… in die Jahre gekommen Klinikum Steglitz der Freien Universität Berlin

Das Klinikum Steglitz hatte wegen seiner damals in Europa einmaligen räumlichen Konzentration medizinischer Angebote für lange Zeit eine Vorbildfunktion für das Krankenhauswesen inne. Es nahm nahezu alle Kliniken und medizinischen Institute der Freien Universität in einem kompakten Gebäudekomplex auf und verband auf kurzen Wegen Krankenversorgung, Forschung und Lehre miteinander. Planungen zur behutsamen Sanierung und Anpassung an neue Anforderungen gab und gibt es immer wieder, die federführende Charité geht beim Umbau allerdings pragmatisch nach eigenem Gutdünken vor und kümmert sich wenig um kulturelle Werte.

Architekten: Nathaniel Cortlandt Curtis Jr. und Arthur Quentin Davis mit Franz Mocken

Kritik: Jürgen Tietz
Fotos: Mila Hacke (auch Bildrecherche), Erik-Jan Ouwerkerk

1959-68

Bei seiner Eröffnung galt das Klinikum Steglitz als Meilenstein der Krankenhausplanung in Europa. Ein bisschen Raumschiff, ein bisschen Megastruktur, liegt der mächtige Baukörper am Ufer des Teltowkanals, eingehüllt in eine bemerkenswert ornamentale Fassade und umgeben von kleinteiligen Einfamilienhäusern. Die wohl bedeutendste Innovation des Krankenhauses lag in seinem Konzept: Acht Polikliniken waren unter einem Dach zusammengefasst, um die Patienten mit interdisziplinärem Ansatz behandeln zu können. Zudem dient das Universitätsklinikum bis heute der Medizinausbildung für die nahe Freie Universität. Unverzichtbar war der Neubau, da nach dem Zweiten Weltkrieg in Berlin (West) ein dramatischer Mangel an Krankenhausbetten herrschte. Darüber hinaus befand sich die Charité, wichtigstes Krankenhaus der Stadt vor 1945, im Ostteil der Stadt. Um die Finanzierung des Neubaus zu stemmen, halfen wie schon beim Studentendorf Schlachtensee
(s. db 3/2015, S. 58) und der Kongresshalle, die USA aus. Von den zunächst geschätzten Kosten von 133 Mio. DM übernahm die gemeinnützige Benjamin-Franklin-Stiftung unter ihrer Vorsitzenden Eleanor Dulles, Schwester des damaligen amerikanischen Außenministers, 60 Mio.; zum Abschluss der Arbeiten belief sich die Gesamtsumme der Baukosten freilich auf 302 Mio. DM. Voraussetzung für die finanzielle Förderung war, dass ein amerikanisches Architekturbüro mit dem Entwurf betraut wurde, Nathaniel Cortlandt Curtis Jr. (1917-97) und Arthur Quentin Davis (1920-2011) aus New Orleans. Ihr Berliner Kontaktarchitekt war Franz Mocken, der schon für Hugh Stubbins die Kongresshalle im Tiergarten verwirklicht hatte.

Bildschöner Schirm

Für Berlin entwarfen Curtis & Davis ein kompaktes Baukörperensemble. In eine weitläufige Parkanlage integriert, ist es um weitere Funktionsbauten wie Schwesternheim, Pförtnerloge und Apothekenbunker ergänzt. Das Klinikum selbst wächst aus einem Sockelbau empor. In dessen Mitte erhebt sich der zentrale Baukörper für die Behandlungsräume. Rechts und links wird er jeweils von auskragenden, leicht angewinkelten fünfgeschossigen Bettenhäusern für ursprünglich 1 426 Patienten flankiert. Sechs Innenhöfe sorgen für eine natürliche Belüftung und Belichtung. So wie wenige Jahre später auch beim Flughafen Tegel (gmp), waren die kurzen Wege für Patienten und Mediziner Leitidee des Hauses. Jedem Geschoss wurde zudem eine Leitfarbe zur optimalen Orientierung zugeordnet. Bis heute absolut bemerkenswert ist die ebenso hochwertige wie intelligente Detaillierung und Ausstattung. So weiten sich die breiten Flure des Bettenhauses vor den Patientenzimmern und Waschräumen durch Rücksprünge zu kleinen »Vorplätzen« auf und werden durch die Bekleidung mit Holzpaneelen ausgezeichnet.

Der Akribie der Planung im Innern des Hauses entsprachen die feingliedrigen Fassadenentwürfe von Curtis & Davis. So sind die Fassaden der beiden Bettenhäuser durch eine regelmäßige Struktur aus dreieckigen »Ausbuchtungen« gekennzeichnet. Sie ermöglichen im Innern eine optimierte Belichtung der Patientenzimmer und tragen zu deren optischer Weitung bei. An ihren Spitzen münden die zackenartigen Auskragungen der Betondecken in einem vorgelagerten orthogonalen Raster aus Betonfertigteilen, sodass sich eine luftige zweite Fassadenschicht über die Häuser zieht. Sie verleiht den beiden Bauteilen reliefartige Tiefe. Zugleich wird das mächtige Volumen kleinteilig strukturiert und erhält eine Maßstäblichkeit. Erste Schäden an der Konstruktion traten bereits kurz nach Fertigstellung auf, die nachfolgend u. a. durch Nirosta-Abdeckungen der Balken behandelt wurden. In den 80er Jahren folgte dann eine Betonsanierung. Untersuchungen im Rahmen des umfangreichen Denkmalpflegeplans für das Klinikum, den das Berliner Architekturbüro Autzen & Reimers 2014 erarbeitet hat, zeigen, dass Feuchtigkeit in die Betonkonstruktion eindringt, was eine erneute Sanierung notwendig macht.

Anders sind Curtis & Davis bei dem langgestreckten Sockelgebäude sowie dem zentralen Behandlungstrakt verfahren. Dort haben sie der eigentlichen Fassade mit ihren langgestreckten Fensterbändern in einem Abstand von 1,20 m einen filigranen Betonschirm, einen »Screen«, aus Betonfertigteilen vorgesetzt. Wie die Perlen an einer vertikalen Schnur sind die ornamental gestalteten, wirbelkörperartigen Elemente mit einer Größe von 15 auf 62 mm an einem zentralen Metallstab (22 mm) aufgereiht. Ihre kunstvolle skulpturale Wirkung wird zusätzlich gesteigert, da sie sowohl elegant nach links und rechts ausschweifen als auch gegeneinander versetzt sphärisch geschwungen sind. Die Untersuchung durch Autzen & Reimers ergab, dass (Stand 2014) von den 237 974 Wirbelspitzschwüngen knapp 30 000 Schäden aufweisen. Eine Sanierung des Screens, von der laut dem Berliner Landesdenkmalamt noch nicht absehbar ist, wann sie erfolgt, sollte also einen Mittelweg von behutsamer Reparatur und partieller Erneuerung beschreiten.

Der Screen ist keineswegs ein »dekoratives« oder gar beliebiges Beiwerk des Denkmals. Vielmehr sind die beiden unterschiedlichen Fassadenreliefs, die Curtis & Davis entwickelt haben, konstituierend für das Bauwerk und seinen Denkmalwert. So ermöglicht im Besonderen der Screen einerseits einen Sonnen- und Sichtschutz für die hinter ihm liegenden Räume und verleiht der Fassade andererseits eine kleinteilige Struktur. Beim Entwurf ihres Berliner Ornaments konnten die Architekten auf ihre umfangreiche Erfahrung mit ornamentalen Fassadenstrukturen zurückgreifen, wie der

New Orleans Public Library (1957), der George Washington Carver High School (1958), ebenfalls in New Orleans, oder dem großartigen United Steelworkers Building in Pittsburgh (1963) mit seinem Rautenraster.

Spätes Denkmal

Gut 50 Jahre nach seiner Eröffnung liegt auf dem Krankenhaus, dem man nicht nur in seinen Innenhöfen und an Teilen der Fassade die mangelnde Instandhaltung ansieht, ein erheblicher Modernisierungsdruck. Das betrifft in erster Linie die technische Ausstattung und die Operationssäle, die bereits seit einigen Jahren etappenweise saniert und technisch erneuert werden. Aber auch im Bereich der Patientenzimmer haben sich die Vorstellungen seit den 60er Jahren verändert. Das bedeutet die anstehende Umwandlung in Ein- und Zweibettzimmer sowie die Integration von Bädern. Erschwert wird der denkmalgerechte Umgang mit dem Klinikum durch seine späte Unterschutzstellung 2012. Damals waren bereits die entstellenden Versorgungstürme mit Fahrstühlen mit einem bemerkenswerten Mangel an Sensibilität vor die filigrane Krankenhausfassade »gerotzt« worden. Das unmittelbare Umfeld wird durch provisorisch anmutende Versorgungsbauten zugemüllt. Bisher letzter Akt im baulichen Drama der Charité (2003 fusionierte die ab 1994 Universitätsklinikum Benjamin Franklin genannte Klinik mit der Charité) ist ein gestaltungsfreier Neubau am Hindenburgdamm, der dem hohen ästhetischen Anspruch des Bestandsgebäudes geradezu Hohn spricht. Die weitere bauliche Zukunft des Hauses soll laut Presseabteilung der Charité im Rahmen eines »internationalen Ideenworkshops« 2020 geklärt werden. Der Betonscreen der Fassade solle dabei »mitgedacht« werden. Ob das Bewusstsein der Charité für die stadt- und architekturgeschichtliche Bedeutung ihres Steglitzer Campus jenseits seiner reinen medizinischen Funktionalität durch den Ideenworkshop einen baukulturellen Impuls erhält? Es wäre zu hoffen, denn der Planungsperimeter umfasst auch die zentralen Tierlaboratorien (1971/80), genannt Mäusebunker, von Gerd und Magdalena Hänska, und das Institut für Hygiene und Mikrobiologie (1966/1971-74) von Hermann Fehling und Daniel Gogel.

Beide Forschungseinrichtungen sind international rezipierte Hauptwerke des Brutalismus und bilden einen städtebaulichen Kontext mit dem Klinikum. Trotz massiven medialen und öffentlichen Aufruhrs ist v. a. der Mäusebunker derzeit akut abrissgefährdet. Zwar ist die Denkmalwürdigkeit beider Bauten längst erkannt. Doch zur Umsetzung des Denkmalschutzes fehlt es bisher (mal wieder) am politischen Mut – dit is Berlin.

Informationen zum Jubiläum »50 Jahre Charité – Universitätsmedizin Berlin Campus Benjamin Franklin«: http://50-jahre-cbf.charite.de

Fotoausstellung »Alliierte in Berlin − das Architekturerbe«, Mila Hacke,
24. Oktober bis 28. November 2020, Rathaus Schöneberg, Berlin


  • Standort: Hindenburgdamm 30, 12203 Berlin

Unser Kritiker Jürgen Tietz dankt dem Architekturbüro Autzen & Reimers herzlich dafür, dass er ihren ausführlichen Denkmalpflegeplan einsehen durfte. So gerüstet beschaute er sich den Zustand der (in Teilen sicherheitshalber abgeschlagenen) Betonornamente und wunderte sich einmal mehr über ausgebremste Planungen, eigenmächtige Umbauten und den zahnlosen Senat.


Jürgen Tietz

Studium der Kunstgeschichte, Promotion. Arbeitet in Berlin als freiberuflicher Autor und Kurator zu den Themen Architektur und Denkmalpflege. Regelmäßige Veröffentlichungen, u. a. in der Neuen Zürcher Zeitung und zahlreichen Fachzeitschriften.