Talgrund und Himmel

Jugendbildungsstätte »Haus Altenberg« in Odenthal, Gernot Schulz

Wann immer die Menschen nach Altenberg kamen, suchten sie dort Abkehr vom Alltag, Konzentration auf den Glauben, aber auch Gemeinschaft. Daran hat sich im Grundsatz nie etwas geändert. Unter struktureller Straffung transformierte Gernot Schulz die Überreste der Zisterzienserabtei in ein modernes Jugendgästehaus und entwickelte dabei den Typus des Klosters weiter. Im Wechsel von massiven Beton- und Ziegelbauteilen mit raumhohen Verglasungen entstanden helle Räume mit vielerlei bergenden Gesten ohne jeglichen einengenden Charakter einer Klausur.

Architekten: gernot schulz : architektur
Tragwerksplanung: Kempen Krause Ingenieure

Kritik: Uta Winterhager
Fotos: Simon Wegener

1133 gründeten die Zisterzienser in einer geschützten Tallage des Bergischen Lands die Abtei Altenberg, um an einem entlegenen Ort in klösterlicher Gemeinschaft zu beten und zu arbeiten. Die wohlhabende Gemeinschaft wuchs an und elf Jahre nachdem im nahen Köln der Grundstein für den Dom gelegt worden war, geschah dies 1259 auch für den »Bergischen Dom« in Altenberg, der den romanischen Vorgängerbau durch eine strenge Form nordfranzösischer Kathedralgotik ersetzt. Auch die Abtei an seiner Südflanke wurde – orientiert an den Setzungen des zisterziensischen Idealplans – durch einen zeitgemäßen gotischen Bau ersetzt. An Quadrum und Kreuzgang schlossen sich in einer nach Außen offenen Kammstruktur Kloster und Wirtschaftsgebäude an, wobei auf eine strikte Trennung der Bereiche für Mönche und Laienbrüder geachtet wurde. Auch bei der Erweiterung im 18. Jahrhundert um ein weiteres Quadrum, galt es, die räumliche Trennung zu beachten.

Nach der Säkularisation wurde die Abtei zunächst als Hospital, später als Farbenfabrik genutzt, bis ein Brand die Klostergebäude und den Dachstuhl des Doms zerstörte. Dessen Ruine wurde dem Preußischen Staat zum Geschenk gemacht und dann im Auftrag von Friedrich Wilhelm IV rekonstruiert. Er machte die Mitbenutzung durch evangelische Christen zur Auflage. Seitdem ist der Altenberger Dom, heute Eigentum des Landes NRW, Simultankirche. Mit dem Neubau der Erzbischöflichen Villa im neogotischen Stil zeigten die Katholiken Präsenz auf dem Gelände, seit 1922 nutzen sie die Anlage als Jugendbildungsstätte und Jugendgästehaus. Schon damals besannen sich die Architekten auf die historischen Grundrisse. Zunächst wurden romanische, gotische und barocke Elemente mit neobarocken Ergänzungen zusammengeführt, seit 1932 unter Hans Schwippert in einer modernen Formensprache, die einerseits an die Einfachheit und Funktionalität der Zisterzienserbauten anknüpfte, andererseits den Wunsch der Kirche nach Erneuerung ausdrückte. In den 70er Jahren wurde mit dem Bettenhaus wieder ein Hof gebildet. Doch eine schlüssige Struktur hatte Haus Altenberg nicht mehr erhalten, das »Sich-Verlaufen« galt als obligatorisch.

Die neue alte Ordnung

Als das Büro gernot schulz : architektur 2012 nach einem intensiven Auswahlverfahren vom Erzbischöflichen Bauamt mit Neustrukturierung, Sanierung und Erweiterung des Ensembles einschließlich Außenanlagen beauftragt wurde, gab es bereits eine Vorstudie des Architekten des Erzbistums Joachim Schwister. Gernot Schulz und Projektleiterin Cathérine Minnameyer ging diese jedoch nicht weit genug. Sie wollten die Ordnung des klösterlichen Idealplans wiederherstellen und die Klausuratmosphäre neu interpretieren. Dazu wurden, in Abstimmung mit der Denkmalpflege, Teile des Bestands abgebrochen, partiell wieder überbaut und mit neuen Baukörpern ergänzt, um eine gestraffte Grundrisskonfiguration mit rigoros rechten Winkeln zu erzeugen. Deren Rückgrat besteht aus einem »Boulevard«, über den alle Gebäudeteile sowie die vier Höfe erschlossen werden. Das Herzstück des Hauses bildet eine neue Kapelle.

Die überwiegend jugendlichen Gäste besuchen Altenberg gruppenweise für die vom Erzbistum angebotenen »Tage religiöser Orientierung« oder mit eigenem Programm. 250 Betten bietet das Haus heute in 100 Einzel- und Mehrbettzimmern, bei großen Veranstaltungen erweitern Matratzenlager die Kapazität. Dazu kommen 19 Seminar- und Tagungsräume für Meditation und Gebet, und auch für das leibliche Wohl, ungestörtes und nicht störendes Spiel ist gesorgt.

Orientierung geben

Von der Hauptzugangsseite her erscheint Haus Altenberg fast gewöhnlich, weiß verputzt und in einem regelmäßigen Raster mit zwei Reihen kleiner, hochformatiger Fensteröffnungen perforiert – wäre da nicht der Neubau, der, dem Bestand nachgebildet, diesen nach Süden weiterführt, die Ansicht in eine ungeheure Länge zieht und das Haus zur Festung erklärt.

Durch eine historische Tordurchfahrt, die sich, ohne den Rhythmus zu stören, in das strenge Öffnungsraster fügt, betreten die Besucher den Komplex, der mit plötzlicher Vielschichtigkeit und Tiefe sein einfaches Äußeres vergessen lässt. Der Bestand aus den 30er Jahren zeigt auf der Innenseite die grob gemauerte Natursteinfassade der auf romanische Grundmauern züruckgehenden, heute in barocker Überformung präsenten Kellerei. Davor setzten die Architekten eine neue Raumschicht, die sie dazu nutzten, ohne Bruch aus dem Geschlossenen ins Offene des neu geschaffenen Empfangshofs überzuleiten. Ähnlich einem Kreuzgang erhält der Hof an zwei Seiten eine Fassung zur Erschließung und Orientierung. Die neuen Außenwände sind im EG auf großer Breite mit teils feststehenden Fenstern, teils Türen und Schiebeelementen geöffnet. Der für die geschlossenen Flächen verwendete Ziegel erhielt durch das Brennen ein bewegtes Farbspektrum, das dem des vorgefundenen groben Natursteinmauerwerks sehr ähnlich ist.

Die kurzen Ziegelwandstücke erscheinen als Sockel, der die mächtige darüber liegende, deutlich schwerer wirkende, geschlossene Schicht kaum zu tragen vermag. Die zum Viertelrund gewölbte Betondecke ist weiß geschlämmt, Lichtschlitze lösen sie visuell vom Altbau ab, dem sie so mit ihrer Masse nicht mehr zur Last fällt. Schulz interpretiert hier das für den Kreuzgang charakteristische Element des Gewölbes neu, auch er verspricht damit ein Stück vom Himmel und löst das Versprechen mit der Öffnung des Hofs ein. Bereits an diesem Punkt ist Grundsätzliches geklärt. Die Gleichzeitigkeit von Altem und Neuem, die nicht verwischt werden soll. Die wesentlichen Materialien und Farben sind eingeführt, verschiedene Öffnungsgrade sind angeklungen, eine Mitte gebildet. Und doch folgte Gernot Schulz bei der Sanierung keinem starren Regelwerk, ließ Originales, scheinbar Zufälliges zu, denn genau das trug und trägt ganz selbstverständlich zur Orientierung im Haus bei: ein Fenster mit Sitznische, die Flüsterecke, die Etagentreffs und die Tatsache, dass jedes Treppenhaus anders ist. Feinfühlig führt er das Spiel mit den Folies fort, platziert Spolien an einer Wand, markiert Kreuzungen mit Sitzgelegenheiten und ergänzt ein stahlgefasstes Treppenhaus. Sehr kontrolliert führt er Blicke und Wege der Besucher so, dass sie immer wieder nach innen auf die Höfe und auf die Kapelle fallen. Nur in den Schlafräumen, die grundsätzlich nach außen, zur Landschaft hin orientiert sind, scheint das Abschweifen im gegebenen Maß der Fensteröffnung erlaubt. Keinen Anschluss, keine Öffnung gibt es zweimal, keine Perspektive wiederholt sich, jede Situation erforderte eine eigene Lösung. Darauf reagierten die Architekten mit Haltung und bewiesen ein überragendes Verständnis komplexer Geometrien, insbesondere an den Punkten, an denen sich Bauteile verschiedener Generationen schneiden. So konnten schlüssige, sogar barrierefreie Verbindungen entstehen und Orte, die Erinnerungen wecken und in Erinnerung bleiben.

Haltung bewahren

Den von Bestandsbauten gebildeten großen Hof an der Südflanke des Doms teilte Gernot Schulz mit einem schmalen Riegel in den durch großflächige Öffnungen als Transitraum definierten Empfangshof und den ruhigeren Kapellenhof und kommt damit den barocken Proportionen wieder nahe.

Beide Höfe sind an vielen Stellen einsehbar und bilden dadurch wichtige Bezugspunkte für die Besucher. Die Hauptsichtachse verläuft vom Haupteingang über den Empfangshof durch den Goldenen Saal über den Kapellenhof auf die schmale Holztür des Bettenhauses zu. Der Goldene Saal, den es vor der Sanierung an anderer Stelle mit, so die Überlieferung, einst goldenen Vorhängen gegeben hat, lässt sich zu beiden Höfen hin schwellenlos mit Schiebetüren öffnen. Halboffen kann er als dritte Flanke des weiterinterpretierten Kreuzgangs betrachtet werden, geschlossen als Seminarraum oder beidseitig geöffnet als zentraler Hof.

Während Schulz bei den weltlichen Bauteilen mit perfektionierter Angemessenheit vorging, schöpfte er beim Bau der über dem Goldenen Saal gelegenen Christkönigskapelle, dem eigentlichen Herzstück des Hauses, sein baukünstlerisches Repertoire voll aus, ohne den Codex der Anlage zu verlassen. Der Sakralraum ist wie der Dom geostet und von zwei Seiten aus zugänglich.

Der First erreicht seinen höchsten Punkt über dem Altar. Die Giebelwand gestaltete Gernot Schulz als Maßwerkfenster und setzt damit die baukünstlerische Tradition des Doms fort. Sie entstand aus einem einzigen aus Faserbeton hergestellten Modul, das gedreht und gewendet auf- und nebeneinander gestellt wurde. Die dahinter liegenden Gläser wurden wie im Dom vor Jahrhunderten in Grisailletechnik mit Schwarz- und Braunlot behandelt und erscheinen hier wie feinste Scheiben eines transluzenten Steins.

So wird die durchbrochene Wand auf sehr kunstvolle Weise zu einem lichtdurchlässigen Schirm, dessen außergewöhnliche Qualität die Bedeutung des Orts kommuniziert, ohne zu viel davon preiszugeben. Unerwartet körperhaft ist die lamellenverkleidete Decke; die zweifache Welle gliedert den offenen Raum in einen Hauptraum, dessen Gestühl im Halbkreis fest um den Altar steht, und eine variabel bespielbare Seitenkapelle, deren unverrückbares Zentrum die Osterkerze bildet.

Weltoffen

Mit dem Neubau der Remise, in der sich ein großer Speisesaal, ein zuschaltbarer Seminarraum sowie die Küche befinden, variiert Schulz die Hoftypologie mit dem zentralen, aber nicht sakralen Gemeinschaftsraum. Um den tiefen Baukörper trotz seiner Tiefe natürlich zu belichten, entwickelten die Architekten aus der an anderer Stelle bereits eingeführten Lamellendecke eine bewegte Skulptur mit Tageslichtschächten und Kunstlichtschlitzen. Lange Reihen hölzerner Tische und Stühle unten, viel bewegtes Holz an der Decke. Schulz erzeugt hier eine hohe Intensität, und einen deutlichen Kontrast zu allen anderen Räumen im Haus.

Dichte und Spannung löst er jedoch mit dem Freizeithof zwischen dem Speisesaal und dem nach Süden verlängerten Bettenhaus auf, den er mit zwei sich gegenüberliegenden Terrassen anschließt und nur mit einer hüfthohen Mauer einfasst. Diese großzügige Öffnung, ist die einzige der gesamten Anlage, die einen Einblick zulässt – unproblematisch auf dieser dem Publikumsverkehr abgewandten Seite, denn auch die anschließenden Wiesen gehören noch zum Immunitätsbezirk. Konsequent lässt Gernot Schulz Haus Altenberg nach außen zweigeschossig und mit glatt weißgeputzten Lochfassaden erscheinen, während Ziegel und Naturstein dem Innern vorbehalten sind. Hier jedoch lenkt er den Blick mit den weißen Flanken über den Hof auf die markante Giebelwand der Erzbischöflichen Villa und weiter noch durch eine Toreinfahrt über den Kapellenhof auf den Sockel des Doms. Das Wagnis der Öffnung ist wohltuend, zeugt es doch von der Stärke der vielschichtigen neuen Struktur, dass sie eine solche Einladung aussprechen kann.

Lageplan: gernot schulz architektur, Köln
Bestand: gernot schulz architektur, Köln
Abbruch: gernot schulz architektur, Köln
Sanierung und Neubau: gernot schulz architektur, Köln
Grundriss 2. OG: gernot schulz : architektur, Köln
Schnitt: gernot schulz : architektur, Köln

  • Standort: Ludwig-Wolker-Straße 12, 51519 Odenthal-Altenberg

Bauherr: Erzbistum Köln – Generalvikariat
Architekten: gernot schulz : architektur, Köln
Mitarbeiter: Entwurf: Gernot Schulz, André Zweering;
Projektleitung: Cathérine Minnameyer; Hubert Braunisch, Verena Bick, Raphaella Burhenne de Cayres, Linda Hegenberg, Niklas Menn, Alexander Phan, Christine Pfeiffer, Benedikt Reipen, Gudrun Warnking, Caroline Wend, Andrea Zoll, Cordula Zorn
Vorkonzeption: Joachim Schwister, Erzbistum Köln
Ausschreibung und Bauleitung: H&P Bauingenieure, Köln
Tragwerksplanung + Brandschutz: Kempen Krause Ingenieure, Köln
TGA: ZWP Ingenieur-AG, Köln
Lichtplanung: LKL Licht Kunst Licht, Bonn
Bauphysik: Schwinn Ingenieure, Bonn
Landschaftsarchitektur: Friedrich Altzweig Landschaftsarchitektur, Köln
BGF: 12 140 m²
Baukosten: rund 42 Mio. Euro
Bauzeit: März 2013 bis Dezember 2018

  • Beteiligte Firmen:

Wasserstrichklinker: Backsteinkontor, Köln, www.backstein-kontor.de; Janhsen-Bau, Herford, www.janhsen-bau.de
Hohlfalzziegel: Wienerberger, Hannover, www.wienerberger.de
Oberlichter: Lamilux Heinrich Strunz Holding, Rehau, www.lamilux.de
Histor. Reinkalkputz: ZKW Otterbein, Großenlüder, www.zkw-otterbein.de
Faserbeton (Kapelle): Rieder Betonwerk, Maishofen, www.rieder.cc
Floatglas mit Grisaille: Glasmalerei Peters, Paderborn, www.glasmalerei.de
Tischlerarbeiten, Türen, Glasfassaden: Annen, Farschweiler, www.annen.lu
Tischlerarbeiten Fenster: Berg, Overath, www.tischlerei-berg.de
Lamellendecke/Kerzenfenster Kapelle: Johannes Houben, Heinsberg, www.schreinerei-houben.de


Ein Kloster, das Bergische Land, Architektur von Gernot Schulz – eigentlich hätte sie es wissen können: Beim Ortstermin erfuhr unsere Kritikerin Uta Winterhager, wie schnell man zum wandelnden Farbklecks werden kann.

Uta Winterhager
1992-95 Architekturstudium an der RWTH Aachen. 1995 Diplom, 1999 Master an der Bartlett School in London. Seit 2000 freie Autorin für Architektur-, Kunst- und Städtebauthemen für Fachleute und Kinder. Eine Hälfte der Redaktion von koelnarchitektur.de

gernot schulz : architektur

Gernot Schulz

1985-92 Architekturstudium an der TU Dortmund und der ETH Zürich. Mitarbeit in verschiedenen Büros, 1993-2001 Hillebrand + Schulz – Architektur, Köln, seit 2001 gernot schulz : architektur. Lehraufträge, seit 2004 Professur an der Hochschule Bochum, seit 2016 Dekan.