Funktionsfähige aber oftmals schlecht gepflegte Typenbauten

… in die Jahre gekommen: Rundsporthalle in Ludwigsburg

Wie Ufos oder riesige Kuchenhauben sitzen sie meist im Gelände, die Rundsporthallen, die 1967–76 bundesweit als günstige Typenbauten verkauft wurden – allein nördlich von Stuttgart stehen mehrere davon: Während die Halle in Asperg fast original erhalten, aber dem Abriss geweiht ist, hat man jene in Ludwigsburg originell weiterentwickelt.

Anbieter: Fröhlich & Dörken
Architekt: Georg Flinkerbusch

Kritik und aktuelle Fotos: Christoph Gunßer

1971–72

Man könnte sie als ein skurriles Relikt des Bauwirtschaftsfunktionalismus abhaken, wie sie da bezugslos und solitär in der »aufgelockerten« Stadtlandschaft herumschwimmen: 29 weitgehend identische Rundsporthallen gibt es angeblich hierzulande noch; gerade wurde die zweite von ursprünglich 31 in Landau abgerissen; nimmt man Österreich und die Schweiz hinzu, sollen es insgesamt rund 70 Hallen gewesen sein. Um 1970 bestellten expandierende Kommunen sie als schlüsselfertiges Angebot der Firma Fröhlich & Dörken aus Gevelsberg, die heute ganz andere Dinge verkauft. Für nur 3-4 Mio DM bekamen sie einen robusten Systembau geliefert, der sowohl konstruktiv als auch funktional neuartig war.

Denn so schwierig die Halle städtebaulich einzubinden war, so gut und vielseitig nutzbar war und ist sie im Innern. Die Zugänge für Sportler und Besucher sind sinnfällig getrennt, Tribünen und Nebenräume kompakt gestapelt, beide schmiegen sich platzsparend in die Rundung. Im Grunde war das Gebäude ein kleines geschlossenes Stadion.

Das Eckige muss ins Runde

Die Konstruktion besteht aus einem Kranz von 24 im Erdreich eingespannten Stahlbetonstützen, die an der Traufe durch einen Betondruckring verbunden wurden. Wobei der Begriff Traufe nicht ganz zutrifft, denn der Druckring ist der Hochpunkt der Tragkonstruktion. Das Dach wurde als

Hängekonstruktion in den Ring eingehängt. Es besteht aus einer nur 4 mm dicken, durch aufgeschweißte Blechstreifen ausgesteiften Stahlkegelschale, die durch die Auflast einer zentralen »Laterne« vorgespannt wurde – in ihr saß ursprünglich die Lüftungsanlage. Auch die vom Dach abgehängte Rasterdecke trägt zur Vorspannung bei (die Statiker müssen den Hausmeistern heute noch erklären, dass jeder zusätzliche Basketballkorb statisch im Wortsinn ins Gewicht fällt). Zwischen der Rasterdecke, so unansehnlich wie überall gestaltet, und dem Dach wird das Regenwasser vom Zentrum nach außen abgeleitet.

Rolf-Dieter Fröhlich, damals Juniorchef der Firma Fröhlich & Dörken, berichtet, dass sein Vater die Konstruktionsidee von einer Produktionshalle in Gleisdorf in Österreich übernahm, die der Wiener Konstrukteur Kurt Koß 1962 geplant hatte. Die zentrale Idee der vorgespannten, orthogonal anisotropen Kegelschale wurde alsbald patentiert. Fröhlich & Dörken ließ die Betonfertigteile der Hallen regional fertigen (für Süddeutschland durch Wolff & Müller in Stuttgart), schickte aber auch z. B. Elektriker aus dem Sauerland zur Montage vor Ort. Als Architekt firmierte Georg Flinkerbusch aus Hagen.

Es gab die Halle in zwei Größen: Die weitaus häufigere Variante misst 53 m im Durchmesser bei 1 360 m² Sportfläche (die hier gezeigten Hallen in Ludwigsburg und Asperg gehören in diese Kategorie), die größere 63 m bei 1 800 m² Sportbereich – Beispiele: die heutige Ostermann-Arena in Leverkusen und der Audi Dome, ehemals Rudi-Sedlmayer-Halle, in München, bei der es übrigens fast einen Aufruhr gab, als sich Fröhlich & Dörken aufgrund viel günstiger Preise gegen etablierte Anbieter durchsetzte.

Bemerkenswert: In das kompakte Rund passt eine Sportfläche von 27 x 53 m. Lange bevor das Verhältnis von Hüllfläche zu Volumen die Baudebatten bestimmte, gelang hier ein überaus kompakter und damit sowohl flächen- als auch energiesparender Typ von Halle, der Material und Kosten sparte. In den Kreissegmenten außerhalb des Spielfelds sind die Zuschauer nah am Geschehen, was bis heute insbesondere beim Basketball geschätzt wird. Vom Spielfeld aus gesehen verbirgt leider die Rasterdecke die filigrane Stahlkonstruktion, von der Tribüne aus ist sie aber sichtbar. V. a. aber prägt der archetypische Stützenkreis den Raum und stiftet im Rund weit mehr Gemeinschaft als jede gängige »Schuhschachtel«.

Anfällige Dachkonstruktion

Das leichte und weitgespannte Dach erwies sich hingegen bald als Schwachpunkt der Konstruktion. Aus Brandschutzgründen war es, wie auch die Stahl-Holzelemente der Wandfüllungen, mit Spritzasbest behandelt worden, das Mitte der 70er Jahre als Gefahrstoff erkannt und 1979 in Deutschland verboten wurde. Dieser Umstand führte nach einem kritischen Artikel zum abrupten Ende der Rundhallen-Vermarktung. Auch wenn nur vereinzelt erhöhte Werte an Asbeststaub gemessen wurden – spätestens in den 90er Jahren wurden alle Hallen aufwendig davon befreit, der Brandschutz überarbeitet, die Fluchtwege verbessert.

Nach dem Einsturz der Eissporthalle von Bad Reichenhall 2006
(s. db 12/2006, S. 74 und Kommentar in db 4/2010, S. 3) überprüfte man nochmals alle Hallendächer – und fand vereinzelt Schäden durch Korrosion. Die schwierige Entwässerung des Dachs dürfte daran mit schuld sein – und mangelnde Pflege. Jedenfalls waren daraufhin weitere Sanierungen fällig, und erste Forderungen nach Abriss wurden laut. Die Rundlinge wurden im oftmals ringsum gewachsenen Stadtraum zunehmend als Fremdkörper empfunden.

Einhegung in Ludwigsburg

Dass sich die Hallen durchaus domestizieren und weiterentwickeln lassen, zeigt hier stellvertretend für einige gelungene Baumaßnahmen der letzten Jahre das Beispiel Ludwigsburg. Der neben dem Bildungszentrum West recht zentral gelegene Solitär von 1971 wurde von Anfang an individueller gestaltet als die meisten Rundsporthallen. Seine Blechhaut war glatt, sodass nur die »Füße« der Konstruktion herausschauten. Als Annex aus abgeschrägten Sichtbetonschotten verband ein kleines Werkstattgebäude Halle und Schulkomplex (dessen Abriss übrigens zur Zeit erwogen wird). Bei der Sanierung der Halle 1994 ergänzte man diesen Annex zum Parkplatz hin ringförmig durch weitere Nebenräume. Zusätzlich erforderliche Fluchtwege wurden als teilweise verglaste Stahlbauten angefügt. Auch wenn das Hallenrund im glänzenden Edelstahlkleid weiterhin »spacig« wirkt, verlor das Ensemble durch den verputzten Anbau noch mehr vom »reisefertigen« Aussehen des modernen Typenbaus. Die Halle hat gewissermaßen Wurzeln geschlagen.

Sie ist längst eine bekannte Adresse in der Region, wozu ihre ausgefallene Bauform wesentlich beiträgt. Lange Zeit war sie Austragungsort für Spiele der Basketball-Bundesliga. Zu diesem Zweck wurde auf Verlangen der Liga die Zahl der Zuschauerplätze auf über 3 000 erhöht.

Seit dem Bau einer Arena am Ludwigsburger Bahnhof fiel diese Nutzung weg, doch trainieren die Basketballer wegen des sonst seltenen Parkettbodens weiterhin hier. Nach dem Rückbau der engen Zusatztribüne stehen heute noch 1 805 Plätze zur Verfügung. Zuletzt wurden die Umkleiden samt Lüftung erneuert und zu Hauptstraße und Bahnlinie hin der Hallenname als Supergrafik auf den Sockel gemalt.

Die Halle wird weiter intensiv benutzt. Neben dem Schulsport finden nun v. a. Tanzsportveranstaltungen statt. Seit 2010 wird der ehemalige Gymnastikraum auf der Empore als Schulmensa genutzt.

Anders als im benachbarten Asperg hat man in Ludwigsburg also immer wieder erheblich in die Halle investiert, sie als »Hardware« begriffen, die sich stets neu programmieren ließ. Auch wenn es für die Konstruktion derzeit keine akuten Sicherheitsauflagen mehr gibt – die Dachentwässerung wurde nochmals verbessert –, hält Joachim Pflumm, Abteilungsleiter beim städtischen Hochbauamt, den Hallentyp für nicht besonders tauglich und bemängelt die vielen Restflächen.

Ansonsten waren es wohl v. a. städtebauliche und ästhetische Gründe, die den Typus Rundsporthalle in Vergessenheit geraten ließen. Seit den 80er Jahren werden nicht nur Schulen, sondern auch Sporthallen in der Regel maßgeschneidert entwickelt. Foyers, Dächer und Panoramafenster binden sie besser in die Umgebung ein. Dennoch ist der Erhalt des originellen – und ziemlich massiven – modernen Erbstücks Rundsporthalle durchaus im Sinne der heute geforderten Nachhaltigkeit.

Im benachbarten Asperg, wo über die Jahre keine entsprechenden Verbesserungen an der Halle vorgenommen wurden, steht die Rundsporthalle isoliert und ziemlich baufällig zwischen neuen Wohngebieten. Fenster sind notdürftig geflickt, die Böden fleckig, das Dach muss wegen der Lastbegrenzung bei jedem Schneefall aufwendig geräumt werden. Die Stadt plant derzeit einen Ersatzbau an anderer Stelle und will die zurzeit noch genutzte Halle in ein paar Jahren abreißen lassen.

Rundhallen sind seither nur noch sehr selten geplant geworden: Ein Beispiel außerhalb des Sports mit einer ähnlichen Dachkonstruktion ist das Zentrum für Produktionstechnik in Berlin der Architekten Gerd Fesei und Peter Bayerer von 1985. Als Hauptgrund gegen Rundformen im Industriebau gilt, dass die Hallen sich nicht erweitern lassen.


  • Standort: Kurfürstenstraße 23, 71636 Ludwigsburg

Unserem Autor Christoph Gunßer haben brutale Waschbetonkisten einst den Spaß am Sport fast verdorben. Die verwinkelten Rundlinge fand er bei seinen neuerlichen Besuchen zumindest drinnen so originell, dass er über dem Fotografieren das Selbstporträt vergaß.


Christoph Gunßer

1963 geboren. Architekturstudium in Hannover, Stuttgart und den USA. Büropraxis. 1989-92 Assistenz am Institut für Städtebau, Wohnungswesen und Landesplanung der Universität Hannover. 1992-97 in der Redaktion der db, seit 1998 als freier Fachautor tätig.