… in die Jahre gekommen Öko-Partner-Haus in Friedensau

Das Experimentalgebäude wurde ab 1990 im Bauzentrum München als Beratungsstelle für ökologisches und energiesparendes Bauen genutzt und kombinierte als Demonstrationsgebäude technische Neuheiten mit realitätsbezogenen Lösungen nach damals neuesten planerischen und bauphysikalischen Erkenntnissen. Im Verlauf der Verlegung des Bauzentrums wurde das Gebäude im Jahr 2000 demontiert und ganz im Sinne der Nachhaltigkeit in der Nähe von Magdeburg wiederaufgebaut, wo es bis heute nahezu unverändert als Tagungsort und Jugendzentrum dient.

Architekt: Moritz Hauser

Kritik: Cornelia Heller
Fotos: Wilfried Dechau, Cornelia Heller, Sabine Schorcht

1990/2001

Der Kinder- und Jugendzeltplatz Friedensau ist kein Campingplatz im bekannten Sinne mit Autos, Anhängern, Caravans. Der Zeltplatz im sachsen-anhaltischen Friedensau steht – ganz dem exakt vor 120 Jahren eingeführten Namen verpflichtet – für Ruhe und Frieden, für das Einfache und Ursprüngliche, für den Respekt vor Natur und Umwelt. Es sind Tugenden, wie sie der Pfadfinderjugend der Siebenten-Tags-Adventisten vermittelt werden. Rund 15 000 (!) Kinder, Jugendliche, Rad- und Wandertouristen übernachten alljährlich hier, Träger ist die Adventjugend Jerichower Land, seit 2017 Zeltplatz Friedensau gGmbH. Dass man sich an diesem Ort ein Ökohaus als Treff für die Gemeinschaft baute, verwundert daher wenig. Mehr seine Herkunft aus München.

Modellhaft und vorausgedacht

Knapp zehn Jahre lang hatte das vom ALTOP-Verlag initiierte Ausstellungs- und Infozentrum »Öko-Partner-Haus« ÖPH rund eine halbe Million Besucher auf Münchens alter Messe empfangen, hatte als Exponat seiner selbst für umweltfreundliches, ökologisches und praktikables Bauen und Wohnen geworben und Menschen zu einem besseren Bauen im Einklang mit Natur und Umwelt inspiriert. Es galt, so der Verlag, als das »erste ökologische Musterhaus in Europa« und entwickelte sich über die Jahre zu einer »ökologischen Institution«. Sein Bau war die Umsetzung der ehrgeizigen Idee der ALTOP-Geschäftsführer Paul Wirkus und Fritz Lietsch, die beide seit 1984 jährlich das alternative Branchenbuch »ECO-World« herausgaben. In ihm versammelten sich Adressen und Telefonnummern von Anbietern ökologischer und nachhaltiger Produkte und Leistungen. Unter Schirmherrschaft der Stadt München gelang es den beiden, für »eines der größten Umweltsponsoring-Projekte Europas« 138 Partner und Finanziers zu begeistern. Seine Eröffnung im Juli 1991 war eine kleine Sensation. Am Ende steckte eine Menge Know-how und Geld in dem rund 4 Mio. DM teuren Öko-Partner-Haus. Auch das des Münchner Architekten Moritz Hauser.

Hauser, der bereits während seines Studiums zum Erstaunen seiner Professoren gemeinsam mit Martin Hirner ein Planungsbüro gegründet, 1984 eine erste Baustelle abgewickelt und darüber hinaus eine Zimmerei eröffnet hatte, konnte hier seine Ideen von einem zeitgemäßen, der Natur und Umwelt verpflichteten Projekt in die Realität umsetzen: »Alles war öko. Neben passiver Sonnenenergienutzung wurde mit thermischen Sonnenkollektoren für Warmwasser und Heizung sowie mit einer hochinnovativen Photovoltaikanlage für Strom gesorgt, wobei mindestens 40 % der Heizenergie und 80 % der Energie für Wassererwärmung in Eigenleistung erzeugt wurden. Wir wählten für das Projekt ein Niedertemperatur-Wandflächen-System, funktional einer Fußbodenheizung ähnlich.«

Für die Dämmung verwendete der Architekt das damals neuartige Produkt Zellulose, dessen Herstellung im großen Maßstab noch in den Kinderschuhen steckte. Porenbeton und 14 cm Zellulose schirmten das ins Erdreich eingebettete Haus nach Norden ab. Dazu hochdämmende, nach außen zu öffnende Fenster mit dem besten verfügbaren Isolierglas und funktionaler Minimaltechnik. Heimische Hölzer als Baustoff für Wände, Böden und Möbel der Hauserschen Zimmerei »Handwerks- und Planungsteam«, außerdem Naturfarben, und Dachbegrünung. Gras auf Naturkautschukabdichtung lebte das wichtige Prinzip: Gib der Umwelt die verbrauchte Grundfläche zurück.

Hauser: »Wir haben uns beim Bau am sogenannten PEI, Primärenergieinhalt, orientiert. PEI beschreibt den zum Bau aufgewendeten Energieverbrauch, der in ihm steckt. Ergo haben wir möglichst energieextensive Baustoffe verwendet. Das hat gut funktioniert.« Prinzipiell ging es auch darum, »sich bewusst gegen eine unzeitgemäße, gemütliche‚ ›Blockhausromantik‹ zu wenden und einen anspruchsvoll gestalteten Holzbau mit alternativen Energiesystemen zu bieten«.

Als im September 1999 das Projekt auslief und das Ausstellungsgelände in München samt seinem Bauzentrum schloss, war die Zukunft des Öko-Partner-Hauses unklar. Es sollte wie die anderen Musterhäuser abgerissen werden. Das war aber nicht im Sinne des nachhaltig denkenden ALTOP-Verlags. So wurden »Adoptiveltern« für ein Gebäude gesucht, das »für über eine halbe Million Mark ab- und an seinem neuen Einsatzort wiederaufgebaut«

werden sollte. Den Zuschlag erhielt schließlich die finanziell nicht eben auf Rosen gebettete Adventjugend Jerichower Land. Und so zog das Stadtkind aufs Land. Im Jahr 2000 wurde es ab- und 2001 in Friedensau wiederaufgebaut.

Zweites Leben

Man könnte es für eine Orangerie oder ein Gewächshaus für exotische Pflanzen halten, wie es da am Rande des Zeltplatzes steht. Glas dominiert die Südfassade. Schmale vertikale Rahmen fassen unzählige Fenster unterschiedlicher Formate, sie bilden in wohlbedachter Ordnung einen vorgesetzten, zwei Geschoss hohen Wintergarten mit offener Galerie. Oben lugt ein nach beiden Seiten schräg bedachtes drittes Geschoss hervor. Das ist introvertierter ausgebildet. So wie auch die gestaffelten Ost- und Westseiten, deren Einladung an das Hereinfließen von Licht und Sonne kontinuierlich abnimmt, um schließlich das Gebäude nach Norden komplett abzuschotten.

Bei genauerer Betrachtung scheint der Bau entlang einer Spiegelachse aus einem Hügel herauszuwachsen. Der ist üppig begrünt, der Erdboden von abgetreppten Trockenmauern gehalten. Was nicht aus Glas ist, ist aus Holz, außen in blassem, sich wechselndem Weiß und Blau gestrichen. Im Innern entdeckt der Betrachter die offen liegende Holzskelettkonstruktion, erfreut sich an unverbraucht wirkenden Materialien wie den unkaputtbaren niederbayerischen Klinkern im EG oder den Spuren liebevollen Gebrauchs in der originalen Einbauküche. Im ersten OG führt noch immer die gläserne Brücke über den Luftraum des Wintergartens. Alles atmet Helligkeit und Weite.

Das Raumklima ist fantastisch.

Sabine Schorcht führt durch die großen wie kleinen Räume, die Rahmen für Geselligkeit, Teamzusammenkünfte und Seminare sind. Sie leitet seit 1998 den Zeltplatz. Sie kennt das Haus und seine Geschichte. »Wir haben uns damals unglaublich gefreut und sind froh, dass wir das Haus zu uns holen durften.« Aber ob man es ein zweites Mal tun würde, lässt sie lächelnd offen. Sie war dabei, als das »Öko-Partner-Haus« als Puzzle seinen Weg antrat. Es in Sachsen-Anhalt wiederaufzubauen, gestaltete sich als weitaus schwieriger als gedacht. »Denn Baurecht ist Landesrecht. Und was vor zehn Jahren in Bayern galt, ging hier eben nicht. Die hohen Genehmigungsauflagen, insbesondere an den Brandschutz eines Holzbaus, hätten das Projekt finanziell fast an den Rand des Machbaren gebracht.« Schließlich gelang der Coup mithilfe verschiedener Geldgeber, auch der öffentlichen Hand, mit Unterstützung vom Arbeitsamt mit ABM-Kräften und zuletzt durch Lotto-Toto.

Legt man die Erinnerung an München über das Gebäude in Friedensau ist eine kaum glaubhafte Deckungsgleichheit erreicht. Wähnte man sich nicht in Sachsen-Anhalt, könnte man jetzt auch in Bayern sein. Das Haus steht wie geklont, dabei ist es sein eigenes Original. Selbst der Haushügel wurde identisch angelegt. Sabine Schorcht schwärmt von der hohen Funktionalität der hellen, schönen Räume, den wohldurchdachten Grundrissen, deren Rastermaß den Aufbau erleichterte, von der Atmosphäre, die durch die Kombination von Holz, Licht und Glas mit dem ungehinderten Blick ins Grüne entstehe. Dazu die Dauerhaftigkeit der werthaltigen Materialien, vor allem des Holzes: »Die Küche, der am meisten frequentierte Raum, ist unverändert. Arbeitsplatten, Sitzbank, Schränke – alles ist noch da und funktioniert (fast) wie am ersten Tag. Auch die effektive, sparsame Heizung, die Photovoltaikanlage, der unglaubliche Etagenstaubsauger.«

Wenige Veränderungen ergaben sich durch die strengen Bauauflagen. Sichtbar ist die an der östlichen Hausseite angebaute Fluchttreppe. Das Wasserbecken im Wintergarten ist heute Pflanztrog, weil die hohe Luftfeuchtigkeit dem Holzbau zu schaden drohte. Ja, einige der Fensterrahmen und Holzbekleidungen zeigen inzwischen Altersspuren. Und neue Aspekte rücken in den Vordergrund. So soll zukünftig der solar gewonnene Strom für die Energieversorgung des gesamten Zeltplatzes eingesetzt und dafür auch gespeichert werden.

Das Öko-Partner-Haus hatte von Anbeginn viele Freunde. Mit ihm ist der frühe Plan von einem konsequent der Ökologie verpflichteten Musterbau aufgegangen. Doch an Aktualität hat die Idee keineswegs verloren. Ganz im Gegenteil. Als Moritz Hauser sein Werk das letzte Mal sah, war es zehn Jahre alt und hatte bereits eine gewaltige Beanspruchung hinter sich. Nun zu hören, dass es auch nach weiteren gleich 20 Jahren unverdrossen seinen Dienst und den auf außergewöhnlich zuverlässige Weise tut, hat den Architekten zufrieden schmunzeln lassen. Alles öko!



Unser Kritikerin Cornelia Heller war vom Zeltplatzgelände und von der Geschichte des Öko-Partner-Hauses gleichermaßen fasziniert. Fotografisch hielt sie vor Ort fleißig ihre Eindrücke fest und dokumentierte dadurch nicht nur ihre Anwesenheit, sondern auch, wie gut Gebäudekonzept und Material durch die Jahre gekommen sind.

Cornelia Heller

Freie Journalistin und Autorin in Magdeburg, Schwerpunkte Architektur und Baukultur in Sachsen-Anhalt. Publikationen u. a. »Architektouren durch Sachsen-Anhalt – Neues Bauen im Land von Reformation und Moderne« und in »Die Reformationsgeschichtliche Forschungsbibliothek. Eine Einladung« zum sanierten Schloss Wittenberg.