National September 11 Memorial & Museum in New York (USA)

Dem Unfassbaren Raum geben

Bei der Umformung des Ground Zero in eine Gedenkstätte galt es, die Gefühlslage von Überlebenden und Angehörigen ebenso zu berücksichtigen wie die Bedürfnisse unbedarfter Besucher. Dies alles in einem angstbesetzten Tiefgeschoss so zu gestalten, dass eine möglichst ungetrübte Auseinandersetzung mit den damaligen Ereignissen stattfinden kann, ist keine leichte Aufgabe. Die Architekten arbeiteten mit subtilen Kontrasten von freien und geführten Bewegungsräumen, v. a. aber mit der unaufdringlichen Inszenierung von Leere.

  • Architekten: Davis Brody Bond Architects and Planners Tragwerksplanung: WSP Cantor Seinuk
  • Kritik: Roland Pawlitschko Fotos: James Ewing
Üblicherweise werden Museen gebaut, um in ihnen Exponate unterzubringen und zu präsentieren. Dagegen befindet sich das 9/11 Memorial Museum, ähnlich wie bei der Überbauung einer archäologischen Ausgrabung, inmitten der Geschichte, die es erzählt – an einem Ort, der erst vor gut 14 Jahren nach zwei Terroranschlägen bisher ungekannten Ausmaßes begann, Geschichte zu schreiben. Dort, wo einst das World Trade Center mit den damals höchsten Gebäuden New Yorks stand, finden Besucher heute eine Gedenkstätte, die im Wesentlichen aus einer platzartigen, mit rund 400 Eichen bepflanzten Fläche besteht, in der zwei große Wasserbecken mit 9 m in die Tiefe stürzendem Wasser die Fußabdrücke der Twin Towers nachzeichnen.
Drei Jahre nach Eröffnung dieser Gedenkstätte ist seit letztem Jahr nun auch das dazugehörende Museum zugänglich. Dessen Eingang liegt im einzigen Hochbau am Ground Zero – in einem vom norwegischen Architekturbüro Snøhetta geplanten, angesichts seiner Funktion und Bedeutung zunächst merkwürdig klein erscheinenden Gebäude. Vor der uninspirierten Investorenarchitektur der unmittelbar benachbarten Bürotürme gewährt dieser Neubau dank unregelmäßiger Winkelform und schräg verlaufender Edelstahl-Fassadenpaneele eine Ahnung der unrealisiert gebliebenen Dynamik von Daniel Libeskinds Masterplan aus dem Jahr 2003. Zugleich gibt er sich dadurch aber auch deutlich als öffentliches Gebäude zu erkennen. Beim Blick durch die großflächigen Glasfassaden der Eingangshalle ist dennoch kaum auszumachen, was sich im Innern abspielt. Den einzigen Hinweis auf ein Museum, das der kaum fassbaren Geschichte dieses Orts gewidmet ist, bieten lediglich zwei erstaunlich gut erhalten gebliebene Stahlstützen, die von einem Luftraum neben der nach unten führenden Treppe bis fast unters Dach reichen.
Inszenierte Leere
Wer sich nicht bereits im Vorfeld seines Ground-Zero-Besuchs mit dem Museum befasst hat, wird von einer weitläufigen, unterirdischen Welt überrascht, die sich nach dem Passieren der Sicherheitskontrollen, der Eingangshalle und des Empfangsbereichs im 1. UG auftut. An einem Informationsschalter vorbei gelangen Besucher zu einer sanft abfallenden Rampe, die entlang einführender Exponate und Tafeln zunächst auf eine Halle von kathedralenhaften Abmessungen zuführt (»Foundation Hall«). Durch die abrupte 180°-Kehrtwende des Wegs entsteht eine Art breiter Aussichtsbalkon, von dem aus nicht nur die ehemalige, zum Hudson River orientierte Wasserschutz-Betonwand (Schlitzwand) der Twin Towers und die letzte bei den Aufräumarbeiten abtransportierte Stütze (»Last Column«) zu sehen sind. Deutlich zu erkennen ist auch die mit strukturierten Aluminiumtafeln bekleidete »Außenseite« des gleichsam durch die Decke gestanzten Wasserbeckens, das exakt dem unterirdischen Bauvolumen des nördlichen Twin Towers entspricht. Angesichts dieser Artefakte und der fast gespenstischen Leere der Halle treten persönlich und kollektiv erlebte Erinnerungen an den 11. September 2001 unwillkürlich und mit voller Wucht ins Bewusstsein, und es dürfte wohl kaum einen Besucher geben, bei dem nicht spätestens hier ein starkes Gefühl der Anteilnahme für die Opfer und des Respekts für die Leistung der Helfer aufkommt.
Dieser Punkt am Anfang des Museumsrundgangs eignet sich auf ideale Weise, um einen Augenblick innezuhalten und kurz die Ideen des für den Bau des Museums verantwortlichen New Yorker Architekturbüros Davis Brody Bond (DBB) Revue passieren zu lassen. Zunächst einmal ist angesichts der räumlichen Überschneidungen ober- und unterirdischer Bereiche unschwer zu erkennen, dass das zwischen 2008 und 2014 errichtete Museum nur in enger Zusammenarbeit mit den Planern der Wasserbecken (Michael Arad), der Gedenkstätte (Peter Walker and Partners) und des Eingangsgebäudes (Snøhetta) möglich war. Zudem zu berücksichtigen waren die Standpunkte ›
› von Historikern, städtischen und staatlichen Einrichtungen, aber auch von Anrainern und Vertretern von Überlebenden und Angehörigen der Opfer, die bei der seit 2004 durchgeführten Planung und sukzessiven Realisierung der Projekte beteiligt wurden, um sicherzustellen, dass kein Aspekt übersehen wurde.
Pathos, aber kein Sakralraum
Zu den wichtigsten Planungsvorgaben für DBB zählte die Einbindung dreier Bauteile des World Trade Centers: die Schlitzwand und die Stahl-Fundamente der Twin Towers sowie die sogenannte Treppe der Überlebenden (»Survivors‘ Stair«), die vielen hundert Menschen die Flucht ins Freie ermöglichte. Hinzu kam die räumliche Begrenzung durch unterirdische Gleisanlagen und die neue Subway-Haltestelle östlich der Gedenkstätte. Innerhalb dieser Rahmenbedingungen definierten die Architekten zuerst die Umrisse des Museums und schließlich die Räume im Innern, wie z. B. die Foundation Hall, die nicht zuletzt aufgrund ihrer Höhe und der in poliertem Beton ausgeführten Wand- und Bodenflächen unwillkürlich an einen Sakralraum erinnert. Trotz der Funktion des 9/11 Memorial Museum als Gedenkort für 2983 Tote und trotz der Tatsache, dass sich unter dem südlichen Wasserbecken ein den Angehörigen vorbehaltenes Mausoleum mit den sterblichen Überresten zahlloser Opfer befindet – die Größe des Raums und sein unbestreitbarer Pathos, der die Menschen ganz von selbst leise sprechen lässt, hat weniger mit religiöser Verklärung zu tun als mit der Idee, hier die gewaltigen Abmessungen des World Trade Centers spürbar zu machen.
Mit dem Bild jener Rampe vor Augen, auf der während der mehrjährigen Aufräumarbeiten die Trümmer nach oben geschafft wurden, entwarfen die Architekten eine mit geringem Gefälle nach unten führende Promenade Architecturale in die Tiefe des Museums und der Zeitgeschichte. Dieser Weg soll es den Besuchern leicht machen, sich den präsentierten Inhalten mit eigenem Tempo und auf individuelle Art und Weise anzunähern. Der bereits erwähnte Aussichtsbalkon gibt ihnen dabei die Möglichkeit, die Gedanken zu sammeln und sich einen Überblick über den Museumsbereich am ehemaligen Nordturm zu verschaffen. Von hier aus geht es weiter die Rampe hinunter, zuerst zu einem zweiten Balkon, von dem aus nun die »Memorial Hall«, die Stahl-Fundamente des Südturms und das »Äußere« des südlichen Wasserbeckens zu sehen sind, bis der Weg schließlich an einer Treppe mündet, die parallel zur dort platzierten »Treppe der Überlebenden« bis zur Bodenplatte der Twin Towers in 20 m Tiefe hinabführt.
Gedenk- und Ausstellungsbereiche
Während in den beiden Hallen lediglich vereinzelt Exponate zu sehen sind (z. B. ein aus dem Schutt geborgenes Feuerwehrauto oder ein Glas-Fassadenelement aus dem 82. Stockwerk, das den Einsturz unbeschädigt überstanden hat), liegen die Bereiche der historischen und der Gedenkausstellung in vergleichsweise niedrig und intim wirkenden Räumen unter den beiden ›
› Wasserbecken. Im kleineren südlichen Teil befindet sich neben einem Kinosaal und Schulungsräumen insbesondere ein den Opfern gewidmeter Gedenkraum, der Porträts und Filmbeiträge über jeden einzelnen bei den Terroranschlägen vom 11. September 2001 sowie beim Sprengstoffanschlag auf das World Trade Center vom 26. Februar 1993 getöteten Menschen zeigt. Der wesentlich größere Ausstellungsbereich unter dem nördlichen Wasserbecken dokumentiert die Ereignisse vor, während und nach dem 11. September – in einer kleinteiligen Schau über einen sonnigen Septembertag, der in Tod, Zerstörung und einer veränderten weltpolitischen Lage endete. Hier sind u. a. Mailboxnachrichten von über den Einschlagstellen der beiden Flugzeuge eingeschlossenen Büromitarbeitern zu hören und Filmaufnahmen von in den Tod springenden Menschen zu sehen.
Wer nach bedrückenden Erlebnissen wie diesen zum Ausgangspunkt des Rundgangs gelangen möchte, dem stehen zwei eingehauste Rolltreppen zur Verfügung, auf denen man ein wenig zur Ruhe kommen und die Gedanken sammeln kann – bevor sie einen wieder in den Trubel von Empfangsbereich und Erdoberfläche entlassen. Gleichsam aus der Asche der Ereignisse im Tageslicht angekommen, dürften viele Besucher die Welt zwar mit anderen Augen sehen, aber nicht entmutigt sein. Das 9/11 Memorial Museum bietet im Wortsinn genügend Raum, um eindrücklich, aber nicht erdrückend zu sein – nicht zuletzt, weil sich die wenigen, perfekt verarbeiteten Materialien nicht in den Vordergrund spielen, sondern in erster Linie die Aufgabe erfüllen, die Leere im Raum begreifbar zu machen. Hinzu kommt die Tatsache, dass bei einem Blick rund um das Eingangsgebäude klar wird: Ground Zero ist keineswegs nur pathetischer Gedenkort, sondern auch Keimzelle des Neubeginns, und als solche Symbol dafür, dass sich weder Städte noch gesellschaftliche Werte durch Terroranschläge auslöschen lassen. •
  • Standort: 180 Greenwich St., USA-10007 New York Bauherr: National September 11 Memorial & Museum at the World Trade Center, New York; Eigentümer: Port Authority of New York and New Jersey Architekten: Davis Brody Bond Architects and Planners, New York Kernteam: Steven M. Davis, Carl F. Krebs, Mark Wagner Tragwerksplanung: WSP Cantor Seinuk, New York Tragwerksplanung Schlitzwand: Guy Nordenson and Associates, New York; Simpson Gumpertz & Heger, New York TGA: Jaros Baum & Bolles, New York Lichtdesign: Fisher Marantz Stone, New York Akustik und Vibrationen: Cerami & Associates, New York Gebäudehülle und Abdichtung: Wiss Janey Elstner, Associates, New York Sicherheitsplanung: ARUP Explosionsschutz: Weidlinger Associates Consulting Engineers, New York Architekten Eingangsgebäude: Snøhetta, Oslo Architekten Gedenkstätte/Plaza: Handel Architects; New York Wasserbecken und Freiraumgestaltung: PWP Landscape Architecture (Michael Arad, Peter Walker), Berkeley/New York BGF: Gesamtprojekt: 72 000 m², Gedenkstätte: 32 000 m², Museum 24 900 m² (davon öffentlich zugänglich 10 220 m²); Kühlaggregat: 15 140 m² Kapazität: 2 500 Besucher Baukosten: ca. 628 Mio. Euro (Gedenkstätte+Museum+Kühlaggregat) Bauzeit: Januar 2008 bis Mai 2014
  • Beteiligte Firmen: Generalübernehmer+Bauleitung: Bovis Lend Lease, New York Anstriche: Sherwin Williams, Cleveland, www.sherwin-williams.com Laminat: Wilsonart, Temple, www.wilsonart.com Trockenbau: USG, www.usg.com Bewegliche Trennwände: Modern Fold, Greenfield, www.modernfold.com Akustikdecke: Pyrok, Mamaroneck, www.acoustement.com Beleuchtung: ETC Architectural, Middleton, www.etcconnect.com; LSI Industries, Cincinnati, www.lsi-industries.com; Elliptipar, West Haven, www.thelightingquotient.com Glasboden: Jockimo, Aliso Viejo, www.artworkinglass.com Leitsystem: Design Communications, www.designcommunicationsltd.com Sanitäreinrichtung: Neo-Metro, Los Angeles, www.neo-metro.com; Kohler, Kohler, www.corporate.kohler.com
1 Eingangsgebäude oberirdisch 2 Foyer mit Empfang 3 Rampe mit einführender Ausstellung 4 Nordbecken 5 Südbecken 6 »Foundation Hall« 7 Nordturm u. a. mit historischer Ausstellung 8 »Memorial Hall« 9 Südturm u. a. mit gedenkender Ausstellung 10 Path Station, U-Bahn

New York (USA) (S. 52)
Davis Brody Bond Architects and Planners
Steven M. Davis
Architekturstudium am Bennington College und der University of Pennsylvania, Master of Architecture. Seit über 20 Jahren bei Davis Brody Bond, als Partner verantwortlich für die internationale Expansion des Büros. 2000 Verleihung des Presidential Award for Design Excellence durch Bill Clinton.
Carl F. Krebs
Architekturstudium an der Harvard und der Columbia University, Master of Architecture. Seit über 20 Jahren Mitarbeit bei Davis Brody Bond, heute als Partner. Seit 2004 Bearbeitung des National September 11 Memorial & Museum in New York.
Mark R. Wagner
Architekturstudium am New York Institute of Technology, Bachelor of Architecture. Mitarbeit im Archiv für das World Trade Center bei der Port Authority of New York and New Jersey, dann bei Davis Brody Bond.
Roland Pawlitschko
s. Margreid (I)