… in die Jahre gekommen Keramikfassaden am Potsdamer Platz in Berlin

20 Jahre liegt die Eröffnung des Berliner Stadtquartiers südlich vom Potsdamer Platz zurück. Damals war es als »debis-Areal« geläufig, benannt nach der Immobiliengesellschaft des Grundeigentümers Daimler-Benz, eben der debis. Diese Daimler-Finanzsparte gibt es nicht mehr, auch ist die Mutterfirma nicht mehr Eigentümerin der Immobilien. Allein das Logo, der aufgefächerte grüne Würfel, prangt noch auf der Spitze des Gebäudes, das bis 2013 »debis-Haus« hieß. Was sich hingegen kaum verändert hat, sind die Keramikfassaden der Renzo-Piano-Gebäude. Nahezu spurlos sind die Jahrzehnte an ihnen vorübergegangen.

Architekten: Renzo Piano mit Christoph Kohlbecker

Kritik: Bernhard Schulz
Fotos: Vincent Mosch; Bernhard Schulz

1989

Bei der Eröffnung am 2. Oktober 1998, des in einem Schwung bebauten Areals, hatten nicht wenige Beobachter befürchtet, es werde dort nie und nimmer Leben einziehen, geschweige denn, sich Geschichte ereignen. Das Quartier ist nun 20 Jahre alt und hat mittlerweile seine eigene Geschichte; doch zugleich wirkt es nach wie vor ganz neu. Ja, vielleicht auch nach wie vor ein wenig künstlich, wie das alles Neue an sich hat, schon gar im Stadtbild, das doch überwiegend von den Spuren der Zeit geprägt ist, bis hin zum Verfall.

20 Jahre nach der symbolträchtigen Eröffnung am Vorabend des Tags der Deutschen Einheit ist das Quartier heute belebt, wie nie zuvor. Zwei Jahre nach dem Eröffnungsansturm schrieb der Tagesspiegel, »die kühne Absicht, auf einer innerstädtischen Brachfläche ein Stück Stadt zu schaffen, werde von sichtbarem Erfolg gekrönt«. Damit widersprach er einer bundesweiten Zeitung, die 1998 geweissagt hatte, »das eigentliche Ziel selbst, lebendige Urbanität zu schaffen, dürfte kaum mehr als eine Utopie sein«.

Doch mit negativen Prophezeiungen sollte man gerade in Berlin vorsichtig sein – die Stadt, ihre Bewohner und nicht zuletzt ihre Besucher haben die

gute Eigenschaft, sich das Vorhandene der Stadt anzueignen und in Besitz zu nehmen. Gleichwohl hilft es ungemein, wenn das Vorhandene als, »schön« wäre viel zu hoch gegriffen, angenehm empfunden wird. Als urban und wohnlich zugleich.

Im Jahre 2000, als allenthalben Bilanz eines ersten Jahrzehnts wiedergewonnener Einheit gezogen wurde, erläuterte der Kritiker einer anderen nationalen Zeitung, wie hoch »der Anteil von Architektur und Planung an der Attraktivität des neuen Potsdamer Platzes zu veranschlagen« sei – Potsdamer Platz, dies nebenbei, wurde schon damals als Synonym für das gesamte südlich angrenzende Stadtquartier verwendet. Dazu trügen neben den Gebäudegrundrissen, so betonte der Kollege, »die Plastizität der leitmotivisch eingesetzten Terrakottafassaden sowie abgestufte Farbtöne der Pastellpalette bei«.

Flaniert man nun heute, an einem der nicht enden wollenden Sommertage durch das zugleich kleinteilige als auch großzügige Areal und versucht, sich bewusst zu machen, warum die Bauten im Zusammenspiel mit den seinerzeit unter erheblichem Aufwand erhaltenen alten Straßenbäumen so angenehm wirken, so sind es eben diese Fassaden in eben diesem gelbsandigen bis orangefarbenen Ton, die die von Renzo Piano entworfenen Wohn- und Geschäftshäuser einkleiden. Der Genueser Architekt hat sie zusätzlich zu seinem städtebaulichen Gesamtentwurf geschaffen, ein wenig wohl auch aus der Sorge heraus, die Vergabe der einzelnen Bauvorhaben an andere Architekten könnte seinem auf Harmonie im Sinne des Zusammenklangs gerichteten Grundplan Abbruch tun. Womit er – wenn es denn so gewesen sein sollte – recht getan hat: Das Stadtquartier stellt sich als Einheit in der Vielfalt dar, und das besonders an seiner Hauptachse, dem Alten Potsdamer Platz bis hin zu ihrem Kulminationspunkt, dem neu geschaffenen Marlene-Dietrich-Platz mit Pianos Musicaltheater, das von der Fachkritik ohne Umschweife als »Geniestreich« geadelt wurde.

Keramik als langlebiges Fassadengewand

Und überall: Terrakotta. Die wenigsten Passanten werden das Material allerdings als solches wahrnehmen, jedenfalls nicht auf den ersten Blick. Und auch wenn es in einer Farbpalette gehalten ist, die nicht eigentlich zu Berlin gehört, so kommt es einem nicht fremd und schon gar nicht fremdartig vor. Woran das liegen könnte, lässt sich einem Festaufsatz zur Eröffnung entnehmen. Dort hieß es über Renzo Piano, nachdem dessen italienische Prägung erwähnt worden war: »Das Terrakottakleid seiner Fassaden ist so robust und langlebig wie hierzulande üblich, dazu aber so luftig, dass es dem Potsdamer Platz ein mediterranes Flair gibt, das man in dieser Stadt bislang vergeblich suchte.«

»Mediterranes Flair« ist sicherlich eine Assoziation, die sich bei der Herkunft des weltweit tätigen Architekten von selbst einstellt. Etwas nüchterner ausgedrückt, kann man sagen, dass die Fassaden sich in das grundsätzliche Erscheinungsbild Berlins einfügen, für das in den aufgeregten 90er Jahren der durchaus abwertend gemeinte Begriff des »Steinernen Berlin« geprägt wurde. Es ging seinerzeit um die Frage, wie viel an Stahl-Glas-Fassaden die Stadt vertrüge, wie sie Investoren geradezu forderten. Die städtebauliche Leitlinie, die damals mit äußerster Anstrengung durchgesetzt werden konnte, betonte jedoch den Vorrang einer, sagen wir es so, überwiegend nicht-gläsernen Fassade und eines Anteils von mindestens der Hälfte der Fassadenfläche in Mauerwerk oder Naturstein. Oder eben, und da griffen Piano und sein Ko-Architekt Christoph Kohlbecker auf ein altes, aber soeben in ganz neuer Form verfügbares Material in Terrakotta zurück. Denn just zur Zeit des Entwurfs kamen die keramischen Fassadenelemente der rheinischen Firma NBK auf den Markt. Neben großformatigen Wandplatten standen sogenannte Baguettes (Langstäbe) zur Verfügung. Mit diesen beiden Grundformen des Fassadensystems gelang es Piano, alle gestalterischen Details in einer einheitlichen

Formensprache zu bewältigen. Das zeigt sich besonders gut an den Wohnhäusern mit ihren eingezogenen Balkonen oder Loggien. Deren Brüstungen sind in den erwähnten Langstäben gehalten; derart, dass die Zwischenräume von unten nach oben zunehmen, aus der Fassade also gewissermaßen ein luftiges Gitter wird. Es gelingt sogar, spitzwinklige Ecken, wie sie sich aus dem abwechslungsreichen Stadtgrundriss Pianos ergeben, in Terrakotta auszubilden – ohne dass nach all den Jahren etwas gebröckelt wäre. Denselben Gittereffekt verwendet Piano auch anstelle herkömmlicher Belüftungsgitter: Die Fassade wird an diesen Stellen einfach ein wenig durchlässiger, die Fassadenebene selbst aber wird strikt eingehalten.

Nichts gebröckelt, nichts abgefallen: Die Eigenwerbung der Herstellerfirma über die »Temperatur-, Witterungs- und Korrosionsbeständigkeit« ihres Produkts bestätigt sich auch bei genauem Hinsehen. Wo es unschöne Spuren der Nutzung gibt, haben sie nicht im Fassadenmaterial ihren Ursprung, sondern etwa in undichten Wasserleitungen, in Entwässerungsleitungen oder, hinter besagten Gittern versteckt, Klimaanlagen. Aber es sind dies nur sehr wenige Stellen, und sie entdeckt nur das suchende Auge. Der Gesamteindruck, wenn der Blick über die sonnenbeschienenen Fassaden gleitet, ist der einer alterslosen Gleichmäßigkeit, die sich farblich im schönsten Simultankontrast vom Ocker der Keramik und dem Grün der Laubbäume zeigt.

An einer einzigen Stelle übrigens machen die Architekten auch dem Laien verständlich, um welches Material es sich handelt. An der Seitenwand eines der Wohnhäuser, wo eine Treppe zwischen zwei Bauten auf die höher liegenden Innenhöfe hinaufführt, ist eine Keramikfliese mit den Namen der Entwerfer eingefügt. Die Lettern sind ins Rohmaterial hineingedrückt und dann eingebrannt worden: Renzo Piano Building Workshop, steht da, alles in Versalien, darunter: Chr. Kohlbecker/Architekten/1998. Es ist aus der Mode gekommen, den Namen des Architekten an seinem Bauwerk zu verewigen; hier aber wurde es getan, auf ganz unprätentiöse Weise. Eine schönere Reverenz an das Material der Fassaden lässt sich kaum denken.


  • Standort: Potsdamer Platz, 10785 Berlin

Es kann doch kaum sein, dass die Keramikfassaden keine Alterungsspuren zeigen – dachte sich unser Kritiker Bernhard Schulz und suchte und suchte sie bei seiner Ortsbegehung. Doch gefunden hat er tatsächlich so gut wie keine …


Bernhard Schulz

1953 in Berlin geboren. 1971-80 Studium der Politologie und VWL an der FU Berlin, später Kunstgeschichte. 1977-87 Kuratorentätigkeit in Berlin. Seit 1982 Kunstkritiker. Seit 1987 Redakteur im Kulturressort des Tagesspiegels, Berlin.