… in die Jahre gekommen: Städtische Galerie Kornwestheim

Die noch nicht einmal 30 Jahre alte Städtische Gale-rie Kornwestheim, seit 2003 »Museum im Kleihues-Bau« genannt, wurde im vergangenen Jahr unter Denkmal-schutz gestellt: als »gutes Beispiel für eine Spiel-art der postmodernen Architektur mit zeittypischer, reicher motivischer Gestaltung und künstlerischer Durchdringung von der Großform bis ins Detail«. Vollkommen zu Recht.

Architekten: Josef Paul Kleihues

Kritik: Christian Holl
Fotos: Stadt Kornwestheim, Wilfried Dechau

1988-89

Es hat den Anschein, als wäre eigentlich nichts gewesen. Ein paar Gräser wachsen aus den Ritzen der flachen Treppe, die neben einer Rampe zum Eingang führt. Und beim Gang ums Haus entdeckt man dort, wo die Kunst angeliefert werden kann, eine eingedrückte Platte der Natursteinfassade. Aber ansonsten gibt es am Zustand eines Baus, der fast dreißig Jahre »auf dem Buckel hat«, nichts auszusetzen.

Kultur und Sparzwang

In den 80er Jahren hatte sich die Stadt Kornwestheim bei Stuttgart – eine damals etwa 28 000, heute 33 000 Einwohner zählende Gemeinde – entschieden, sich einen Museumsneubau für die stadteigene Kunstsammlung zu gönnen. Die seit 1974 bestehende Galerie der Stadt Kornwestheim verfügte in ihren ersten Jahren zwar über kein eigenes Haus, konnte aber dennoch – begünstigt durch eine Schenkung aus dem Nachlass des Malers und Kunstprofessors Manfred Henninger (1894 – 1986) – in den 80er Jahren damit beginnen, eine Sammlung aufzubauen. 1987 wurde der hierfür ausgeschriebene

Wettbewerb unter vier eingeladenen Büros entschieden. Der erstplatzierte Entwurf von Josef Paul Kleihues wurde realisiert und bereits 1989 eröffnet. Trotz eines engagierten Programms – man zeigte u. a. Joesph Beuys, Georg Baselitz und A. R. Penck – blieb die Besucherzahl weit hinter der Erwartung zurück. In der Zeit von 2000 bis 2003 wurde das Gebäude deswegen an ein Auktionshaus als Galerie verpachtet. 2003 wagte man den Neustart mit angezogener Handbremse: Der Auktionator Gert Nagel konnte im OG ein eigenes Privat-Museum für »bürgerliche Kunst und Kultur« führen – keine gute Idee, wie die 2003 bis Anfang 2018 für städtischen Ausstellungsbetrieb zuständige Irmgard Sedler im Rückblick meinte: man habe »ein Ausstellungsprofil in das Haus für moderne Kunst gebracht, das damit nicht vereinbar war.« [1] Seit dieser Wiedereröffnung firmiert es unter dem Namen »Museum im Kleihues-Bau«. Die Doppelbelegung war freilich nicht von langer Dauer. 2010 heißt es in einer Gemeinderatsvorlage für ein neues Museumskonzept: »Der Kleihues-Bau mit seiner ausgeprägt anspruchsvollen musealen Bauausrichtung fordert ein nuanciertes, wohl überlegtes Präsentationskonzept, da er eine Erwartungshaltung beim Publikum weckt, die nicht enttäuscht werden sollte. Daran sind die privaten Aussteller von 2000 bis 2003 gescheitert.« Seither wird die Sammlungs- und Ausstellungsaktivität um eine die Stadtgeschichte einbeziehende, kulturhistorische Sparte erweitert. So präsentiert sich das Museum bis heute – in diesem Sommer etwa mit Werken von HAP Grieshaber und Gert Fabritius in einer Kunstausstellung im EG, während im OG die Geschichte Kornwestheims während der NS-Zeit beleuchtet wird. 2017 noch musste das Museum die Diskussion überstehen, ob es zu Sparzwecken erneut an ein Auktionshaus verpachtet, oder gar in Teilen als Mensa für die benachbarte Schule dienen solle. Glücklicherweise hat sich der Gemeinderat dafür entschieden, den Museumsbetrieb weiterzuführen, wenn auch mit reduziertem Budget ausgestattet. Dass das Gebäude – noch keine 30 Jahre alt – kurz zuvor auf Initiative des Landesdenkmalamts unter Denkmalschutz gestellt worden war, mag das Verantwortungsbewusstsein des Rats gefördert haben. In seiner Würdigung betonte das Denkmalamt die hohe gestalterische Qualität und den sorgfältigen Entwurf des Baus, der von der Architektur bis ins Ausstattungsdetail reiche.

Beiläufige Rationalität
»Architektonische Konzeptionen« so hatte Kleihues einmal formuliert, »sollten sich weder beliebig in Verstand auflösen noch umgekehrt durch Verstand allein beim Entwerfen verschlüsseln lassen.« [2] Diese Spannung aus Rationalität einerseits und Emotion oder Subjektivität andererseits sowohl in Rezeption als auch im Entwurfsprozess ist bei Kleihues in einer Mischung aus strenger Geometrie und einem irrationalen Element aufgebaut. Dieses irrationale Element kann auch durch eine überbordende Rationalität erzeugt werden – etwa indem das Rationalität vermittelnde Element (z. B. ein Quadrat) einer Komposition derart häufig eingeschrieben ist, dass hieraus eine gänzlich eigenständige Wirkung entstehen kann. Ein solches zutiefst postmodernes Denken mag uns heute fremd sein, um sich jedoch von der Dominanz eines verengten und dogmatisch gewordenen Moderneverständnisses zu lösen, war diese reflektierende Beschäftigung mit der Sprache der Architektur nicht nur Therapie, sondern auch ein Weg zu neuen Ausdrucksmitteln. Die Gratwanderung zwischen Poesie und Bemühtheit gelingt freilich leichter, wenn sie mit Elementen kombiniert wird, die aus anderen Referenzsystemen entnommen sind und das rationale System durch Unregelmäßigkeit brechen. In Kornwestheim findet sich die rationale Komponente in einer Kombination aus geometrischen Formen – Halbkreis, Rechteck, Dreieck und Parallelogramm, die (nicht wahrnehmbar) einem Quadrat eingeschrieben

sind. Diese Konzeption ergibt ein solch sinnfälliges Ganzes, dass sich diese geometrische Grundordnung nicht aufdringlich in den Vordergrund spielt. Zwischen Ausstellungstrakt, Eingangs- und Erschließungsbereich und dem in der Halbrotunde untergebrachten und separat erschließbaren Vortragsraum wurde eine sich nach oben verjüngende Treppe eingefügt. Dazu kommen eigensinnige formale Elemente: die spitz zulaufenden Sheds des oberen Saals, die weiß lackierten Stahlelemente mit großem rundem Loch, die strenge Ornamentik der Fassadenanker aus Edelstahl, mit denen die Platten aus – auch ansonsten in Kornwestheim vielerorts eingesetztem – Cannstatter Travertin befestigt sind.

»Das erwartet man in Köln«

Entwurfserfindungen im Innern wie der als Glaskasten in den Ausstellungsraum gedrehte Kassenbereich sorgen für Belebung und sind zudem praktisch: Die Person an der Kasse kann so auch Aufsichtsfunktionen übernehmen. Dieser Raum mag aus heutiger Sicht etwas klein dimensioniert erscheinen – die mittlerweile ausufernde Verkaufsaktivität war jedoch hier, wie auch in anderen Museen der 80er Jahre, noch nicht vorhergesehen worden.

Auch an anderen Stellen im Gebäude finden sich funktionale Gründe für den formalen Eigensinn. Allen voran die raffinierte Tageslichtführung der beiden übereinandergestapelten Ausstellungsräume: der obere erhält Licht durch die nach Norden gerichteten Sheds unter denen eine konvexe Lichtdecke angebracht ist, der untere, 400 m² messende, durch ein Oberlicht entlang der Längsseite im Osten unterhalb eines leicht nach innen gekippten Fensterbands im OG. Ein über beide Geschosse offener Bereich verbindet die beiden Ausstellungsebenen miteinander und sorgt dafür, dass der obere Galerieraum, 320 m² groß, nicht zu einem langen Schlauch wird.

Präsenz am Ort

Zum Museum gelangt man über einen großen Platz, der von der Innenstadt zu einem Park überleitet. Der markante Turm des Rathauses von Paul Bonatz (1935) befindet sich in Sichtweite. Der Kleihues-Bau liegt etwas zurückgesetzt und prägt so in nobler Zurückhaltung, aber durchaus als selbstbewusste Erscheinung, die Szenerie am Platz. Die Sheddächer, die weißen Stahlteile und die wenigen Fenster verleihen der hermetischen Präsenz des Museums eine maßstäbliche Griffigkeit, die es trotz aller Strenge zu keinem Moment monumental oder erzieherisch wirken lässt. Im Innern bewirkt v. a. die Sorgfalt von Lichtplanung, Raumkomposition und Funktionalität, dass sich die zeittypischen Details, wie etwa der Teppichboden, nicht in den Vordergrund drängen. Sorgfältige Detailplanung und Ausführung haben dafür gesorgt, dass bis heute nicht grundlegend saniert werden musste.

Und so ist man auch kaum überrascht, wenn die Museumsdirektorin Saskia Dams, erst seit Kurzem im Amt, von dem Gebäude schwärmt: »So etwas erwartet man in Köln.« Sie betont die Verknüpfung von räumlicher Qualität und guter Nutzbarkeit, wie z. B. bei der durchdachten Anlieferung von Kunstwerken oder den Präsentationsmöglichkeiten selbst für größere Skulpturen.

Wurde zur Eröffnung vom Ärger der Bürger über die Verschwendung der Steuergelder berichtet, sei das Museum heute »essentieller Bestandteil des Kulturangebots der Stadt Kornwestheim«, so die Oberbürgermeisterin Ursula Keck. »Dass das Museum im Kleihues-Bau nicht nur Kunst zeigt, sondern sich auch stadtgeschichtlichen Ausstellungen widmet, unterstreicht die Verankerung des Museums in der Kornwestheimer Bürgerschaft.«

Mit dem neuen Kultur- und Kongresszentrum, das seit 2013 den Vorgängerbau aus der Nachkriegszeit ersetzt, hat es ein dominantes Gegenüber bekommen, das die Bedeutung dieses »Kulturkarrees« stärkt. Die Feinfühligkeit des Kleihues-Baus freilich ist vom neuen Nachbarn nicht erreicht worden, sie ist dadurch jedoch umso besser wahrnehmbar.


  • Standort: Stuttgarter Straße 93, 70806 Kornwestheim
[1] Kornwestheimer Zeitung vom 8. März 2018
[2] Heinrich Klotz (Hrsg.): Die Revision der Moderne. Postmoderne Architektur 1960-1980. München 1984, S. 125

Unser Kritiker Christian Holl würde sich zwar nicht als »Kleihues-Fan« bezeichnen, das Museumsgebäude in Kornwestheim konnte ihn bei seinem Besuch durch sorgfältige Planung und Ausführung sowie nach wie vor hoher Funktionalität aber dennoch beeindrucken.