Gang zur Ewigkeit

Jüdischer Friedhof in Bushey (GB)

Der jüdische Begräbnisritus verlangt nach einer prozessionshaften Abfolge räumlicher Situationen. Im Grüngürtel der britischen Hauptstadt ließ sich ein raumgreifendes Programm mit überdachten Wandelgängen und einzelnen Gebäuden für Zusammenkunft, Gebet und Technik realisieren. Die archaisch anmutenden Formen aus zementgebundenem Stampflehm sind im Gegensatz zu den Gräbern durchaus nicht für die Ewigkeit gedacht; die Zeitlichkeit alles Seins ist im Entwurfsgedanken enthalten, der Rückbau bereits einkalkuliert.

Architekten: Waugh Thistleton Architects
Tragwerksplanung: Elliot Wood

Kritik: Jay Merrick (aus dem Englischen von Dagmar Ruhnau)
Fotos: Lewis Kahn, Blake Ezra

Der stärkste Eindruck, der sich bei der Annäherungen an die neuen Gebäude auf dem New Jewish Cemetery in der kleinen Schlafstadt nordwestlich von London ergibt, ist jener extremer Einfachheit in Form und Material, gestützt durch das Fehlen aufdringlicher Details. Doch ist es genau diese gestalterische Zurückhaltung, insbesondere die schmucklose körperliche Präsenz, die das Projekt so bemerkenswert macht.

Auch die Verhandlungen zwischen den Architekten und dem Bauherrn »United Synagogue«, einer Vereinigung orthodoxer Synagogen in Großbritannien, verliefen ungewöhnlich. Die Architekten hatten es nicht mit einem einzelnen Repräsentanten des Bauherrn zu tun, nicht einmal nur mit einem Ausschuss: Bei Gestaltungsfragen waren stets mehrere Gruppen beteiligt; jedes Entwurfsdetail wurde mehrfachen, voneinander unabhängigen Begutachtungen unterzogen.

Dass es sich bei diesem bescheiden auftretenden Arrangement aus Gebäuden und Landschaftsgestaltung um Friedhofsbauten handelt, ist nicht offensichtlich. Sie entsprechen keiner Typologie, und sie sind außerdem nur auf Zeit gebaut: Wenn die 17 000 neuen Grabstellen südöstlich des angestammten Friedhofsgeländes belegt sind, wird es hier keine Bestattungen mehr geben, denn die Gräber bleiben bestehen. Stattdessen werden die Gebets- und die Aufbahrungshalle obsolet. Dies ist einer der Gründe, weshalb Andrew Waugh, Mitbegründer des Büros Waugh Thistleton Architects, entschied, die Gebetshallen aus verstärktem Stampflehm (mit Ton- und Zementanteilen) zu errichten. Alle Gebäude, auch die Stützen aus Lärchen-Leimholz, die die begleitenden Kolonnaden entlang einer Nord-Süd-Achse bilden, sind – in der Theorie – biologisch abbaubar; ein möglicher Zustand als Ruine ist mit hinein gedacht, die Formel »Erde zu Erde« liegt nicht fern. Tatsächlich sind die zementverstärkten Wände aber sehr dauerhaft, und so wird man am Ende der Nutzungsdauer zunächst die Dächer aus Brettschichtholzträgern samt PIR-Dämmung und Zinkeindeckung separat rückbauen müssen.

Jenseits gewohnter Pfade
Transitionsraum

Stampflehm
Stampflehm: Die Tragwerksplaner erläutern die Materialzusammensetzung und den Weg zur Rezeptur:

Baustellenkamera: Zeitrafferaufnahme:


Lageplan: Waugh Thistleton Architects, London
Grundriss EG: Waugh Thistleton Architects, London
Schnitt AA: Waugh Thistleton Architects, London

Schnitt BB: Waugh Thistleton Architects, London

  • Standort: Little Bushey Lane, WD23 3TP Bushey, Hertfordshire, UK

Bauherr: United Synagogue, London
Architekten: Waugh Thistleton Architects, London
Mitarbeiter: Andrew Waugh, Julen Perez, Rachel Crozier
Tragwerksplanung: Elliot Wood, London
Planungsberatung: Dalton Warner Davis, London
HLS-Planung: P3r, London
Kostenplanung: Deacon and Jones, London
SiGeKo: Vance Miller, Peterborough
Landschaftsarchitektur: J&L Gibbons, London
BGF: 670 m²
Baukosten: 6,8 Mio. GBP (ca. 7,64 Euro)
Bauzeit: August 2015 bis April 2017

  • Beteiligte Firmen:

Generalunternehmer: Buxton, Melbourne, www.buxtonbuilding.co.uk
Stampflehm/-beton: Earth Structures, Market Harborough, www.earthstructures.co.uk
Holzkonstruktion: Constructional Timber, Barnsley, www.constructionaltimber.com
Zementfliesen: Mosaic del Sur, Málaga, www.cement-tiles.com
Zink-Bedachung: VM Zinc, Bagnolet, www.vmzinc.com
Fenster: Reynaers, Duffel, www.reynaers.com


Unser Kritiker Jay Merrick empfand es vor Ort nicht als adäquat, sich selbst zu fotografieren. … und legte damit vielleicht eine pietätvollere Haltung an den Tag als nötig, denn die Architekten haben ihm aus eigener Anschauung von recht bewegten Begräbnissen berichtet: mit Gefühlsäußerungen, zerrissener Kleidung und heiß geführten Diskussionen während der Grabrede.

Jay Merrick

Waugh Thistleton Architects

 

Andrew Waugh

1988-94 Architekturstudium an der Kingston University. Seit 1997 gemeinsames Büro mit Anthony Thistleton. Seit 2018 Gastprofessur an der Sheffield University.

Julen Pérez Santisteban

Architekturstudium an der TU Madrid, 2007 Abschluss. Seit 2007 Associate bei Waugh Thistleton Architects. 2015 Master in Konstruktivem Holz-Ingenieurbau an der Universiät von Santiago de Compostela, 2017 dort Professur.

Rachel Crozier

Architekturstudium in Cambridge und der University of East London, 2005 Diplom in Architektur und Master in Nachhaltigkeit. 2005-10 Mitarbeit bei Campbell Architects. Seit 2010 Associate bei Waugh Thistleton.