Kloster in Neuss

… in die Jahre gekommen – Kloster

Die Vielfalt der Öffnungen, die Schürmanns in diesem innerstädtischen Kloster für räumlich wirksame, unterschiedliche Verhältnisse zwischen Innen und Außen entwickelten, bewirkte eine besondere Qualität, die noch heute überzeugt. In einer befreienden Phase des Sakralbaus markiert das Kloster einen Wendepunkt. The variety of openings in this urban monastery, with which the Schürmanns developed spatially effective and varied relationships between interior and exterior, achieve a particular quality which today still carries conviction. In liberating phase in ecclesiastical building the monastery marks a turning point.

Text: Ursula Baus Fotos: Helmut Stahl, Wilfried Dechau

Karnevalsumzug in Neuss – unter Konfetti und hinter schunkelnden Narren aller Art erkennt man noch weniger als an ernsten Tagen, dass die Stadt mit einer ruhmreichen Vergangenheit bis in die Zeit des Kaisers Augustus gesegnet sein soll. Und Mitte des 19. Jahrhunderts mit einem Bahnanschluss, Hafenausbau und dem Ausbau des Erftkanals einen schönen Aufschwung erlebte. Die Innenstadt von Neuss lag allerdings am Ende des Kriegs weitgehend in Schutt und Asche – und heute sieht sie aus wie die meisten vom Kommerz beherrschten Fußgängerzonen zwischen Flensburg und Konstanz. Nun fällt im Zentrum dennoch die Dichte der Kirchen auf, die rasch und vereinfacht wieder aufgebaut wurden. Und mittendrin direkt an der Einkaufsstraße steht die Kirche St. Sebastian – obwohl zinnoberrot gestrichen sieht sie nach ihrem schlichten Wiederaufbau etwas freudlos und spröde aus. Auf ihrer Rückseite schließt ein eindeutig nicht kommerziell genutztes, vergleichsweise geschlossenes Gebäude an – um dieses geht es: ein Kloster, in unmittelbarer Nachbarschaft profaner Kaufhäuser.
Die Geschichte des mitten in der Stadt gelegenen Klosters reicht nun bis ins 15. Jahrhundert zurück und ist zu wechselhaft, als dass man sie hier en detail wiedergeben könnte. Es wurde im Krieg bei einem der 136 Bombenangriffe auf Neuss zerstört und Mitte der sechziger Jahre vom Büro Schürmann vollkommen neu gebaut. Es wurde kein Wettbewerb ausgelobt; der Auftrag ging direkt an Schürmanns, die zuvor Wettbewerbe für Pfarrämter mit Kinder- garten und Kirche gewonnen hatten.
An Vorbilder für seinen Klosterneubau – etwa ein Dutzend Klostermitglieder sollten hier leben und arbeiten – erinnert sich Joachim Schürmann nicht mehr. Kirchen- beziehungsweise Sakralbau wurde gerade zu Beginn der sechziger Jahre aus liturgischen, formalen und konstruktiven Zwängen befreit: Hugo Schnell weist hier maßgebliche Verdienste einer jüngeren, nach 1920 geborenen Generation von Architekten zu (Der Kirchenbau des 20. Jahrhunderts in Deutschland, München/ Zürich, 1973) und zählt neben Karljosef Schattner, Gottfried Böhm, Helmut Striffler und Hans Busso von Busse auch Margot und Joachim Schürmann dazu. Joachim Schürmann hatte in den Kirchen St. Pius in Köln-Flittard (1959 – 60) und St. Stephan in Köln-Lindenthal (1960) bereits zwei gestalterische Interessen verfolgt: In St. Pius ist mit einem Glasband unter der Decke des schlichten, quaderförmigen Baukörpers die Lichtinszenierung genauso thematisiert wie die Konstruktion des federleichten, auf vier schmalen Stahlstützen liegenden Stahlfachwerks. Licht spielt in St. Stephan eine noch größere Rolle: transluzente, große Glasflächen und ein schmaler Klarglasschlitz bewirken eine lichte und leichte, jedoch nicht dünne Atmosphäre. Um »Wand« und »Fenster« ging es hier nicht mehr, sondern um Öffnungen jedweder Form und Größe, die das Verhältnis von Innen und Außen neu begreifen lassen. Das waren nun keine neuen Überlegungen, denn 1932 hatte Rudolf Schwarz zum Beispiel schon klar benannt: »Die heutige Wand ist beispielsweise keine ›Mauer‹ mehr, sondern Membran, Scheibe. (…) Fenster und Türen sind keine ›Portale‹ mehr, gewaltige Durchbrüche, Öffnungen …« – erst nach dem Krieg ließ sich in diese Richtung frei weiterdenken.
Der Wiederaufbau der zerstörten Kirche St. Sebastian in Neuss und der daran anschließende Neubau des Klosters zeigen nun neben dem Interesse an Licht und Öffnungen zusätzlich die Aufgeschlossenheit gegenüber einem zeitgemäßen Baustoff: dem Beton. Axel Menges meinte in einer Publikation, das Kloster in Neuss weise auf eine Richtungsänderung der Schürmanns: zum Brutalismus hin (db 12/68). Das mag stimmen, wenn man das Kloster zum Beispiel mit St. Stephan vergleicht. An Ort und Stelle will einem der Begriff »Brutalismus« jedoch heute nicht einfallen.
Schürmanns verlegten seinerzeit den Zugang zur Kirche aus der Mitte nach rechts und begannen hier die Übergangszone zum an- und neugebauten Kloster mit einer Beichtkapelle und einer Repositionskapelle. Die neue Mitte des sehr introvertierten Ensembles bildet ein eingeschossiger Trakt um den einfachverglasten Kreuzgang herum. Joachim Schürmann erklärt rückblickend die auch im Grundriss sehr auffällige Abgrenzung des Kreuzgangs zum Atrium: »Von ganz weit her hatten wir wohl die gedämpften Lichtstimmungen alter Kreuzgänge vor Augen, das Spiel von Licht und Schatten war uns wichtig. Das ist der Grund für die verschieden geneigten stelenförmigen ›Lamellen‹, die auch auf die Himmelsrichtungen
reagieren«.
Was ist die Grenze nun? Eine Wand? Eine verglaste Stelenreihe? Bei klarem Sonnenschein zeichnen sich innen schöne Schattenbilder ab; im Winter ist es hier allerdings recht kalt, geheizt wird erst jenseits der Glaswand, ab der »Halle«. Hier geht es nun in den dreigeschossigen Trakt des Klosters. Im Erdgeschoss sind die Gemeinschaftsräume untergebracht, die zu einem kleinen Gartenhof hin verglast sind. Die darüber liegenden Zimmer haben jeweils Fenster, die so klein wie möglich ausfielen: Ausdruck davon, wie man sich klösterliche Arbeit und Meditation vorstellte. Die plastisch, mit Vor- und Rücksprüngen, schrägen Rändern und vorgesetzten Betonteilen modellierten Öffnungen gewinnen am ganzen Bauwerk skulpturale Kraft, die auch dem Baustoff Beton zu verdanken ist.
Schürmanns ließen damals eine weiße Kalkschlemme auf den Sichtbeton auftragen.
1967 zogen Eucharistiner-Patres ein, die sich vor allem der Seelsorge widmeten. Sie nutzten das Kloster bis 1994, danach war das Kloster drei Monate geschlossen; es wurde gestrichen, gereinigt, kaum verändert. Im gleichen Jahr noch ließen sich Identes Missionare in Neuss nieder, sechs von ihnen leben heute in dem nahezu unveränderten Kloster. Nun passt die etwas zusammengewürfelte Einrichtung zwar nicht recht zur Architektur, aber die Missionare respektieren das Vorhandene im Rahmen ihrer Möglichkeiten. Etwas Farbe in der Halle, neue Lampen in den Gemeinschaftsräumen – mehr wurde kaum verändert.
Tatsächlich ist der Beton gut gealtert. Gewiss hinterlassen Witterung im Allgemeinen und Luftverschmutzung hier mitten in der Stadt im Besonderen ihre Spuren, die allerdings sind unproblematisch. Das liegt nicht zuletzt daran, dass alle Öffnungen, auch die auffallend skulptural gefassten, konstruktiv sinnvoll geformt sind, nirgendwo Wasser stehen kann und keine bauphysikalisch kritischen Ecken zu finden sind. Der Anstrich mag den Beton geschützt haben, ein tadelloser Sichtbeton wäre jedoch etwas lebendiger in der Oberfläche gewesen. Hugo Schnell behauptete 1973: »Nur das Rheinland vermochte moderne Konstruktionen mit Beton, Glas und Ziegelmauern in jenen Jahren so überzeugend und stilsicher zu vereinen. Die Bauten von Schürmann bilden eklatante Beweise.« Und nannte die souveräne Art, mit der sich gerade Joachim Schürmann und Josef Lehmbrock neue technische Konstruktionen zu Eigen machten, »bahnbrechend«. Schürmanns ging es nicht um das bahnbrechend Neue, sondern um die selbstverständliche Suche nach dem Angemessenen. An der Vielfalt der Öffnungen, die sich hier im Kloster Sankt Sebastian finden lassen, zeigte sich einmal mehr der sichere Umgang mit gestalterischer Freiheit. ub
Baujahr: 1961 Architekten: Margot und Joachim Schürmann