Schutzbau und Auffanggefäß

Doppelkirche für zwei Konfessionen in Freiburg-Rieselfeld

Im neuen Freiburger Stadtteil Rieselfeld galt es nicht nur, Menschen im Namen Gottes zu versammeln, sondern gleich zwei Konfessionen unter ein Dach zu bringen. Einen eigenständigen Typus für ökumenische Kirchen gibt es noch gar nicht, und so öffnete sich für die Architekten ein Experimentierfeld, auf dem sie ihre Gedanken zur komplexen Bauaufgabe in eine räumlich ebenso komplexe Form gossen.
For Freiburg’s new urban quarter Rieselfeld the aim was not only to bring people together in the name of God, but at the same time to house two confessions under one roof. A specific building type for ecumenical churches does not yet exist and so a field of experiment was opened up for the architects, to pour their ideas for the complex design task into just such a spatially complex form.

Text: Christian Holl / Harald S. Müller, Michael Haist, Martin Günter

Fotos: Christian Richters
Der Freiburger Stadtteil Rieselfeld stand vor zehn Jahren im Mittelpunkt städtebaulichen Interesses. Auf etwa 70 Hektar wurde ein Quartier für etwa 10000 Einwohner geplant, ein gemischt genutztes, ein lebendiges Viertel, ein »Stück Stadt«, wie man es nannte, sollte entstehen. Man hat das Bild des Gründerzeitviertels auf die Bedürfnisse des ausgehenden 20. Jahrhunderts angepasst. Ob das Ziel erreicht werden wird, kann noch nicht beantwortet werden, noch lange nicht alle als Bauland ausgewiesenen Flächen sind bebaut. Und doch ist bereits so etwas wie alltägliche Normalität eingekehrt. Zu dieser sollte auch gehören, dass die Kirche in die Mitte des Orts eingezogen ist. Doch mit ihr kehrte noch einmal die Aufregung um das Neue in den Stadtteil zurück.
Kirche im Stadtraum Die Kirche steht auf einem zentralen Platz, dem länglichen Maria-von-Rudolff-Platz, im Mittelpunkt seiner nordwestlichen Hälfte. Der Bau ist ein Haus für zwei Kirchen, für die evangelische und die katholische. Grundlage für die Entscheidung, die beiden Kirchen in einem Gebäude zu vereinen, war zunächst eine städtebauliche: Um mit einem der Größe des Platzes entsprechenden Volumen agieren zu können, entschied sich Susanne Gross vom Büro Kister Scheithauer Gross dafür, beide Kirchenräume mit einer Halle zu verbinden und zu einem großen Block zusammenzufassen. Freilich kann man diese Entscheidung auch anders als nur städtebaulich lesen: Die Institution Kirche kann die Bedeutung, die ihr mit dieser zentralen Lage im Ortsteil zufällt, nur ausfüllen, wenn die christlichen Konfessionen nicht auch noch in Konkurrenz zueinander treten. Denn die relative Mehrheit, 38 Prozent, der inzwischen über 6000 Bewohner des Rieselfelds gehört gar keiner oder keiner dieser beiden Konfessionen an.
Und das Gebäude ist mehr als nur Kirche: Es ist Gemeindezentrum mit Verwaltungs-, Besprechungs- und Unterrichtsräumen; am nach Südwesten orientierten Eingang findet sich auch ein Kirchenladen. An den katholischen Raum angeschlossen liegen außerdem noch zwei dreiecksförmige Andachtskapellen, von denen die eine von außen erschlossen wird und so zugänglich bleiben kann, wenn der Hauptraum geschlossen ist.
Der große Block, einem Findling vergleichbar, erhält durch die Sichtbetonfassade und die mehrfach geknickten und nach außen geneigten Wände skulpturalen Charakter. Zwar markiert eine große Öffnung, durch die man einen Vorhof betritt, den zentralen Eingang, doch fehlen städtebauliche Gesten, die es mit dem den Bau umgebenden Raum verbinden würden. So genau der Körper auf der Fläche platziert ist, so eigen will er sich verstanden wissen: Er ist keine schwellenlose Fortsetzung des öffentlichen Raums, sondern sein Gegenüber. Die Kirche definiert einen eigenen Raum, einen Raum, der in einer Welt steht, aber auf eine andere verweist. Nicht einmal ein signalartiger Hinweis auf die Funktion ist appliziert. Dies hat Besucher, wie es im innen ausliegenden Gästebuch nachzulesen ist, befremdet, doch lässt sich auch diese Entscheidung nachvollziehen. Nicht nur, dass sich darin eine Alternative zum lauten Geschrei der Schilder und Botschaften im öffentlichen Raum definiert, nicht nur, dass der Körper an sich ein ausreichend starkes Zeichen setzt, das man nur noch hätte schwächen können. Ein wenig tun dies ja bereits die Fenster, die als identische Formate in einem regelmäßigen Raster die Räume des Gemeindezentrums belichten. Vor allem aber drückt sich im Verzicht auf das Kreuz die Beziehung zwischen innen und außen aus, die das Innere als einen schützenswerten Bereich definiert, der auf die gewandelte Rolle des öffentlichen Raums reagiert. Im öffentlichen Raum hat das Private und Intime schon längst seinen Platz eingenommen. Das öffentliche Haus, das das Spiel der Bekenntnisse und Aufdeckungen, des anonymen Beobachtens und Ausspionierens durch Kameras nicht mitspielen will, darf sich nach außen verschließen, um zu zeigen, dass es den, der es aufsucht, genau vor dieser Beobachtung schützt – und unvoreingenommen respektiert.
Innenwelten Der zwölf Meter hohe Innenraum, längs geteilt in die Halle mit dem Taufbecken und die Kirchenräume zu beiden Seiten, ist von beeindruckender Erhabenheit. Sichtbeton, der im Kirchenbau nicht den allgemeinen Anforderungen der Wärmeschutzverordnung entsprechen muss, ist auch hier prägendes Element; nicht nur der Wände sondern, gewachst, auch des Bodens. Die Form des Baukörpers mit den nach außen geneigten Wänden wird innen als eine Art Auffanggefäß lesbar, das sich dem von oben, von außerhalb der Welt kommenden Licht als ein Symbol Gottes öffnet. Dazu passt, dass die Decken aus Holz sind und nicht die Härte des Materials von Boden und Wand aufnehmen. Das Licht schließlich ist neben Form und Material das dritte Gestaltungsmittel. Es fällt über wandbebegleitende Oberlichte ins Innere und akzentuiert im katholischen Raum durch schräg durch die doppelwandige Konstruktion verlaufende Öffnungen die Fläche. Es erleuchtet als indirektes Licht die Wand vor dem Altarraum; dort, wo die innere Wand ausgeschnitten ist und die äußere sichtbar wird. Im evangelischen Raum ist dieses Thema variiert: Dort ist die Wand nicht doppelschalig, ein großer Schild aus Holz vor dem sechs mal zehn Meter großen Fenster erzeugt hier die besondere Lichtstimmung.
Trotz der gleichen Gestaltungsmittel haben die beiden Kirchenräume sehr unterschiedliche Charaktere. Ist der katholische vielfältiger und lebendiger, so ist der evangelische zurückhaltender und konzentrierter – Ausdruck der jeweiligen unterschiedlichen Bedeutungen und Schwerpunkte des Gottesdienstes: Stehen hier das Wort und die Predigt im Mittelpunkt, wird dort die Liturgie als zeremonielle Feier mit dem Abendmahl als Höhepunkt zelebriert.
Die Empore der katholischen Kirche ist über eine entlang einer freistehenden Scheibe geführte, einläufige Treppe zugänglich, die über die Empore hinaus noch Räume im zweiten Obergeschoss erschließt. In der evangelischen Kirche ist die Empore dagegen über eine hinter einer Wand liegende Spindeltreppe erreichbar. Auch die beweglichen Wände wurden unterschiedlich behandelt: Innerhalb des katholischen Raums werden sie offen geführt, während die Nischen, welche die Wände zum evangelischen Raum aufnehmen, außerhalb in der Halle liegen. 22 Tonnen wiegen diese Betonelemente, die bei besonderen Anlässen von Elektromotoren seitwärts bewegt werden, um aus drei Räumen einen zu machen.
Ein solches, in seiner geometrischen Komplexität vor allem auch bautechnisch höchst anspruchsvolles Gebäude kann nur realisiert werden, wenn wie hier die Bauherren das Konzept der Architekten engagiert mittragen. Trotzdem war zu erwarten, dass dieser Bau nicht sofort auf uneingeschränkte Zustimmung stoßen würde. Im bereits erwähnten Gästebuch wird Widerspruch formuliert. Doch der Widerspruch ist mehr Beweis für die Qualität der Architektur als Hinweis auf deren Mangel. Der Bau sträubt sich gegen die schnelle und einfache Aneignung, er biedert sich nicht an. Die ersten Versuche, mit Bildern oder gestiftetem Inventar Heimeligkeit zu erzeugen, wirken fast lächerlich. Mit diesem Gebäude bezieht die Kirche Stellung, formuliert mit ihm die Fragen nach dem Verhältnis der kirchlichen Lehre zum Alltag, des Gläubigen zur Welt und nach dem Leben, das auf das irdische folgt. Keine bequemen Fragen, aber notwendige – die Doppelkirche ist daher auch in genau dieser Form ein notwendiger Bau. C. H.
Im Spannungsfeld zwischen Funktionalität und Ästhetik
Sichtbetonoberflächen aus wärmedämmendem Leichtbeton Das Ökumenischen Kirchenzentrum ist stark vom Werkstoff Leichtbeton geprägt. Dessen Farbe und Textur wirken unmittelbar auf das Erscheinungsbild. Ausschlaggebend für die Verwendung von Leichtbeton waren die guten Wärmedämmeigenschaften dieses Materials, dank derer eine komplizierte und kostenintensive Kerndämmung umgangen werden konnte.
Der Schlüssel für die erfolgreiche Ausführung von Sichtbetonbauwerken, insbesondere aus Leichtbeton, liegt in einem intensiven,
in einer frühen Planungsphase beginnenden Dialog zwischen Architekten, Planern, Ausführenden und Betontechnologen – der leider nur in den wenigsten Fällen gegeben ist. In Freiburg wurde er frühzeitig geführt.
Während die rein technischen Eigenschaften eines Betons in der Regel problemlos durch Angabe von Kennwerten beschrieben werden können, ist die Festlegung von Farbe und Textur der Sichtflächen nur unter Bezug auf Musterelemente oder Referenzobjekte möglich. Im vorliegenden Fall diente die Farbe der katholischen St. Theodor Kirche in Köln als Ausgangspunkt für Handmuster aus Leichtbeton, anhand derer der gewünschte Farbton näher eingegrenzt wurde. Anschließend wurden unter Baustellenbedingungen Musterwandelemente hergestellt, die zur Bewertung aller Bauteile als Referenzflächen herangezogen wurden.
Für die Ausführung des Bauwerks wurde im vorliegenden Fall ein Beton LC25/28 der Dichteklasse D1,6 mit einer nachgewiesenen Wärmeleitfähigkeit von lR = 0,56 W/(m·K) verwendet. Die Frischbetoneigenschaften mussten dabei den aus der gefalteten Gebäudegeometrie resultierenden Bauteilabmessungen Rechnung tragen. Dies erforderte einen sehr gut verarbeitbaren, nicht zur Entmischung neigenden Frischbeton.
Sowohl die Frisch- als auch die Festbetoneigenschaften von Leichtbeton werden wesentlich von den Eigenschaften der verwendeten Leichtzuschläge bestimmt. Dabei spielt deren Randzone eine maßgebende Rolle (Bild 6). In Kontakt mit Wasser beziehungsweise Zementleim oder Mörtel sind die porösen Zuschläge in der Lage, der Mörtelmatrix des Leichtbetons eine erhebliche Menge an Wasser beziehungsweise Mehlkornleim zu entziehen. Bleibt dieses Verhalten bei der Betonrezeptur unberücksichtigt, hat es einen Konsistenzverlust zur Folge, der die Verarbeitung des Frischbetons erschwert und zur Lunkerbildung führen kann. Durch eine gezielte Befeuchtung der Zuschläge vor der Betonherstellung wird ein erheblicher Teil dieses Saugvorgangs vorweggenommen. Andererseits kann eine übermäßige Vorbefeuchtung der Zuschläge zur Wasserabgabe der Leichtzuschläge während des Verdichtens und damit ebenfalls zu einer Störung der Sichtbetonqualität durch Auswascheffekte und Schlierenbildung sowie zu einer reduzierten Dauerhaftigkeit des Festbetons führen.
Eine besondere Schwierigkeit bei der Entwicklung einer geeigneten Betonrezeptur bestand im vorliegenden Fall darin, dass alle leichten Zuschläge vorab vom Bauherrn festgelegt worden waren und somit die gewünschten Betoneigenschaften allein durch eine Optimierung der Mengen und der Art der Bindemittel, Zusatzstoffe und Zusatzmittel erzielt werden mussten. Vor diesem Hintergrund wurde die in der Tabelle aufgeführte Rezeptur entwickelt. Weiterhin musste die Rezeptur auch auf die verwendete nichtsaugende Schalhaut abgestimmt werden. Zudem wurden verschiedene Trennmittel auf ihre Eignung für das Projekt geprüft. Ziel dieser Untersuchungen war es, die Porosität der Sichtflächen zu minimieren. Von großem Nutzen war bei dieser Entwicklungsarbeit, dass auf Erfahrungen und aktuelle Forschungsergebnisse des Instituts für Massivbau und Baustofftechnologie der Universität Karlsruhe (TH) zurückgegriffen werden konnte.
Alle Zuschläge wurden im Herstellwerk witterungsgeschützt gelagert und vor der Verwendung auf den festgelegten Zielwert der Ausgangsfeuchte eingestellt. Nach dem zum Teil bis zu sechzigminütigen Transport auf die Baustelle wurde der Beton einer Sichtprüfung und erforderlichenfalls weitergehenden Prüfungen, wie dem Ausbreitmaßversuch und dem Darrversuch, unterzogen (Bild 7). Als Annahmekriterium galten ein nicht zu überschreitender Gesamtwassergehalt der Mischung und ein Ausbreitmaß des Betons zwischen 40 und 50 cm in Abhängigkeit von den Erfordernissen der jeweiligen Bauteilgeometrie. Frischbeton mit unzureichenden Eigenschaften wurde verworfen.
Um große Fallhöhen und damit Entmischungen zu vermeiden, wurde der Beton in Kübeln zur Schalung transportiert und über Hosenrohre eingebracht (Bild 8). Die Betonverdichtung erfolgte mittels Rüttelflaschen in einem engliegenden Raster. Unter Verwendung spezieller Führungsschalen, die die Rüttelflaschen zum eingebrachten Beton lenkten, konnte ein Kontakt zwischen Rüttler und Bewehrung bzw. Schalhaut ausgeschlossen werden. Auch hier hätten sich sonst negative Auswirkungen auf die Sichtflächen durch Feinteilanreicherungen und Schlierenbildung ergeben können.
Durch die umfangreichen Vorversuche und die sorgfältige Umsetzung eines unter Berücksichtigung der örtlichen Randbedingungen erstellten Maßnahmenkataloges wurde sichergestellt, dass der eingebaute Beton den geforderten technischen Anforderungen entsprach und die das Erscheinungsbild der Sichtflächen prägenden Eigenschaften aufwies. Grundlage der Qualitätssicherung bildete die intensive Schulung des mit dem Betoneinbau betrauten Personals.
Die Ansichten und Details belegen, dass mit Leichtbeton auch unter äußerst schwierigen Bedingungen Bauwerke in Sichtbetonqualität erstellt werden können.
Autoren: Univ.-Prof. Dr.-Ing. Harald S. Müller, Dipl.-Ing. Michael Haist, Institut für Massivbau und Baustofftechnologie, Universität Karlsruhe; Dr.-Ing. Martin Günter, Ingenieurgesellschaft Bauwerke GmbH, Karlsruhe
Doppelkirche in Freiburg-Rieselfeld
Bauherr: Bauherrengemeinschaft Evangelische Maria-Magdalena-Gemeinde, Freiburg und Katholische Kirchengemeinde St. Maria Magdalena, Freiburg Architekten: Kister Scheithauer Gross, Köln Bauleiter: Sándor Forgó Mitarbeiter: Adrian Betz, Jim Cassidy, Etienne Fuchs, Bastian Giese, Jörn Knop, Eric Mertens, Maren Meyer, Barbara Schaeffer, Nadeshda Sokolova, Dagmar von Strantz, Anja Strumpf, Nathan Ward, Nadine Willkomm, Klaus Zeller Projektsteuerung: Klotz & Partner, Freiburg Tragwerksplaner: Dr.-Ing. W. Naumann & Partner, Köln Haustechnik: Planerwerkstatt Hölken Berghoff, Vörstetten Elektrotechnische- und Lichtplanung: Planungsgruppe Burgert, Schallstadt Außenanlagen: faktorgruen – Freie Landschaftsarchitekten, Denzlingen Nutzfläche: 1131 m2 Bruttorauminhalt: 1570 m3 Kosten: 4,5 Mio. Euro Wettbewerb: 1999 Bauzeit: Juli 2002 – März 2004