… in die Jahre gekommen: Waldfriedhof Leinfelden

Der Beton-Brutalismus der Leinfeldener Aussegnungshalle wirkt nicht auf alle Trauernden tröstlich, bisweilen sogar verstörend. Das räumliche Konzept hat sich aber bewährt und die Gestaltung findet durchaus Liebhaber. Die nötig gewordenen Modernisierungen fallen kaum ins Gewicht und lassen die Wertschätzung der Verantwortlichen erkennen.

Architekt: Max Bächer

Kritik: Rüdiger Krisch
Fotos: Gottfried Planck, Achim Geissinger

1971-73

Nichts ist gewisser als der Tod – das wusste und schrieb der englische Philosoph Anselm von Canterbury schon im 11. Jahrhundert. Nichts ist verlässlicher als Stahlbeton – das dachten Architekten und Bauingenieure in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die angenommene Dauerhaftigkeit des Betons und der Charakter seiner sichtbar belassenen Oberfläche kamen damals besonders oft und häufig prototypisch bei kirchlichen Bauten zum Einsatz – man denke nur an die Wallfahrtskirchen in Ronchamp (Le Corbusier, 1955) und Neviges (Gottfried Böhm, 1968) oder an Projekte des Schweizer Bildhauers Walter Förderer. Die verschiedenen Hochbauten auf Friedhöfen der 60er und 70er Jahre stehen mit ihrer Massivität und Introvertiertheit im deutlichen Kontrast zu heutigen Anlagen, bei denen sich eine Tendenz zur Leichtigkeit beobachten lässt, die wiederum mit dem recht neuen Trend zur nahezu formlosen Bestattung unter Bäumen in sogenannten Friedwäldern korreliert.

Offenheit oder Schwere?
In Leinfelden-Echterdingen südlich von Stuttgart ist ein direkter Vergleich der Konzepte möglich. Im vorletzten Jahr wurde im Stadtteil Echterdingen eine neue Aussegnungshalle eingeweiht, deren Architektur mit großzügigen Glasfassaden das Ziel verfolgt, die Grenze zwischen Innen und Außen aufzuheben. Im angrenzenden Stadtteil Leinfelden findet sich hingegen ein wenig bekannter, aber überaus expressiver Vertreter einer skulpturalen, introvertierten und selbstbezogenen Sichtbeton-Architektur, der mit der Aufgabe, Raum für Trauer zu schaffen, ganz anders umgeht.
Die (damals noch selbstständige) Stadt Leinfelden stand Mitte der 60er Jahre vor der Entscheidung, entweder einen ganz neuen Friedhof zu etablieren, oder den seit 1949 bestehenden kleinen Waldfriedhof erheblich zu erweitern. Man entschied sich für Letzteres, vorrangig aufgrund der günstigen Lage zwischen den Stadtteilen Ober- und Unteraichen in einem bestehenden Grünzug, dessen dauerhafte Erhaltung durch diese Nutzung sichergestellt werden sollte. Die (durch ein hydrogeologisches Gutachten fachlich untermauerten) ungünstigen Bodenverhältnisse in der weiteren Umgebung und die Annahme eines beschleunigten Bevölkerungswachstums führten den Gemeinderat zu der Entscheidung, verstärkt auf Feuerbestattung und die platzsparende Beisetzung von Urnen zu setzen und diese Entwicklung durch den Bau eines Krematoriums zu fördern. Anfang 1969 erhielten die ersten Preisträger des kombinierten Wettbewerbs für die Erweiterung des Friedhofs und den Neubau einer Aussegnungshalle samt Krematorium den Planungsauftrag: die Architekten Max Bächer und Harry G.H. Lie in Arbeitsgemeinschaft mit dem Landschaftsarchitekten Hans Luz. Der Bau begann zwei Jahre später.
Max Bächer (1925-2011) gilt als einer der einflussreichsten Architekten des späten 20. Jahrhunderts in Deutschland. Er wurde in jungen Jahren auf einen Lehrstuhl an der TU Darmstadt berufen und hat dort Generationen von Architekten ausgebildet, die heute an wichtigen Positionen arbeiten. Er war Mitglied und Vorsitzender mehrerer kommunaler Gestaltungsbeiräte und hat der Entstehung und Entwicklung dieses Instruments zur Qualitätssicherung von Planung und Architektur wichtige Impulse gegeben. Zudem nahm er als Preisrichter Einfluss auf die Ergebnisse zahlloser Wettbewerbsverfahren, nicht zuletzt in den 90er Jahren auf einige der Neubauten für Parlament und Regierung in Berlin.
Im Vergleich dazu ist Bächers gebautes Œuvre überraschend schmal. Nach den frühen kleinen Wohngebäuden, denen er seine Bekanntheit und mutmaßlich auch den Ruf nach Darmstadt verdankte, finden sich später mehr öffentliche Gebäude im Werkkatalog. Viele dieser Projekte stehen in engem Dialog mit der Landschaft oder gestalten diese ganz konkret – so einige Hoch-, aber auch Tiefbauten auf den Bundesgartenschauen in Karlsruhe (1967) und Stuttgart (1961, 1977) sowie die Kanu-Sportanlage für die Olympischen Spiele in Barcelona. In diese Rubrik des Bauens in und mit der Landschaft fallen auch die insgesamt fünf Friedhofsanlagen, an denen Bächer in den 60er bis 80er Jahren arbeitete. Bauen für die letzten Dinge war erkennbar ein wichtiger Schwerpunkt in seinem Schaffen.
Schon an einigen seiner frühen Wohnhäuser arbeitete Max Bächer mit dem fast gleichaltrigen Landschaftsarchitekten Hans Luz zusammen, und man beteiligte sich gemeinsam an jenen Wettbewerben, aus denen die ersten beiden Friedhofsprojekte hervorgingen.
Skulptur in der Landschaft
Schon die Gebäude des Waldfriedhofs in Leonberg, einige Jahre früher fertiggestellt und nur wenige Kilometer weiter westlich gelegen, nehmen einige der Elemente vorweg, die das Leinfeldener Ensemble prägen: so die expressive Reihung vertikaler Elemente, die der inneren Struktur des Gebäudes nach außen Ausdruck verleihen, die monolithische Ausführung der Baukörper in kleinteilig geschaltem Sichtbeton und der klar artikulierte Kontrast zwischen der kantigen Volumetrie der Hochbauten und der organischen Gestaltung der Friedhofslandschaft.
Sind die Aufbahrungszellen in Leonberg direkt vom Vorplatz aus für die Angehörigen zugänglich, wurde dieser Gedanke niederschwelliger Erreichbarkeit der Toten zugunsten einer von der Bauherrschaft gewünschten effizienten Zugangskontrolle aufgegeben und ein Zugangsflur vorgelagert.

Erhalten blieb hingegen das Konzept, die Funktionen Aufbahrung und Aussegnung winkelförmig um einen großzügigen Vorplatz zu gruppieren, dessen virtuelle Ecke zur Landschaft von einem Glockenträger markiert wird. Zwischen der weitgehend geschlossenen, bewusst introvertierten Aussegnungshalle und den Zellen für die Särge, deren Lichtkuppeln durch skulpturale, das Dach überragende Über-Bauten in der Tradition von Corbusiers »Licht-Kanonen« markiert sind, befindet sich ein Bereich, der sowohl von Trauernden als Aufenthaltsraum als auch für kleine Trauerfeiern genutzt werden kann. Das Farbkonzept im Innern kommt mit den Hauptfarben Blau, Grün und Violett dem verbreiteten Geschmack der frühen 70er Jahre zwar nahe, erlaubt sich jedoch eine darüber hinausgehende, ganz eigene Sprache. Die Farbigkeit unterstreicht die auffällig sparsam gehaltene natürliche Belichtung – sprich: bewusst gewählte Dunkelheit – aller Innenräume.

Das Krematorium, das mit einem abgasarmen elektrischen Ofen betrieben wird, befindet sich hinter den öffentlich zugänglichen Räumen und findet seinen baulichen Ausdruck durch einen weiteren Dach-Aufbau, der bewusst nicht wie ein Kamin aussehen soll. Diese Räume stehen neben dem Friedhofspersonal nur den engsten Angehörigen zur Verfügung, und dies nur visuell: aufgrund der hohen Temperaturen ist ihre Beteiligung an der Kremation auf den Blick durch eine Glasscheibe begrenzt. Dahinter befindet sich ein großzügiger, befahrbarer Betriebshof, der so geschickt in die Topografie am Waldrand integriert wurde, dass er von außen fast nicht wahrnehmbar ist.

Kontinuität und Wandel

Auch wenn der Denkmalschutz bei dem Ensemble bislang noch nicht greift, erfreuen die Gebäude sich sorgfältiger und bestandsgerechter Betreuung. Sowohl die städtische Hochbau-Verwaltung als auch das vor Ort beschäftigte Personal schätzen die funktionalen Qualitäten aller Nutzungseinheiten, insbesondere aber die ausdrucksstarke Gestalt jener Bereiche, die der Öffentlichkeit und den trauernden Angehörigen zugänglich sind. Der Bauunterhalt orientiert sich konsequent am Bestand aus der Entstehungszeit – auch und gerade beim Farbkonzept: Als die Ummantelung des Krematoriums-Ofens zur Erneuerung anstand, machte sich der zuständige Mitarbeiter des Hochbauamts auf die Suche und ließ mit einigem Aufwand die ursprünglichen Farben eigens nachmischen, um das Erscheinungsbild möglichst weitgehend zu erhalten.

Allerdings wurden die Sichtbeton-Oberflächen im Außenbereich schon vor Jahrzehnten im damaligen Zeitgeist »saniert«, sprich: flächig beschichtet und mit einer hellen, beige-grauen und völlig homogenen Farbe gestrichen und damit ihrer markanten Textur beraubt. In den Innenräumen ist der Sichtbeton hingegen mit dem für die Bauzeit üblichen Schalbild aus schmalen Holzbrettern noch ohne farbliche Veränderungen erhalten, was den kundigen Betrachter wehmütig daran denken lässt, wie kraftvoll und lebendig die Oberflächen des Sichtbetons auch an den äußeren Wandflächen und skulpturalen Elementen bei Fertigstellung gewesen sein müssen. Vor dem immer präsenten Hintergrund der ruhig und organisch fließenden Landschaft muss die monolithische bauliche Gesamtanlage eine noch größere volumetrische Präsenz gehabt haben. Heute ist diese monumentale Kraft aufgrund der monotonen Farbigkeit des sanierten Betons und der hoch gewachsenen umgebenden Bäume nur noch aus wenigen Blickwinkeln zu erahnen.

Dennoch bestimmt genau dieser Grundgedanke aus dem Wettbewerbsentwurf bis heute die ganz besondere Atmosphäre auf dem Waldfriedhof: der Kontrast zwischen den Gebäuden als harten, kantigen Skulpturen und der weich modulierten Topografie. Das Schwere des Todes gegen die Leichtigkeit des steten Wandels in der Natur. In Worten von Max Bächer (aus der Broschüre zur Einweihung des Projekts): »Der Friedhof ist ein Teil des Lebens und er ist ein Zeichen, dass wir weiterleben«.


  • Standort: Manosquer Straße 73, 70771 Leinfelden-Echterdingen

{Literaturhinweise:

  • Architekturgalerie am Weißenhof Stuttgart (Hrsg.): max bächer: anhand von bildern, mit Textbeiträgen von Arno Lederer und Thomas Ott, Spurbuch Verlag, Baunach 2000
  • Hans Luz: Vom Vorgartenmäuerle zum Grünen U. Vierzig Jahre Landschaftsgärtner. Ein Werkbericht, Verlag avedition, Stuttgart 1998


  • Oliver Elser, Kurator am DAM in Frankfurt, berichtet auf Marlowes.de von den allerersten Erkenntnissen
    aus der wissenschaftlichen Aufarbeitung des Nachlasses von Max Bächer:
    Tiefenbohrungen im Netzwerk »
  • Empfohlen sei auch die Website zu dieser Forschung des
    CCSA – Center for Critical Studies in Architecture / Goethe-Universität Frankfurt am Main
    50 METER ARCHIV »

Im Innern des Friedhofsgebäudes freute sich unser Kritiker Rüdiger Krisch an der nahezu original erhaltenen Ausstattung und tat dies gemeinsam mit den Herren, die sich um Pflege und Betrieb des Gebäudes kümmern: Talat Qandas vom örtlichen Hochbauamt (Mitte) und dem Friedhofsaufseher Domenico Crocco (links), der u. a. die Kremationen vornimmt.

Rüdiger Krisch
1966 in Tübingen geboren. Architekturstudium an der Universität Stuttgart (Diplom) und der Columbia University, New York (Master). 1993-98 Mitarbeit in Architekturbüros in New York und München. Seit 1998 eigenes Büro in Tübingen und Lehrtätigkeit an verschiedenen Hochschulen in Gebäudekunde und Städtebau. Seit 1991 publizistische Tätigkeit.