Das Land im Blick

Fragen an Reiner Nagel zum Baukulturbericht »Stadt und Land« 2016/17 der Bundesstiftung Baukultur

Alle zwei Jahre veröffentlicht die Bundesstiftung Baukultur einen ausführlichen Statusbericht zur Lage der Baukultur in Deutschland. 2014/15 ging es dabei um den »Fokus Stadt«; der kommende Bericht betrachtet explizit den Bestand und das gebaute Erbe. 2016/17 nahm die Stiftung die mittel- und kleinstädtischen sowie die ländlichen Räume in den Fokus.
Die db-Redaktion fragte bei Reiner Nagel nach, welche Erkenntnisse der Bericht konkret hervorgebracht hat und wie Planer und andere Akteure diese nutzen können.

db: Sehr geehrter Herr Nagel, welche Beobachtungen veranlassten die Bundesstiftung Baukultur dazu, im Baukulturbericht 2016/17 verstärkt den ländlichen Raum in den Blick zu nehmen?

RN: Deutschland ist ein Land der Klein- und Mittelstädte und des ländlichen Raums: 93 % der Fläche werden von Gemeinden jenseits der Metropolen eingenommen. Von 11.300 Gemeinden haben nur 69 mehr als 100.000 Einwohner und gelten somit als Großstädte.
Die Polyzentralität birgt Potenziale für integriertes Wohnen und Arbeiten, die in direktem Wirkungszusammenhang mit den Überforderungen bei der Baulandbereitstellung der Metropolen stehen. Und tatsächlich hat es Baukultur auf dem Land schwerer als in der Stadt. Hier lohnen sich ein offener Blick und die Bewusstseinsbildung für gute Gestaltung besonders.

Auf welchen Ebenen gibt es Handlungsbedarf?

Die in den letzten Jahren von Einwohnerverlusten betroffenen Kleinstädte und ländlichen Räume sehen sich allein als Opfer gesellschaftlicher und strukturpolitischer Veränderungen. Dabei ist ein Teil der Probleme hausgemacht. Immer neue städtebaulich wie gestalterisch triviale Einfamilienhausgebiete an Ortsrändern und leerfallende Bestandgebäude im Ortskern sind die beiden Seiten der Medaille. Sie führen zu Identitäts- und Attraktivitätsverlust. Gegen diesen Donut-Effekt (Wanderungsbewegung aus der Innenstadt in die Randbezirke, siehe Grafik) lässt sich mit baukulturellen Maßnahmen der Innenentwicklung vergleichsweise einfach gegensteuern. Es sollte wie beim Krapfen sein – das Beste ist in der Mitte. Die sogenannten Baukulturgemeinden (s. Forschungsprojekt »Baukultur konkret«, Anm. d. Red.) haben es bundesweit vorgemacht: alle Kraft ins Ortszentrum, historischen Bestand aktivieren und mit neuen Nutzungen und guter Architektur ein Zukunftszeichen setzen.


Die Kerngrafik des Baukulturberichts 2016/17
erläutert den sogenannten Donut-Effekt »

Donut-Effekt


Wie unterscheidet sich die Situation von Bundesland zu Bundesland?

Beim Wohnen haben die neuen Bundesländer immer noch die größten Bestands- und Flächenreserven. Strukturell steht der mittelständische Süden Deutschlands gut da. Aber insgesamt haben mit Ausnahme der Flächenstaaten alle Bundesländer ein kleinteilig differenziertes Nebeneinander von Defizit- und Chancenräumen. Dabei spielen viele Faktoren eine Rolle – v.a. eine Grundversorgung mit zentralen Angeboten wie Läden und Gaststätten. Aus Sicht der Baukultur kommen diejenigen Gemeinden besser mit dem Wandel zurecht, die ein intaktes Ortsbild haben und in einer gepflegten Kulturlandschaft liegen. Sie sind als Lebensort und touristisches Ziel gleichermaßen attraktiv. Überzeugendes Beispiel für diese Erkenntnis sind Weinbaugegenden, die seit einigen Jahren ihr Image auch mithilfe guter Architektur verbessern.

Welche weiteren Erkenntnisse hat der Baukulturbericht 2016/17 zutage gefördert?

Auf dem Land geht es v. a. darum, bei scheinbar alltäglichen Baumaßnahmen das Gestaltungspotenzial zu erkennen und zu nutzen. Auch Infrastruktur ist Teil der Baukultur! Brücken, Stromtrassen, Windparks, Hochwasserschutzanlagen sind Ingenieurbauten, die Kulturlandschaften und Lebensräume prägen. Sie können im positiven Fall zu einer Bereicherung für das Orts- und Landschaftsbild werden. Eine wesentliche Erkenntnis ist, dass es sich lohnt, schon im Projektstadium der Phase Null immer interdisziplinär zu denken und zu planen!

Welchen Aspekten will die Bundesstiftung verstärkt Gehör verschaffen?

Eine wesentliche Funktion des Baukulturberichts 16/17 war, das Thema Baukultur in Kleinstädten und ländlichen Räumen überhaupt bis in den Bundestag zu tragen. Unser Fachbeirat war skeptisch: »Alle reden von Großstädten, und ihr geht tangential an dieser allgemeinen Aufmerksamkeit vorbei auf das Land zu«. Daran lässt sich ablesen, wie metropolenzentriert die Fachdiskussion häufig ist und wie wichtig umgekehrt der Blick aufs Land – auch wenn das zunächst nur abseits des Mainstreams möglich ist. Als unabhängige Stiftung können wir uns das aber leisten.
Unsere handwerklichen Empfehlungen zielen darauf ab, die Ortskerne zu stärken und durch Mischung und Gestaltung zu vitalisieren. Die Zukunft ländlicher Räume hängt von Konzentration und Verdichtung ab, und zwar als bauliche Voraussetzung für finanziell leistbare Infrastrukturangebote und die Schaffung kritischer Massen für ein örtliches Gemeinschaftsleben.
Am wenigsten gesellschaftliche und politische Akzeptanz dürfte unsere Empfehlung zur Vermeidung neuer Einfamilienhaus- und Gewerbegebiete erfahren. Dabei wenden wir uns gar nicht gegen Einzelhäuser in integrierten Dorflagen oder gegen Stadthäuser, sondern wir betonen das Problem der Flächeninanspruchnahme und der hohen Erschließungs- und Betriebskosten von neuem Bauland – ganz abgesehen davon, dass viele Baugebiete mit ihrem Wildwuchs von schnelllebigen Stilmoden auch baukulturell einen Offenbarungseid abgeben (s. dazu auch db 7-8/2018, S. 52).
Eine weitere Kernaussage des Baukulturberichts betrifft die instrumentelle Ebene und die Prozessqualität. Hier geht es darum, das Mittel einer kommunalen Bodenpolitik aktiv zu nutzen und innovative Wege der Planung und Beteiligung zu gehen.

Um welche Optionen geht es dabei?

Die Gemeinden müssen sich ihre eigenen Flächen ansehen und darauf eine strategische Standortentwicklung aufbauen. Es gibt Städte, die wissen gar nicht genau, welche Flächen im kommunalen Eigentum sind. Demzufolge haben sie auch keinen Plan, wie sie ihr eigenes Portfolio für eine zukunftsgerichtete Standortentwicklung einsetzen können. Es gibt viele gemeindliche Gestaltungsinstrumente, die noch zu wenig bekannt sind und genutzt werden: eine aktivierende Bodenpolitik wie die Anlage eines Flächenkatasters, revolvierende Bodenfonds zur Wiederbelebung von Leerstand durch aktive Ankaufs- und Vergabepraxis sowie Erbbaurechts- oder Konzeptvergaben.

Welche Zielvorstellungen verbindet die Bundesstiftung mit dem Baukulturbericht 2016/17?

Es geht uns darum, das Thema der Baukultur in kleinstädtischen und ländlichen Räume in den Blickpunkt zu rücken. Dabei ist natürlich immer wichtig, dass diese Anliegen Eingang in die Politik finden, etwa durch Vorlage des Berichts an die Bundesregierung und den Bundestag. Schließlich ist in Zentraleuropa weder eine allgemeine Landflucht noch ein Jahrhundert der Städte ausgemachte Sache. Und aus dem Blickwinkel Baukultur geht es uns dabei auch um die Sicherung und Weiterentwicklung des baulichen Bestands und des historischen Erbes, das unsere Siedlungen und Landschaften prägt.

Wo muss der Bund dringend nachjustieren?

Es ist sicher eine positive Entwicklung, dass das Thema der grundgesetzlich verankerten Daseinsvorsorge bundesweit wieder mehr Beachtung erfährt. Nachjustiert werden müsste bei den Stellschrauben Einkommensteuer und Gewerbesteuer am Wohn- und Arbeitsort. Sie befördern weiterhin die Mechanismen gemeindlicher Konkurrenz um Zuwanderung und von Flächenwachstum, und sie können immer noch nicht für die baukulturelle Qualität direkt wirksam werden. Hier müsste ein höherer Anteil des Steueraufkommens wieder für eine infrastrukturelle und baukulturelle Grundversorgung umgesteuert werden. Ähnlich verhält es sich mit dem Baukindergeld, von dem viele denken, es gelte nur für neue Einfamilienhäuser. Hier muss die Förderung des Geschosseigentums nachkommuniziert und die Bestandsaktivierung leerstehender Wohnungen nachjustiert werden.

An wen wendet sich der Baukulturbericht »Stadt und Land« konkret?

Er wendet sich an Politik und Öffentlichkeit und ist deshalb allgemeinverständlich geschrieben. Er adressiert aber ebenso fachübergreifend die Akteure der Baukultur und bringt sie miteinander ins Gespräch. Den größten Nutzen, aber auch den höchsten Wirkungsgrad, können sicher politische und fachliche Entscheidungsträger aus dem Baukulturbericht ziehen: vom Bundestag über die Gemeinden bis zur Immobilien- und Wohnungswirtschaft. Hier bieten insbesondere die Grafiken gute Hilfestellungen zur Argumentation und Vermittlung. Als open source werden diese zunehmend in Vorträgen, Artikeln oder im Netz verbreitet.

Warum sollten sich explizit Architekten mit dem Baukulturbericht befassen?

Architekten, Ingenieuren und Bauschaffenden wird vieles im Bericht bekannt vorkommen – möglicherweise aber noch nicht in dieser Weise quer- und zusammengedacht. Tatsächlich geht es für Architekten darum, die Synthese aus dem aufgetragenen Wissen in gute, ortsangemessene Gestaltung umzusetzen.

Wie wurde der Bericht bislang in den verschiedenen Zielgruppen aufgenommen?

Es gibt zunächst ein anhaltend großes Interesse. Es sind bereits 24.000 Exemplare ausgegeben worden und unzählige als PDF heruntergeladen. Die Resonanz ist durchweg positiv. Wenn es uns also tatsächlich gelingt, einen gemeinsamen Blick unterschiedlicher Zielgruppen auf die Baukultur zu erzeugen und die Akteure besser zu vernetzen, ist das für sich ein Erfolg für künftige Prozesse.

Lassen sich bereits Auswirkungen des Berichts erkennen?

Ich glaube, dass die politische Konjunktur, die die Themen Daseinsvorsorge in ländlichen Räume und eine qualifizierte Diskussion über die integrative Kraft von Heimat derzeit erfahren, auch auf die Befassung des Bundestags mit dem Baukulturbericht im vergangenen Jahr zurückzuführen sind. Der Donut-Effekt zieht Kreise und findet Eingang in gemeindliche Entwicklungsstrategien. Auch kluge Projektvorläufe in der Phase Null werden immer selbstverständlicher, und die Zahl der Gestaltungsbeiräte wächst.

Wo sieht die Bundesstiftung Baukultur dringenden Nachholbedarf auf gesellschaftlicher Ebene?

Die größte Herausforderung ist nach wie vor, Erkenntnisse und Handeln in Einklang zu bringen. Allerorten trifft uns der Rebound-Effekt, bei dem Verbesserungspotenziale bei der Qualität zulasten von quantitativem Wachstum neutralisiert werden. Das ist dann ein Nullsummenspiel: beim Flächen- und Energieverbrauch, auch bei der Umsetzung guter Beispiele. Ich wünsche mir, dass die vorbildlichen Projekte dieses Hefts mehr Nachahmer finden und nicht die Ausnahme, sondern die Regel darstellen.

Herr Nagel, vielen Dank für die Beantwortung unserer Fragen.


Baukulturbericht 2016/17

PDF-Download

Baukulturbericht
»Stadt und Land«
2016/17