Das Wälderhaus in Hamburg

Der Wald kommt in die Stadt

Wie kann man Stadtmenschen die Bedeutung des Waldes, seine Eigenheiten und Besonderheiten am besten erläutern? Indem man ihnen den Wald vor die Füße legt, statt darauf zu warten, dass sie zu ihm hinfahren und ihn selbst erkunden. So geschehen in Hamburg-Wilhelmsburg, wo nun, u. a. durch Mitwirken der IBA, das Wälderhaus entstanden ist. Zu einem Großteil aus Holz konstruiert und mit Lärchenholz bekleidet, zeigt das Ausstellungs- und Hotelgebäude, dass das Baumaterial auch in den großstädtischen Kontext passt.

  • Architekten: Andreas Heller Architects & Designers
    Tragwerksplanung: ASSMANN Beraten + Planen
  • Kritik: Claas Gefroi
    Fotos: Klaus Frahm, Kay Riechers
Die Zukunft sieht manchmal ziemlich altbekannt aus. Gleich neben dem S-Bahnhof Wilhelmsburg wird derzeit das Zentrum der Internationalen Bauausstellung Hamburg, die »neue Mitte Wilhelmsburg«, fertiggestellt. Die hier errichteten Häuser sollen nichts weniger als »neue Bautypologien begründen« und »Antworten geben auf die Frage, wie wir in Zukunft bauen und wohnen werden«. Das Überraschende: Neben Hightech-Gebäuden mit Mikroalgenfassaden, Latentwärmespeichern oder Photovoltaik-Textilmembranen zählen zu den »Case Study Houses des 21. Jahrhunderts« auch solche aus dem ältesten Baumaterial der Welt: Holz. Zu ihnen gehören der »Woodcube« (architekturagentur, s. S. 46) oder etwa das »CSH Case Study Hamburg« (Adjaye Architects/planpark architekten).
Östlich dieses Quartiers, gleich neben der Wilhelmsburg durchschneidenden Fernbahntrasse, steht ein weiterer, ungleich größerer Holzbau, das sogenannte Wälderhaus. Dass dieses Gebäude hier im Rahmen der IBA entstand, war ursprünglich gar nicht vorgesehen. Die Schutzgemeinschaft Deutscher Wald (SDW), ein Naturschutzverband, der sich für den Erhalt der Wälder einsetzt, wollte sein Schulungs- und Informationszentrum ursprünglich ganz woanders, im Niendorfer Gehege – einem Waldgebiet im Hamburger Bezirk Eimsbüttel – errichten. Es war der lokale CDU-Bundestagsabgeordnete Rüdiger Kruse, zugleich Geschäftsführer des SDW-Landesverbandes Hamburg, der sich für die Ansiedlung des Multifunktionshauses in diesem Buchenmischwald im Hamburger Nordwesten stark machte. Doch schnell entzündete sich, unterstützt von SPD und Grünen, Bürgerprotest – man störte sich an den Dimensionen des Gebäudes sowie seiner Lage mitten im Wald, die zur Fällung einiger Bäume geführt hätte. Ein Bürgerbegehren war schließlich erfolgreich und stoppte die Planungen. Die SDW musste nach Alternativen suchen und fand in der IBA einen Partner, der großes Interesse am Wälderhaus zeigte. So konnte schließlich der neue Standort im zentralen IBA-Bereich von Wilhelmsburg präsentiert werden. Das war ein gelungener Coup, denn nun müssen Besucher nicht an den Stadtrand fahren, sondern der Wald kommt gewissermaßen zu ihnen in die Stadt – wichtig gerade für sozial benachteiligte Stadtteile wie Wilhelmsburg, in denen viele Kinder noch nie in einem Wald waren. Und die IBA, sie erhält ganz nebenbei eine weitere Attraktion in den so wichtigen Themenfeldern Bildung und Nachhaltigkeit.
Die Gebäudehülle als Biotop
Die neue Idee eines Wälderhauses mitten in der Stadt bedeutete für die Architekten von Andreas Heller Architects & Designers weitreichende Änderungen im Konzept: Ursprünglich planten sie einen flachen, nur zweistöckigen Bau, der den Blick auf die Bäume möglichst wenig verstellt. Nun galt es, ein kompakteres, höheres Gebäude mit Landmarkenwirkung zu entwickeln, dass das Thema Wald schon von außen zeichenhaft verkörpert. Als zusätzliche Nutzung sollte ein Hotel mit 82 Zimmern integriert werden. So ist das Wälderhaus nun Ausstellungs- und Schulungsgebäude, Hotel und Gastronomiebetrieb in einem. Für diese Mischung schufen die Planer einen sacht mäandernden, horizontal gestaffelten Baukörper. Nicht nur die gewinkelte, sich verjüngende Form, auch die Fassade aus (unbehandeltem) Lärchenholz lässt an einen Baum denken oder weckt – etwas abstrakter – Assoziationen zu Natur und Wildnis inmitten eines städtischen Umfelds. Mit zahlreichen Nischen und Pflanzinseln versehen, soll sie zahlreichen Kleinstlebewesen Rast-, Futter- und Nistgelegenheiten bieten. Ähnlich das riesige Gründach: Dort sollen, wenn denn einmal der Frühling einkehrt, außerdem 9 000 Büsche und 500 Hainbuchen das Mikroklima, die Luftqualität und den Lärmschutz am Standort verbessern. Das Haus als Biotop – ein bemerkenswerter Ansatz in Zeiten sich immer hermetischer abschließender Gebäude.
Mit wenigen Mitteln IN eine andere Welt
Eine sich über fünf Geschosse erstreckende Holzfassade war in den bislang geltenden deutschen Brandschutzregeln nicht vorgesehen, wurde aber durch die vorweggenommene Anwendung der Mitte 2012 eingeführten Eurocodes-Richtlinien möglich, die mehr Variationen im vorbeugenden Brandschutz bieten. Brandschutzgründe waren es jedoch, die verhinderten, dass das gesamte Gebäudeinnere in Holz errichtet wurde. Die beiden unteren Etagen sind konventionell in Stahlbeton-Bauweise gebaut und nur außen mit Holz bekleidet. In diesen Stockwerken befinden sich Hotel-Empfang, Wälderhaus-Kasse, ein Café/Restaurant sowie das Wälderhaus-Science Center. Die Architekten verstecken die kühle Betonkonstruktion nicht, doch durch zahlreiche hölzerne Ausstattungselemente wie Regale, Tresen, Sitzbänke, Stühle nimmt man ihr die Härte und führt das Thema Holzhaus fort. Zu beklagen sind jedoch die aus Kostengründen »offen« gelassenen Decken, unter denen sich, notdürftig kaschiert durch darunter drapiertes Astwerk, Lüftungs- und Heizungsrohre winden – schnöde Technik statt romantisches Naturerlebnis. Betritt man freilich das Science Center, ist dies schnell vergessen, denn wie schon beispielsweise beim Auswandererhaus in Bremerhaven schaffen es die Architekten, mit wenigen Mitteln den Besucher in eine andere Welt zu entführen – hier in die des Waldes. An 80 Stationen gibt es vielerlei spielerisch zu entdecken, wobei besonders die großen Schaukästen und präparierte Pflanzen und Tieren mit ihrem illusionistischen Spiel beeindrucken.
Sicher ist sicher
In den oberen drei Etagen ist das Raphael Hotel Wälderhaus untergebracht. Diese Stockwerke sind, vom Tragwerk über die Böden bis zu den Wänden, vollständig in Massivholz errichtet. Möglich wurde diese Holzbauweise ebenfalls durch die neuen Eurocodes-Richtlinien, die eine Bemessung der Bauteile über den Abbrand erlauben. Dabei ist jedes Zimmer des Hotels eine in sich abgeschlossene F90-Einheit: So sind die Trennwände zwischen den Räumen zweischalig (jeweils 9 cm Fichten-Brettsperrholz mit innenliegender 8 cm Steinwolledämmung) ausgeführt. Diese Redundanz sorgt – zusammen mit einer Falzausbildung der Deckenelemente – dafür, dass die Deckenlast bei Beeinträchtigung der einen Wand noch durch die zweite Wand getragen werden kann. Öffnungen sind zudem mit Deckenbrandschotts (Bekleidung aus GFK-Platte, Ausmörtelung mit Brandschutzmörtel) bzw., im Bereich der Fassadenstürze, mit dreiseitig umlaufenden, 20 cm dicken Brandschutzlaibungen (Sandwichkonstruktion aus Lärchenholz) versehen. Im Brandfall kann so ein Übergreifen von Flammen in die Fassadenkonstruktion oder in ein anderes Geschoss verhindert werden. Außerdem soll eine hohe Zahl von Rauchmeldern und Sprinklern rasch jeden Brandherd erkennen und löschen.
Von diesem Aufwand bemerkt der Gast freilich wenig bis gar nichts. Stattdessen spürt er die Atmosphäre des Naturmaterials – man fühlt sich geborgen wie in einer großen Blockhütte. Die Zimmer besitzen eine außerordentliche Behaglichkeit: Die Wände und Decken aus den sichtbar belassenen, großformatigen Holzelementen dämpfen den Schall, sorgen für ein ausgeglichenes Klima und verströmen einen milden Duft. Auch die Außenwände bestehen innenseitig aus den massiven Brettsperrholz-Elementen, auf die eine Steinwolledämmung und die äußere Lärchenholzbekleidung folgen. Dass trotz all des Naturholzes die Räume niemals rustikal wirken, liegt an der einfachen, aber modernen und liebevollen Ausstattung. So hat jedes Zimmer seinen eigenen Namen (Wacholder, Süntelbuchen oder Kulturbirne) und besitzt entsprechend Exponate in Form von Ästen, Früchten, Fotografien und Informationstexten zur jeweiligen Baumart. Mit ein wenig Einbildung meint man sogar, dass die Zimmer unterschiedlich duften …
Fragwürdig erscheint jedoch, dass das nachhaltige und durchaus kostengünstige Lowtech-Holzhaus-Konzept des Wälderhauses um weitere aufwendige und teure Energieeinsparmaßnahmen ergänzt und damit verwässert werden musste. So wurde eine PV-Anlage auf dem Dach installiert, mit einer großen Geothermieanlage aus 94 Energiepfählen die Erdwärme angezapft und das Gebäude an das lokale Nahwärmenetz angeschlossen. Die Haustechnikanlage des Gebäudes ist entsprechend komplex und nimmt immense Flächen im EG ein. Damit der Hotelbereich Passivhausstandard erreicht, gibt es dort, neben dicken Dämmungen und Dreifachverglasungen, eine mechanische, individuell regelbare Grundlüftung mit Wärmerückgewinnung. Man wohnt nun ziemlich abgeschottet von der Umgebung – nicht unbedingt das, was man mit einem naturnahen Wohnen im Waldhaus in Verbindung bringt. Hier wäre – trotz allem IBA-Exzellenzanspruchs – weniger wohl mehr gewesen. Das ist schade, denn die Idee eines Holzhauses, das anschaulich, lehrreich und sinnlich den Wald in die Stadt bringt, ist wunderbar und wurde von den Architekten in bemerkenswerter Weise umgesetzt. •
  • Standort: Am Inselpark 19, 21109 Hamburg Bauherr: Schutzgemeinschaft Deutscher Wald e.V., Landesverband Hamburg Architekten: Andreas Heller Architects & Designers, Hamburg Tragwerksplanung: ASSMANN Beraten + Planen, Hamburg Konstruktiver Holzbau: Heinrich Haveloh, Ahaus; MetsäWood Merk, Aichbach Klimaingenieure/Haustechniker: Schlüter & Thomsen, Neumünster Brandschutz: HAHN Consult, Hamburg Landschaftsarchitekten: WES & Partner, Hamburg BGF: 5 906 m² (4 854 m² Nettogrundfläche) BRI: 22 489 m³ Primärenergiebedarf: 25 kWh/m³ (Energiebezugsvolumen, inkl. Strom) Jahreswärmebedarf inkl. Trinkwasser: 18 kWh/m3 (EBV) Baukosten: 12,3 Mio. Euro (KG 200-500) Bauzeit: Dezember 2010 bis November 2012
  • Beteiligte Firmen: Brettsperrholz-Elemente: Leno, Metsä Wood, Bremen/Aichach, www.metsawood.de Holzfensterelemente: Rekord Fenster und Türen, Dageling, www.metsawood.de Verglasung: (Hotelbereich) Holzfenster mit Klimaglas Semcoglas »Semco- Klimastar 700«, Westerstede, www.metsawood.de; (EG und 1. OG) Alu-Fenster/Wärmedunstverglasung: H. O. Schlüter, Hanerau-Hademarschen, www.metsawood.de Beschläge: (Hotelbereich) ECO Schulte, Menden, www.metsawood.de; (EG und 1. OG) FSB, Brakel, www.metsawood.de Leuchtmittel: (Ausstellungsbereich) SLV Elektronik, Übach-Palenberg, www.metsawood.de; (Foyer) Peters-Design, Rinteln, www.metsawood.de Teppichboden: HTW Design Carpet, Herford, www.metsawood.de Innenausstattung: Johannes Hecker Bau- und Möbeltischlerei, Gützkow, www.metsawood.de Sprinkler und Lüftung: YIT Germany, Berlin, www.metsawood.de Aufzugsanlagen: Vestner Aufzüge, Hamburg, http://vestner.de/ Science Center Wald/Ausstellungsbau: Naturkompositionen: Lars Mandler, Kirchheim Tischlerarbeiten: Walter Kreutzer, Schlitz Inszenierte Beleuchtung: göpotec Gesellschaft für Licht und Elektrotechnik, Hamburg Medientechnik: ASC Amptown, Hamburg Grafikproduktion- und montage: Altonaer Werbewerkstatt, Hamburg Ausstellungsinstallationen: Studio Hamburg – Media Consult International, Hamburg

Andreas Heller Architects & Designers

Zunächst Tätigkeit als Bühnenbildner und Filmarchitekt. Seit Mitte der 80er Jahre Gestaltung von Ausstellungen und Museumseinrichtungen. Seit 1989 eigenes interdisziplinäres Planungsbüro für Kultur-, Freizeit- und Bildungseinrichtungen.

Claas Gefroi
1968 in Berlin geboren. Architekturstudium an der Hochschule für bildende Künste Hamburg. Referent für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Hamburgischen Architektenkammer. Redakteur des Jahrbuchs »Architektur in Hamburg«. Freier Autor und Kritiker, Veröffentlichungen in Zeitschriften und Büchern, Ausstellungen zu Architektur, Urbanismus und Fotografie.