… in die Jahre gekommen: Kunstgewerbemuseum in Frankfurt am Main

Großzügig, lichtdurchflutet und ganz in Weiß, als »echter Richard Meier« zeigt sich das 1985 eröffnete Museum am Mainufer. 32 Jahre nach seinem durchaus kritischen Artikel in der db 8/1985 (abrufbar unter www.db-bauzeitung.de/150-jahre-db/mak-frankfurt) hat Falk Jaeger dem 2013 sanierten Gebäude erneut einen Besuch abgestattet und findet positivere Worte.

Kunstgewerbemuseum in Frankfurt am Main

Architekt: Richard Meier & Partner
Kritik: Falk Jaeger
Fotos: Anja Jahn; Jörg Winde/Artur IMAGES; Anna M. Gewandt; Rainer Drexel
1982-1984
Montags wird geweisselt
Das ist die Crux der Weißen Moderne: Wo sie mal nicht mehr weiß ist, sondern ein paar Schmutzfahnen zeigt, da mal einen Schimmelfleck, dort etwas Algenbewuchs, akzeptiert man das nicht als Patina, sondern sieht einen ästhetischen Makel. Nicht dass das museumangewandtekunst, wie es derzeit geschrieben sein will (es nannte sich anfangs Kunstgewerbemuseum, dann Museum für Angewandte Kunst und firmiert heute unter dem netzgängigen Label) in schlechtem Zustand wäre, doch es ist offensichtlich, dass es großen Aufwands bedarf, die weiße Ikone in Fasson zu halten. Hier und da wurden die Blechbedachungen und Gesimse verbreitert, damit das Regenwasser nicht gar zu sehr an der Fassade hinabrinnt. Und an den kleinen Satellitenarchitekturen und stilisierten Portiken im Garten sollte vielleicht ringsum ein Pflasterstreifen gesetzt werden, damit die Erde nicht aufspritzt. Auch innen ist Handlungsbedarf: Montags wird geweißelt, geht der Hausmeister mit dem Pinsel durch die Etagen und tilgt Gebrauchsspuren.
Doch es lohnt sich. Das Haus strahlt und lebt im wechselnden Tageslicht wie am ersten Tag. Vielleicht noch besser, denn was uns zur Eröffnung vor 32 Jahren gestört hat, ist nicht mehr. Matthias Wagner K, seit 2012 Direktor des Museums, hatte das Haus zunächst einmal leerräumen und von Schneider Schumacher sanieren lassen. Generationen von Rollos und Sonnenschutzfolien, mit denen seine Vorgänger versucht hatten, die konservatorisch prekäre Lichtfülle einzudämmen, wurden endlich entsorgt. Gleichermaßen allerdings auch die Ausstellungsarchitektur Richard Meiers, die Vitrinen und Wändchen, Postamente und Schränkchen, jener pusselig weitergestrickte Le Corbusier im Wohnstubenformat, der die Räume so zugestellt hatte. Meier hat der Sperrmüllaktion übrigens zugestimmt, er finde es großartig, dass das Museum lebe und sich weiterentwickle. Oder war es doch eine Geisteraustreibung? Heinrich Klotz jedenfalls urteilte damals, als der Wettbewerb entschieden war: [Im Vergleich zu Venturi] »wirken die Projekte Richard Meiers ostentativ und in ihrer übertreibenden Le Corbusier-Attitüde geradezu geisterhaft.« Einerlei. Übrig blieb Richard Meier at it´s best. Schöne, ›
› klare und helle, gar nicht geisterhafte Räume und natürlich die großartige Rampenhalle, die Glaskanzeln, Terrassen und gläsernen Brücken.
Um seine Wertschätzung auszudrücken und als Bonbon für die noch immer zahlreichen Architekturtouristen ließ Wagner K in einem kleinen, aber feinen Raum mit Panoramafenster und vorgelagerter Terrasse (der sich zu Ausstellungszwecken ohnehin nicht eignet), anlässlich des 30-jährigen Jubiläums einen »Stilraum« einrichten, eigentlich ein RM-Gedächtniszimmer, möbliert mit Klassikern von Gray bis Le Corbusier und ausgestattet mit zeitgenössischen Designgegenständen. Im Regal stehen einflussreiche Bücher jener Zeit – auch Tom Wolfes Satire gegen die weiße Moderne »From Bauhaus to Our House« aus dem Jahr 1981.
Aufgeräumt und freigespielt
Seine Ausstellungen gestaltet Wager K nach dem Haus-im-Haus-Prinzip. Die Architektur Richard Meiers bleibt unangetastet. Kein Schild und kein Bild werden angenagelt. Für jede Ausstellung neu und anders werden Wände eingestellt, in de Stijl-Manier mit Fugen und Abstand von den originalen Oberflächen abgesetzt. Meier bleibt weiß, die Einbauten können je nach Exponaten sehr farbig sein. Hier und da werden Fenster zugebaut und sind bei der nächsten Schau dann wieder frei. Ein white-cube-Museum ist der Bau ja nie gewesen. Es wäre auch nicht besonders sinnvoll, die Angewandte Kunst in aseptisch neutralem Ambiente zu zeigen. Scheinbar mühelos lassen sich mit dem Haus-im-Haus-Prinzip Richard Meiers gut proportionierte Räume den Bedürfnissen für die Wechselausstellungen anpassen, auch wenn gedimmte Kabinette für lichtempfindliche Grafik benötigt werden. Ansonsten arbeitet Wagner K gerne mit den Durch-und Ausblicken und freut sich am jahreszeitlichen Wechsel des Lichts. Wo seine Vorgänger, namentlich in den ersten Jahren nach der Eröffnung, mit ihren Ausstellungsszenarien sichtlich gegen den Bau angekämpft haben, spielt er locker mit ihm, nutzt sein Potenzial, animiert seine Reize, das ist beeindruckend.
Sicher hat er leichteres Spiel, weil er nur noch 20 statt 80 % der Fläche mit einer lichtempfindlichen Dauerausstellung bespielt. Die Gewichte zwischen Pflicht und Kür sind klar erkennbar. Die Dauerausstellung ist ein Parforceritt durch die Designgeschichte, eine Musterschau ohne besonderen bildungsbeflissenen Anspruch, die wohl einem jugendlichen Publikum eigentlich nur zeigen will, was angewandte Kunst alles sein kann: ein Barockschrank neben einem Rasierapparat, eine chinesische Vase neben einem Plakat ›
› von Tobias Rehberger, Dieter Rams Braun-Schneewittchensarg, ein Nirostabesteck, eine Vortragemonstranz. Nun ja, das muss wohl sein. Die nächsten Schritte führen den Besucher in eine Flurzone oder eine gläserne Brücke mit herrlichem Ausblick in den Park mit den prächtigen Kastanien und dann wieder in eine interessante Themenschau. Wer die chronologische Entwicklung der Mode, des Essgeschirrs oder der Plakatkunst über die Jahrhunderte sehen will, wird wohl eine Enttäuschung erleben. (Immerhin präsentiert das Museum im Altbau, in der Villa Metzner, eine Reihe von »Stilräumen« mit Interieurs aus zwei Jahrhunderten im großbürgerlichen Ambiente).
Matthias Wagner K ist ein Museumsdirektor, der offenkundig Freude an Richard Meiers Architektur hat, der ihre Qualitäten sieht, sie zum Strahlen bringt und dennoch souverän seine eigenen Ziele verfolgt. Man kann wohl sagen, das museumangewandtekunst erlebt in seinem vierten Jahrzehnt gerade eine Blütezeit.

Standort: Schaumainkai 17, 60594 Frankfurt a. M.

40353600

Unser Kritiker Falk Jaeger hatte sich bereits vor 32 Jahren für die db den schneeweißen Bau am Frankfurter Museumsufer angesehen. Sein neuerliches Fazit fällt so differenziert wie bereits zuvor aus, aber merklich positiver.

… in die Jahre gekommen (S. 56)
Falk Jaeger
s. db 7-8/2016, S. 96