Mehrfamilienhaus am Hang in Stuttgart-Nord, 1960 – 61

… in die Jahre gekommen

Das Mehrfamilienhaus im Stuttgarter Norden vereint in sich die Anforderungen des Alltags an ein Gebäude mit denen einer gestalterisch hochwertigen Architektur. Die gelungene Einbindung des Baukörpers in den Hang, eine jeweils individuelle Gestalt der Wohneinheiten sowie der feinfühlig inszenierte Blick über den Stuttgarter Talkessel haben die Bewohner bis in die heutige Zeit überzeugt. Technische und bauphysikalische Probleme treten da letzten Endes in den Hintergrund. The block of flats in Stuttgart’s north incorporates the everyday demands of a building with those of high quality architectural design. The successful integration of the building in the slope, the individual design of the dwelling units as well as the sensitively arranged outlook towards the Stuttgart basin have been appreciated by the occupants to this day. Technical problems and building physics occupy a background position.

Text: Rüdiger Krisch

Fotos: Zooey Braun und Archiv der Akademie der Künste, Berlin
»villa in der etage« – wer glaubt, dieses Motto sei eine Erfindung der jüngsten Vergangenheit und ihrer explodierenden Bauland-preise, der irrt. Beweis ist ein vergilbtes Faltblatt, auf dem die Firma Hausbau Hans Bense vier große »Eigentumswohnungen in einer der schönsten Wohngegenden Stuttgarts« zum Kauf anbietet. »villa in der etage« – der prägnante Titel versprach Einfamilienhaus-Wohnqualitäten im Geschosswohnungsbau. Welche das sind, erläutert der Bauträger mit einem Zitat Alvar Aaltos: »Ideal wäre ein Haus zu bauen, in dem jede Wohnung dieselben physischen Qualitäten wie ein Einfamilienhaus hätte – bei dem das Leben dem in einem Privatkleinhaus so nahe wie möglich kommt. Wir müssen Häuser bauen, in denen sich jede Familie wirklich als Privatfamilie fühlt, und so weitgehend wie möglich vom Nachbarn abgesondert ist, die jedem Menschen ein Privatleben garantieren.« Diese Qualitäten hat Hans Bense nicht nur an betuchte Kunden verkaufen wollen, sondern auch selbst erprobt. Bis Mitte der achtziger Jahre bewohnte er die Penthouse-Wohnung.
Der Anspruch des Bauunternehmers – »Bense baut das Besondere« – spiegelt sich in Wesen und Gestalt des Hauses, das sehr aus dem Rahmen seiner gründerzeitlichen bis nachkriegs-bürgerlichen Umgebung fällt. Im Viertel heißt es schlicht das »Chinesische Haus«, was weniger mit traditioneller chinesischen Architektur als mit der Herkunft seines Architekten, des gebürtigen Chinesen Chen Kuen Lee, zu tun hat. Dieser war 1936 mit 16 Jahren von Shanghai nach Berlin gekommen, um bei Hans Poelzig Architektur zu studieren. Anschließend arbeitete er mit Hugo Häring, dem China-Forscher Ernst Boerschmann und mit Hans Scharoun zusammen. Seine Beteiligung an Scharoun-Projekten in Stuttgart führte dazu, dass er sich 1953 dort als Architekt selbständig machte. Lees Werkliste hat deshalb ihren Schwerpunkt auch im deutschen Südwesten, wo er überraschend viele – überwiegend private – Bauherren fand, die bereit waren, sich auf seine prägnante Architektursprache einzulassen.
Obwohl Chen Kuen Lee sich in schriftlichen Äußerungen stets auf die ‚
chinesische Philosophie berief, sind zumindest auf der Oberfläche die Einflüsse der Lehrmeister Häring und Scharoun deutlicher zu erkennen als Bezüge zum asiatischen Kulturkreis. Er war einer der konsequentesten Vertreter einer »organischen« Architektur und passte damit zumindest in den fünfziger und frühen sechziger Jahren in die Avantgarde seiner Zeit und seines räumlichen Umfeldes, das durch die Vorarbeit von profilierten Architekten wie Rolf Gutbrod und eben Hans Scharoun in diese Richtung offen war. Nach 35 Jahren und über 50 realisierten Projekten – zwölf davon in angesehenen Fachzeitschriften veröffentlicht – verließ Lee 1988 Stuttgart in Richtung Taiwan, tief enttäuscht, wie er der Journalistin Ise Scheib in den Block diktierte: »Ich gehe, weil die Menschen hier anspruchsvolle Architektur nicht mehr wollen. So kann ich finanziell nicht mehr existieren. (…) Die Leute mit Geld haben keine Kultur, die Leute mit Kultur haben kein Geld.« Lee wollte zurückkommen, »wenn die Leute mich wieder wollen«. Tatsächlich verbrachte er alljährlich einige Zeit in Berlin, wo er im September 2003 auch starb.
Das Mehrfamilienhaus im Stuttgarter Norden ist Lees bekanntestes und am häufigsten veröffentlichtes Werk. Dabei war es sicherlich im Hinblick auf die Umsetzung seiner gestalterischen und weltanschaulichen Prinzipien nicht sein konsequentester Entwurf, unter anderem, weil er hier erstmals seine freie Formensprache mit den Zwängen der Erschließung und Stapelung, aber auch der Wirtschaftlichkeit im Geschosswohnungsbau in Übereinstimmung bringen musste. Vielleicht haben genau diese Einschränkungen zu einem tragfähigen und besonders reizvollen Kompromiss zwischen der Architekturidee und den Notwendigkeiten geführt.
So wirkt das Haus von der Straße her – bei allem Kontrast zu seinen älteren Nachbarn – aus heutiger Sicht noch relativ konventionell als eine Schichtung von weit auskragenden, scharfkantigen, leicht schiefwinklig versetzten Balkonen aus Stahlbeton. Freie, organische Formen treten erst bei genauerer Betrachtung der vom öffentlichen Raum her kaum sichtbaren Gebäudelängsseiten und des Daches in Erscheinung. Nur aus größerer Entfernung kommt die avantgardistische Ästhetik des Hauses klar zum Ausdruck, besonders durch die expressiv geschwungene und geknickte Dachfläche. Kaum vorstellbar, wie neuartig diese Formensprache eines Wohnhaus vor 45 Jahren gewirkt haben muss.
Gerade die Einbindung des Baukörpers in den Hang zeigt die Unterschiede zu den konventionellen Gebäudetypen der Umgebung und die erstaunliche Leistungsfähigkeit der organischen Architektur: Die vier Hauptgeschosse sind im Kern ihrer Grundrisse zwar annähernd gleich, greifen aber in Abhängigkeit von ihrer Höhenlage sehr differenziert in den Hang ein und verschaffen dadurch jeder Wohnung einen eigenen, individuell gestalteten Terrassen- und Gartenbereich am Steilhang. Hier wird die Qualität der »villa in der etage« ebenso deutlich, wie bei den sorgfältig inszenierten Sichtlinien, die den spektakulären Blick über den Rand des Stuttgarter Talkessels bis in die Tiefe der Wohnungen erlebbar machen. Auch die Großzügigkeit und Funktionalität der Wohnungen – vom Zuschnitt und der Möblierbarkeit bis zu den Wirtschaftsräumen und eingebauten Anrichte-Kommoden – wird von den heutigen Nutzern sehr positiv bewertet. Im scharfen Kontrast zu diesem bürgerlichen Anspruch steht das enge, verwinkelte und steile Treppenhaus, das eher an den sozialen Wohnungsbau seiner Zeit erinnert.
Im bauphysikalischen Verhalten des Hauses spiegeln sich nicht nur die niedrigen Standards seiner Entstehungszeit, sondern auch die komplizierte dreidimensionale Geometrie der Gebäudehülle wider. Besonders die großflächigen schrägen Verglasungen der oberen Geschosse waren von Anfang an undicht, als Einscheiben-Gläser praktisch ungedämmt und gegen übermäßige Sonneneinstrahlung fast nicht zu schützen. Ein Austausch würde schon am Transport neuer Scheiben dieser Größe durch das Treppenhaus scheitern. Auch die Wärmedämmung der Wände und Dächer entspricht nur notdürftig dem in den sechziger Jahren Üblichen und ist heutzutage nur mit einigem Idealismus zu ertragen. Die äußere Sanierung des Hauses findet, wie in Wohnungseigentümergemeinschaften üblich, in kleinen Schritten statt – erfreulicherweise bisher unter weitgehender Schonung der ursprünglichen äußeren Erscheinung. Ein größeres, in steilen Hanglagen übliches Problem, die nicht barrierefreie Erschließung der Hauseingänge, ist derzeit unter den Eigentümern in der Diskussion. Neben der extremen Topografie des Grundstücks könnte einer baulichen Lösung möglicherweise auch die 1995 erfolgte Eintragung des Hauses in die Denkmalliste im Wege stehen.
Der Denkmalschutz dürfte andererseits eine wichtige Voraussetzung dafür sein, dass die unverwechselbare Erscheinung des Gebäudes langfristig erhalten werden kann. Eine gründliche Sanierung der erwähnten bautechnischen und bauphysikalischen Probleme nach heute üblichen Standard-Verfahren könnte seine individuelle Ästhetik irreversibel zerstören. Das wäre nicht nur eine Sünde gegen den vom Landesdenkmalamt zitierten »dokumentarischen und exemplarischen (…) sowie (…) Originalitätswert«, sondern auch gegen das, was einer der Bewohner treffend mit dem Satz »Solide Architektur setzt sich durch«, charakterisierte. Die eigenständige, aber gerade nicht in einem zeitgebundenen Stil gehaltene Architektursprache ist so fest in ihren organischen Prinzipien verwurzelt, dass sie kurzfristige Moden und den Wandel des Zeitgeistes überdauert. Auch das ist eine Form von Nachhaltigkeit. R. K.