Institut für angewandte Photophysik in Dresden

Ganz in Weiss

Ein exzellentes Institutsgebäude für exzellente Forschung, das gelingt Heinle, Wischer und Partner mit dem neuen Hermann-Krone-Bau auf dem Campus der TU-Dresden. Ein Gebäude für den ersten und den zweiten Blick, denn es weiß auf städtebaulicher und architektonischer Maßstabsebene zu überzeugen.

Ganz in Weiss

Architekten: Heinle, Wischer und PartnerTragwerksplanung: ISP Scholz Beratende Ingenieure; Ingenieurbüro Kless Müller
Kritik: Andreas WolfFotos: Roland Halbe; Michael Moser
Weiß strahlt das Institutsgebäude für Angewandte Photophysik im weitläufigen Kerncampus der TU Dresden. Dessen historisch als auch typologisch wohl einmalige Gemengelage aus kaiserzeitlichen Prachtbauten, vereinzelten Solitären sozialistischer Nachkriegs- und bundesrepublikanischer Nachwendeprovenienz, spröden Maschinenhallen und flachen Behelfsbauten, verdichtet sich in südlicher Randlage zu einem Hochtechnologie-Cluster, der beeindruckend großformatige Funktionsquader mit unsaniertem Bestand mischt.
In diesem Bereich schiebt sich der viergeschossige Neubau in den ansteigenden Elbhang und gewinnt dieser ortsprägenden Topografie, dank eines gestreckten Seitenverhältnisses von über 1:3, die exakt passende Höhendifferenz von einem Vollgeschoss ab. So entwickeln sich eine südliche, dreigeschossige Front mit dem Haupteingang und eine stadtzugewandte, viergeschossige Stirnseite mit campusorientiertem Nebeneingang. Im Grundriss als kompakter Dreibund mit streng gerasterter Aluminium-Glas-Fassade angelegt, ergibt sich ein insgesamt klares und leistungsfähiges Gebäudekonzept, welches seinen exzellenten Forschungsaufgaben im Bereich organischer Leuchtdioden und neuartiger Solarzellen gerecht wird.
Reinweiss für die Gebäudehülle
Die monochrome, in RAL-Reinweiß ausgeführte Aluminiumblechfassade wirkt in der kontrastierenden Schneelandschaft des Eröffnungstags zwar leicht cremefarben abgetönt, behauptet sich aber in der heterogenen Nachbarschaft als makelloser Fixpunkt und gewinnt bei eintretender Dunkelheit ein eindrückliches, aufgrund der ausschließlichen Verwendung von LED als Innenraumbeleuchtung, auch überaus themengerechtes Lichtspiel.
Bei näherem Herantreten werden architektonische Feinheiten und ambitionierte Gestaltungsdetails deutlich, die sowohl die kontextuelle Einbindung als auch den autonomen Solitärcharakter des Gebäudes stärken. So bildet sich der leicht zurückgesetzte Haupteingang mittels vollplastischer Abkantungen und Einfaltungen der Außenhaut zu einem markanten, einladenden Entree aus. Ein gelungener Regelbruch in der orthogonalen Geometrie des Gebäudes, dem an der Nordfassade durch eine geringfügige Abschrägung der eckständigen Wandpaneele am stadtseitigen Nebenzugang pointiert ›
› entsprochen wird. Räumlich schlichter hingegen der nord-östliche Dachterrasseneinschnitt, welcher die hier dominante Bauhöhe zur benachbarten, kleinmaßstäblichen Wohnlage rücksichtsvoll reduziert. Diese drei gezielten Subtraktionen veredeln die »Funktionskiste« zu einer komplexen Architektur und geben dem streng axialen Fassadenraster einen subtilen Reiz. Letzteres wird durchaus tektonisch interpretiert, wenn sich die Deckenlagen außen als schmale Horizontalbänder abbilden, zwischen denen im Achsmaß schmale, geschosshohe Lisenen mit durchgehenden Glas- bzw. Blechpaneelen im Hochformat 1,2 m mal 3,6 m eingespannt sind. Während sich die geschlossenen Wandfelder zu den Eckbereichen hin verdichten und eine robuste Körperlichkeit formulieren, sind die mittigen Glasfelder jeweils horizontal versetzt und unterstreichen so ihrerseits den lagernden Charakter des Gebäudes. Die Verschiebungen überblenden auch an den Schmalseiten die Dreibundstruktur und vermeiden auf diese Weise die übliche Tristesse rigider Typenbauten. Es gelingt ein beeindruckendes Fassadenspiel, dessen formale Qualität den Betrachter über den hohen Anteil an unschönen, vermutlich funktionalen Zwängen geschuldeten Blindgläsern hinwegsehen lässt.
Reinweiss auch für den Innenraum
Analog zu diesem Entwurfskonzept entwickelt sich auch der, mit konsequent durchlaufenden Büro- und Laborstrecken samt eckständigen Fluchttreppenhäusern stringent strukturierte Innenraum, dessen Mittelspur im Eingangsbereich zu einer eleganten Foyerhalle mit Oberlicht und zwei leichten, einläufigen Freitreppen geöffnet wird. Ergänzt um freistehende Pflanz- und Sitzobjekte formiert sich hier ein wunderbarer Aufenthalts- und Kommunikationsraum, der von den Eröffnungsgästen ganz selbstverständlich angenommen und als veritable Empfangs- und Partyzone genutzt wurde. ›
› Im Innenausbau wird das programmatische Reinweiß der Außenhaut in Decken- und Wandbereichen, sauber detaillierten Treppengeländern, Fensterrahmen und Einbaumöbeln fortgesetzt, während sich in den Flurbereichen anthrazitfarbene Flächen absetzen. Dieser Kontrast tut der etwas nervösen Vielfalt an unterschiedlichen Einbauten, Tür- und Glasformaten gut und beruhigt den Wegraum. Nur bei den Bodenbelägen ergibt sich ein etwas unkontrollierter Wechsel von variierenden grauen Linol-, Fliesen- und Teppichbelägen sowie den bereits zur Eröffnung individualisierten Büromilieus, in die manche Institutsmitarbeiter ihre alten Eichenholzschreibtische und liebgewordene Glasvitrinen mitgebracht haben. Da reflektiert man dankbar die klare Geometrie und strenge Rhythmik der Raumstruktur, die solch lebensnaher Entropie erfolgreich entgegenwirken.
Herausforderung Gebäudetechnik
Angesichts der Antiquitäten zeigt sich die anspruchsvolle Haustechnik besonders zukunftsweisend, da sie auf eine Einbindung in das städtische Fernwärmenetz verzichtet und auf das campuseigene Netzwerk für Wärme- und Kälteversorgung setzt. Jetzt sorgt die Abwärme des hochschulischen Hochleistungsrechner- und Speicherzentrums für die benötigte Heizleistung, die über bauteilaktivierte Decken und Böden im Gebäude verteilt wird. Die 400 qm große Photovoltaikanlage auf dem Flachdach erzeugt ca. 40 kWp und soll in naher Zukunft noch durch organische Photovoltaik ergänzt werden, die im Rahmen eines Forschungsprojekts als Folie in unterschiedlichen Attika- und Fassadenbereichen aufgeklebt wird.
Insgesamt ist der Dresdner Niederlassung des auf bereits fünf Standorte angewachsenen Stuttgarter Architekturbüros Heinle, Wischer und Partner unter der verantwortlichen Projektleitung der Partner Thomas Heinle und Jens Krause ein sowohl funktional als auch gestalterisch überzeugender Stadtbaustein gelungen, der die in einem VOF-Verfahren mit Skizzenkonkurrenz getroffene Vergabeentscheidung des öffentlichen Bauherrn mehr als rechtfertigt. Gerade die Überführung der rational und präzise geordneten Grundstruktur der schlichten Dreibundtypologie in eine anspruchsvolle topografische wie formale Setzung verdient höchsten Respekt und sollte für das Weiterbauen am TU-Campus beispielgebend sein.
Ob allerdings das staatseigene sächsische Bau- und Immobilienmanagement SIB sich dieser besonderen Architektenleistung hinreichend bewusst ist, ›
› wird aus dem zur Fertigstellung von ihm herausgegebenen Hochglanz-Folder nicht ersichtlich. Hier wird, nach namentlicher Nennung unterschiedlicher Geschäftsführer und weiterer 13 hausintern beteiligter technischer Mitarbeiter des SIB, das planende und projektleitende Architekturbüro lediglich unter dem lapidaren Rubrum »Projektbeteiligte« neben Tiefbau, Brandschutz und Fördertechnik aufgeführt. Die gelassene Nonchalance ob solch professioneller Geringschätzung spricht für die Souveränität und das Selbstvertrauen dieser qualitätsvollen Architektengemeinschaft. Eigenschaften, die uns auch in Zukunft auf ähnlich strahlende Projekte hoffen lassen.

Standort: Nöthnitzer Straße 61, 01187 Dresden
Bauherr: Staatsbetrieb Sächsisches Immobilien- und Baumanagement, Niederlassung Dresden II
Architekten: Heinle, Wischer und Partner Freie Architekten, Dresden
Mitarbeiter: Jens Krauße, Thomas Heinle (verantwortliche Partner), Steffen Thombansen (Projektleitung), Thomas Gräning, Armin Pommerencke, Monique Schott, Anna Busch, Anke Mierisch
Tragwerksplanung: ARGE ISP Scholz Beratende Ingenieure, Leipzig, und Ingenieurbüro Kless Müller, Dresden
HLS-Planung: ILK Institut für Luft- und Kältetechnik, Dresden
Elektroplanung: Ingenieurbüro Herzog & Partner GmbH, Riesa
Laborplanung: IPN Laborprojekt, Dresden
Fördertechnik: LIFTplan Ingenieurgesellschaft, Grimma
Tiefbauplanung: Straßen- und Tiefbauplanung IB Zippel, Meißen
Landschaftsarchitektur: Kretzschmar & Partner Freie Landschaftsarchitekten, Dresden
BGF: 8 004 m²
BRI: 34 547 m³
Baukosten: 29,45 Mio. Euro (KG 200-700, brutto)
Bauzeit: März 2014 bis November 2016
Beteiligte Firmen:
Fassadenbekleidung: SBS Metallbau, Fensterbach, www.sbs-metallbau.de
Pfosten-Riegel-Fassade: Wicona, Ulm, www.wicona.de
Blendschutz/Verdunklung: Warema, Marktheidenfeld, www.warema.de
Außentüren (Schiebetüren): Geze, Leonberg, www.geze.de
Innentüren: Hörmann, Steinhagen, www.hoermann.de
Falttrennwände: Schindler Faltwände, Hainichen, www.schindler-faltwaende.de
Glastrennwände: Lichte Systemwand, Beckum, www.lichte-systemwand.de
Innenwände (Putz/Anstrich): Sto, Stühlingen, www.sto.de
Kunstharz-Bodenbelag: Sika, Stuttgart, deu.sika.com
Sitzmöbel: Vitra, Birsfelden (CH), www.vitra.com

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Unser Kritiker Andreas Wolf konnte vor Ort besonders der Kombination aus Präzision und Klarheit mit vermeintlichen Brüchen bei der Gestaltung viel abgewinnen.

Dresden (S. 22)

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Heinle, Wischer und Partner
Jens Krauße
1966 in Gera geboren. 1989-95 Architekturstudium an der TU Dresden. Seit 2000 Mitarbeit bei Heinle, Wischer und Partner, seit 2013 als Gesellschafter.
Thomas Heinle
1961 in Stuttgart geboren. 1981-86 Architekturstudium an der FH Biberach. Seit 1986 Mitarbeit bei Heinle, Wischer und Partner, seit 1993 als Gesellschafter.
Ingo Andreas Wolf
1956 geboren. Studium der Stadt- und Regionalplanung, Werkarchitektenausbildung an der HdK Berlin. 1987 Mitarbeit an der IBA Berlin. Seit 1988 eigenes Studio. Seit 1992 Professur an der HTWK Leipzig. Mitglied in den Gestaltungsbeiräten von Halle und Merseburg, seit 2011 in Erfurt. 2014-15 Vizepräsident der Sächsischen Akademie der Künste.