Raus aus der Komfortzone mit fordernden Räumen

Fondazione Prada in Mailand (I)

Mit der Eröffnung des 60 m hohen Turms ist die viel beachtete Umgestaltung der ehemaligen Mailänder Brennerei zum Präsentationsort zeitgenössischer Kunst nun abgeschlossen. Das fremdartige Weißbetongebilde erweitert das vielschichtige, zumeist klösterlich introvertierte Raumangebot des Areals um kraftvolle Säle, die mit imposanten Ausblicken die ausgestellten Kunstwerke in Bezug zur Außenwelt setzen.

Architekten: OMA (Office for Metropolitan Architecture)
Tragwerksplanung: F&M Ingegneria, SCE Project

Kritik: Achim Geissinger
Fotos: Bas Princen, Delfino Sisto Legnani und Marco Cappelletti, Jacopo Milanesi

Das Raumangebot der Fondazione Prada ist ähnlich vielfältig wie ihre Sammlung zeitgenössischer Kunst, die von Filmdokumenten über Gemälde bis hin zu großformatigen Plastiken reicht. Bei der Umwandlung der 1910 erbauten, später erweiterten und 1970 wieder geschlossenen Gin-Brennerei in ein Kunstmuseum bewahrte das Office for Metropolitan Architecture (OMA) den jeweiligen Charakter der unterschiedlichen Gebäude und stärkte diesen noch durch den Kontrast mit wenigen, mitunter stark raumgreifenden, in metallischer Ästhetik nur entfernt verwandt wirkenden Zubauten. Letztere bedienen aktuelle, betont offene und schwellenarme, wenn auch unterkühlte Präsentationsformen wie z. B. beim Louvre Lens (s. db 3/2013, S. 64). Dagegen vermitteln die charaktervollen vormaligen Lager- und Fabrikhallen eher den Eindruck einer Kunstmesse und feiern mit ihrem Werkstattflair das Prozesshafte, Rohe ebenso wie die Nostalgie des Angejahrten – ein Thema, das im Filmset-Ambiente des Cafés mit Formica-Möbeln buchstäblich greifbar wird.

Härtetest für Museumsbesucher
Eine Absage an Neutralweiß
Ruhe durch Ordnung
Vertikalität

Das verkniffene Gesicht des db-Redakteurs Achim Geissinger rührt von den hohen Juli-Temperaturen her, die auf der Restaurant-Terrasse herrschten, als ihn der Projektleiter Federico Pompignoli dorthin geleitete. Jener zog es vor, sich im Hintergrund zu halten und nicht mit aufs Bild zu kommen.

Achim Geissinger (~ge)
s. db 12/2015, S. 96


Isometrie: OMA, Rotterdam
Sichtbetonkonstruktion: Vertikal- + Horizontalschnitt: OMA, Rotterdam
Grundriss EG: OMA, Rotterdam
Grundriss 1. OG: OMA, Rotterdam
Grundriss 5. OG: OMA, Rotterdam
Grundriss 9. OG: OMA, Rotterdam
Querschnitt: OMA, Rotterdam

  • Standort: Largo Isarco 2, I-20139 Mailand

Bauherr: Fondazione Prada, Mailand/Venedig
Architekten: OMA (Office for Metropolitan Architecture), Rotterdam
Mitarbeiter: Rem Koolhaas, Chris van Duijn (verantwortliche Partner); Federico Pompignoli (Projektleitung)
Ausführende Architekten: Alvisi Kirimoto Architects, Rom;
Atelier Verticale Architetti, Mailand
Tragwerksplanung: F&M Ingegneria, Mailand; SCE Project, Mailand
Haustechnik: F&M Ingegneria, Mailand; Prisma Engineering
Akustikplanung: Level Acoustics & Vibration, Eindhoven
Szenografie: dUCKS Scéno, Villeurbanne
Brandschutz: GAE Engineering, Turin
BGF: 18 900 (gesamt; öffentlich zugänglich: 12 300 m²; nicht öffentlich: 6 600 m²), »Torre«: ca. 3 000 m²
Baukosten: keine Angabe
Bauzeit: Februar 2013 bis Mai 2015, »Torre«: Mai 2013 bis April 2018

  • Beteiligte Firmen:

Beton-/Stahlbau: Colombo Costruzioni, Mailand, www.colombo-costruzioni.it
Wand- und Deckenbekleidung aus anodisiertem Aluminium-Lochblech, Aluminiumböden, Aluminiumschaum: AZA Aghito Zambonini, Fiorenzuola d’Arda, www.aghitozambonini.com (AZA INT, New York, www.aza-int.com)
Glasfassaden, -wände, -dächer): Zanetti, Pergine Valsugana, www.zanettisrl.it
Böden: (iranischer Travertin) SolidNature, Aalsmeer, www.solidnature.com
Leuchten: (Grundbeleuchtung) Zumtobel, Dornbirn, www.zumtobelgroup.com; (Spotlight) Erco, Lüdenscheid, www.erco.com; (Notbeleuchtung) Viabizzuno, Bentivoglio, www.viabizzuno.com
Technische Ausrüstung (Gesamtprojekt): Samsung Electronics, Mailand, www.samsung.com; Sirecom; Av Tech; Borsani; Videomobile; Void Acoustic


OMA Office for Metropolitan Architecture

Chris van Duijn

Architekturstudium an der TU Delft, M. Arch.
Seit 1996 Mitarbeit bei OMA, seit 2014 als Partner. Leitung der Bürotätigkeit in Asien.