Quadratisch. Praktisch. Gott.

Evangelisches Gemeindezentrum in Herbolzheim

Ein präzise durchdachter Grundriss mit geringem Flächenverbrauch, eine ressourcenschonende Konstruktion und ein Energiekonzept, das ohne fossile Brennstoffe auskommt: Bei ihrem neuen Gemeindezentrum machen die Protestanten in Herbolzheim Ernst mit dem »Bewahren der Schöpfung«.

Architekten: KUHN UND LEHMANN ARCHITEKTEN
Tragwerksplanung: ProfessorPfeiferundPartner,
Poetzsch Bauingenieuere

Kritik: Christian Schönwetter
Fotos: Achim Birnbaum

Am Fuße des Südschwarzwalds liegt die kleine Gemeinde Herbolzheim. Wer die Hauptstraße entlangfährt, erblickt schnell die evangelische und die katholische Kirche, die beide leicht erhöht am Hang stehen und den Ort überragen. Die Protestanten müssen für den Gottesdienstbesuch zunächst einen steilen Weg überwinden und danach zahlreiche Treppenstufen erklimmen. So kam der Wunsch nach einem neuen, barrierefrei zugänglichen Gemeindezentrum auf, in dem sich die diversen Kirchenkreise treffen können, in dem aber auch Gottesdienst gefeiert werden kann. Am anderen, ebenen Teil des Orts ersetzte man daher das Gemeindehaus aus den 60er Jahren durch einen Neubau. Während sich die Räume im alten Gebäude auf drei Geschosse verteilten, sind nun alle ebenerdig erreichbar, und während früher jede Gruppe ihr eigenes Reich hatte, teilt man sich nun gemeinsame Räume, die flexibel genutzt werden.

Voraussetzung dafür ist der hocheffiziente Grundriss, entworfen vom Freiburger Architekturbüro KUHN UND LEHMANN, das nach einem kleinen Wettbewerb unter sechs Teilnehmern den Planungsauftrag erhielt. Das Gebäude kommt beinahe ohne Erschließungsflächen aus. Als quadratischer Pavillon steht es im Garten, über Glasfassaden nach allen Seiten geöffnet, im Prinzip ein einziger großer Raum, der sich aber mit zwei mobilen Falt-Schiebe-Wänden aufteilen lässt. Begrenzt wird der Saal lediglich durch vier geschlossene Baukörper an den Ecken, die untergeordnete Funktionen aufnehmen: Küche, Toiletten, Haustechnik und ein Lager, in dem Stühle, Tische und die Materialien der verschiedenen Kirchenkreise Platz finden. Über einen Wandschlitz können die beweglichen Trennwände jeweils in einem Nebenraum versteckt werden. Je nach Bedarf lassen sich mit ihnen Säle unterschiedlicher Größe erzeugen, immer mit Zugang vom Foyer, das seinerseits nur durch eine Glaswand abgetrennt und selbst wie ein Saal nutzbar ist. Sind alle Wände geöffnet, entsteht im Innenraum eine kreuzförmige Grundrissfigur, die an jahrhundertealte Traditionen im Kirchenbau anknüpft. Der Sakralbereich an der Südseite wird dann zu einer Art Seitenkapelle, bei geschlossenen Wänden dagegen verwandelt er sich in einen introvertierten Andachtsraum.

Vernunftbestimmte Materialwahl

Das Konzept, in den Ecken eines Quadrats vier geschlossene Körper anzuordnen, die gemeinsam das Dach über einem luftigen Raum tragen, ist sichtlich von Louis Kahn und seinem Trenton Bath House inspiriert. Entsprechend hatten sich die Architekten die Fassaden ursprünglich in Sichtmauerwerk vorgestellt. Aus Kostengründen bekleideten sie die Eckkörper dann aber mit einer Holzschalung. Dahinter verbergen sich Wände aus Stahlbeton – ein Zugeständnis an den engen Kostenrahmen, denn ein kompletter Holzbau wäre deutlich teurer gewesen. Ansonsten besteht das Gebäude aber weitgehend aus dem nachwachsenden Rohstoff, der aus den Wäldern der Region stammt. Wer durch die Eingangstür tritt, nimmt sofort den angenehmen Holzgeruch wahr. Den Besucher empfangen ein heller Boden aus Weißtanne, Holzfenster und über der Mitte des großen Saals ein Dachtragwerk aus Fichte. Es ist mit schmalen, auf Lücke gesetzten Leisten ausgekleidet, hinter denen Holzwolleplatten dafür sorgen, dass die Nachhallzeit im Raum auf ein angenehmes Maß gedämpft wird. Akustische Unterstützung erhalten sie von einer schlichten weißen Lochdecke aus Gipskarton, mit der die Seitenflügel nach oben abschließen. Diese hellen Oberflächen stehen im Kontrast zur dunklen, in einem grünlich-grauen Ton lasierten Lattenschalung der Eckkörper, die auch im Innenraum sichtbar ist.

Lowtech-Lösung

Das Energiekonzept trägt ebenfalls zur Ressourcenschonung bei. Hier kommt wieder der Grundriss ins Spiel: Die vier Nebenräume in den Gebäudeecken werden auf einem niedrigeren Temperaturniveau betrieben und schützen im Winter als Puffer den Saal in der Gebäudemitte, der nur eine geringe Verlustfläche nach außen hat. Eine Grundwasser-Wärmepumpe versorgt die Fußbodenheizung und lässt sich im Sommer auch dafür nutzen, den Raum zu kühlen. Gelüftet wird hauptsächlich über öffenbare Oberlichter in den Fassaden. Da sie sich zu regengeschützten Loggien orientieren, ist auch eine sichere, natürliche Nachtauskühlung möglich. Zusätzlich steht eine einfache Lüftungsanlage zur Verfügung, bei der die Abluft über die Nebenräume strömt und über eine Wärmerückgewinnung zur Vortemperierung der Zuluft herangezogen wird. Fossile Brennstoffe kommen nicht zum Einsatz. Stattdessen ist das Gebäude vom Gasnetz völlig unabhängig und besitzt lediglich einen Stromanschluss. In der Praxis scheint der Low-Tech-Ansatz bestens zu funktionieren. Bei der Besichtigung an einem sonnigen, aber kalten Morgen im April war der Saal jedenfalls mollig warm. Während der Primärenergiebedarf durchschnittlicher Gemeindehäuser bei 187 kWh/m²a liegt, kommt man in Herbolzheim mit 127 kWh/m²a aus.

Das neue Bauwerk hat dazu beigetragen, dass die Gemeinde für ihr Umweltengagement im vergangenen Jahr den »Grünen Gockel« erhalten hat. Dieses kircheninterne Zertifikat bekommt nur, wer sich überdurchschnittlich um Nachhaltigkeit bemüht – lediglich knapp ein Viertel der 644 Pfarrgemeinden in der evangelischen Landeskirche Baden darf sich derzeit mit dieser Auszeichnung schmücken.

Raum für Spiritualität?

Was unter all den Erwägungen zu einem vernünftigen, sparsamen Gebäudekonzept am Ende vielleicht ein wenig gelitten hat, ist die sakrale Atmosphäre – bei multifunktionalen Räumen immer schwer zu verwirklichen. Ohne Zweifel bietet das Zentrum eine hohe Aufenthaltsqualität. Für den Gemeindealltag scheint der Saal ideal, aber für Gottesdienstfeiern? Fördert die Architektur eine spirituelle Stimmung? Die ebenerdige Zugänglichkeit und die Öffnung nach allen Seiten, einerseits eine Stärke des Konzepts, bedeuten im Umkehrschluss eben auch den Verzicht auf einen Sockel und auf einen Eindruck von Erhabenheit. Die Loggien und die Terrassen zum Garten sind typische Attribute aus dem Wohnungsbau, die horizontale Ausrichtung des relativ niedrigen Innenraums wirkt eher erdverbunden als dem Himmel zugewandt, das Zusammenspiel von Holzboden und weißer Flachdecke eher wohnlich als kirchlich. Und als Altar dient ein einfacher Kufengestell-Tisch aus dem Katalog – gestalterisch will er seiner sakralen Bedeutung so gar nicht gerecht werden. Daher überlegt der Oberkirchenrat derzeit, KUHN UND LEHMANN nachträglich mit einem Entwurf für eigens gestaltete Prinzipalstücke zu beauftragen. Mit diesen kleinen Ergänzungen dürfte der Charakter eines Profanbauwerks in den Hintergrund treten und das Gemeindezentrum könnte auch atmosphärisch den hohen Anspruch einlösen, den es in funktionaler und ökologischer Hinsicht bereits erfüllt.

Grundriss: KUHN UND LEHMANN ARCHITEKTEN, Freiburg i. Br.
Lageplan: KUHN UND LEHMANN ARCHITEKTEN, Freiburg i. Br.
Längsschnitt: KUHN UND LEHMANN ARCHITEKTEN, Freiburg i. Br.
KUHN UND LEHMANN ARCHITEKTEN, Freiburg i. Br.

  • Standort: Hansjakobstraße 8, 79336 Herbolzheim

Bauherr: Evangelische Kirchengemeinde Herbolzheim, Herbolzheim
Architekten: KUHN UND LEHMANN ARCHITEKTEN, Freiburg i. Br.
Mitarbeiter: Marcus Hug, Soara Bernard, Fabian Schmidt
Tragwerksplanung: ProfessorPfeiferundPartner, Karlsruhe;
Poetzsch Bauingenieuere, Herbolzheim
Gebäudetechnik: eta³, Freiburg
Bauphysik, Akustik: Stahl+Weiß, Freiburg
BGF: 421 m²
BRI: 2 487 m³
Baukosten: 1,25 Mio. Euro (KG 200-600)
Bauzeit: September 2016 bis Oktober 2017

  • Beteiligte Firmen:

Holzschalung vorpatiniert: Häussermann, Sulzbach, www.haeussermann.de
Pfosten-Riegel-Fassade: RAICO Bautechnik, Pfaffenhausen, www.raico.com
Akustikdecke: Knauf Gips, Iphofen, www.knauf.de
Aluminium-Stehfalzdeckung: Kalzip, Koblenz, www.falzinc.de
Lichtkuppeln: Lamilux, Rehau, www.lamilux.de
Pendelleuchten: luxwerk – manufaktur für lichttechnik, Malterdingen, www.luxwerk-lichttechnik.com
Einbaumöbel: Schreinerei Spitzmüller+Klein, Herbolzheim-Broggingen
Trennwandsystem (Holzwerkstoff): abopart, Zwischenahn, www.abopart.com
Vorhang: Saum & Viebahn, Kulmbach, www.saum-und-viebahn.de
Beschläge (Aluminium eloxiert): Franz Schneider Brakel, Brakel, www.fsb.de
Sanitärkeramik: (Keramag) Geberit, Pfullendorf, www.geberit.com;
Duravit, Hornberg, www.duravit.de
Armaturen: Hansa Armaturen, Stuttgart, www.hansa.com
Pinnwand (in Wand integriert): Forbo International, Baar, www.forbo.com


Nachdem db-Redakteur Christian Schönwetter bei der Besichtigung im April zunächst vor dem Gebäude gefroren hatte, konnte er sich davon überzeugen, dass die Innenräume beinahe sommerlich warm sind – trotz geringem Energieverbrauch.


KUHN UND LEHMANN ARCHITEKTEN

Christoph Kuhn
1986-93 Architekturstudium an der TU Berlin und der Ecole d’architecture in Paris-Villemin. 1994-2004 Zusammenarbeit mit Harald Roser. 2005-12 Pfeifer Kuhn Architekten. Ab 2007 Lehraufträge in Straßburg und Karlsruhe, seit 2013 Professur an der TU Darmstadt. Seit 2015 Büro mit Thomas Lehmann.

Thomas Lehmann
1994-2000 Architekturstudium an der Kunstakademie Stuttgart. 1999-2002 Mitarbeit bei krauter, ludwig, oertel. 2002-08 Assistenz am KIT Karlsruhe. 2009-13 Mitarbeit bei cheret bozic architekten, 2013-14 stv. Geschäftsführung bei CKA. Seit 2015 gemeinsames Büro mit Christoph Kuhn.