringend benötigten Räumlichkeiten in einem Erweiterungsbau unter, der den umliegenden Park in das Raumkonzept mit einbezieht und das Kunsterlebnis um das Erlebnis von Landschaft erweitert. The country domain of Ordrupgaard, just outside the Danish capital, had always been too small for the private collection of impressionist paintings. Zaha Hadid accomodated the urgently needed space in an extension building which establishes a visual relationship with the surrounding park and enhances the experience of art with that of the landscape.

Text: Hubertus Adam Fotos: Roland Halbe

Kopenhagen boomt. Die Erneuerung der dänischen Kapitale geht vornehmlich von den die Stadt durchziehenden Hafenarealen aus. Die als »schwarzer Diamant« bekannte neue Nationalbibliothek, aber auch die Oper – ein zu Recht kritisiertes Werk des dänischen Altmeisters Henning Larsen – sind die wohl deutlichsten Zeichen dafür, dass die lange vernachlässigten oder gar unzugänglichen Hafenareale zu neuen Brennpunkten metropolitaner Urbanität werden. Ambitioniert ist überdies die Planung des Stadtteils Ørestad, der sich zukünftig zwischen dem historischen Stadtteil Christiansborg und dem Flughafen Kastrup im Süden der Stadt erstrecken soll. Neben den arrivierten dänischen Architekten trifft man bei den Neubauten auf Jungstars, vor allem auf das kometenhaft aufgestiegene Büro Plot. Dazu kommen internationale Größen: MVRDV haben gerade im Hafenareal den Umbau zweier Silos zu Wohnungen abgeschlossen, das Projekt von Jean Nouvel für ein Konzert- und Studiogebäude des Dänischen Rundfunks befindet sich in Ausführung. Konzentrieren sich die baulichen Aktivitäten auch derzeit auf die wassernahen Areale, vor allem den Südosten der Stadt, so scheint die Aufbruchstimmung auch andere Bereiche zu erfassen. Eines der eindrücklichsten Beispiele dafür ist die Kunstsammlung Ordrupgaard.
Das Anwesen Ordrupgaard befindet sich im von Villen geprägten Norden Kopenhagens, unweit des ausgedehnten königlichen Tiergartens. Inmitten eines Parks ließ sich der 1868 geborene Wilhelm Hansen, der als Gründer der Versicherung Dansk Folkeforikringsanstalt zu Reichtum gekommen war, von dem Architekten Gotfred Tvede seinen Wohnsitz errichten. Zunächst als Sommerresidenz konzipiert, wurde Ordrupgaard schließlich doch zum dauerhaften Domizil – und zum Standort der Kunstsammlung, die Wilhelm und seine Frau Henny zusammentrugen. Westlich des in zeittypischem Landhaus-Neoklassizismus errichteten Wohnhauses und mit diesem durch einen Wintergarten verbunden errichtete Tvede ein lang gestrecktes Galeriegebäude mit Oberlicht. Landhaus und Galerie waren 1918 fertig gestellt, und schon damals – wenn auch nur an einem Tag in der Woche – für die Öffentlichkeit zugänglich. Schon während seiner Schulzeit hatte Hansen Kontakte zur dänischen Kunstszene geknüpft, die einen Schwerpunkt der Sammlung darstellt. Weltruhm genießt Ordrupgaard indes aufgrund der hochkarätigen Kollektion von Gemälden des französischen Impressionismus, Postimpressionismus und Fauvismus. Beraten von dem Kunstkritiker Théodore Duret trug Hansen zwischen 1916 und 1918 eine erstaunliche Sammlung zusammen – der Bogen spannt sich von der Schule von Barbizon und Daubigny über Pissarro, Monet, Sisley und Gauguin bis hin zu Matisse. Die Sammlung lebt von dem intimen Ambiente, in dem die Kunstwerke ausgestellt werden – und das immer noch so wirkt, als habe der 1936 verstorbene Sammler sein Domizil nur kurzfristig verlassen. Doch die fünf historischen Räume im Landhaus und der Galerietrakt boten in der Vergangenheit viel zu wenig Platz, um die seit 1953 dem dänischen Staat übereignete hochkarätige Sammlung angemessen zu präsentieren; ganz zu schweigen von konservatorischen Problemen in den historischen Wohnräumen sowie fehlenden Flächen für Sonderausstellungen und nötige Zusatzräume. In einem eingeladenen Wettbewerb unter sieben Teilnehmern für die Erweiterung des Ensembles konnte sich 2001 das Projekt von Zaha Hadid durchsetzen, das mit 500 weiteren Quadratmetern die bestehende Ausstellungsfläche ungefähr verdoppelt. Dazu kamen ein neuer Eingangsbereich, ein Café und ein multifunktionaler Vortragssaal.
Hadid konzipierte den durch einen Übergang mit dem Galerietrakt verbundenen neuen Flügel als Erweiterung im Osten des bestehenden Komplexes. Ließ schon die gegenüber dem Wohnhaus nach vorne und hinten vorspringende Galerie den Maßstab in andere Dimensionen gleiten, haben sich mit dem Anbau, der grundsätzlich parallel zur Galerie entwickelt wurde, die Proportionen nun noch einmal vergrößert. Auch die Bewegungslogik innerhalb der Gebäude hat sich mit dem Neubau verändert: Man betritt nun zuerst den Neubau und wechselt dann über die Galerie von 1918 in das Wohnhaus. Der dortige Eingang wurde stillgelegt. Dass der Neubau zum Hauptbau wird und der Altbau als Annex erscheint, diese Gefahr hat Hadid souverän umschifft. Wo auch immer man steht: Hadids Baukörper ist perfekt eingepasst, erscheint eher als Gartenpavillon denn als eigentliches Gebäude. Auch wenn die Gesamtfläche des Neubaus ungefähr der Fläche der bestehenden Bauten entspricht, ist erstaunlich, wie zurückhaltend sich der Annex in das Ensemble einfügt. Das hat damit zu tun, dass Hadid ihr Gebäude aus dunkelgrau eingefärbtem Beton als Vermittlung zwischen Architektur und Landschaft versteht. Im Norden – vom Museumsvorplatz aus sichtbar – entwickelt sich der schmale Baukörper aus einer hügelartig anschwellenden Modellierung des Bodens, im Süden gabelt er sich in zwei wellenartige, über dem leicht abfallenden Terrain schwebende, unterschiedlich große Gebäudestirnen. Fast hat es den Anschein, als sei dort, wo der Parkrasen in den Wald übergeht, eine Welle aus Beton und Glas erstarrt. Denn die lang gestreckte Ostfassade – nur hier wird der Annex in seiner gesamten Länge sichtbar – ist fast vollständig verglast; der Beton bildet das Band des Dachs, das schließlich im Süden, an der Gebäudestirn, in den Boden einschwingt. Die Fassadenfront selbst ist gekurvt, so dass sich überaus reizvolle Lichtreflexe ergeben. In ihr spiegeln sich nicht nur die umgebende Parklandschaft, sondern auch das Gebäude selbst. Der gleiche Effekt stellt sich auch im Zwickel zwischen den beiden vorspringenden, wie Pavillons wirkenden Gebäudeenden ein.
Die größte der Irritationen schafft Zaha Hadid dadurch, dass der mit seinem schwarzen Beton eigentlich erdhaft anmutende Erweiterungsbau vor allem durch seine verglasten Teile ins Auge fällt. Im größeren der Enden befindet sich ein multifunktionaler Vortragssaal, im kleineren das Café – entlang der Glasfront im Osten verbindet eine Rampe diese Zone mit der inmitten des Gebäudes gelegenen Rezeption. Dass man von hier aus in zwei Ausstellungsbereiche gelangt, erstaunt beim ersten Besuch – glaubt man doch, das Gebäude eigentlich schon in seinen wesentlichen Bestandteilen erfasst zu haben. Ein zweigeteilter, Z-förmiger und separater Ausstellungsbereich wird über einen schmalen Gang nördlich des Eingangs erschlossen; der Zugang zu den südlichen Sälen befindet sich unmittelbar neben dem keilförmig in den Raum vorstoßenden Empfangstresen. Fünf dieser im Grundriss als Parallelogramme und Trapeze organisierten Kabinette liegen im Inneren des Gebäudes, umschlossen von Café, Verbindungsgang und Rezeption. Sie sind kompakt zusammengefügt, hinter- und nebeneinander gestaffelt; ihre Form resultiert aus der dynamischen Gesamtausrichtung des Gebäudes. Das sechste Kabinett dient als brückenartige Verbindung zum bestehenden Galerietrakt.
Die Ausstellungsräume haben keine Fenster; der Farbton des schwarzen Sichtbetons herrscht auch hier vor. Trotz mancher spitzwinkliger Ecken und der durch Rampen oder Treppenstufen ausgeglichenen Niveauunterschiede zeigt sich die Atmosphäre vergleichsweise ruhig. Tageslicht fällt einzig durch unterschiedlich lange, streifenartige Deckenausschnitte in die Säle und dient der allgmeinen Raumbeleuchtung. Die Kunstwerke werden, abgestimmt auf die jeweilige Lichtempfindlichkeit, durch verstell- und regulierbare Deckenstrahler beleuchtet.
Mit ihren mirakulösen, dunklen Raumzellen tritt Zaha Hadid bewusst in Gegensatz zu der lichten Stimmung in den vorhandenen Sälen. Ohne Zweifel lehnt sie sich an den Typus der Schatzkammer an, doch wirken ihre Räume keinesfalls preziös. Bei aller dunklen Materialität entsteht durch die ungewöhnlichen Proportionen, die Niveausprünge und den leichten Schwung der Decke räumliche Eleganz. Dazu kommen die verglasten, als Verkehrsfläche und Aufenthaltsbereiche dienenden Bauteile, die den Park ins Haus holen und damit für die Besucher das erlebbar machen, was die Impressionisten bewegte: das Phänomen der Landschaft im Wechsel der Jahreszeiten. Ordrupgaard entpuppt sich somit als idealer Ort für die Präsentation von Kunstwerken dieser Stilepoche. Mit dem Hadid-Bau stehen dem Haus jetzt auch die nötigen Wechselausstellungsflächen zur Verfügung, die Museen heute benötigen, um den Besucherstrom am Laufen zu halten. Und der ist nicht gering zu schätzen, erfreuen sich die impressionistischen Gemälde beim Publikum doch großer Beliebtheit. Ähnlichen Zuspruch wird das Gebäude erfahren, das selbst eine Attraktion ist – und auch sein soll. H. A.
Bauherr: Ordrupgaard, vertreten durch das Dänische Kulturministerium Architekten: Zaha Hadid Architects, London Mitarbeiter: Patrik Schumacher (Entwurf); Ken Bostock, Caroline Krogh Andersen Partnerbüro Dänemark: PLH Arkitekter, Kopenhagen Tragwerksplanung: Jane Wernick Associates, London Haustechnik: Birch & Krogboe, Kopenhagen; Ove Arup & Partners Lichttechnik: Arup Lighting, London Nutzfläche: 1150 m2 Kosten: 49,1 Mio DKK Bauzeit: Oktober 2003 bis Dezember 2004 Eröffnung: August 2005