… in die Jahre gekommen: Kurbad in Königstein

An einem sonnigen Februartag mitten in der Woche ist das Kurbad im Taunusstädtchen Königstein gerade so stark besucht, dass der Einzelne sich nicht verloren fühlen muss, aber genügend Platz hat, seine Bahnen zu schwimmen oder kreuz und quer zu plantschen – oder im Außenbecken das 32 Grad warme Wasser zu genießen und dabei dennoch einen kühlen Kopf zu bewahren. Die Klientel an diesem Werktag hat mehrheitlich das Rentenalter erreicht oder jedenfalls das, was man in der wohlhabenden Gemeinde eher Pensionärsdasein nennen wird.

Architekten: Geier + Geier (heute Völlger Architekten)
Künstler: Otto Herbert Hajek

Kritik: Bernhard Schulz
Fotos: Stefan Rothe, Archiv Geier + Geier (heute Völlger Architekten), Königsteiner Kur GmbH

1972-1988

Ein normaler Tag in einem normalen Hallenbad, zwar plus Außenbereich, aber dennoch kein Kombibad, denn das Außenbecken ist nur von innen her zu erreichen. Ein Hallenbad der gehobenen Sorte mithin, worauf auch die Bezeichnung »Kurbad« deutet, der jedoch kein entsprechendes Angebot geschuldet wird.

Mit dem Kurbad allerdings hat sich Königstein etwas Besonderes geleistet – nicht vom Badeangebot her, dass sich vielhundertfach in deutschen Landen finden dürfte, sondern von der Architektur und Gestaltung her. Unlängst ist das Bad 40 Jahre alt geworden, die Zahl prangt auf einer großen Reklametafel im Eingangsbereich. 40 Jahre sind für öffentliche Gebäude und zumal einen Sonderbau wie ein Hallenbad durchaus ein Alter, in dem sich die Frage nach der Weiternutzung stellt, nicht selten in der Alternativform »Sanierung« oder »Abriss«. Davon ist in Königstein erfreulicherweise keine Rede.

Der Besucher, der erstmals nach Königstein gekommen ist, erspäht das Bad oder genauer dessen Farbigkeit bereits vom Nahverkehrsknotenpunkt »Stadtmitte« aus. Kräftig Blau-Orange leuchtet es aus der Ferne; aus der Nähe ist der Farbeindruck überwältigend. Allerdings muss noch die belebte Bundesstraße 8 überwunden werden – ampelgesichert -, die das Bad von der Stadt trennt. Da liegt der Komplex dann breit gelagert an einem sanften Hang, mehrere Geschosse gestaffelt übereinander. Straßenseitig sind es fünf Ebenen, hangseitig drei oberirdische Geschosse, mit der Schwimmhalle in der Mitte. Und alles ist Blau in verschiedenen Abstufungen sowie Orange.

Bunte Bäder

Rudolf und Ingeborg Geier, die Gründer des Stuttgarter Büros Geier + Geier, sind die Architekten des Gebäudes. Rudolf Geier hatte sich frühzeitig, seit und mit dem Kurbad Badenweiler von 1954, auf Hallen- und Sportbäder spezialisiert. Das 1963 eröffnete gemeinsame Büro – Rudolf Geier ist 2007 verstorben – wird längst von Wolfram Völlger fortgeführt. Das Farbkonzept, die farbige Gestaltung des ganzen Bads bis ins letzte Detail, stammt von dem Stuttgarter Künstler Otto Herbert Hajek (1927-2005). Hajek, der sich selbst einen »Bildner« nannte, wählte Blau und Orange, um den Komplementärkontrast einer Primärfarbe, eben das Blau oder eher ein Cyanblau, zu haben, der sich wirkungsvoll gegen das Grün der umgebenden Landschaft absetzt. Grün ist sie im Februar eher nur andeutungsweise, und so ist das Blau-Orange sehr dominant, es sticht hervor. Und das wiederum ärgert die Gegner des Bads seit jeher.

Die frühen 70er Jahre waren die Hoch-Zeit der Farbigkeit kräftiger, fröhlicher Töne und des all-over ihres Einsatzes. In den frühen 70er Jahren ist das Königsteiner Bad entworfen worden, 1973, und in dieser Zeit hatte Hajek seine größte Wirkung als Künstler im öffentlichen Raum. Allein mit dem Büro Geier + Geier hat Hajek drei öffentliche Bäder entworfen und gestaltet, darunter das Stuttgarter Mineralbad Leuze. Hajek setzte sich bewusst ab vom üblichen Kunst-am-Bau-Schema, wo dem Bauwerk noch ein bisschen Kunst hinzugefügt wird, eine Außenskulptur oder ein Wandrelief im Eingang oder dergleichen.

Hajek hat von Anfang an am Kurbad mitgewirkt, und sein Farbschema fand bereits im Rohbau Anwendung. Der Sichtbeton, der seinerseits die Holzmaserung der Schalung abbildet oder aber im Außenbereich als kräftiges Relief von senkrechten Stegen und Rillen in Analogie zu den Kanneluren antiker Säulen erscheint, ist in Blautönen gehalten, Ausbauteile wie Fensterrahmen, Geländer und Brüstungen erscheinen in Orange. Die Wände zeigen geometrische Muster in blau-orange-weiß, die Fliesen im Badebereich weiß und orange, und als besonderen Effekt hat Hajek die Decke über dem Hallenbecken mit Spiegeln versehen, in denen die Schwimmer ihre Bahnen gewissermaßen von oben verfolgen können. Auch das Außenbecken, das erst wesentlich

später, nämlich 1988 hinzugefügt wurde, hält in seinen Bodenfliesen das Hajeksche Farbspektrum ein. An einem Wintertag mit den aus dem Wasser aufsteigenden Schwaden ist das jedoch nur schemenhaft zu erkennen. Und betont werden sollte, dass überall Licht hereinkommt, hereingeholt wird durch großzügige Verglasung, auch des geschützten Gangs, der vom Innen- zum Außenbereich führt.

Gut gepflegt

Aber ansonsten – und das ist das Bemerkenswerte – ist alles so erhalten, wie es vor 40 Jahren ausgesehen haben muss. Architekt Völlger betont, es seien »wertige Materialien verwendet« worden, so die »gute Keramik«. Wohl nahezu alle Beschläge und Armaturen sind im Originalzustand. Da ist viel Plastik im Spiel, wie man es damals schön und praktisch fand, Türdrücker und Garderobenhaken von Hewi aus dem nordhessischen Bad Arolsen beispielsweise; die sind im Übrigen schwarz. Die Rundleuchten, die wie überdimensionale Knöpfe aus der Wand ragen, sind original, die ganze Beschilderung in gut lesbarer Großschrift (im Bad trägt man keine Brille!). Und alles ist erkennbar in Gebrauch, aber gepflegt; die Farben hat Hajek ausdrücklich nach RAL gewählt, um ihre fortlaufende Erhaltung sicherzustellen. Und so ist das ganze Gebäude. Man sieht, dass es benutzt wird, man sieht es an den Ablagerungen zwischen den Holzlamellen (blau!) der Decken, man sieht es an Betonkanten im Sockelbereich, man sieht es an den Wasserspuren im außen liegenden, gerundeten Treppenhaus. Aber man sieht, dass nichts verkommt, sondern alles gepflegt wird, wie man ein Gebäude unter der Extrembelastung ständiger Nässe und erhöhter Lufttemperatur nur halten kann.

Die beständige Pflege hebt auch Wolfram Völlger anerkennend hervor. Dass das Bad energetisch ertüchtigt werden muss, versteht sich von selbst, brandschutztechnisch desgleichen; wie überhaupt die Erneuerung der technischen Anlagen. »Nach 25 Jahren ist jede Technik kaputt«, sagt Völlger: »Dass sie immer noch funktioniert, zeigt, dass man damals gut eingekauft hat.« Auch eine bauliche Sanierung sei selbstverständlich vonnöten. Aber davon abgesehen, sieht der Architekt nur begrenzten Veränderungsbedarf. »Die medizinischen Bäder müssen komplett umgebaut werden. Ich wünschte mir«, sagt er, »dass man Angebote schafft, dass man das Bad ,attraktiviert‘. Auch so etwas wie der ungenutzte Ruheraum ist heute nicht mehr zeitgemäß.« Die längst gesperrte, weitläufige Terrasse ganz oben würde Völlger mit einer attraktiven Saunalandschaft auf heutige Bedürfnisse zuschneiden: »Damals war das Thema Sauna noch nicht aktuell.« Entsprechende Vorstudien hat Völlger bereits vor acht bis zehn Jahren angefertigt, doch sind entsprechende Pläne immer am Geldmangel gescheitert.

Architektonisch fällt das Gebäude in den Stilbereich des »Brutalismus«, der unlängst wieder zu Ehren gekommen ist, v. a. in Großbritannien, wo er seinen entschiedensten Ausdruck fand. Gemeint war der béton brut, der rohe oder Sichtbeton, der in den 50er und 60er Jahren gerne vorgezeigt wurde, allerdings gerade nicht farbig gefasst wie in Königstein. Die Initiatoren von »SOSBrutalismus« – die entsprechende Ausstellung des DAM Frankfurt geht mittlerweile auf Wanderschaft – haben das Bad dennoch in ihre Liste schutzwürdiger Bauten aufgenommen. Die Denkmalseigenschaft des Kurbads ist durch die entsprechende Unterschutzstellung vor drei Jahren bestätigt worden. Ursprünglich, das ist bei allen Veränderungswünschen zu bedenken, ist ein Kurbad erbaut worden, kein heute so beliebtes »Spaßbad«. Aber auch ohne das Denkmalsprädikat überzeugt das Königsteiner Ensemble als durchdachte Bad-Anlage, es beeindruckt in der Einheitlichkeit seiner Gestaltung, und es verblüfft mit der Fülle von erhaltenen bauzeitlichen Details, die gerade in dieser Vollständigkeit wohl schon Seltenheitswert besitzen dürften. Oft wird bei »denkmalgerechter Sanierung« von Bauten, die ihrer ursprünglicher Bestimmung gemäß genutzt und beansprucht werden, ein Kompromiss zwischen der erhaltenswerten Großform und den zeitbedingt zu ersetzenden Ausstattungsdetails geschlossen.

Warum es in der Kommune dennoch am Erhaltungswillen hapert, ist für Außenstehende nicht leicht nachzuvollziehen; zumal sich selbst einstige Gegner der Buntbeton-Ästhetik in altersmilde Gönner verwandelt haben. Der Hintergrund, in aller Vorsicht angedeutet, scheint ein Bauvorhaben, ein Bauwunsch zu sein, der mit der Eigentümerschaft von ans Bad angrenzenden Grundstücken zu tun hat. War schon die Entstehung des Bads überschattet von einem Tauschgeschäft in Sachen Bebauung, das platzte und die Kommune in eine langjährige Schuldnerschaft zwang, so steht der Fortbestand des Hallenbads unter dem Vorbehalt einer großflächigen Neubauplanung den Hang entlang, den das Kurbad bislang allein beanspruchen darf.

Im Innenbereich auf einer der zahlreichen Liegen ruhend, hört der Besucher an diesem Tag, wie sich Stammgäste für den nächsten Besuch verabreden, während andere unbeirrt ihre gewohnten Bahnen ziehen. Es ist das Bild der alten Bundesrepublik im Zenit ihrer wohlfahrtsstaatlichen Ausrichtung, das sich hier und jetzt bietet, das Bild der Selbstverständlichkeit kommunaler Leistungen für alle. Das Kurbad Königstein ist nicht nur ein architektonisches und gestalterisches Denkmal, sondern zugleich eines der jüngsten deutschen Geschichte.


  • Standort: Le-Cannet-Rocheville-Straße 1, 61462 Königstein im Taunus

Frisch gebadet und tief beeindruckt von der Farbwelt des Kurbads und seines Erhaltungszustands: Unser Kritiker Bernhard Schulz nach einem erholsamen Besuch in Königstein an einem kalten Februartag.


Bernhard Schulz

s. db 1-2/2019, S. 88